Freie Fahrt für reiche Bürger
«Freie Fahrt für freie Bürger!» So lautete die Forderung der 1985 gegründeten Autopartei. Erfolg hatte sie damit nur während weniger Jahre. Jetzt, gut 40 Jahre später, gilt allerdings ein ähnliches Motto – zumindest im Kanton Uri: «Freie Fahrt für reiche Bürger».
Die Umweltorganisation Pro Alps, wie der einstige Verein Alpen-Initiative seit zwei Jahren heisst, verleiht dem Kanton Uri dafür den «Teufelsstein». In einer Medienmitteilung schreibt Pro Alps erbost: «Der Kanton Uri gibt Furka und Oberalp frei – für einen motorisierten Luxusanlass. Er fördert damit ein elitäres Freizeitvergnügen und macht aus Alpenpässen eine Bühne für PS-Tourismus.»
Worum geht es? Am letzten Juni-Wochenende fand in Andermatt UR der Anlass «SOC x Classic Driver» statt – organisiert vom Supercar-Owners-Club (SOC) und von der Zeitschrift «Classic Driver». Die Teilnahmegebühr betrug 10’000 Franken. Die Höhepunkte: Am Freitag wurde der Oberalp für die reichen Sportwagen-Fahrer gesperrt, am Samstag die Furka.
«Keine Rentner und niederländischen Wohnmobile»
«Wir sperren für Sie die schönsten Alpenpässe der Schweiz!»: So kündigte «Classic Driver» den Anlass an. Es werde keine «Motorradfahrer, Rentner und niederländischen Wohnmobile» auf der Strasse haben. «Dank exklusivem Privatzugang zum Oberalp- und zum Furkapass – reserviert ausschliesslich für die Veranstaltung – verläuft die Fahrt ungestört vom Alltagsverkehr.» Sicherlich würden «die Teilnehmer ihre Fahrzeuge auf einer eindrucksvollen Tour voll auskosten können».
Und so war es denn auch, wie «Classic Driver» begeistert berichtet: «Es war faszinierend zu beobachten, wie die Autos von der Startlinie schossen oder mit unvergleichlicher Geschwindigkeit auf den engen Geraden in Richtung Gotthard-Massiv vorbeiflogen, und die verschiedenen Motorensounds zu vergleichen.»
Den Flugplatz in Ambrì TI hatten die Veranstalter «für einige Hochgeschwindigkeits-Sprints reserviert». Da weder der Oberalp noch die Furka nach Ambrì führt, befuhren die Teilnehmer mit ihren Boliden natürlich auch Strassen, auf denen andere Verkehrsteilnehmer unterwegs waren.
«Attacke auf Andermatt»
Schon mehrmals war der Supercar-Owners-Club in Andermatt zu Gast. 2018 etwa schwärmte die Zeitschrift «Classic Driver» vom «exklusiven Club für Top-Sammler klassischer wie moderner Supersportwagen, die sich in ganz Europa zu intimen Ausfahrten zusammenfinden». Der Supercar-Owners-Club, hiess es damals, habe «zur Attacke auf Andermatt geblasen». Wahrscheinlich mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit …
Doch Pro Alps kritisiert nicht einmal die Organisatoren. Die Kritik gilt dem Kanton, der einen solchen Anlass bewilligt. «Damit fördert der Kanton ein elitäres Freizeitvergnügen und macht aus Alpenpässen eine Bühne für PS-Tourismus», schreibt Pro Alps. Die Umweltorganisation erinnert daran, dass der Kanton versprochen habe, «die touristisch bedingte Mobilität bis 2030 zu dekarbonisieren». Das Versprechen und der Anlass passen für Pro Alps nicht zusammen. Schliesslich fordert die Umweltorganisation, dass der Kanton «öffentliche Infrastruktur nicht für private Motorenspektakel» hergebe.
«Wie ein Alpaufzug»
Die Bewilligung hat die Kantonspolizei erteilt. Auf Anfrage von Infosperber teilt sie mit: Es sei nicht «um eine willkürliche Privilegierung einzelner Personen oder Gruppen» gegangen. «Im Zentrum steht vielmehr die Abwägung und Gewichtung der öffentlichen und privaten Interessen.» Und diese Abwägung fiel offenbar zugunsten der «privaten Interessen» aus beziehungsweise zugunsten der reichen Sportwagen-Fahrer.
