Universitätsspital Basel

Wer als Patientin oder Patient in einem Universitätsspital liegt, weiss nicht, welche potenziellen Interessenkonflikte das Spital hat. © cc-by-sa-3 Taxiarchos228 / Wikimedia Commons

Die Universitätsspitäler und die «Drittmittel»

Martina Frei /  Die Arbeitgeber von forschenden Medizinern sind mit einer Vielzahl von Sponsoren im Geschäft. Mit der Transparenz hapert es.

Professor X ist nur ein zufällig ausgewähltes Beispiel unter vielen. Der anerkannte Facharzt und Wissenschaftler arbeitet am Universitätsspital Basel (USB).

Am Schluss einer seiner jüngsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden die Interessenkonflikte des Co-Autors X aufgezählt. Die Institutionen, an denen er arbeitet, erhielten von den folgenden Firmen Zahlungen für Beratungen, Teilnahme an Lenkungsausschüssen oder Beiräten oder für Fortbildungen durch Professor X: 

  • Actelion
  • Aurigia Vision AG
  • Bayer
  • Bristol Myers Squibb
  • df-mp Molnia & Pohlmann
  • Celgene
  • Eli Lilly
  • EMD Serono
  • Genentech
  • GlaxoSmithKline
  • Janssen
  • Japan Tobacco
  • Merck
  • MH Consulting
  • Minoryx
  • Novartis
  • F. Hoffmann-La Roche
  • Senda Biosciences Inc.
  • Sanofi
  • Santhera
  • Shionogi BV
  • TG Therapeutics
  • Wellmera 
  • Ausserdem erhielten sie Forschungszuschüsse (grants) von Novartis, Innosuisse und F. Hoffmann-La Roche. 

Laut pharmagelder.ch bekam X selbst seit 2018 insgesamt rund 31’000 Franken an Sponsoringgeldern. Dort sind von den oben genannten Firmen Eli Lilly, GlaxoSmithKline, Merck, Actelion und Celgene als Sponsoren aufgeführt. 

Universitätsspitäler auf «Drittmittel» angewiesen

Die «durch die Mitarbeitenden des USB eingeworbenen Drittmittel» aus dem «privaten Sektor» beliefen sich laut Geschäftsbericht 2022 des Basler Universitätsspitals auf rund 35 Millionen Franken – das macht bei den Forschungsaufträgen durch Firmen rund 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Welche Firmen welche Forschungsprojekte förderten, lässt sich nicht ermitteln. Dies mitzuteilen, sei mit einem unverhältnismässig hohen Aufwand verbunden, antwortete die Medienstelle auf eine Anfrage von Infosperber. 

Auch dank dieser privaten Drittmittel konnte das Basler Universitätsspital 2022 einen Überschuss von rund 5,6 Millionen Franken erzielen. Im Jahr 2021 betrug der Gewinn noch 25,8 Millionen. Der Geschäftsbericht 2022 des Universitätsspitals Basel rechnet in Zukunft mit Defiziten: «Dem USB stehen anspruchsvolle Jahre bevor. Das Budget 2023 rechnet erstmals seit der Verselbstständigung mit einem negativen Unternehmensergebnis.» Um «Effizienz, Patientensicherheit und Innovation» voranzutreiben, setze das USB auf die Digitalisierung.

Das wird auch den sponsernden Pharmafirmen gefallen. Denn forschende Pharmafirmen sind hungrig nach Daten. Sie fordern schon seit Jahren mehr Digitalisierung

«Da kommen Pharmafirmen wie gerufen»

Im Nachbarland Deutschland seien durch den Druck des DRG-Abrechnungssystems auch wissenschaftlich tätige Kliniken in öffentlicher Hand chronisch defizitär geworden. «Da kommen die Pharmafirmen mit ihren übervollen Spendierhosen den kaufmännischen Klinik-Direktoren natürlich wie gerufen», sagt Niklas Schurig, Vorstandsmitglied bei der ärztlichen Anti-Korruptions-Initiative «Mezis – Mein Essen zahl ich selbst». Deutschland führte das DRG-System 2004 ein, die Schweiz 2012. 

Noch mehr als das USB ist die Berner Inselgruppe auf Gelder angewiesen. 2022 erhielt die Inselgruppe 43,4 Millionen Franken an Legaten, Spenden und Beiträgen für Forschung. Trotzdem schrieb sie 2022 einen Verlust von 80 Millionen Franken, im Jahr davor war es noch ein Plus von 25,3 Millionen.

Auch bei diesen privaten Finanzquellen wird nicht näher aufgeschlüsselt, welche Firmen welche Forschungsvorhaben mit welchen Summen finanziert haben. Die Medienstelle versucht aber Bedenken zu zerstreuen: Die Inselgruppe stelle sicher, dass «unsere Forschung frei von Interessensbeeinflussungen bleibt.»

«Hoher gegenseitiger Nutzen, aber Gefahr des Verlusts der wissenschaftlichen Unabhängigkeit»

Die Zusammenarbeit von Forscherinnen und Forschern an Universitäten oder Spitälern mit der Industrie kann zu Erkenntnissen führen, die kranken Menschen helfen. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hielt 2022 fest: «Partnerschaften für gemeinsame Forschungsprojekte von Industrie und Gesundheitsorganisationen sind von hohem gegenseitigem Nutzen, bergen aber auch Risiken. Es besteht die Gefahr des Verlusts der akademischen Freiheit respektive der wissenschaftlichen Unabhängigkeit, wenn Geldgeber direkten Einfluss auf die Forschung nehmen. Gesundheitsorganisationen sollen deshalb strategische Forschungspartnerschaften auf ihrer Website offenlegen und jederzeit über den Umfang der erhaltenen Leistungen für Forschung und Entwicklung Rechenschaft ablegen können.» Um dieses Ziel zu erreichen, sei eine Übergangsfrist erforderlich, schrieb die SAMW in ihren überarbeiteten Richtlinien zur Zusammenarbeit von medizinischen Fachpersonen mit der Industrie.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

Pillen

Die Politik der Pharmakonzerne

Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.

Bildschirmfoto 2022-10-28 um 12.25.44

Wissenschaft

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