Werbe-König Kevin Roberts und Tagesschau-Sprecher Franz Fischlin: Umarmungen © srf

Werbe-König Kevin Roberts und Tagesschau-Sprecher Franz Fischlin: Umarmungen

SRF am SEF: Die unerträgliche Nähe zur Wirtschaft

Kurt Marti / 13. Jun 2013 - Dem Schweizer Fernsehen und Radio fehlt die kritische Distanz zur Wirtschaft. Das zeigte sich am Wirtschaftsforum in Interlaken.

Man stelle sich vor: Am Swiss Social Forum SSF treffen sich Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus der ganzen Schweiz zu einem zweitägigen Ideenaustausch unter dem Motto: «Antworten auf brennende Fragen». Als Referenten treten mehrere international renommierte Sozialkritiker auf. Das Schweizer Fernsehen und Radio SRF übernimmt grosszügig die Medienpartnerschaft und SRF 1 und SRF Info senden mehrere Stunden live.

Als Moderatoren des Sozial-Forums setzen sich die SRF-Moderatoren Franz Fischlin (Tagesschau), Christine Maier (10vor10) und Sonja Hasler (Arena) ins Szene. Letztere moderiert am SSF ein Podium zum Thema «Energie und Arbeitsplätze», an dem ein Gewerkschafter, ein Vertreter der Solarbranche, eine Vertreterin von Greenpeace und ein Beamter des Bundes teilnehmen. Die Vertreter der Strom-, Erdöl- und Gaswirtschaft sowie die Arbeitgeber bleiben ausgeschlossen.

Im Advisory Board des SSF sitzt der SRG-Generaldirektor Roger de Weck und unterstreicht damit die Verantwortung des Schweizer Fernsehens und Radios für eine soziale Schweiz. Die Gewerkschaften dürfen sich über Gratiswerbung am Fernsehen und Radio freuen. Ausgeschlossen bleiben die Vertreter der Wirtschaft und der Arbeitgeber sowie deren Interessenverbände. Unter anderem der Wirtschaftsverband economiesuisse macht sich in den Medien lautstark bemerkbar und reicht eine Beschwerde gegen die einseitige SRF-Berichterstattung fern jeglicher journalistischer Unabhängigkeit ein.

SRF als Medienpartner des Swiss Economic Forums SEF

Natürlich hiess die Veranstaltung, welche letzte Woche in Interlaken stattfand, nicht Swiss Social Forum SSF, sondern Swiss Economic Forum SEF. Doch die geschilderten Rahmenbedingungen treffen im Grossen und Ganzen zu: SRF hatte eine Medienpartnerschaft mit dem SEF; die SRF-Moderatoren Fischlin, Maier und Hasler traten als Moderatoren des Forums auf; SRF 1 und SRF Info berichteten stundenlang live aus Interlaken, inklusive Schleichwerbung für die sieben Hauptsponsoren UBS, swisscom, pwc, IBM, BKW, Amag und Allianz. Und SRG-Generaldirektor Roger de Weck sass und sitzt tatsächlich im Advisory Board des SEF.

Infosperber hat bereits mehrmals auf die fehlende kritische Distanz von SRF zu den Banken, zum Sport, zur Stromwirtschaft und zur Pharma-Lobby hingewiesen. Die Medienpartnerschaft von SRF und SEF ist ein weiteres Beispiel für diese unerträgliche Nähe zur Wirtschaft, die sich in einem dreifachen Mangel zeigt:

1. Mangelnde Unabhängigkeit

  • «Wir machen uns mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten. Das Publikum kann sich auf unsere Integrität verlassen

  • «Unabhängig ist unser Programmangebot, wenn die Redaktionen keine Ideologie, keine Partei oder sonstige Interessengruppe bevorzugen