Und dann zieht die Kantonspolizei in ihrer Antwort an Infosperber auch noch einen eigenwilligen Vergleich heran: «Vergleichbare Verkehrsbehinderungen oder Sperrungen ergeben sich zudem regelmässig bei Alpauf- und Alpabzügen.» Als ob sich eine Verkehrsbehinderung wegen eines Alpaufzugs mit einer Sperrung für die freie Fahrt von Sportwagen vergleichen liesse.
«Keine Verfehlungen»
Die damalige grüne Kantonsparlamentarierin Eveline Lüönd gelangte im Sommer mit mehreren Fragen an die Kantonsregierung. Deren Antwort liest sich wie ein schlechter Witz. So schreibt die Regierung: «Weder hochdrehende Motoren noch überhöhte Geschwindigkeiten waren erlaubt. Vor Ort präsente Polizeiangehörige» hätten «die Einhaltung dieser Auflage kontrolliert». Gleichzeitig räumt die Regierung ein: «Eigentliche Lärmkontrollen fanden nicht statt.»
Weil die Strasse gesperrt war, galt das Strassenverkehrsgesetz nicht. Aber die Kantonspolizei machte Auflagen. So galt laut Regierung «die Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h». Und weiter: «Die Kantonspolizei Uri war vor Ort und prüfte, ob die Auflagen und Bedingungen der Bewilligung eingehalten wurden. Es konnten keine Verfehlungen festgestellt werden.»
Wer dieses Video schaut und der Urner Regierung trotzdem glaubt, ist selber schuld.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







Nun ja. Die Welt ist ein Selbstbedieungsladen geworden und wir lassen es zu.
Zum Artikel:
Ich finde die Einleitung etwas unglücklich formuliert und musste sie etwa dreimal lesen:
«Ende Juni sperrte der Kanton Uri den Furka- und den Oberalppass für reiche Sportwagen-Fahrer. Pro Alps protestiert.»
Ich konnte zuerst nicht nachvollziehen wies die Sperrung der Pässe für reiche Fahrer durch die Urner Regierung von Pro Alps nicht begrüsst wurde. Ist doch gut, wenn die reichen Sportwagenfahrer mal nicht mehr da durchfahren dürfen 😉
@Marc Mingard – Hahaha, klar hätte man statt «für» besser «zugunsten» schreiben können. Aber sind wir (noch) Lesegewandten nicht gewohnt, Doppeldeutbares via Kontext/Logik klarzustellen?
Ich frage vielmehr, warum in der heutigen Zeit des Wissens um Toxizität von Motoren-Abgaschemie und Reifenabrieb – beides landet in Umwelt und letztlich in uns, ebenso wie der Schadstoff Lärm – und über 6.5 Millionen immatrikulierten Motorfahrzeugen in der Schweiz (wohl dichtestes Strassennetz Europas und trotzdem ambitiöse Strassenbaupläne – während Bauern bei der Biodiversitätsinitiative klagten, sie hätten für die Artenvielfalt «keinen Quadratmeter Boden übrig», der Platz sei zu knapp, und das Volk trotzdem Nein zur Nachhaltigkeitsinitiative sagte), Uri das zusätzlich luxus-promotet. Sollte Uri (ganze Schweiz) nicht vielmehr Paradiesnatur, Gesundheitstourismus hypen (Lebensqualität, Krankenwesen)? Oder findet Uri defätistisch, wegen A2 & Co. sei bei Ihnen eh nichts mehr kaputtzumachen?
Ja Herr Reuss viele können das noch. Allerdings ist „Kontext“ dann schnell auch Spielball der Interpretation um nur das verstehen zu müssen was jemand will. Aber das ist ein anderes Thema.
