Griechenland – die tickende Zeitbombe

Ernst Wolff © cc
Ernst Wolff / 28. Apr 2015 - Eine Diktatur wäre für internationale Konzerne und Investoren am attraktivsten.

Drei Monate nach dem Wahlsieg des Bündnisses Syriza treibt Griechenland weiter ins Ungewisse. Die Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission ist bis heute keinen Millimeter von ihrer kompromisslosen Linie abgewichen. Sie fordert nach wie vor, dass die arbeitende griechische Bevölkerung für die Schäden aufkommt, die rücksichtslose Banker und ihre politischen Verbündeten angerichtet haben.

Versprechen nicht eingelöst

Die vergangenen acht Wochen haben aber auch gezeigt: Der Syriza-Flügel unter Alexis Tsipras, der die neue Regierung bildet, hat dieser Kampfansage nichts entgegen zu setzen. Obwohl er seinen Wählern vor dem 25. Januar ein Ende der Austerität angekündigt hatte, hat Tsipras sein Versprechen bis heute nicht eingelöst. Im Gegenteil: Seine Regierung betont bei jeder Gelegenheit, sich der Troika unterordnen zu wollen und hat inzwischen sogar begonnen, Gelder von Pensionsfonds, staatlichen Institutionen und öffentlich-rechtlichen Betrieben einzutreiben, um damit Staatsschulden zu begleichen.

Rückhalt bei der Bevölkerung nimmt ab

Für die arbeitende Bevölkerung in Griechenland ist die entstandene Situation mehr als ernüchternd: Ihr Gegner, die Troika, hat ihr den Krieg erklärt und ihr vermeintlicher Verbündeter, die Regierung Tsipras – Varoufakis, schaut nicht nur zu, sondern fällt ihr auch noch in den Rücken. Kein Wunder, dass sich Protestaktionen und Streiks häufen und die Regierung in öffentlichen Meinungsumfragen weit hinter ihre früheren Werte zurückfällt.

Ein Berg fauler Kredite, für welche die Steuerzahler haften

Trotz dieser kritischen Entwicklung sind die Probleme in Griechenland nur ein kleiner Teil eines weitaus grösseren Problems. Dessen Ausmass lässt sich erahnen, wenn man sich die Zahlen ansieht, die der IWF auf seiner Jahrestagung in Washington vorgelegt hat: Das Bankenwesen der Eurozone sitzt derzeit auf faulen Krediten von 900 Milliarden Euro. Zwei Drittel dieser Kredite entfallen auf die Länder Italien, Spanien, Irland, Zypern und Griechenland.

Der grösste Teil dieser Schulden ist inzwischen von privaten Geldhäusern an die öffentlichen Finanzinstitutionen der Eurozone abgetreten worden, so dass jetzt nicht mehr die Grossbanken und Hedgefonds, sondern die Steuerzahler der EU-Länder für sie haften.

Dazu kommt, dass die Euro-Wirtschaft stagniert und in eine Rezession abzugleiten droht, während deflationäre Tendenzen sich trotz massiver Geldspritzen durch die EZB halten. Inflationäre Tendenzen dagegen zeigen sich an den Anleihemärkten, den Börsen und am Immobiliensektor, wo sich riesige Blasen gebildet haben, die jederzeit platzen können.

Warnung des Weltwährungsfonds

Eine besonders wichtige Information des IWF findet sich in seinem «Global Financial Stability Report». Dort liest man: «Die Risiken im globalen Finanzsystem sind seit Oktober gestiegen und haben sich in Teile des Finanzsystems bewegt, wo sie schwerer einzuschätzen und schwieriger zu behandeln sind

Dies ist nichts als eine überaus beschönigende Formulierung der Tatsache, dass das Schattenbankensystem trotz aller anderslautenden Beteuerungen von Politikern nicht kleiner, sondern grösser geworden ist. Anders ausgedrückt: Auf dem unregulierten Markt der Finanzprodukte wird mit unverminderter Hemmungslosigkeit spekuliert.

