Zerbombte Rinderfarm in Jemen (Aufnahme Januar 2016) © YNT/CC

Neben den Schlagzeilen: Krieg der verbrannten Erde

Red. / 06. Nov 2016 - In Jemen bombardiert die saudische Koalition die Nahrungsproduktion, berichtet die britische Zeitung «The Independent».

Im Schatten der Schlagzeilen über die kriegerischen Auseinandersetzungen in Mosul und Aleppo wird der Krieg in Jemen immer grausamer geführt. Die von den USA unterstützte saudische Koalition greife zur «Strategie der verbrannten Erde», berichtet Robert Fisk, seit vierzig Jahren Korrespondent im Mittleren Osten. Es gebe immer stärkere Beweise, dass «systematisch die Lebensgrundlagen zerstört werden, welche die Bevölkerung nach dem Krieg zum Überleben braucht».

Wissenschaftler ausserhalb Jemens seien zum Schluss gekommen, dass die Saudis gezielt «die Zerstörung der landwirtschaftlichen Produktion» beabsichtigen. Der «Independent» zitiert Martha Mundy, längjährige Professorin an der London School of Economics, die vom Libanon aus statistische Daten aus Jemen auswertet. Ihr Fazit: «Die Saudis zerstören gezielt die landwirtschaftliche Infrastruktur, um die Zivilgesellschaft zu zerstören.»

Ein Bericht des Ministeriums für Landwirtschaft und Bewässerung zeige, dass sich unter 357 erfassten Bombenzielen in den 20 Provinzen Jemens auch «Bauernhöfe, Tiere, Wasserinfrastruktur, Lebensmittellager und -läden, landwirtschaftliche Finanzinstitute, Märkte und Lebensmitteltransporte» befinden. Da nur 2,8 Prozent der Fläche von Jemen landwirtschaftlich genutzt werden, müssten die Angriffe «sehr gezielt» gewesen sein, «um so kleine Flächen zu treffen».

Verletzung des Völkerrechts

Saudiarabien gehört zu den Unterzeichnern des Zusatzprotokolls der Genfer Konventionen von 1949, dessen Artikel 14 (Schutz der für die Zivilbevölkerung lebensnotwendigen Objekte) wie folgt lautet:

«Das Aushungern von Zivilpersonen als Mittel der Kriegführung ist verboten. Es ist daher verboten, für die Zivilbevölkerung lebensnotwendige Objekte wie Nahrungsmittel, zur Erzeugung von Nahrungsmitteln genutzte landwirtschaftliche Gebiete, Ernte- und Viehbestände, Trinkwasserversorgungsanlagen und -vorräte sowie Bewässerungsanlagen zu diesem Zweck anzugreifen, zu zerstören, zu entfernen oder unbrauchbar zu machen.»

Pikant: Saudiarabien, welches das Kriegsrecht verletzt und auch im Land selber Menschenrechte namentlich der Frauen und der Andersgläubigen systematisch missachtet, bleibt Mitglied des UN-Menschenrechtsrates in Genf. Dagegen wurde Russland soeben nicht mehr wiedergewählt und für die Angriffe in Syrien abgestraft.

Robert Fisk stellt fest, dass über den Krieg in Jemen im Vergleich zu den Kriegen in Irak und Syrien im Westen nur wenig informiert wird und erinnert daran, dass in Jemen bereits über 10'000 Menschen umgekommen sind, 4000 davon Zivilisten.

Monika Bolliger, NZZ-Korrespondentin in Beirut, hatte am 11. Oktober die «saudischen Kriegsverbrechen» beim Namen genannt. Sie zitierte Kritiker, wonach sich die USA und Grossbritannien, welche Waffen und Logistik liefern, «in den Augen vieler Jemeniten zu Komplizen machen». (Siehe «Es brauchte zwei Bombemangriffe auf Beerdigung» auf Infosperber.)

Bilanz von UN-Organisationen

Bis September zogen die UNO und die UN-Organisation UNICEF folgende Schreckensbilanz in Jemen mit seinen rund 24 Millionen Einwohnern:

Das von den Saudis zerstörte Landspital Abs, das von den «Ärzten ohne Grenzen» geführt wurde

  • Über 10'000 Todesopfer, mindestens die Hälfte davon zivile (Quelle: UNO).
  • 1,5 Millionen Kinder leiden an Unterernährung (UNICEF). Mit ein Grund ist die von Saudiarabien verhängte Seeblockade. Nachdem UN-Koordinator für Nothilfe Stephen O'Brien am 4. Oktober die jemenitische Hafenstadt al-Hudaydah besucht hatte, zeigte er sich erschüttert über die vielen Hungernden und unterernährten Kleinkinder.
  • Mehr als 2100 Schulen sind zerstört. Wegen der täglichen Gewalt blieben im letzten Jahr 350'000 Schulkinder ohne Unterricht (Quelle: UNICEFs Jemen-Vertreter Julien Harneis).
  • Über 2,4 Millionen Jemeniten mussten aus ihren Häusern an andere Orte im Land flüchten. 120'000 sind ins Ausland geflohen, namentlich nach Dschibuti und Somalia. (Quelle: UNHCR).

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Keine

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