Zu Uri: Da wird dann doch lieber über einen fast 2 Mio teuren Holzstier diskutiert. Solange der Grossinvestor aus Ägypten den Kanton nach seinem Gusto umzubauen versucht wird der Ausverkauf (notabene an Reiche Ausländer) weitergehen. Ich habe nichts gegen eine Sperrung von Pässen, war als Kind regelmässig Zuschauer am Gurnigelrennen, was im Grunde vergleichbar ist. Mühe habe ich damit, dass viele Reiche denken, sie könnten tun und lassen was sie wollen, und das ohne Konsequenzen. In Qatar war bei meinen Geschäftsreisen die Hauptstrasse ab Mitternacht auch regelmässig gesperrt, damit der Prinz seinen Ferrari ausfahren konnte. Wie die Welt aussieht wenn die Vermögenskonzentration in dem Masse und Geschwindigkeit fortgeführt wird, mag ich mir aber lieber nicht!
Ein armseliger Text, der tropft vor blankem Neid.
Ich bin total für Reichensteuern, für Maximaleinkommen, und Massnahmen gegen globale, finanzielle Ungleichheit. Aber solche Attacken gegen Reiche im eigenen Gärtchen kann ich nicht nachvollziehen.
Tour de Suisse sperrt ja auch Strassen und Pässe, für ein paar gedopte Radler. Alpaufzüge passen auch, obwohl sie weniger Werbeeinnahmen generieren als die Tour de Suisse. Monaco sperrt die ganze Innenstadt für Autorennen einmal pro Jahr.
Ich hoffe, ein Kanton verlangt hohe Gebühren und entlastet mit dem Anlass die Steuerzahler, aber wenn das Thema CO2 ist, dann müsste man diese Autos verbieten, nicht ihre Nutzung an genau einem Ort.
Klingt für mich eher nach Rage-Bait gegen diese «bösen Reichen». Solange man diese Lebensform erlaubt, muss man sich nicht aufregen, wenn sie gelebt wird. Melken soll man sie, die Reichen, nicht vergraulen.
@Buchmann, sehe das gleich, wieso nicht mal einen Pass sperren? Solange auch andere Veranstaltungen so bewilligt werden ist das i.O, eine Absage wegen «du bist reich» – reicht nicht. Und falls es Pro Alps um das böse CO2 geht, wäre der Hebel hier anzusetzen auch nur Stimmungsmache. Die bösen Reichen fahren dann einfach Elektroboliden. Ein etwas entspannterer, sachlicher Ansatz würde auch Pro Alps helfen.
Carrera-Bahn Immissionen? Bergbauer Wilhelm Tell (wohnhaft in Bürglen UR, dessen Gemeindegebiet auch einen Teil der Reuss umfasst) ist frustriert. Uri (alleinregiert von CVP) scheint besessen, sich zu prost . . . verkaufen. Nicht nur für Sawiris‘ Andermatt und Isleten. Leserspalten vor Volksabstimmung offenbarten aber auch Abgründe im Volk.
SRF 22.11.2024 – Stimmvolk (alle 19 Gemeinden von Uri gegen Initiative «Isleten für alle») stellt sich hinter Sawiris-Pläne
SRF 12.2.2026 – Sawiris‘ Projekt in Uri – Bund sieht Marina-Projekt in aktueller Form «als nicht machbar» Der ägyptische Investor Sawiris, der schon Andermatt umgekrempelt hatte, will auf dem Areal Hotelanlage inklusive Hafen bauen.
Was wurde aus der Schweiz? Ist das glaubwürdig? Die geplante «neue Lex Koller» bezeichnet die vom Schweizer Bundesrat im April 2026 eröffnete und im Juli 2026 abgeschlossene Vernehmlassung zur Verschärfung des Bundesgesetzes über den Erwerb von Grundstücken durch Personen im Ausland (BewG).
cool. Die Allgemeinheit bezahlt die Nationalstrassen, die dann für Vermögende exklusiv zur verfügung gestellt wird. Stell dir vor das macht Schule und es werden überall mal wieder Nationalstrassen für exklusive Gruppen reserviert.
Bei Furka und Oberalp handelt es sich um Kantonsstrassen und nicht um Nationalstrassen. Aber das ändert nichts am Problem, das Sie beschreiben.