Casino-Spekulation bedroht Realwirtschaft

Um die Grössenordnung dieser Spekulation zu verdeutlichen, hier ein Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands (die Summe aller produzierten Waren und erbrachten Dienstleistungen) betrug im Jahr 2014 2,9 Billionen Euro, dasjenige der gesamten Eurozone 9,9 Billionen Euro. Der Derivatebestand der Deutschen Bank (Derivate sind Finanzprodukte, die mit der Realwirtschaft nichts zu tun haben, vereinfacht ausgedrückt: Finanzwetten) belief sich im selben Zeitraum auf fast 50 Billionen Euro.

Im Klartext bedeuten diese Zahlen: Die Eurozone ist seit der Krise von 2007 / 2008 nicht sicherer, sondern erheblich unsicherer geworden. Die Mittel, die zur Rettung des Systems eingesetzt wurden, sind so gut wie erschöpft. Und das Roulettespiel auf dem Markt der Derivate hat nicht nur zugenommen, sondern inzwischen ein Ausmass erreicht, das kaum mehr zu beherrschen ist.

Angst vor riesigen Abschreibern

Hier liegt auch der Grund, weshalb Griechenland nicht fallen gelassen, sondern trotz ständig gegenteiliger Beteuerungen immer wieder durch neue Kredite vor dem Zusammenbruch gerettet wird: Ein Staatsbankrott würde nicht nur bedeuten, dass europäische Finanzinstitutionen mehr als eine Viertel-Billion Euro an Krediten abschreiben müssten. Er würde auch dazu führen, dass Kreditausfallversicherungen in Billionenhöhe fällig würden.

Da der Markt der Kreditausfallversicherungen nicht reguliert ist, kann niemand sagen, zwischen welchen Parteien diese im Einzelnen abgeschlossen wurden. Es ist aber davon auszugehen, dass neben der Deutschen Bank in erster Linie die sechs grössten US-Banken betroffen sind, die in diesem Bereich den globalen Markt beherrschen. Es ist also auch für die Wall Street und die US-Regierung zwingend notwendig, Griechenland und die gesamte Eurozone nicht zusammenbrechen zu lassen.

Am Horizont droht ein Crash

Hier aber liegt der Kern des Problems: Das gegenwärtige Finanzsystem ist im Grunde eine toter Organismus, der nur künstlich am Leben erhalten wird, weil alle Beteiligten fürchten, im Fall eines Crashs zu den Verlierern zu gehören. Die Situation gleicht einer Fahrt in einem luftgekühlten Auto, dessen Motor überhitzt ist und dessen Fahrer versucht, ihn durch immer schnelleres Fahren zu kühlen. So wie der Motor in diesem Beispiel irgendwann explodieren muss, werden auch die Eurozone und mit ihr das globale Finanzsystem auseinanderfliegen. Die Frage ist gegenwärtig nur, was den finalen Crash auslösen und was sich möglicherweise noch vor seinem Eintreten ereignen wird.

Weltweite Aufrüstung und zunehmend soziale Unruhen

Hier allerdings muss man auf zwei Entwicklungen hinweisen, die für die Zukunft entscheidend sein werden: Zum einen die weltweite Aufrüstung, zum anderen das Bevorstehen schwerer sozialer Unruhen.

Zwei Weltkriege haben bewiesen, dass Staaten in Zeiten höchster Not nicht davor zurückschrecken, zu den Waffen zu greifen: Kriege kurbeln die Wirtschaft an, schaffen Arbeitsplätze, sorgen durch Zerstörung für neue Investitionsmöglichkeiten, lenken die Bevölkerung von den wahren Schuldigen an ihrer Misere ab und vereinen sie im Kampf gegen einen äusseren Feind. Die auf Russland abzielende Dämonisierungskampagne der USA gegen Wladimir Putin, die gegen China gerichtete Politik des «pivot to Asia», Frankreichs Feldzüge in Afrika und auch das neue Erwachen des deutschen Militarismus dienen genau diesem Zweck.

