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Polizeikontrolle: Für Pro Velo «kein Mehrwert». © SRF

Velofahrer können auch anders

Marco Diener /  Das Image der Velofahrer ist am Boden. Der Verein Velo-Etikette will das ändern. Mit Velofahrern, die sich an Regeln halten.

«In den letzten Tagen führten wir in der Stadt Luzern verschiedene Zweiradkontrollen durch», teilte die Luzerner Polizei letzten Herbst mit. «Die häufigsten Vergehen betrafen das Benützen des Mobiltelefons während der Fahrt, das unerlaubte Befahren des Trottoirs, die Missachtung des Rotlichts sowie das Fahren durch Einbahnstrassen.»

83 Prozent Selbstunfälle

Das Verhalten vieler Velofahrer und Velofahrerinnen ist nicht nur ärgerlich, sondern gefährlich. Das zeigen die Zahlen der Suva. Die Unfälle mit Velos haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Mittlerweile gibt es laut Suva mehr Unfälle mit Velos als mit Autos. Und die Unfallversicherung schreibt: «83 Prozent der Velounfälle sind Selbstunfälle.» Die Zahlen der Suva unterscheiden sich stark von denjenigen des Bundesamts für Statistik (BfS). Das BfS erhebt die Zahlen der Unfälle, die der Polizei gemeldet werden. Die Suva diejenigen, die einer Unfallversicherung gemeldet werden.

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Seit 2018 gibt es mehr Strassenverkehrsunfälle mit Velos als mit Autos. Neuere Zahlen der Suva liegen noch nicht vor.

Unsichere Datenlage bei E-Bikes

Laut der Suva ist die Datenlage bezüglich der E-Bike-Unfälle unsicher: Die Unfallzahlen von E-Bike-Fahrern scheinen jedoch den Verkaufszahlen entsprechend zugenommen zu haben. Ob das Unfallrisiko mit E-Bikes höher ist als mit Velos, kann die Suva noch nicht sagen: «Es fehlen angemessene Daten zur Exposition (Fahrleistung, Dauer, Anzahl der Fahrten).»

Die Unfalldaten der Polizei deuten aber laut Suva «auf schwerere Unfallfolgen für E-Bike-Fahrer» im Vergleich zu Velofahrern hin. «Auch eine Pilotstudie mit Unfalldaten der Suva zeigte schwerere Verletzungen bei E-Bike-Fahrern als bei Fahrradfahrern. Es bedarf jedoch wissenschaftlicher Daten von grösseren Studienpopulationen aus der Schweiz, um die Sicherheit von Elektrofahrrädern einzuschätzen.»

Die Missachtung der Regeln, wie sie die Luzerner Polizei beschreibt, führt nicht nur zu Unfällen, sondern trägt auch zur schlechten Stimmung auf den Schweizer Strassen bei.

«Die Velöler sind total egoistisch»

Wie schlecht die Stimmung ist, zeigt beispielhaft ein Kommentar zur Meldung der Luzerner Polizei: «Bitte Kontrollen in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten weiterführen. Kenne viele neuralgische Stellen in der Stadt, wo ihr verdienen könnt. Zum Beispiel Pfistergasse: E-Biker teilweise mit 40 km/h statt 20 km/h und normale Zweirädler mit Kopfhörer, freihändig, am Handy, Strassenmitte. Habe auch schon beobachtet, wie es fast zwischen 2-Rad-Trotteln gekracht hat. Weiter sind die Velöler auch total egoistisch, wenn dort Lastwagen anliefern und rangieren müssen. Oder gegenüber den Fussgängern.»

Und es sind nicht nur Velohasser, die sich negativ äussern: «Ich bin selber Velofahrerin und ärgere mich schon über die meisten Velofahrer, die sich nicht korrekt verhalten auf der Strasse.»

Ein Kleber fürs Velo – oder fürs Auto

Hier will der eben gegründete Verein Velo-Etikette einhaken. Der Vereinsname ist doppeldeutig. Er spielt sowohl auf das französische Wort für Benimmregeln («étiquette») als auch auf die Bezeichnung für einen Klebzettel an. Einen Kleber erhalten Mitglieder – egal ob Velo- oder Autofahrer – jährlich. Wer ihn auf sein Fahrzeug klebt, demonstriert, dass er sich für ein einvernehmliches Miteinander auf unseren Strassen einsetzt.

