Haaretz am 8. September 2026

Die Zeitung «Haaretz» am 8. September 2026 © Haaretz

«Haaretz»: «VAE hatten Netanyahu vor Hamas-Überfall gewarnt»

Urs P. Gasche /  Ein weiteres Indiz, dass Israels Regierung den grausamen Terrorakt zuliess, um dem Ziel eines Grossisraels näher zu kommen.

Die israelische Zeitung «Haaretz» stützt sich auf ein bevorstehendes Buch der Journalisten Shlomi Eldar und Ruth Yuval: Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan, habe Ministerpräsident Benjamin Netanyahu rund zehn Tage vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 persönlich telefonisch davor gewarnt.

Laut «Haaretz» rief bin Zayed vom Präsidentenpalast in Abu Dhabi aus an. Das Gespräch habe 45 Minuten gedauert. Bin Zayed soll Netanyahu darüber informiert haben, dass der damalige Hamas-Chef in Gaza, Yahya Sinwar, eine grosse militärische Operation gegen Israel plane, die zu Blutvergiessen führen und die gesamte Region destabilisieren könnte. 

Netanyahu soll darauf «relativ gelassen» reagiert und gesagt haben, Israel sei auf jedes Szenario vorbereitet. Eine Bedrohung vermute er eher vom Westjordanland als von Gaza aus. Laut «Haaretz» hat Netanyahu weder das Sicherheitskabinett einberufen noch das Militär alarmiert.

Dementi aus Jerusalem, keines von den VAE

Netanyahus Büro nannte den Bericht ein «Lüge» und eine «böswillige Verleumdung». Zwischen Anfang September und dem 7. Oktober 2023 habe es kein Gespräch mit dem VAE-Präsidenten gegeben. Netanyahu selbst kündigte an, «Haaretz» und die Autoren zu verklagen. 

Buchautor Shlomi Eldar widersprach Netanyahus Darstellung: Er verfüge über Dokumente und Belege für den Anruf.

Das Aussenministerium der Emirate äusserte sich ausweichend: Man kommentiere keine «Medienberichte oder Spekulationen über Gespräche zwischen Regierungschefs». Es ergänzte, beide Länder unterhielten «offene und direkte Kommunikationskanäle» und würden «alle relevanten Erkenntnisse» teilen.

Ein Dementi des Anrufs selbst blieb aus.

Von Haaretz angegebene Quellen

«Drei hochrangige ausländische Quellen sind mit dem Inhalt des Gesprächs vertraut. Die Veröffentlichung ist das Ergebnis umfangreicher Recherchen, die auf Dutzenden von Quellen in Israel und weltweit basieren, darunter sehr hochrangige Amtsträger sowie Aufzeichnungen, interne Dokumente und Korrespondenz. Die Recherchen wurden für das neue Buch «Hostages: 843 Days of Abandonment» von den Autoren dieses Artikels durchgeführt.»
Das Buch wird beim israelischen Verlag Kinneret Zmora Publishing auf Hebräisch erscheinen.


Frühere Berichte über Vorwarnungen

Drei Tage vor dem schrecklichen Überfall der autoritär-fundamentalistischen Hamas vom 7. Oktober 2023 soll der ägyptische Geheimdienst (General Intelligence Service) Israel eine dringende Warnung übermittelt haben, dass aus dem Gazastreifen grosse Gefahr drohe. Jedenfalls erklärte Michael McCaul, Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten im US-Repräsentantenhaus, gegenüber der Agentur «AFP»: «Wir wissen, dass Ägypten die Israelis drei Tage zuvor vor einem solchen Ereignis gewarnt hat.»

Die Aussage McCauls stimmte mit Äusserungen aus Ägypten selbst überein. Die Agentur «AP» berichtete unter Berufung auf eine ägyptische Geheimdienstquelle, Israel sei tatsächlich gewarnt worden. Man habe die Israelis darauf aufmerksam gemacht, dass «etwas Grosses» vom Gazastreifen aus geplant sei.

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu dementierte, von dieser Warnung etwas gewusst zu haben.


Recherche der «BBC»

Um die Ereignisse zu rekonstruieren, sprach der britische Sender «BBC» mit Überlebenden, sichtete Nachrichten von Verstorbenen und hörte Sprachaufzeichnungen vom 7. Oktober ab.

Der britische Sender beschrieb im Oktober 2024 etliche Alarmzeichen:

  • Vor dem 7. Oktober beobachteten viele Soldatinnen und Soldaten an der Basis verdächtige Aktivitäten, darunter die jungen Frauen, deren Aufgabe es war, die Grenzkameras zu überwachen.
  • Soldaten bemerkten in den Tagen vor dem Angriff, dass die Hamas ihre Aktivitäten auf der anderen Seite der Grenze plötzlich einstellte.
  • Viele israelische Soldaten an der Grenze blieben unbewaffnet. Die offiziellen Protokolle sahen vor, dass Soldaten sich bei einem Angriff zurückziehen sollten, anstatt vorzurücken.
  • Einige Überwachungsgeräte waren entweder ausser Betrieb oder konnten von der Hamas leicht zerstört werden.

Kommentar der «BBC»: «Die von uns ermittelten Details werfen Fragen auf – darunter, warum so wenige Soldaten in einem Stützpunkt so nahe der Grenze bewaffnet waren, warum nicht mehr unternommen wurde, um auf die erhaltenen Informationen und Warnungen zu reagieren, und warum es so lange dauerte, bis Verstärkung eintraf.»