So steht es ziemlich hochtrabend in den «Publizistischen Leitlinien» von SRF. Doch die Realität in Interlaken präsentierte sich etwas anders. Mit der fragwürdigen Medienpartnerschaft und dem servilen Auftritt der SRF-Moderatoren hat SRF gemeinsame Sache mit dem SEF gemacht und folglich mit den Protagonisten der Schweizer Wirtschaft, anstatt vom SEF aus neutraler Warte unabhängig und kritisch zu berichten. Mit seiner SEF-Partnerschaft hat SRF die Interessen der Konzerne und der KMU einseitig bevorzugt und damit die sozialen und ökologischen Interessen (Arbeitnehmer, Konsumenten, Umwelt) ausgeblendet. Die SRF-Medienpartnerschaft mit dem SEF widerspricht folglich den zitierten SRF-Leitlinien, insbesondere dem Gebot der Unabhängigkeit.

Diese mangelnde Unabhängigkeit zeigt sich auch im SEF-Programmheft, in welchem SRF auf mehreren Seiten prominent vertreten ist. Das folgende Zitat aus dem Programmheft bringt die Situation auf den Punkt: «Für die SEF-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer ist der Auftritt von SRF eine ideale Gelegenheit, den Programmmachern bei der Arbeit einmal persönlich über die Schultern zu schauen.» Nicht die Journalisten schauen den Wirtschaftsvertretern kritisch über die Schultern, sondern umgekehrt!

2. Mangelnde kritische Distanz

In den SRF-Leitlinien stehen auch die folgenden schönen Vorsätze:

  • «Wir halten kritische Distanz zu allen Gruppierungen des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens.»

  • «Um Aufmerksamkeit zu erregen, werden Themen – auch in der Politik – heute zunehmend nach den Regeln des Konsumgütermarketings vermittelt: Die Verpackung ist oft wichtiger als der Inhalt. Ereignisinszenierung und Personalisierung sind Stichworte in diesem Zusammenhang. Wir achten darauf, uns bei der Auswahl unserer Themen nicht instrumentalisieren zu lassen.»

«Bitte, Herr Kevin Roberts, die Bühne gehört Ihnen», begrüsste SRF-Tagesschau-Sprecher Franz Fischlin den CEO der internationalen Werbefirma Saatchi & Saatchi begleitet von Fanfarenklängen. Während einer halben Stunde überhäufte der Star-Werber Roberts das Publikum im Saal und live auf SRF 1 mit süffisanten Werbesprüchen und viel Palaver. Zum Beispiel: «Die Schweiz ist innovativ, aber nicht kreativ» oder «Nicht die Politik, nur die Wirtschaft und das Wachstum können die Kluft zwischen arm und reich schliessen». Am Schluss blieben kritische Fragen des Moderators Fischlin aus. Stattdessen servierte er Roberts die nette Frage, wie er denn für die Schweiz werben würde. Eine herzliche Umarmung der beiden rundete den Auftritt ab und unterstrich auch optisch die fehlende Distanz des Tagesschau-Moderatoren Fischlin.

Szenenwechsel zu Reto Lipp, dem Eco-Moderator, der in der SEF-Eingangshalle dem Small-Talk mit der Wirtschaftsprominenz frönte: «Herr Carsten Schloter, CEO von swisscom, ist es wirklich so, dass Sie das Handy 24 Stunden eingeschaltet haben?» oder «Herr Lukas Gähwiler, CEO der UBS Schweiz, Sie können sich doch einfach entspannt zurücklehnen?» oder «Herr Larry Fink, CEO von BlackRock, was macht Sie so erfolgreich?» oder «Frau Suzanne Thoma, CEO der BKW, das Kernkraftwerk Mühleberg möchten Sie aber nicht abstellen?»

