unterricht

Wie gut Lehrpersonen ausgebildet sind, wollen viele Kantone nicht so genau wissen. © SRF

Lehrkräftemangel: Zahlenschieberei in Kantonen

Pascal Sigg /  Weniger Lehrpersonen als bekannt sind genügend ausgebildet. Zahlen, die Kantone nicht gern nennen, sind teils deutlich gestiegen.

Wo ausgebildetes Lehrpersonal fehlt, leidet die Bildungsqualität. Dies zeigte vor wenigen Monaten eine Umfrage zur PISA-Studie (Infosperber berichtete). Doch wie viele Lehrpersonen derzeit ungenügend ausgebildet sind, ist nicht ganz klar, weil sich viele Kantone nur wenig dafür interessieren oder intransparent kommunizieren.

Immerhin: Das Bundesamt für Statistik erhebt jedes Jahr Zahlen über den Ausbildungsgrad des Lehrpersonals an Schweizer Volksschulen. Die Zahlen werden aufgrund des öffentlichen Interesses erhoben. Sie kommen aus den Kantonen und werden zum Teil von Gemeinden direkt geliefert. Das Amt publiziert die Zahlen zum abgelaufenen Schuljahr jeweils acht Monate nach dessen Ende im März des darauffolgenden Jahres. Infosperber hat erstmals im November 2022 darüber berichtet.

Wenig beachtete Statistik

Infosperber hat die neusten absoluten Zahlen aus den Kantonen mit Fokus auf die nicht voll qualifizierten Lehrpersonen ausgewertet. Wichtig dabei: Die vom BFS publizierten Werte beziehen sich nur auf den Regelklassenunterricht. Der Unterricht in Einführungsklassen, Klassen für Fremdsprachige, anderen Sonderklassen und Sonderschulklassen wurde aus der Analyse ausgeschlossen.

Weil die Kantone die Zahlen nicht einheitlich erfassen, sind interkantonale Vergleiche wenig aussagekräftig. Immerhin lassen sich innerkantonale Trends über die letzten fünf Jahre ablesen. Sie lassen vermuten, dass hauptsächlich Westschweizer Kantone das Problem eindämmen konnten. In fast allen Deutschschweizer Kantonen hingegen steigt der Anteil an nicht voll qualifiziertem Personal auf allen Stufen – trotz gegenteiliger Beteuerungen basierend auf anderen Zahlen.

Stetiger Anstieg auf tiefem Niveau

Auf der sogenannten Primarstufe 1– 2, vielerorts der Kindergarten, zeigt die Statistik einen dramatischen Anstieg im Kanton Glarus. Aber auch in Kantonen mit bisher tiefen Anteilen an nicht voll qualifiziertem Personal wie beispielsweise Graubünden, St. Gallen oder Schaffhausen hat sich dieser in den letzten fünf Jahren vervielfacht.

primar-1-2
Anteil der nicht voll qualifizierten Lehrpersonen in Vollzeitäquivalenten. Daten: BFS.

Primarschule: Anteil ungenügend Ausgebildeter immer höher

In der Primarstufe 3–8, also vielerorts die 1. bis 6. Primarschulklassen, zeigt sich ein ähnliches Bild. Dies allerdings auf höherem Niveau. Hier verzeichnen Kantone wie Bern, Glarus oder Schaffhausen teilweise dramatische Anstiege innert weniger Jahre.

primar-3-8
Anteil der nicht voll qualifizierten Lehrpersonen in Vollzeitäquivalenten. Daten: BFS

Sekundarschullehrpersonen fehlen fast überall

Auf Sekundarstufe 1 ist die Situation am schwierigsten. Fast alle Kantone melden hier die höchsten Anteile. In einigen Kantonen ist eine von vier Lehrpersonen nicht voll für ihren Beruf qualifiziert.

sekundar-1
Anteil der nicht voll qualifizierten Lehrpersonen in Vollzeitäquivalenten. Daten: BFS.