Überwachungsstaat und Militarisierung als Vorbereitung sozialer Unruhen

Der Aufrüstung nach aussen entspricht eine Aufrüstung nach innen. Die Finanzindustrie und die ihr hörigen Regierungen sind fest entschlossen, das bestehende System bis zum letzten Atemzug am Leben zu erhalten, aber alle Beteiligten wissen genau, dass das nur über weitere Austeritätsrunden, eine zunehmende Senkung des Lebensstandards bis hin zur völligen Verarmung grosser Bevölkerungsteile zu erreichen ist. Also bereiten sie sich durch den Ruf nach «Law and Order», durch die Militarisierung der Polizei, die Schaffung neuer Einheiten (die angeblich vor terroristischen Gefahren schützen sollen) und durch Notfallpläne für Volksaufstände ganz bewusst auf soziale Unruhen vor.

Syriza soll Wahlversprechen nicht einhalten können

Hierbei wird Griechenland als tickende Zeitbombe eine ganz wesentliche Rolle spielen. Das Land hat der Troika bei der Durchsetzung von sechs Austeritätsprogrammen bereits als Labor gedient, in dem die Reaktion der Bevölkerung auf immer brutalere Sparmassnahmen getestet wurde. Diese Rolle soll das Land auch weiterhin spielen: Die Regierung Tsipras wird in der vor uns liegenden Phase von der Troika mit eiserner Härte gezwungen werden, von all ihren Wahlversprechen abzurücken und die Politik der Vorgängerregierungen fortzusetzen.

Das allerdings wird Syriza in einen schweren Konflikt mit denen führen, die sie gewählt haben. Die Anfänge dieses Konfliktes sehen wir zurzeit: Erste Protestaktionen, erste Streiks und die Räumung der Athener Universität sind nur vereinzelte Anzeichen der zukünftigen Entwicklungen. Mit jeder Massnahme, mit der sich die Regierung Tsipras der Troika weiter beugt, wird die Wut in der Bevölkerung wachsen, bis sie sich am Ende in gewaltigen sozialen Ausbrüchen entladen wird.

Der Arabische Frühling lässt grüssen

Wer wissen will, wie die herrschenden Kräfte dann reagieren, sollte sich das Schicksal des Arabischen Frühlings, insbesondere das Ägyptens, ins Gedächtnis rufen. Dort reagierten die Mächtigen nach den Protesten auf dem Tahrir-Platz zunächst zögerlich, dann mit einigen Zugeständnissen. Als es allerdings ernst wurde, schlug ihre Stimmung um: Sie liessen sämtliche Proteste mit brutaler Gewalt unterdrücken und setzten schlussendlich auf das Militär, das seitdem ein diktatorisches Regiment führt.

Militärdiktaturen schaffen günstiges Klima für Investoren

Wer nicht glaubt, dass eine Wiederholung dieser Ereignisse in Griechenland droht, der sei an die Militärdiktatur des Landes von 1967 bis 1974 erinnert. Und wer nicht glaubt, dass die internationale Finanzindustrie mit der Errichtung einer solchen Diktatur höchst einverstanden wäre, dem sei die Financial Times vom Januar 2015 empfohlen, die der Welt mitteilte: Das für internationale Investoren attraktivste Land im Jahr 2014 war das seit Sommer 2013 vom Militär beherrschte Ägypten.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ernst Wolff, 1950, wuchs in Südostasien auf, ging in Deutschland zur Schule und studierte in den USA. Er arbeitete als Journalist und Drehbuchautor. Die Wechselbeziehung von Wirtschaft und Politik, mit der er sich seit vier Jahrzehnten beschäftigt, ist für ihn von höchster Bedeutung.

