Franken LeleMezzadri

Eine Aufwertung des Frankens würde die Zuwanderung dämpfen. © LeleMezzadri/Depositphotos

Die Zunahme der Bevölkerung bremsen – ganz ohne SVP-Initiative

Urs P. Gasche /  Am einfachsten wäre eine Aufwertung des Schweizer Frankens. Sie würde erst noch alles aus dem Ausland günstiger machen.

«Falls der Bund sicherstellen müsste, dass höchstens 10 Millionen Menschen in der Schweiz leben, wie soll das gehen?», fragte Bundesrat Beat Jans am 21. Mai in einem Interview der Tamedia-Zeitungen. 

Infosperber gibt mögliche Antworten. Die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz soll weniger stark zunehmen als in den letzten Jahren. Doch die Schweiz soll deshalb weder das Schengen-Abkommen noch die bestehenden EU-Verträge kündigen müssen.


Die starke Zunahme bremsen

Viele teilen die Meinung von «Sonntagszeitung»-Chefredaktor Arthur Rutishauser: «In Bern müsste man sich darauf konzentrieren, was getan werden könnte, um die Zuwanderung auszubremsen, und zwar so, dass es die bestehenden und auch künftige Verträge mit der EU nicht verletzt. So unmöglich, wie das die meisten behaupten, ist das nicht.»

In eine ähnliche Richtung argumentiert Mitte-Nationalrätin und Fraktionschefin Yvonne Bürgin: «Wir wollen bereits jetzt handeln, nicht erst wenn die Schweiz 9,5 Millionen Einwohner erreicht – unabhängig davon, ob die Initiative angenommen wird oder nicht. Wir brauchen sowieso Antworten, wie wir das Bevölkerungswachstum massvoll steuern können.» 

Der Naturschutzverband «Pro Natura» wiederum engagiert sich für einen «Paradigmawechsel weg vom Wachstumszwang», um damit die «Attraktivität der Schweiz als Einwanderungsland zu senken».


Die Standort- und Steuerpolitik ändern

«Es gäbe klügere Ideen» (als die SVP-Initiative), um das Wachstum einzudämmen, meinte NZZ-Redaktor Fabian Schäfer. Die Schweiz solle «die künstliche Befeuerung der Zuwanderung» unterlassen, indem sie auf Standortförderung oder Steuervergünstigungen verzichte. Das habe der Wirtschafts-Think-Tank Avenir Suisse vorgeschlagen.

Es seien «die SVP und die Rechten, die mit immer noch niedrigeren Steuern Firmen anlocken», kritisierte Gewerkschaftspräsident Pierre-Yves Maillard: «Die SVP will die Einwanderung nicht wirklich einschränken, weil sie diese braucht: Ständerätin Esther Friedli für ihr Restaurant, Frau Martullo Blocher für ihre Industrieunternehmen, Herr Matter für seine Bank, die Bauern in der SVP für ihre Betriebe.»

«NZZ»-Redaktor Benedict Neff pflichtete Maillard zu. Die SVP sei in Wahrheit eine «Treiberin der Migration»: «Ihre Steuerpolitik befördert den Zuzug internationaler Unternehmen und Fachkräfte.» Das Bekämpfen des Bevölkerungswachstums sei für die SVP «nur ein Vehikel, um die Asylpolitik zu problematisieren».

Fest steht, dass sich dank Standortförderung im Jahr 2025 allein im Grossraum Zürich rund hundert Hightech-Unternehmen angesiedelt haben. Und Pharmafirmen benötigten in den letzten 25 Jahren in der Schweiz fast 25’000 zusätzliche Arbeitskräfte, die wiederum andere Arbeitskräfte nötig machen.

«Man könnte die Einwanderung relativ einfach drosseln», meinte auch SP-Nationalrat Jon Pult. «Die Schweiz müsste eine weniger aggressive Standort- und Steuerpolitik verfolgen. Wenn wir für das Kapital etwas weniger attraktiv wären, würden automatisch weniger Menschen zuwandern.»

Falls die Schweiz beispielsweise an der OECD-Mindeststeuer festhalte, sei «die Gefahr real, dass amerikanische Konzerne Aktivitäten aus der Schweiz zurück in die USA verschieben», warnte «NZZ»-Redaktor Matthias Benz. Die Schweiz verlöre Abeitsplätze und Steuereinnahmen. Allerdings braucht eine Schweiz mit 9 Millionen Einwohnern auch weniger Steuereinnahmen als eine Schweiz mit 10 oder mehr Einwohnern.