Aargau macht nicht mit…

In einzelnen Fällen ist die Datenqualität derart schwach, dass das BFS die Daten als nicht verfügbar kennzeichnet. Ins Auge sticht deshalb, dass von den Kantonen Luzern und Aargau, beide mutmasslich stark betroffen, erstmals Daten fehlen. Das Bundesamt für Statistik schreibt auf Anfrage: «Aus Datenschutzgründen können wir leider nicht schreiben, aus welchen Gründen wir die Daten einzelner Kantone nicht publizieren konnten und wie einzelne Kantone ihre Daten erheben.»

Aus dem Bildungsdepartement des Kantons Aargau heisst es, man habe sich entschieden, keine Zahlen zu liefern, weil diese nicht einheitlich erhoben werden. «Die Aussagekraft der Zahlen ist ohne Zusatzinformationen deshalb gering und ein Kantonsvergleich zur Qualifikation aufgrund der unterschiedlichen Definitionen nicht zulässig.»

Die Präsidentin des Aargauischen Lehrerinnen-und Lehrerverband, Kathrin Scholl, sagte in einem Interview mit der Aargauer Zeitung vor wenigen Tagen, dass genaue Zahlen fehlten, sei für sie «eines der grössten Ärgernisse.»

Scholl weiter: «Der Kanton sagt, es liege an der Informatik. 2016 hat der Kanton sein neues Administrationssystem eingeführt. Bereits damals wurde verkündet, damit sei ersichtlich, wie viele Lehrpersonen ohne Diplom unterrichten. Passiert ist seither nichts, obwohl es politisch schon länger breit gefordert wird.» Der Kanton sehe in der entsprechenden Datenbank nur, welche Lehrpersonen Lohnabzüge wegen fehlender Diplome erhalten. Doch dieser Wert, so Scholl, sei nicht aussagekräftig. Aufgrund des Lehrkräftemangels würden nämlich viele Schulleitungen die Lohnabzüge gar nicht umsetzen, obschon dies obligatorisch wäre und nicht adäquat ausgebildeten Personen höhere Löhne bezahlen als eigentlich erlaubt.

Der Verband will nun mit einer Volksinitiative die Bildung im Kanton verbessern. Scholl sagt gegenüber der Aargauer Zeitung. «Wir sind der Meinung, im Kanton Aargau wird die Bildungsqualität, wie sie die Bundesverfassung fordert, nicht genügend umgesetzt.» In Luzern will die Regierung Massnahmen gegen die sinkende Bildungsqualität ergreifen.

… und auch Luzern hat noch keine Zahlen

Auch aus dem Kanton Luzern fehlten Zahlen, was gemäss Dienststelle Volksschulbildung ebenfalls mit der Lohnklasseneinteilung zusammenhängt. Auf Infosperber-Anfrage heisst es: «In der Statistik des Schulpersonals berechnen wir die Qualifikationen des Lehrpersonals aufgrund der Lohnklassen. Per Schuljahr 2022/23 wurden im Kanton Luzern Anpassungen bei den Lohnklassen vorgenommen. Die darauf beruhende Berechnung der Angaben zur Qualifikation des Schulpersonals hat sich in der Folge verzögert.» Es war der Dienststelle nicht möglich, Infosperber die Zahlen zu nennen. Sie werden im Juni erwartet.

Aber auch Kantone, die Zahlen liefern, tricksen, um das über Jahre gewachsene und teilweise bewusst in Kauf genommene Problem kleiner erscheinen zu lassen, als es ist. Das Bündner Amt für Volksschule und Sport zum Beispiel verkündete, der Lehrkräftemangel existiere im Kanton nicht. Doch Zahlen zu den ausgestellten Lehrbewilligungen wollte es Infosperber nicht nennen. Eine Lehrbewilligung ist in Graubünden nötig, wenn Lehrpersonen auf Stufen unterrichten wollen, für welche sie nicht ausgebildet sind. Gemäss der aktuellsten BFS-Erhebung nimmt auch im Bündnerland der Anteil nicht voll qualifizierter Lehrpersonen stetig zu.

Grosse Diskrepanz im Kanton Zürich

Unklar ist die Situation auch im Kanton Zürich: Da heisst es von offizieller Seite, dass an der Volksschule um die 600 Personen ohne Lehrdiplom angestellt sind. Die BFS-Zahlen zeigen, dass bereits im abgelaufenen Schuljahr über 1000 Vollzeitäquivalente durch nicht vollständig qualifiziertes Personal geleistet wurde. Dies ist beachtlich, wenn man davon ausgeht, dass viele dieser Lehrkräfte Teilzeit arbeiten dürften. Die Diskrepanz ist der Zürcher Bildungsdirektion bewusst. Sie führt auch eine eigene statistische Kategorie «Lehrpersonen mit unvollständiger Ausbildung».