Lipp fungierte mehrheitlich als serviler Stichwort-Lieferant für die PR-Sprüchlein der Wirtschafts-Kapitäne. Keine kritischen Fragen an Vermögensverwalter Larry Fink über Steuerflucht, Offshore-Staaten und Schwarzgelder, stattdessen zum Schluss: «Herr Fink, gehen Sie jetzt aufs Jungfraujoch?» Keine kritischen Fragen an BKW-Chefin Suzanne Thoma über die Unsicherheit des AKW Mühleberg, die Millionenverluste durch Fehlinvestitionen in italienische Gaskraftwerke und die verfehlte Pumpspeicher-Strategie auf der Grimsel.

Statt kritischer Fragen herrschte der emphatische Small-Talk. Die Wirtschaft und auch das SEF konnten sich blendend inszenieren. SRF übertrug die Selbstinszenierung live in die Schweizer Stuben. So sieht die selbstdeklarierte «kritische Distanz» und «Unabhängigkeit» in der Realität aus.

3. Mangelnde Ausgewogenheit

Die SRF-Leitlinien sagen auch etwas über «Vielfalt» und «kontroverse» Debatten:

  • «Vielfältig sind Programme, wenn sie Tatsachen und Meinungen zu einem Thema in ganzer Breite angemessen zum Ausdruck bringen.»

  • «Journalisten können Aufträge zur Leitung von Podiumsdiskussionen und ähnlichen Veranstaltungen annehmen, solange die Themen kontrovers debattiert werden.»

Am SEF fand ein Podium zum Thema «Energie- und Verkehrsinfrastrukturen» statt, moderiert von der Arena-Moderatorin Sonja Hasler. Vier Personen nahmen an der einseitigen Runde teil: UVEK-Generalsekretär Walter Thurnherr, SBB-CEO Andreas Meyer, economiesuisse-CEO Pascal Gentinetta und BKW-CEO Suzanne Thoma. Letztere vertrat übrigens einen der SEF-Hauptsponsoren und war damit gesetzt. In der Runde fehlten jedoch wichtige, gesellschaftliche Akteure: Die Arbeitnehmer, die Energiekonsumentinnen und die Umweltengagierten beziehungsweise deren Interessenvertreter. Ohne deren Teilnahme bleiben die zitierten SRF-Leitlinien leere Worte, insbesondere die «Vielfalt» der Meinungen und die «kontroverse» Debatte. Folglich hätte SRF der Arena-Moderatorin Hasler die Moderation des SEF-Podiums nicht erlauben dürfen.

Doch nicht nur das! Was für dieses Podium im einzelnen gilt, trifft auch für die SRF-Medienpartnerschaft für die gesamte Veranstaltung des SEF zu: Wesentliche gesellschaftliche Kreise waren nicht dabei. Die Veranstalter des SEF leisteten sich einen äusserst reduzierten Begriff von «Wirtschaft», ohne Arbeitnehmer, ohne Konsumentinnen und ohne Umweltschützer. Eine «kontroverse» Diskussion der Themen in «ganzer Breite», wie es die SRF-Leitlinien verlangen, sieht anders aus.

SRF: «Die publizistischen Leitlinien wurden eingehalten»

Auf Anfrage von Infosperber erklärte SRF-Mediensprecher Gabriel Brönnimann: «SRF möchte erstens festhalten, dass die Medienpartnerschaft mit dem Swiss Economic Forum keinerlei Programmleistungen garantiert. Weiter weisen wir die Feststellung der ,Kritiklosigkeit‘ der Berichterstattung zurück.» Und die SRF-Mediensprecherin Andrea Wenger doppelte gleich nach: «Unsere Programmschaffenden waren jederzeit frei, die Themen und Fragestellungen einzig nach journalistischen Kriterien zu wählen. Es gab weder Vorgaben durch den Veranstalter noch inhaltliche Vereinbarungen. Die publizistischen Leitlinien wurden in jedem Fall eingehalten.» Bravo!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

ECO am Swiss Economic Forum 2013
SRG-SRF: Der Einzeltäter und das Establishment
Tagesschau liess Zuschauer über den «Kampf» ratlos
Dossier: Kritik von TV-Sendungen
TagesWoche: «Unabhängiger» TV-Moderator im Sold der Basler Kantonalbank
SRF: Publizistische Leitlinien