Fragwürdige Abgaben oder Eintrittspreise

Der freisinnige FDP-Ständerat Andrea Caroni brachte eine andere Idee zur Diskussion: Wer in der Schweiz arbeiten will, soll als Lenkungsabgabe eine Art Eintrittspreis bezahlen. Der Preis soll so hoch sein, dass viele potenzielle Einwanderer abgeschreckt werden. Singapur macht es vor: Einwanderer müssen als Eintrittsgebühr monatlich 400 Franken zahlen. 

Professor Reiner Eichenberger schlug in vielen Medien Ähnliches vor: Erwachsene Neuzuwanderer sollten in den ersten drei bis fünf Jahren zusätzlich zu den normalen Steuern eine Abgabe von 10 bis 25 Franken pro Tag entrichten, ähnlich wie eine Kurtaxe: «Neuzuwanderer profitieren von gewaltigen Investitionen und Vorleistungen der Inländer.» Wenn die Zuwanderung trotzdem weiter steigen würde, könne man einfach die Abgabe erhöhen.

Allerdings betrachten Eichenberger und Caroni nur die eine Seite der Buchhaltung. Sie übersehen, dass die Schweiz mit den Netto-Zuwanderern viel Geld spart, weil sie die Kosten für deren Erziehung, Unterhalt, Schulung und Ausbildung nicht zahlen muss.


Eine Aufwertung des Frankens

Es gibt zahlreiche Massnahmen, um bestehende Standortvorteile und -anreize für ausländische Unternehmen zu reduzieren. Beispielsweise kann man Steuervergünstigungen und Subventionen zum Anlocken ausländischer Firmen aufheben. Sie verfälschen eh den Wettbewerb.

Den einfachsten und unbürokratischsten Hebel hat die Nationalbank in der Hand. Statt den Frankenkurs künstlich tief zu halten, indem sie mit Milliardenkäufen ausländische Währungen kauft, könnte sie den Wert des Schweizer Frankens langsam, aber sicher steigen lassen. Doch die Nationalbank hortet Abermilliarden an Dollar und Euro, die sie kaufte, damit sich der Franken nicht aufwertet. Von diesen Abermilliarden profitiert die Schweizer Volkswirtschaft wenig.

Im Gegenteil: Ein stärkerer Franken bringt der gesamten Volkswirtschaft und den Konsumentinnen und Konsumenten grosse Vorteile. Alles aus dem Ausland wird günstiger.

Einzig die in der Schweiz wichtige Exportindustrie wäre einem härteren Wettbewerb ausgesetzt, weil ihre Waren und Dienstleistungen im Ausland teurer würden. Doch so lange die Schweiz viel mehr Güter und Dienstleistungen ins Ausland exportiert als von dort importiert, ist dies zumutbar. 

Die Exportindustrie könnte nicht mehr gleich viel exportieren, braucht entsprechend weniger Arbeitsplätze und kann weniger hohe Gewinne machen. Allerdings bestehen Schweizer Exportprodukte wertmässig zur Hälfte aus importierten Rohstoffen und Halbfabrikaten. Diese kann die Exportindustrie dank eines stärkeren Frankens aus dem Ausland günstiger beziehen.

Für «Sonntagszeitung»-Chefredaktor Arthur Rutishauser ist klar: «Wenn man will, kann man die Zuwanderung auch damit begrenzen, dass die Nationalbank aufhört, den Franken künstlich tief zu halten. Dafür hat sie in den letzten zehn Jahren fast 1000 Milliarden investiert. Sie hat damit die Zuwanderung angeheizt, denn in der Exportindustrie und im Tourismus wurden viele Arbeitsplätze geschaffen, die von ausländischen Fachkräften besetzt werden.» Hätte die Nationalbank den Wert des Frankens steigen lassen, «hätte die Industrie ihre Produktionsstätten in die Länder, wo die Immigranten herkommen, also nach Südeuropa und in die Dritte Welt, verlegen müssen. In den Bergen hätten wir weniger Touristen und damit auch weniger Mangel an Mitarbeiterinnen in den Gaststätten.»

Der Franken ist schon lange nicht mehr so stark wie er sein könnte. Der Franken habe sich real, also unter Berücksichtigung der Teuerung, seit den Neunzigerjahren tatsächlich kaum mehr aufgewertet, stellte «NZZ»-Wirtschaftsredaktor Albert Steck fest. Siehe auch Infosperber vom 14.4.2026: «Die Mär vom starken Franken – Viele fallen darauf herein.»