Auf Infosperber-Anfrage heisst es: Es gebe auch viele Personen, die zwar eine pädaogigsche Ausbildung hätten, allerdings nicht vollständig qualifiziert seien. Dabei handle es sich um Personen in Ausbildung auf Sekundarstufe II, in Heilpädagogik, Deutsch als Zweitsprache, sowie solche mit ausländischem Lehrdiplom. Wie die Zahlen zeigen, wächst der Anteil dieser Gruppe im Kanton Zürich stetig. Kommuniziert wird aber hauptsächlich die einigermassen stabile Zahl der Personen ohne Lehrdiplom. Die Bildungsdirektorin nennt sie «liebevoll Poldis» und verkauft deren Zulassung gern als Massnahme gegen den Lehrpersonenmangel.

Auch aus dem Aargauer Bildungsdepartement heisst es, man müsse differenzieren, «ob eine als Lehrperson angestellte Lehrperson nur das falsche bzw. nicht stufengerechte Diplom hat oder ob gar keine EDK-anerkannte Grundausbildung vorhanden ist.»

Kantone finden die Kategorie relevant

Ist es jetzt also wirklich derart wichtig, wie schlecht eine Person, welche Kinder unterrichtet genau ausgebildet ist? Klar ist: Die Kategorie der «nicht voll Qualifizierten», welche einige stark betroffene Kantone in den Medien als wenig relevant zurückweisen, wurde von den Kantonen selber als relevant und nützlich festgelegt. Das Bundesamt für Statistik schreibt nämlich auf Anfrage: «Die Erhebung der Statistik wird gemeinsam mit den kantonalen Fachexperten aus den statistischen Ämtern und den Bildungsdepartementen festgelegt. Auf schweizerischer Ebene ermöglichen die beiden Kategorien «voll qualifiziert» und «nicht voll qualifiziert» eine harmonisierte Darstellung der Resultate.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach drei Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.
Portrait Pascal.Sigg.X

Pascal Sigg

Pascal Sigg ist Redaktor beim Infosperber und freier Reporter.

2 Meinungen

  • am 12.04.2024 um 13:42 Uhr
    Permalink

    Ich denke, das Bildungssystem krankt in verschiedener Hinsicht: Kindergärnter*innen müssen eine Matura haben. Wozu? Wer an einer Pädagogischen Hochschule studiert hat, besucht viele Vorlesungen aber kaum eine bringt für die Praxis irgend etwas. Viel zu theoretische pädagogische Konzepte werden vermittelt, die Studierenden sind grösstmehrheitlich frustriert von den PH-Lehrgängen und die Studienreglemente der PH-Bern ändern im Halbjahrestakt, am Ende wissen weder Direktion noch Sekretariat noch Rechtsabteilung, welche Diplomierungsbedingungen für welchen Studierenden gelten. Mithin wurde ein «Master mono» verlangt, ein Diplom, das es an keiner Universität überhaupt gibt. Es spielt kaum eine Rolle, ob eine Lehrperson die PH durchlaufen hat oder nicht. In ihrem Berufsalltag kann sie aus den Lehrgängen so gut wie nichts anwenden und umsetzen. Die Qualität der Dozierenden ist zu einem grossen Teil absolut unzureichend. Die Verakademisierung der Lehrerausbildung ist nicht zielführend.

  • am 13.04.2024 um 18:15 Uhr
    Permalink

    Während 45 Jahren habe ich den Niedergang und das Auseinanderfallen der Qualität der Volksschule in der Schweiz erlebt und kritisiert. Leider hat die Politik ihre Eigendynamik. Da zählt das verbale Sich-Aufplustern und genau das ist es, was sich in die Schule verlagert hat. Aber eine durch Schaumschlägerei aufgeplusterte Schule kann nicht funktionieren. Im Gegensatz zur Politik. Hier ist es systemrelevant fürs Politisieren..

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...