Die «Migros-Verkäuferin»: das bedauernswerte Geschöpf
Kürzlich ging es in einer Nachrichtensendung von «Radio SRF» (ab Minute 5:50) um die Kosten von Medikamenten. Manuela Weichelt, grüne Nationalrätin, sagte dazu: «Es kann nicht sein, dass unsere Migros-Verkäuferin und unser Bauarbeiter zahlen müssen, damit die Preise der USA gesenkt werden. Wir haben bereits sehr, sehr hohe Medikamentenkosten in der Schweiz.»
Manuela Weichelt braucht die Frau an der Migros-Kasse häufig für ihre politische Argumentation. Sie zieht sie auch gerne für Vergleiche heran: «Ein Milliardär zahlt heute für die Grundversicherung gleich viel wie eine Migros-Verkäuferin. Das ist doch absurd.» Recht hat sie, dass das absurd ist.
Aber warum ist es immer die Migros-Verkäuferin, die arm und bedauernswert ist? Auch SP-Co-Präsident Cédric Wermuth verwendet das Bild gerne, wenn er über Krankenkassenprämien debattiert: «Dass die Migros-Kassiererin und UBS-CEO Sergio Ermotti die gleiche Prämie bezahlen müssen, führt zu einer übermässigen Belastung von tiefen und mittleren Einkommen.»
Der erfolgreiche und gutverdienende Bankmanager Sergio Ermotti ist also der Kontrapunkt zur armen Migros-Verkäuferin ohne Aufstiegschancen.
Damit zeigen die Grünen und die SP, für welche Seite ihr Herz schlägt. Umgekehrt funktioniert die Beziehung allerdings weniger gut: SP und die Grünen werden zwar eindeutig mehr von Frauen als von Männern gewählt, aber an der Migros-Kasse sitzen die SP- und Grünen-Wählerinnen, wenn überhaupt, selten. Frauen, die SP und Grüne wählen, sind vorwiegend Akademikerinnen, wie die Schweizer Wahlstudie Selects analysiert hat.
Auch Schönheitschirurg braucht Symbolfigur der Schweizer Linken
Die Symbolfigur der Schweizer Linken ist mittlerweile auch schon in anderen Branchen gängig. So liess sich der Schönheitschirurg Thomas Fischer aus Bern in etlichen Schweizer Zeitungen zitieren, dass ästhetische Operationen früher etwas für High-Society-Ladys gewesen seien, aber: «Heute habe ich Kundinnen und Kunden von der Migros-Kassiererin über die Postangestellte bis hin zum Manager oder Firmenchef.»
Die NZZ nutzt das Bild der armen Migros-Verkäuferin, um über Schulden in absurder Höhe zu schreiben: «Eine Migros-Kassiererin kann fünf Tage in der Woche arbeiten, auf einer Million Schulden sitzen und mit den Gläubigern abgemacht haben, dass sie jeden Monat 1000 Franken zurückbezahlt.»
Was ist aber mit allen anderen Verkäuferinnen, die bei Coop, Denner, Aldi, Lidl oder Spar arbeiten? Die Coop-Kassiererin schafft es nur in die Medien, wenn es um einen Diebstahl oder einen Überfall in einer Coop-Filiale geht. Also nach einem konkreten Ereignis. Zu einem nationalen Symbolbild reichen unsere Gefühle für die übrigen Grossverteiler offenbar nicht.
Die «alleinerziehende Aldi-Kassiererin» gibt es – aber nur in deutschen Medien.

Auf die Idee, dass das Bild der Migros-Verkäuferin nicht mehr zeitgemäss ist, kam ein Westschweizer EPFL-Professor für Soziologie: Vincent Kaufmann liess sich zu den Auswirkungen eines Ja zur 10-Millionen-Initiative zitieren und verglich französische mit Schweizer Löhnen: «Eine französische Lehrerin verdient etwa die Hälfte eines Migros-Kassierers in Genf.» Mit Coop, Aldi oder Lidl verglich auch er nicht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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