Bio Suisse Statistik © Südostschweiz

Wie die Bevölkerung ihren Bio-Konsum überschätzt

Hanspeter Guggenbühl / 17. Feb 2016 - Glaubt man Umfragen, ist der Schweizer Biomarkt riesengross. Doch die Befragten färben sich viel grüner als sie sind.

Das Bundesamt für Statistik veröffentlichte kürzlich die Ergebnisse ihrer «Omnibus»-Erhebung 2015 zum Thema Umweltqualität und umweltrelevantes Verhalten. Eine Frage lautete: Wie oft kaufen Sie Nahrungsmittel aus biologischer Produktion? «Immer», antworteten 7 Prozent. «Meistens» erklärten 33 Prozent der Befragten. Weitere 34 Prozent gaben an, «gelegentlich» Bio-Produkte zu kaufen.

Seien wir konservativ und nehmen an: «Immer» heisst 100 Prozent, «meistens» 60 und «gelegentlich» 10 Prozent. Wenn diese Selbstdeklaration stimmte, müssten 30 Prozent aller in der Schweiz konsumierten Nahrungsmittel aus biologischer Produktion stammen.

Deklaration und Wirklichkeit

Der Reporter staunte und besuchte eine der Metzgereien im Lande, die Bio-Fleisch mit dem Label Fidelio anbieten. «Fidelio oder konventionell?», fragte der Metzger. Neun von zehn Kunden wählten «konventionell», also weder umweltverträglich noch tierfreundlich. Der Anteil des (teureren) Biofleisches mache bloss 10 bis 12 Prozent seines Umsatzes aus, bestätigt der Ladeninhaber. War der Reporter im falschen Geschäft? Oder lügen sich die Leute bei Umfragen in die eigene Tasche?

Die Antwort liefert Bio Suisse. Das ist der Verband der Schweizer Bio-Landwirtschaft, der die «Bio-Produkte», die seine Anforderungen erfüllen, mit der Knospe kennzeichnet. Gemäss Bio-Suisse-Statistik übers Jahr 2014 beträgt der wertmässige Anteil aller Bio-Produkte (Knospe- und weitere Bio-Produkte) am Schweizer Nahrungsmittelmarkt 7,1 Prozent. Das zeigt: Der wahre Bio-Lebensmittelmarkt ist insgesamt nur etwa ein Viertel so gross wie die deklarierten Bio-Einkäufe der befragten Personen.

Viel Bio-Eier, wenig Bio-Fleisch

Bei den 7,1 Prozent handelt es sich um alle biologisch erzeugten Nahrungsmittel zusammen. Je nach Art gibt es deutliche Abweichungen: Am höchsten ist der Bio-Anteil bei den Eiern; bei Milch, Brot, Gemüse und Früchten liegt er ebenfalls über dem Mittelwert. Deutlich unter dem Durchschnitt liegt der Bio-Anteil bei Süsswaren, Getränken, Käse und Fleisch, siehe die genauen Zahlen in dieser Grafik:

Beim Fleisch ist der geringe Bio-Anteil deshalb relevant, weil die Produktion von Fleisch die Umwelt besonders stark belastet. Denn bei der Umwandlung von pflanzlichem Futter zu Fleisch gehen viele Nahrungskalorien verloren. Bei der Produktion von konventionellem Fleisch ist der Anteil von Kraftfutter wie Mais, Weizen oder importiertem Soja deutlich höher als bei Bio-Fleisch. Denn Vieh, das die Anforderungen der Bio-Labels erfüllt, frisst mehr einheimisches Gras oder Heu, also Raufutter, das sich nicht anders als zur Fleisch- und Milchproduktion verwerten lässt. Zudem sind in Bio-Betrieben die Anforderungen an den Tierschutz strenger als bei gewöhnlichen Mastbetrieben.

Den geringen Anteil an Bio-Fleisch begründet Beat Kohli, Leiter der Organisation Fidelio, mit der Preisdifferenz: Bio-Fleisch sei in letzter Zeit eher teurer, konventionelles Fleisch billiger geworden. Zudem sei das Angebot begrenzt, weil die Bio-Produktion beim Fleisch besonders anspruchsvoll sei und je nach Saison schwanke. Fidelio beliefert primär Bio-Fachgeschäfte, Restaurants und rund zehn Metzgereien in der Schweiz.