Der Verein Velo-Etikette, dessen erste Präsidentin die Berner Mitte-Stadträtin und -Grossrätin Sibyl Eigenmann ist, schreibt: Ziel sei es, «die Velokultur in Schweizer Städten nachhaltig zu verbessern und ein respektvolles Miteinander zwischen Velofahrenden und anderen Verkehrsteilnehmenden zu fördern». Letztlich gehe es auch darum «das Image des Velofahrens langfristig zu verbessern und alle Generationen für diese umweltfreundliche Fortbewegungsart zu begeistern».

Der Verein könnte tatsächlich ein Vakuum füllen. Zwar gibt es schon seit Jahrzehnten den Verband Pro Velo, dem über 40’000 Mitglieder angehören. Doch Pro Velo hat die Tendenz, das Fehlverhalten von Velofahrern zu entschuldigen oder mit den schwierigen Bedingungen auf unseren Strassen zu rechtfertigen.

Polizei-Kontrollen: «Kein Mehrwert»

Nach den Kontrollen der Luzerner Polizei sagte Korintha Bärtsch, Ko-Präsidentin von Pro Velo Luzern, der Luzerner Zeitung, sie sehe in Polizeikontrollen «keinen Mehrwert». Und zu den Rotlicht-Sündern auf zwei Rädern: «Beim Überfahren von Rotlichtern muss man sich auch fragen, warum dies geschieht. Beispielsweise zeigte sich, dass das Rechtsabbiegen oft gefahrlos möglich ist.» Oder anders gesagt: Velofahrer sollen sich bloss an Verkehrsregeln halten, die sie als sinnvoll betrachten.

Vor sechs Jahren reichte der Zürcher FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann einen Vorstoss ein, in dem er verlangte, die Bussen für Velofahrer seien denjenigen für Autofahrer anzugleichen. Heute zahlen Autofahrer für das «Nichtbeachten eines Lichtsignals» 250 Franken, Velofahrer bloss 60 Franken. Dafür gibt es gute Gründe. Zum Beispiel, dass das Gefährdungspotential eines Autos ungleich grösser ist. Doch Pro-Velo-Präsident und SP-Nationalrat Matthias Aebischer tat Portmanns Vorstoss im Tages-Anzeiger als «Autolobbyvorstoss» ab. Rowdys gebe es bei allen Gattungen von Verkehrsteilnehmern. Oder anders gesagt: Wir nicht. Aber die anderen auch.

Und die Fussgänger?

Zu einer Kampagne von Suva und Polizei liess Pro Velo verlauten: «Schlecht geführte Velowege, Radstreifen, die vor Hindernissen aufhören oder nicht vorhanden sind, verleiten Velofahrende dazu sich sichere Wege zu suchen, indem sie beispielsweise auf das Trottoir ausweichen.» Wie Fussgänger wohl darüber denken? Kein Thema.

In einem Argumentationspapier hatte Pro Velo Bern schon davor geschrieben: «Die Glaubwürdigkeit der Regeln steigt, wenn die Regeln für das Funktionieren des Verkehrs tatsächlich sinnvoll sind.» Nur bedachten die Autoren des Papiers nicht, dass es nicht Sache des einzelnen Verkehrsteilnehmers sein kann, jeweils zu entscheiden, ob eine Vorschrift sinnvoll ist und deshalb befolgt werden soll.

Der Verein Velo-Etikette ist zwar – wie Pro Velo – der Ansicht, dass die Politik für eine vernünftige Velo-Infrastruktur sorgen müsse. Aber: «Mindestens genau so wichtig ist, dass auch die VerkehrsteilnehmerInnen ihren Teil dazu beitragen, dass das Nebeneinander im Verkehr gelingt. Das ist unser Fokus. Es geht uns ums Miteinander aller im Verkehr.»