«NZZ»-Redaktor Hansueli Schöchli erinnerte unter dem Titel «Franken-Schock bremst Zuwanderung» an das Jahr 2015: «Der Schock hat die Wirtschaftsentwicklung gehemmt, die Arbeitslosigkeit erhöht und als Folge davon auch die Einwanderung deutlich gebremst. 2016 lag die Nettoeinwanderung so tief wie nie mehr seit zehn Jahren.» 


Die Kaufkraft von Vermögen und Einkommen steigt

Und unter dem Titel «Wie die Schweizer Nationalbank die Zuwanderung bremsen könnte» gab Adriel Jost, Ökonom am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern, die Antwort: «Mit einer Aufwertung.» Die Wirtschaft brauche «keine künstliche Unterstützung durch die Geldpolitik». Denn: «Lässt die Nationalbank den Franken stärker aufwerten, wächst die Wirtschaft zwar langsamer. Für den Einzelnen hat dies aber weniger Nachteile. Im Gegenteil: Die Kaufkraft von Vermögen und Einkommen steigt.» 

Solange Vollbeschäftigung herrsche, «darf die Nationalbank den Fuss vom Gaspedal nehmen und damit die Zuwanderung dämpfen. Genauso wie sie heute unbeabsichtigt die Zuwanderung begünstigt, könnte sie mit dieser Massnahme künftig zur Entspannung der Zuwanderungsdiskussion beitragen.»

Auch der frühere Arbeitsmarktchef des Bundes, Boris Zürcher, spricht sich für einen stärkeren Franken aus: «Der relativ schwache Franken ist zumindest Teil des Problems. […] Das Beschäftigungswachstum steuert man letztlich makroökonomisch über die Geld-, Währungs- und Fiskalpolitik. Es wäre erfolgsversprechender, wenn die Nationalbank einen teureren Franken zulässt.» Allerdings würde man jenen Unternehmen das Leben erschweren, die heute mit ihrer Wertschöpfung einen grossen Teil unseres Wohlstands beitragen». Doch eine gewisse reale Aufwertung des Frankens könne «zum Thema werden». Die Schweiz leide an keinem Zuwanderungsdruck, sondern an einem Zuwanderungssog: «Die Schweiz saugt ausländische Arbeitskräfte auf.»

Ein stärkerer Franken verbessert – ökonomisch ausgedrückt – das Austauschverhältnis zwischen schweizerischen und ausländischen Produkten. Für die gleiche Menge Waren, die wir ins Ausland verkaufen, erhalten wir dank eines stärkeren Frankens eine grössere Menge Waren aus dem Ausland.

Für Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten werden alle importierten Produkte, auch Benzin und Heizöl, sowie Dienstleistungen billiger. Deshalb können uns Länder wie Griechenland, Portugal oder die Ukraine mehr verkaufen. Dagegen werden Exporte aus der Schweiz für ausländische Konsumentinnen und Konsumenten teurer. 

Zur Exportindustrie gehört auch der Tourismus in der Schweiz: Ein stärkerer Franken macht die Schweiz für Ausländer teurer, was Übertourismus verhindert. Andererseits können Schweizer günstiger ins Ausland reisen.

Als Fazit stellte «NZZ»-Wirtschaftsredaktor Abert Steck fest, die positive Wirkung einer harten Währung auf die Kaufkraft der Konsumenten sei «nicht zu unterschätzen».  


Gegensätzliche Einschätzungen

Laut Wirtschaftshistoriker Professor Tobias Straumann ist die hohe Einwanderungsrate der Schweiz «nicht alternativlos»: Nehmen wir das Beispiel Dänemark: «Dort ist die Einwanderungsrate wegen der Sprachbarriere deutlich geringer als in der Schweiz. Trotzdem floriert das Land.»

Anderer Meinung ist der frühere Mitte-Präsident Gerhard Pfister: «Die Zuwanderung wird erst dann abnehmen, wenn die Schweiz wirtschaftlich nicht mehr attraktiv ist. Dann würden aber auch Unternehmen abwandern. Wollen wir das wirklich? Oder wollen wir weiterhin den wirtschaftlichen Erfolg und nehmen dafür auch ein Bevölkerungswachstum in Kauf?»


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Bevlkerung_Erde

Pro und Contra Bevölkerungszunahme

Die Bevölkerung auf unserem Planeten hat in den letzten 200 Jahren enorm zugenommen.

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