Aussagen eines Zeugen

IDF-Soldat Shalom Sheetrit war am 7. Oktober 2023 knappe 200 Meter vom Grenzzaun zum Gazastreifen entfernt im Einsatz. Er habe lange Angst davor gehabt, über das Erlebte zu reden. Doch am 17. Juli 2025 sagte er vor einem Parlamentarierausschuss aus:

  • Um 5.20 Uhr des 7. Oktobers hätten er und seine Kameraden am Aussenposten des Kibbuz Be’eri ohne eine Begründung den unerwarteten Befehl erhalten, bis um 9.00 Uhr keine Grenzpatrouillen an die Grenze zu schicken. Als Zeugen nannte Sheetrit seine Kameraden Yotam Sror und Itamar Ben Yehuda. Der Angriff der Hamas begann etwa eine Stunde später. [Red. Der Befehl wurde nachträglich damit begründet, dass ein Scharfschütze die Soldaten bedroht habe.]
  • Weder vor noch nach dem 7. Oktober hätten sich die israelischen Soldaten von der Grenze je zurückgezogen. Die Patrouillen abzusagen, besonders während eines Feiertags, an dem die Streitkräfte ohnehin schon unterbesetzt waren, habe jeder Logik und jedem Protokoll widersprochen.

Im Kibbuz Be’eri wurden an diesem Morgen über hundert Israelis in einem der blutigsten Gefechte des Tages getötet.


Weitere ignorierte Warnzeichen

Unter der Überschrift «Der israelische Geheimdienst ‹ignorierte› detaillierte Warnung vor einem Angriff der Hamas» berichtete die «Financial Times» am 23. November 2023:

«Wachen an der Grenze Israels zu Gaza, darunter viele Soldatinnen, überwachen und analysieren ständig Video- und andere Daten, die in der Nähe des elektronischen Zauns um die Enklave gesammelt werden. Schon Wochen vor dem Angriff übermittelten sie einen detaillierten Bericht an den ranghöchsten Geheimdienstoffizier im Südkommando. Das sagten beide Informanten.

Der Bericht wurde über ein sicheres Kommunikationssystem verschickt und enthielt konkrete Warnungen. Vor allem, dass die Hamas daran arbeite, Grenzposten an mehreren Stellen zu sprengen, in israelisches Gebiet einzudringen und Kibbuze anzugreifen. Das sagte der Informant, der direkte Kenntnis vom Inhalt der Warnung hatte.

Die Soldatinnen warnten ausserdem, dass ihre Analyse mehrerer Videos gezeigt habe, in denen die Hamas eine Geiselnahme proben würde. Sie hielten einen Angriff für unmittelbar bevorstehend. Die Soldatinnen entschieden sich, den ranghöchsten Geheimdienstoffizier zu informieren, nachdem sie auf den Videos einen hochrangigen Militärkommandanten der Hamas identifiziert hatten. Wachposten konnten ihn anhand einer Datenbank mit Gesichtern und Identitätsvergleichen identifizieren.»


Offizielle Version: «Alles Fahrlässigkeiten»

Israel stuft die Hamas als Terroristen ein und betrachtet sie als Erzfeinde. Trotzdem seien alle diese Ungereimtheiten auf ein fahrlässiges Verhalten des israelischen Geheimdienstes, der israelischen Armee oder der politischen Führung zurückzuführen. Das ist die offizielle Version.

Dagegen spricht, dass der israelische Geheimdienst als einer der besten der Welt gilt. Er hat im Gazastreifen, im Westjordanland, im Iran und im Libanon unzählige Agenten platziert. Deren Informationen ermöglichen der israelischen Armee, Anschlägen zuvorzukommen und viele spektakuläre Angriffe zu führen.


Netanyahu wollte eine Zweistaatenlösung endgültig verhindern

Fest steht, dass die Regierung von Benjamin Netanyahu seit vielen Jahren alles tat, um eine Zweistaatenlösung zu verhindern. 

Im Westjordanland förderte Netanyahu – ohne Sanktionen der USA – die illegalen Besiedlungen. 

Im Gazastreifen unterstützte der Ölstaat Katar die Hamas im Laufe der Jahre mit einer Milliarde Dollar. Netanyahu hat diese Zahlungen nicht nur toleriert, sondern sie logistisch auch unterstützt. Laut «New York Times» dienten diese Geldtransfers dazu, die Kontrolle der Hamas über den Gazastreifen zu stabilisieren und die gemässigte Fatah zu schwächen. Das erlaubte es Netanyahu, Verhandlungen über eine Zweistaatenlösung abzulehnen. Denn mit den «Terroristen» der Hamas kämen Verhandlungen nicht in Frage. (siehe «Netanyahu missbrauchte die Hamas für seine Strategie», Infosperber vom 6. März 2024, und  «Netanyahu liess die Hamas-Terroristen absichtlich gewähren», Infosperber vom 20. Dezember 2023).

Auf jeden Fall haben Netanyahu und seine rechtsextremen Minister den Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 dazu benutzt, um eine Zweistaatenlösung in Gaza aus der Landkarte zu bombardieren und sie im Westjordanland mit weiteren Siedlungen endgültig zu torpedieren.

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Über die hier zusammengefassten früheren Ungereimtheiten hatte Infosperber berichtet.

Weiterführende Informationen


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