Neue Form der Selbstversorgung: Kunden scannen ihre Einkäufe selber ein © YouTube/Toshiba Commerce Solution

Neue Form der Selbstversorgung: Kunden scannen ihre Einkäufe selber ein

Die fatale Rückkehr zur Selbstversorgung

Hanspeter Guggenbühl / 28. Feb 2016 - Arbeitsteilung steigerte die Produktivität. Jetzt geht's zurück. Doch die neue Selbstversorgung ist schlechter als die alte.

Vor der Industrialisierung dominierte die Subsistenz-Wirtschaft. Kleine Wirtschaftseinheiten, von der Einzelperson über die Familie bis zur Dorfgemeinschaft, versorgten sich weitgehend selber. Sie erzeugten ihre eigenen Lebensmittel, stellten einfaches Handwerkszeug her, informierten einander mündlich, unterhielten sich mit Tanz und Gesang, etc. Sie fristeten damit ein einfaches Leben, in Einklang mit und ausgeliefert den Launen der Natur.

Die Wende begann im 18. Jahrhundert: Forschung, Technik, Industrie und motorisierte Transportmittel ermöglichten eine zunehmende Arbeitsteilung, anfänglich regional, später global. Beispiel: Gemüse und Früchte reifen im sonnigen Südeuropa besser als im trüben Norden. Das früh industrialisierte Nordeuropa konnte Maschinen herstellen und Kohle fördern. Also machte es Sinn, wenn Portugal Agrarwaren erzeugte und nach England exportierte, während Englands Industrie Landmaschinen lieferte, die den portugiesischen Bauern die Arbeit erleichterten. Die Theorie dazu lieferte im 19. Jahrhundert der Ökonom David Ricardo. Er legte dar, dass sich mit Arbeitsteilung nicht nur absolute, sondern auch komparative Vorteile gewinnbringend nutzen lassen. Liberale Ökonomen strafen seither jede Subsistenz-Wirtschaft mit Verachtung.

Die Arbeitsteilung steigerte die Produktivität der Wirtschaft und erhöhte den Wohlstand in ungeahntem Masse, zuerst in den Industrie-, später auch in Schwellenländern. Einen Produktivitätsschub brachten auch Druck, Elektronik und Digitalisierung: Kommunikation wurde professionalisiert, liess sich vervielfältigen und rund um den Erdball verbreiten, ebenso der Austausch von Daten aller Art. So weit das Positive.

Allerdings hatte die Abkehr von der Subsistenz hat auch ihre Kehrseiten: Manchen Bauern in der Dritten Welt, die sich einst mit dem Ertrag aus ihren Feldern selber versorgten, geht es schlechter, seit sie sich als Landarbeiter für Agrarkonzerne verdingen, für den Export produzieren und mit dem spärlichen Einkommen nicht genügend Nahrung für ihre Familien kaufen können. Wer einfache Geräte nicht mehr selber reparieren kann, macht sich von der arbeitsteiligen Wirtschaft abhängig und sorgt obendrein dafür, dass Güter schneller in Schrott verwandelt werden. Virtuelle Kommunikation ersetzte persönliche Gespräche und die soziale Funktion des Stammtischs.

Arbeitsteilung steigerte die Produktivität, blähte die Wirtschaft auf und beutete die Natur aus

Mit der Steigerung der Produktivität vervielfachte sich die Wirtschaftsleistung, sowohl gemessen am Güterstrom als auch am Geldfluss. Gleichzeitig förderte die aufgeblähte Wirtschaft die Ausbeutung von nicht nachwachsenden Naturgütern, vom Erdöl bis zu seltenen Metallen. Und sie lässt den ökonomischen Leerlauf ebenfalls wachsen. Beispiele: Energiesklaven in Industrie, Gebäuden und Transport entlasteten die Menschen von körperlicher Arbeit so weit, dass diese ihre Körper in kommerziellen Sportzentren fit trimmen müssen. Rasche Innovationen in der Produktion und im Konsum überfordern viele Leute und erfordern mehr rechtliche, ökonomische oder psychologische Beratung.

Je stärker die Arbeitsteilung die Wirtschaftsleistung erhöhte, desto stärker verdrängte sie die Subsistenz. Denn mit der alten Subsistenz-Wirtschaft lässt sich die umfangreiche Produktion und der vielfältige Konsum auf diesem Planeten längst nicht mehr decken. Elektronik und Computerisierung, die der Industrialisierung folgten, lassen nicht nur die Arbeitsteilung, sondern auch den Ersatz der Menschen durch spezialisierte Maschinen weiter voranschreiten. Hinter der Arbeitswelt lauert der Roboter.

So weit, so bekannt. Doch mittlerweile gibt es den gegenteiligen Trend. Mit dem neudeutschen Begriff «Do it yourself» bahnte er sich anfänglich harmlos an: Statt die Arbeit dem spezialisierten Schreiner zu überlassen, zwingen uns moderne Möbelfabrikanten wie Ikea, vorgefertigte Bretter wieder selber zu Nachttischen oder Wandschränken zusammenzuzimmern. Selbstbedienung in Schnellfrass-Restaurants ersetzt geschultes Personal. Statt Fahrscheine oder Theaterbillette an personell bedienten Schalter zu kaufen, besorgen wir sie zunehmend mit eigenen Knopf- und Tastdrucken an Automaten oder Touchscreens.