Der Knigge des Astra

Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat vor zwei Jahren den «Knigge für und gegenüber Velofahrenden» herausgebracht. Darin erinnert das Astra die Verkehrsteilnehmer und Verkehrsteilnehmerinnen sowohl an Verkehrs- als auch an Anstandsregeln.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor ist kein Velohasser. Er besitzt vier Velos. Und er fährt sie auch.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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4 Meinungen

  • am 28.02.2024 um 19:37 Uhr
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    Ja, es gibt sie leider tatsächlich, die rücksichtslosen Velofahrer.
    Rücksicht und Sicherheitsbewusstsein sind die wichtigsten Punkte, noch vor Rotlichtern und Einbahnstrassen.
    Es gibt zum Beispiel viele Flächen, die ganz offiziell für Velos und Fussgänger vorgesehen sind. Wer da mit übersetztem Tempo durch dichte Fussgängermassen fährt, ist wesentlich problematischer als einer, der an einer übersichtlichen und menschenleeren Stelle widerrechtlich auf dem Trottoir unterwegs ist.
    Oder dann gibt es Einbahnstrassen, die ganz offiziell für Velos erlaubt sind, aber trotzdem zu schmal zum Kreuzen. Wenn Velo- und Autofahrer mit Vernunft und Vorsicht unterwegs sind, geht das schon. Sonst gibt’s Probleme, obwohl alles legal ist.
    Ich als Fussgänger und Velofahrer habe nichts gegen Kontrollen der Polizei. Ich wünsche mir, dass sie dort gemacht werden, wo es am meisten zur Sicherheit beiträgt, und nicht einfach dort, wo man in der kürzester Zeit die meisten Bussen verteilen kann.

  • am 28.02.2024 um 20:04 Uhr
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    Das enorme Bevölkerungswachstum verursacht immer mehr Verkehr. Da der zur Verfügung stehende Platz immer enger wird, hat sich im Bereich Verkehr ein brutaler Verdrängungskampf entwickelt. Der motorisierte Verkehr verdrängt den Veloverkehr, dieser breitet sich zunehmend auf den Fussgängerzonen aus. Der Fussgänger – das schwächste Glied in der Kette, insbesondere Kinder, ältere Menschen und Sehbehinderte – werden im erhöhten Ausmass durch die Stahleseln bedroht und gewissermassen als Freiwild behandelt. Die Fussgänger haben kaum mehr Zonen, in denen sie sich gefahrlos bewegen können. Besonders schlimme Verhältnisse herrschen bei gemischten Zonen. Der Veloverkehr stellt daher für die Fussgänger eine ebenso grosse Gefahr dar wie der motorisierte Verkehr. Zudem gelten für die Velofahrer offensichtlich keine Verkehrsregeln mehr. Es herrscht geradezu ein Veloroadietum, das von der Politik und der Polizei toleriert oder sogar gefördert wird.

  • am 29.02.2024 um 07:58 Uhr
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    Die Stadt, in der ich seit Geburt vor 75 Jahren wohne, nennt sich «Velostadt». Ich nehme jeden Tag mein E-Bike zum Einkaufen.
    Wie in anderen Städten auch haben sich bei uns in der Industriezone die grossen Einkaufszentren angesiedelt. Da kommen die Leute aus der Region und machen ihre Wocheneinkäufe, natürlich mit dem Auto. In dieser Zone ist alles nur aufs Auto ausgerichtet, Velostreifen fehlen gänzlich. Da ich mich, wenn ich korrekterweise die Autospuren benutze, zwischen zwei 40-Tönnern sehr unsicher fühle, benutze ich regelmässig die Trottoirs und Fussgängerstreifen, die unnütz sind, weil niemand zu Fuss einkauft.
    Ich warte auf den Tag, an dem ich eine Busse wegen Befahrens des Trottoirs erhalte.

  • am 1.03.2024 um 10:06 Uhr
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    Ein zu negativer Artikel. 83% Selbstunfälle ist gut, bedeutet es doch, dass die meisten Verletzungen der Velofahrenden selbst verschuldet sind und nicht Dritte betreffen. Schwere und tödliche Verletzungen Dritter durch Velos sind ohnehin sehr selten, im Gegensatz zu Autos, wo es naturgemäss umgekehrt ist.
    Ich merke im täglichen Verkehr per Velo und zu Fuss kaum gefährliches Verhalten. Leichte Regelverstösse schon, z.B. Fahren auf dem Trottoir, wobei das seit 2021 für Kinder bis 12 Jahren erlaubt ist, ebenso für alle das Rechtsabbiegen bei Rot, wenn signalisiert.
    Dass Autofahrende und einigen älteren Velofahrende das scheinbar gefährliche und manchmal tatsächlich unachtsame Velofahren besonders von Jugendlichen aufregt, ist menschlich verständlich, jedoch faktisch meistens nicht gerechtfertigt.

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