Coop und Migros als Bio-Leader

Der Schweizer Bio-Lebensmittelmarkt erzielte 2014 einen Umsatz von total 2,2 Milliarden Franken, zeigt die Statistik weiter. Davon entfallen knapp 20 Prozent auf den Bio-Fachhandel sowie die Direktvermarktung. Den Löwenanteil der Bio-Produkte verkaufen die beiden Grossverteiler Coop und Migros; sie erreichen zusammen einen Marktanteil von 75 Prozent.

Coop allein erzielt annähernd die Hälfte des Schweizer Bio-Umsatzes; dies primär mit Knospe-Produkten. Die Migros als Nummer 2 setzt auf eigene Bio-Labels, erfüllt damit aber ähnlich hohe Anforderungen. Speziell lobt die Migros-PR-Abteilung ihr Angebot an Bio-Weide-Fleisch. Der Anteil von Bio am gesamten Migros-Fleischabsatz betrage heute vier Prozent.

Starkes Wachstum auf tiefem Niveau

Gemessen am Schweizer Lebensmittelmarkt ist der siebenprozentige Anteil von Bio-Produkten heute noch bescheiden. Doch die Wachstumsraten liegen weit über dem Durchschnitt: Allein von 2010 bis 2014, so zeigt die Bio-Suisse-Statistik, stieg der wertmässige Absatz von Bio-Produkten in der Schweiz um 32 Prozent auf die erwähnten 2,2 Milliarden Franken.

Während in diesem vierjährigen Zeitraum das Wachstum beim Bio-Fachhandel (plus 22 Prozent) und beim Marktleader Coop (plus 28 Prozent) unterdurchschnittlich ausfiel, verzeichneten Migros (plus 46 Prozent) und die Direktvermarktung (plus 36 Prozent) bei Bio-Produkten ein überdurchschnittliches Wachstum. Im übrigen Detailhandel inklusive Warenhäuser stiegen die Bio-Verkäufe – auf tiefem Niveau – um 30 Prozent.

«Bio» ist nicht immer gleich bio

Qualitativ gibt es bei den Anforderungen an biologisch produzierte Nahrungsmittel beträchtliche Unterschiede. Das bestätigt eine Bewertung von 31 Labels, die Umwelt- und Konsumverbände 2015 veröffentlichten (www.labelinfo.ch).

Zu den «ausgezeichneten» oder «besonders empfehlenswerten» Bio-Labels zählen die Autoren die Knospe von Bio-Suisse sowie folgende Firmenlabels, welche die Knospe-Kriterien weitgehend erfüllen: KAG-Freiland, Coop-Naturaplan, Biotrend (Lidl), Bio Natur Plus (Manor), Demeter, Naturland, die Fleischlabels Natura Beef Bio, Fidelio und Bio-Weide-Beef (Migros) sowie das eigenständige Weinlabel Delinat. Das Label Migros-Bio erfüllt für Inlandprodukte die Anforderungen der Knospe, für Importprodukte die tieferen Anforderungen der EU-Bioverordnung.

Nicht bio sind folgende weiteren grünen Labels: IP-Suisse, TerraSuisse (Migros), Natura Beef, Coop-Naturafarm oder Agri-Natura (Volg u.a.). Diese kennzeichnen Produkte, die aus Integrierter Produktion (IP) mit erhöhten Anforderungen stammen; IP erlaubt den Einsatz von Kunstdünger oder Pestiziden. Teilweise erfüllen aber auch diese Labels strengere ökologische oder tiergerechte Kriterien als ausländische Bio-Labels, die sich an der EU-Bioverordnung orientieren. Der Überblick im Label-Dschungel wird zusätzlich erschwert, weil Labels oft ähnliche Namen tragen. Bei Coop etwa heisst das Bio-Label Naturaplan, das IP-Label Naturafarm.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

"Wie oft» ist falsch gefragt. Da wird nach der Häufigkeit aber nicht nach der Menge gefragt - falls die Frage wirklich so lautete.

Ich kaufe zwei Mal die Woche beim Biobäcker Brot - sein Dinkelbrot ist einfach unschlagbar, am Mittwoch auf dem Gemüsemarkt beim Stand eines Biobauer und den Rest kaufe ich am Samstag in der Migros.

Ich kaufe also oft im Bioladen oder beim Biobauer. :-)
Franz Abächerli, am 17. Februar 2016 um 10:09 Uhr

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