Rückkehr zur partiellen Eigenversorgung – wo bleibt der Aufschrei der neoliberalen Ökonomen?

Dieser Gegentrend, die partielle Rückkehr zur Eigenversorgung, macht die Produktivitätssteigerung in der aufgeblähten Wirtschaft teilweise wieder rückgängig. Zur Illustration drei Beispiele:

● Wenn eine aufwendig ausgebildete Hochschuld-Dozentin sich im Einkaufszentrum die Waren nicht nur selber zusammensuchen, sondern obendrein die getätigten Einkäufe eigenhändig mit dem Scanner einlesen muss – und damit den flinken Kassier ersetzt –, so steht das im krassen Widerspruch zu Ricardos Lehre vom komparativen Vorteil.

● Wenn Besitzer von dezentralen Solaranlagen gezwungen werden, sich selber um die Vermarktung ihrer kleinen Strommengen zu kümmern, weil die etablierten Stromverteiler sie mit sinkenden Einspeisetarifen und schikanösen Gebühren aus ihrem Elektrizitätsnetz hinausdrängen, mindern sie den Skaleneffekt und die Effizienz der Stromversorgung.

● Wenn Familie Schweizer nach Konstanz fährt, um Lebensmittel zu raffen und damit den Warentransport über weite Strecken vom Lastwagen auf den ineffizienten Personenwagen verlagert, so spottet das jeglicher Rationalisierung des Warenverkehrs. Werden die vermeintlich gesparten Franken eingesetzt, um den Einkaufsstress mit Yoga- und andern Therapien zu lindern, führt das zu zusätzlichem ökonomischem Leerlauf.

Fassen wir zusammen: Die alte Subsistenz-Wirtschaft ermöglichte den Menschen, karge Bedürfnisse weitgehend unabhängig zu erfüllen. Die arbeitsteilige Wirtschaft erlaubte, ein wachsendes Angebot produktiver zu erzeugen und üppige Konsumbedürfnisse zu decken; sie machte die Produzentinnen und Konsumenten aber abhängiger und plünderte die Natur. Die neue Subsistenz-Wirtschaft senkt die Produktivität, ohne die ökonomische Abhängigkeit der Menschen und den Verschleiss von Naturgütern zu vermindern. Darum ist diese neue Form von Selbstversorgung doppelt fatal. Fragt sich nur: Wo bleibt da der Aufschrei der neoliberalen Ökonomen?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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5 Meinungen

In diesem Bericht wird der «ökologische Leerlauf» als etwas Negatives dargelegt.
Ist er das wirklich?
Stephan Schlegel, am 28. Februar 2016 um 11:45 Uhr
Sorry - es müsste im obigen Text «ökonomischer Leerlauf» heissen!
Stephan Schlegel, am 28. Februar 2016 um 12:49 Uhr
Seit 22 Jahren versorge ich mich mit meiner Familie auf einem kleinen Bauernhöfchen selbst. Wie Motten ans Licht haben zu Beginn der Industrialisierung die geldgierigen und profitsüchtigen Unternehmer die Landbevölkerung von der Scholle weg in die heutigen Asphalt- und Betonwüsten gelockt – so auch meine Vorfahren. Ich kenne daher das Stadt- wie Landleben und weiss, wovon ich spreche. In einem Artikel habe ich die beiden Daseinsformen verglichen (edmund urbauer googeln). Kein Frage für mich, dass ein Leben im Einklang mit der Natur dieses letztlich buchstäblich widernatürliche Existieren in den Metropolen bei weitem übertrifft. Wäre ich der Diktator, würde ich per Dekret all denjenigen, welche wieder zum Ursprung zurückkehren möchten, einen für die Selbstversorgung genügenden Flecken Erde samt den notwendigen Gerätschaften und einer einfachen Behausung zur Verfügung stellen.
RA Edmund Schönenberger, am 28. Februar 2016 um 15:57 Uhr
Das wäre wirklich keine «Diktatur», wenn jedem der MÖCHTE ein Garten gegeben würde.... da ist gar kein Zwang dabei :-)
Hingegen sind die ineffizienten Warentransporte per Personenwagen subventioniert und die transportierte Ware erst noch teilweise steuerbefreit.
Um die Chancen der «alten Selbstversorgung» versus «neue Selbstversorgung» auszugleichen könnten wir jetzt schon nach «Plan Diktator» demokratisch verfahren. Oder umgekehrt alle Mobilitäts-Subventionen streichen, damit wären die Chancen des kleinräumlichen Wirtschaftens auch wieder hergestellt.
Die billige Mobiltität macht die dörflichen Strukturen kaputt.
Urs Lachenmeier, am 28. Februar 2016 um 16:24 Uhr
Andererseits: Die Reduktion von langweiligen Arbeitsstellen durch «do-it-yourself» von Kunden ist eigentlich zu begrüssen.
Alex Schneider, am 29. Februar 2016 um 05:27 Uhr

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