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12 Meinungen

Der Beitrag deutet an, dass Diktaturen wie Portugal, Chile, Griechenland (zur Zeit der Militärdiktatur) und China nebst ihren Erbärmlichkeiten die Fähigkeit vorschützten, mit Geld umgehen zu können, zumal sie nicht flächendeckend «peronistische» Wahlgeschenke abdecken mussten. Letzteres hat zum Beispiel Deng Hsiao Ping an Pinochet gerühmt. Salazar brachte es zum Diktator einer für Portugal vergleichsweise ruhigen Uebergangszeit 1928 - 1974, weil er ein brauchbarer Finanzminister war. Dass die Pasok und die Nea Demokratia nicht mit Geld umgehen konnten, der Beitritt zur EU ein krimineller Akt des Betrugs war, daran sind die Banken so wenig schuld wie sie nur bedingt daran schuld sein können, dass etwa drogensüchtige Kunden nicht mit immer neuen hochverzinslichen Kleinkrediten umgehen können. Herr Wolff sollte sich als Berater der Syriza und als neuer griechischer Finanzminister zur Verfügung stellen. Unbeschickter benehmen als Varoufakis mit seinem Auftritt vor dem holländischen EU-Finanzminister in Griechenland (von dem er umgehend Geld wollte), seinem die eigenen Wähler verarschenden Glamour-Interview in Paris- Match, seiner Brüskierung Schäubles und seiner grossmauligen internationalen Interview-Politik (Politik aus dem Fenster) kann er sich wohl nicht. Der Unterschied Griechenlands zu einem Normalbankrott liegt vorab im politischen Erpressungspotential. Reparationsforderungen an Deutschland sollten jedoch wohl besser auf die Zeit nach dem «Grexit» verschoben werden.
Pirmin Meier, am 28. April 2015 um 14:12 Uhr
In Sarnen waren keine Franziskaner, sondern Benediktiner, in Stans Kapuziner. Ihre psychischen Probleme in Stans würde ich nicht verallgemeinern. Man hat sich dort auch mit der Befreiungstheologie auseinandergesetzt, und das Preis-Leistungsverhältnis pro Schüler im Vergleich zu den Kosten eines Gymnasiums heute war beeindruckend. Dank Griechisch konnte man sogar die Bibel im Original lesen. Heute ist Stans die Kantonsschule Nidwalden, wo ich schon wiederholt auf Lesetour war, etwa mit der Homosexuellengeschichte von Heinrich Federer am Stanserhorn. Was allerdings den früheren Rektor, Pater Bertram, betrifft, so hat er mal einen Schüler, der ihn «Psychopath» nannte, aus der Schule rausgeworfen, so dass dieser dann die Matura bei den Benediktinern in Sarnen machte. Aus diesen katholischen Schulen sind mindestens so viele Linke hervorgegangen wie aus rein staatlichen Kantonsschulen, je nachdem sogar ziemlich radikale. Ändert aber nichts daran, dass die Sicht von Herrn Wolff etwa auf den IWF hoch ideologisch ist und das Problem Griechenlands völlig unfähige und korrupte Regierungen seit Jahrzehnten, selbstverständlich waren die Militärdiktatoren auch nicht besser. Irgendwannmal ist das Geld anderer Leute ausgegeben. Über die Folgen des Schuldenmachens hat sich auch Thales von Milet geäussert, dessen Sprüche wir in Sarnen auf Griechisch gelesen haben. Gegen den ersten Schweizer IWF-Kredit hat sich vor Jahrzehnten der Schweizer Rechte James Schwarzenbacht gewandt, ohne Erfolg.
Pirmin Meier, am 29. April 2015 um 07:15 Uhr
Vergessen Sie nicht den Alt-Disentiser N. Meienberg, der von Kollegen vielfach um seine humanistische Bildung benieden wurde, auf die er recht stolz war und die er gegen die IBM-Welt und die Welt der Bahnhofstrasse abzugrenzen wusste. Meienberg hätte zum Thema wohl eine unterhaltsamere Geschichte hingekriegt als Wolff mit weniger ideologischen Rechthabermodellen, dafür mehr konkreten Geschichten. Selber würde ich immer noch lieber in Griechenland leben wollen (schrieb vor Jahrzehnten darüber eine Reportage), wo die Menschen schon zur Zeit der Diktatur über weite Strecken, wie die Süditaliener, von einer Schattenwirtschaft lebten, als in der Ostukraine. Die griechischen Verhältnisse erinnern etwas an Südamerika, zumal Argentiniens zur Zeit des Peronismus. Das Leben nach dem Kollaps, für den andere büssen müssen, wird nicht aussichtslos sein. Für diesen Kollaps sind Schweizer Klosterschüler nur bedingt zur Verantwortung zu ziehen. Wahr ist freilich, dass unter Schweizer Bankern immer wieder Theologen anzutreffen waren, so Ernst Bieri, der noch mit 18 Jahren ein SJW-Heft schrieb und Wehrli, einer der wichtigsten Bekämpfer der Abzockerinitiative, für die ich mich bekanntlich ziemlich engagiert habe. Deren Initiant, heute Ständerat, blickt übrigens wie Sie mit Riesenwut auf den seinerzeitigen, in seinem Fall protestantischen Religionsunterricht zurück. Mit Ihnen, ES, würde ich mich nicht ungern mal über die Psychologie des Zinsverbotes, von Papst Martin V. gelockert, unterhalten.