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5 Meinungen

«Unsere Programmschaffenden waren jederzeit frei, die Themen und Fragestellungen einzig nach journalistischen Kriterien zu wählen. Es gab weder Vorgaben durch den Veranstalter noch inhaltliche Vereinbarungen. Die publizistischen Leitlinien wurden in jedem Fall eingehalten.» Dann sind einerseits die publizistischen Leitlinien ungenügend und anderseits die Programmschaffenden offenbar unfähig, Themen und Fragestellungen «einzig nach journlistischen Kriterien zu wählen»...
hansueli w. moser-ehinger, basel
Hansueli W. Moser-Ehinger, am 13. Juni 2013 um 15:35 Uhr
@)Hansueli W-Moser: Dieser Satz fiel mir auch sofort auf. Er ist so schön, dass er noch mal zitiert werden darf:«Unsere Programmschaffenden waren jederzeit frei, die Themen und Fragestellungen einzig nach journalistischen Kriterien zu wählen. Es gab weder Vorgaben durch den Veranstalter noch inhaltliche Vereinbarungen. Die publizistischen Leitlinien wurden in jedem Fall eingehalten.» Wie die jederzeitige vollumfängliche journalistische Freiheit bei Veranstaltungen dieser Art aussieht, illustriert dieser Fall http://www.tageswoche.ch/de/2013_22/schweiz/549220/ich-halte-den-auftritt-fuer-heikel.htm
Fred David, am 13. Juni 2013 um 16:12 Uhr
Eine brilliante Analyse! Herzliche Gratulation.
Vielleicht hat SRF in weiser Vorahnung, gegenüber den neuen Fakten in Griechenland - Abstellen der staatlichen Radio- und Fernsehsender - aus vorauseilenden Gehorsam gehandelt, um sicher nie Gefahr zu laufen als «linkes Medium» ausgeschaltet oder beschnitten zu werden.
Heini Glauser, am 13. Juni 2013 um 16:42 Uhr
Das ist doch wunderbar, dass unsre öffentlichen Sender im Wettbewerb der dogmatischen Verblödung den privaten Sendern die Stange halten kann... Brot und Spiele. Infotainement und vorallem PR. Ich weiss gar nicht, weshalb die Rickli unsre «Staatssender» so schlecht findet, sie machen doch genau das, was diese «Wirtschafts-Elite» will. SRF verliert Niveau und gleicht sich den Privatsender immer mehr an. Wir hatten einmal gehofft, dass mit de Weck das Niveau steigen würde. Traurig.
Urs Lachenmeier, am 13. Juni 2013 um 22:55 Uhr
Ein gutes Beispiel auch heute 19.6. am Radio: Interview mit dem Vizepräsidenten der Privatbankiervereinigung Gloor. Frage zur Lex USA, Herr Gloor findet es bedenklich, wenn die Bankiers gezwungen würden, schweizerisches Recht zu brechen wenn die Lex USA nicht angenommen würde = kein Nachhaken der Journalistin, weshalb es denn kein Problem war, das Recht unserer Nachbarländer und der USA zu brechen. Weiter: Herr Gloor versteht nicht, dass Politiker aus staatspolitischen Gründen die Lex USA ablehnen, da es doch nur die Banken betreffe. Wieder kein Nachhaken: das Problem haben aber doch auch nur die Banken geschaffen, deshalb sollte es doch nun eigentlich auch ihnen überlassen sein, diese Probleme zu lösen, oder? Das war wieder so eine einseitige Berichterstattung, heute morgen hat es bei mir allerdings grosse Heiterkeit verursacht, dass diese Antworten, die eine so vorzügliche Steilvorlage für kritisches Nachfragen ergaben, einfach so ignoriert wurde!
Claudia Eugster, am 19. Juni 2013 um 09:49 Uhr

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