Pirmin Meier, am 29. April 2015 um 08:16 Uhr
Entschuldigung kurz: Aber das vorher hätte man nicht schöner vom Berg rufen können. „Hans was Heiri“, aber eventuell ist Ernst Buddhist und die halten Casino und Realwirtschaft auseinender. Und das wollen wir doch auch alle, oder? Wieso sind dann die Gesetze anders? Weil die Wirtschaft selbst ein Delikt ist oder jedenfalls das Resultat daraus? Weil wir alle widersprüchlich sind und widersprüchlich handeln? Weil wir nicht fähig sind das Kernproblem zu lösen? Weil die Rechte und die Linke nicht in Reih und Glied hintereinander hergehen kann, weil dann nicht jeder einen Fensterplatz vorne raus hat? Das Kernproblem welches schon das alte Rom betraf und die Umschreiberei unserer Bibel verursachte? Den Marignano-Schrott, etc?
Hansjörg Bracher, am 29. April 2015 um 08:54 Uhr
@Schönenberger. Sie verkennen die Ansätze meiner historisch-volkskundlichen Publizistik oder meine alternative Geschichtsschreibung betr. Micheli du Crest oder meine Forschungen über Franz von Baader, der 30 Jahre vor Marx die Grundlinien des Proletariats in England beschrieb. Ich publizierte 2014 in Argovia auch über das Geschichtsbild von Robert Grimm. Mein Forschungsansatz geht jedenfalls nicht von der Verteidigung des sog. Kapitalismus aus. Die Details sind zu kennen, Bücher muss man täglich gelesen haben, ohne Quellenerschliessung geht nichts. Über Geschichte der Psychiatrie im 16. Jahrhundert gibt nun mal via Paracelsus einen Einblick, den die anderen, die sich damit nicht beschäftigt haben, vermissen lassen. Das sind Gesichtspunkte, die mit Ihren eigenen interessanten Lebensthemen zu tun haben. @Bracher. Marignano-Schrott? Wollen Sie sich von Ihrer Blocher-Aversion verblöden lassen? Haben Sie die Marignano-Ausstellung im Landesmuseum gesehen, wie stark Mailand für das Werden der Eidgenossenschaft schicksalhaft wurde? Haben Sie sich mal mit Zwingli und dem Söldnerführer Konrad Scheuber, Enkel von Bruder Klaus befasst im Zusammenhang mit Marignano und der Bedeutung der Heimkehrer und Nichtheimkehrer von 1515 für die Sozialgeschichte etwa in der Innerschweiz und was dies alles dann für das Werden der Eidgenossenschaft bedeutete? Es war tatsächlich ein Wendepunkt unserer Geschichte. Blocher u. Maissen sah ich nie in den Archiven von LU, NW und UR, die werden überschätzt.
Pirmin Meier, am 30. April 2015 um 11:34 Uhr
Bündnisse sind schon richtig nur sollte Patriotismus und Neutralität nicht zum Eigennutz missbraucht werden. Da habe ich schon eher eine Leutenegger Manie. Aber auf dieser Schiene will ich nicht fahren und nimm das Wort „Schrott“ zurück und ersetze es mit „Gefecht“ entschuldigen Sie.
Und in Wirklichkeit ist die Globalisierung (noch/nie) nicht annähernd so verflochten wie die zugehörenden Staaten. Und auch der Bauer kann nicht entfliehen (sonst würde er sich nicht immer zurück melden;-), genausowenig wie die Frau des Trappers vor dem Bären:-(
Nur Dialog kann es noch bringen. Und diese Bücher sind noch nicht geschrieben. Und das Kernproblem liegt im Handel.
Handel ist ursprünglich über Handel sind wir alle verbunden. Wenn Handel von aussen zu arg manipuliert wird, oder vergessen wird diesen vorsorglich und im korrekten Gefälle zwischen Lieferkette und Endverbraucher zu halten, dann entstehen Konflikte.
Wenn man Eigentümer bevormundet oder enteignet, dann entstehen Konflikte.
Wenn ein Staat meint er dürfe eine Sache in umgekehrtem Sinn einsetzen, welche er - vom - im Staat unternehmerisch agierenden Volk angewendet - als illegal bezeichnet, dann entstehen (sich des eigentlichen Problems nicht bewusst (bewusst werden zu wollen [zu müssen]) soziale Unruhen.
Hansjörg Bracher, am 30. April 2015 um 13:00 Uhr
@§ 1Mai
Keine Welt steht auf dem Kopf, nur die Weltanschauung kann verkehrt sein.

Und wenn der König auf seinem schönen Berg einen Schatten wirft, ist das dann plötzlich nicht nur mehr seine Sache.
Und daran ist das Kernproblem zwischen Verstand und Herz und dann der Enteignung einer Errungenschaft zu lösen und dies nun zum Wohle und möglichts grosser Chancengleichkeit ohne Verlogenheit umzusetzen.
Wenn also die Errungenschaft etwas verlangt, was unter dem Aspekt der Chancengleichheit nicht umsetzbar ist, ist es verboten.
Und selbst der König des Tierreichs kann nicht schreiben.
Nur soll dieser nicht die „dahergelaufenen Hintermänner“ fressen, sondern jene welche auf dem Berg hockt und behauptet den Wettbewerb nicht in eine Richtung zu steuern oder zu lenken.
Hansjörg Bracher, am 01. Mai 2015 um 07:58 Uhr
@Auch Paracelsus behauptete kurz vor seinem Tode, in den letzten 20 Jahren kein Buch (seiner Gegner) mehr gelesen zu haben. Liest man ihn selber nicht, weiss man nichts über die «Psychiatrie» des 16. Jahrhunderts und es fehlen einem auch einige Grundlagen für die Kritik der Psychiatrie von damals bis zur Gegenwart. Man kann sich auch weigern, was bei Schweizer Hochschulprofessoren normal ist, die Lebensgeschichte des am längsten eingesperrten politischen Gefangenen der Schweiz, Micheli du Crest (19 Jahre Einzelhaft auf der Aarburg) zur Kenntnis zu nehmen. @1. Mai. Keineswegs ein bornierter Aufklärungsverweigerer war der Autodidakt und Sozialist Robert Grimm. Er hat in seiner «Geschichte der Schweiz in Klassenkämpfen», in Festungshaft geschrieben, mit einem schönen Porträt Michelis den Erwecker Rousseaus aus der Vergessenheit zu reissen versucht. Allerdings hatte er nicht die Zeit, ein paar Jahre in die Quellen dieses Revolutionärs zu investieren. Natürlich darf man blöd bleiben und nicht wissen wollen, dass es in der Schweiz eine Persönlichkeit gab mit einem ähnlichen Schicksal (nur ohne Happy End) wie Nelson Mandela. Die allergrössten Idioten lesen nie etwas von jemandem, von dem sie denken, dass sie mit dem politisch nicht einverstanden sein könnten. So dachte und denkt immerhin der linke Polit-Theoretiker Andy Gross nicht. Es ist aber klar, dass man mit einem Buch heute und schon früher die Welt nicht verändert, das brachten mutmasslich weder Marx noch Varoufakis fertig.
Pirmin Meier, am 01. Mai 2015 um 08:25 Uhr
@tsend: Die gefährlichste Weltanschauung ist jene Weltanschauung jener, welche die Welt noch nie angeschaut haben. … noch ein schlechterer: „mit jedem Feierabend einmal mehr der politischen Diskrimminierung entronnen“. Soll das so weiter gehn?
Kommen wir also wieder einmal zu ein zwei ungestörten, konkreten Sprüngen/Zügen:
Lässt man @UNO dabei einmal den längst klaren Missstand einer fehlenden Finanztransaktionssteuer beiseite, bleibt also nur noch „weil wir alle widersprüchlich sind und widersprüchlich handeln“ und uns dabei selbst schaden.
Aber wie kann man diesen Teil des Missstands in der modernen Welt ohne zuviel Aufruhr am richtigen Ort manifestieren und korrigieren? Erwachsen doch vor allem dabei weder der produzierenden Wirtschaft noch den Konsumierenden Nachteile.
Am einfachsten wohl in einer Frage wie: Weshalb wird nicht einfach beidseits (alleseits) der Grenzen den Eigentümern ein LIEFERVERWEIGERUNGSRECHT gegenüber Endverkäufern eingeräumt, wenn diese Endverkäufer sich automatische oder manuelle Preisrennen mit Leerangeboten ganz generell im virtuellen Bereich liefern? Geht doch in dieselbe Richtung – Survival oft the Fittest, der Rest ist (ob [Herr/Frau] Gross oder klein) Manipulation.
Hansjörg Bracher, am 01. Mai 2015 um 11:09 Uhr
Zurück zum Thema von Wolff. Man beachte die FAZ von heute mit der Kritik von Joschka Fischer an der griechischen Regierung, übrigens mit z. T. marxistischer Argumentation:

„Aber Tsipras verschleuderte Griechenlands Möglichkeiten“, so Fischer, weil er und andere hohe Syriza-Funktionäre nicht in der Lage gewesen seien, aus ihrer radikalen Oppositionsrolle in die einer an die Macht gekommenen Regierung zu wechseln. „Sie verstanden nicht und wollten nicht den Unterschied verstehen zwischen einer Wahlkampagne und Regieren.“ Eine Oppositionspartei könne große Hoffnungen artikulieren, Versprechen machen und sogar ein bisschen träumen - „eine Regierungspartei kann sich aber nicht in einer imaginären Welt aufhalten oder in einem theoretischen System“, schreibt Fischer - es klingt wie eine Lehre aus seiner eigenen politischen Laufbahn: „Umso träumerischer die Versprechen einer Oppositionspartei sind, umso größer ist die Herausforderung, die Lücke zur Realität zu schließen, wenn diese Partei tatsächlich an die Macht gelangt.“

Fischer - und auch hier weiß er genau wovon er schreibt - unterstellt Tsipras weiter, die gerade in der marxistischen Denktradition betonte dialektische Einheit von Theorie und Praxis vergessen zu haben: „Wenn man mit seinen Gläubigern einen Veränderung aushandeln möchte, ist man kaum erfolgreich, wenn man seine eigene Glaubwürdigkeit zerstört (...) und diejenigen beschimpft, deren Geld man braucht, um einen Bankrott zu verhindern."

Dem ist wenig hinzuzufügen.
Pirmin Meier, am 01. Mai 2015 um 12:57 Uhr
"Militärdiktaturen schaffen günstiges Klima für Investoren"

Das gilt nach heutige Erfahrung nur sehr bedingt. Eine Militärdiktatur schafft wohl ein günstigeres Klima als ein Staat, der im Chaos versinkt. Wirklich erfolgreich waren Diktaturen selten. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass in einer Diktatur die Bevölkerung nur so viel und so gut arbeitet, wie sie muss. Dienst nach Vorschrift, sozusagen. Das ist eine schlechte Voraussetzung für wirklichen Erfolg. Mit vollem Engagement arbeiten Leute meist nur, wenn sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren können und auch die Früchte davon ernten können. Dies ist für breitere Bevölkerungsschichten in demokratischen Staaten viel besser gegeben als in Diktaturen.

China scheint dem zu widersprechen. Für eine abschliessende Beurteilung ist es aber zu früh. Im Moment ist China immer noch in einer Phase des Aufholens. In der Wissenschaft hat es noch keine Vorreiterrolle. BIP-mässig liegt es weit hinter den reichen Ländern zurück. Das relativiert die hohen Wachstumsraten. Auch muss sich erst zeigen, wie stabil die Kombination aus wirtschaftlichen Freiheiten und politischer Bevormundung längerfristig ist.
Daniel Heierli, am 03. Mai 2015 um 20:26 Uhr
Sie haben völlig recht mit Ihrer Ansicht über die langfristige Effizienz von Diktaturen.
Pirmin Meier, am 03. Mai 2015 um 20:29 Uhr

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