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Der grösste Raubzug der Geschichte (Teil 1)

Matthias Weik und Marc Friedrich / 02. Aug 2012 - Seit 2008 haben Staaten und damit die Steuerzahler viele Grossbanken gerettet. Was seit 2008 passiert ist, darf man nie vergessen.

(Red. Zahlungsunfähige Banken haben nach allen Regeln der Marktwirtschaft nur Konkurs verdient. Stattdessen haben Regierungen Banken gerettet und ihren Steuerzahlern enorme Risiken aufgebürdet und toleriert, dass betroffene Bank-Manager weiterhin exorbitante Löhne und Boni kassieren. Matthias Weik und Marc Friedrich haben die jüngste Geschichte aufgearbeitet. Aus ihrem Buch «Der grösste Raubzug der Geschichte» bringt Infosperber zwei kurze Auszüge: Ein erster Teil erinnert an die wichtigsten Staatshilfen für Banken. Ein zweiten Teil beantwortet die Frage, warum die Staaten unfähig sind, den Finanzsektor in den Griff zu bekommen.)

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DIE ESKALATION DER BANKEN-PLEITEN SEIT 2008

16,7 Milliarden Dollar Einlagenabflüsse innerhalb einer Woche

Ende September 2008 kommen die grossen Sparkassen in den USA ins Wanken. Nach Einlagenabflüssen in Höhe von 16,7 Milliarden Dollar innerhalb einer Woche wird am 26. September 2008 die Sparkasse Washington Mutual geschlossen und über Nacht an JPMorgan Chase notverkauft. Dies ist die grösste Bankenpleite der US-Geschichte. Kerry K. Killinger, Chef der Bankengruppe Washington Mutual, verdiente im Jahr 2007 stolze 10,2 Millionen Dollar. Zwischen 1998 und 2007 hat er 123,1 Millionen Dollar eingesackt.

Verstaatlichungen quer durch Europa

Am 29. September 2008 werden in Europa weitere Verstaatlichungen von Finanzinstituten vorgenommen. Grossbritannien verstaatlicht die Hypothekenbank Bradford & Bingley. Frankreich, Belgien und Luxemburg retten den Immobilienfinanzierer Dexia mit 6,4 Milliarden Euro vor dem Bankrott. Die Niederlande, Belgien und Luxemburg pumpen 11,2 Milliarden Euro in den Finanzkonzern Fortis.

700 Milliarden-Dollar Steuergelder für US-Banken

Im Oktober 2008 überschlagen sich die Ereignisse. Anfang des Monats stimmt das US-Repräsentantenhaus einem gigantischen Rettungspaket für amerikanische Banken in Höhe von 700 Milliarden Dollar zu. Die Aktienkurse brechen an mehreren Tagen hintereinander um bis zu zehn Prozent ein. Unvorstellbare Aktienvermögen werden global vernichtet.

«Die Spareinlagen sind sicher»

Am 5. Oktober ereignet sich Unglaubliches. Eine sichtlich angekratzte Frau Merkel und ein zerknitterter Herr Steinbrück treten vor die Fernsehkameras und geben ein Statement ab, dass sie die Spareinlagen der Bundesbürger garantieren. Diese absurde und im Notfall nicht realisierbare Staatsgarantie soll einen «Bankenrun» und somit einen Bankenzusammenbruch verhindern. Nachdem ich diese Aussage gehört habe, bin ich sofort zur Bank gefahren und habe meine gesamten Konten leer geräumt – und ich sage Ihnen, ich war nicht der Einzige.

Heute wissen wir, dass es sich bei dieser Aussage um eine sogenannte «politische Erklärung» handelte. Die Welt schreibt am 11.09.2009: «Wer vom Kanzleramt ein klares Bekenntnis zu der Garantie erwartet, wird jedoch enttäuscht. ‚Die Frage stellt sich derzeit nicht, weil es keine akute Bedrohung für die Spareinlagen mehr gibt‘, heisst es dort. Dann folgt: Aus dem Kontext der damaligen Äusserungen werde klar, dass sich die Garantie auf die akute Situation im Herbst 2008 und die damaligen Sorgen vieler Menschen bezogen habe. ‚Eine Unendlichkeitsgarantie kann eine solche Erklärung natürlich nicht haben‘, erklären Merkels Leute.»

Die «Garantie» ist nichts wert

Bis heute wurde die Erklärung nicht gesetzlich verankert, es handelt sich um eine reine Absichtserklärung, da kein Politiker gewillt ist, die Haftung für diesen astronomischen Betrag zu übernehmen. Somit ist es amtlich: Ihre Spareinlagen waren nicht, sind es nicht und werden niemals sicher sein, da niemand einen solch gigantischen Betrag garantieren kann.

Obwohl die Banken sich aufgrund des Ausfallrisikos gegenseitig kein Geld mehr liehen, musste die Politik die Menschen dazu bringen, ihr Geld bei den Banken zu lassen. Denn wird nur jeder fünfzigste Euro abgehoben, bricht das gesamte Finanzsystem zusammen! Es stellt sich die Frage: Warum soll ich einer Bank mein Geld leihen und ihr vertrauen, wenn die Banken sich untereinander aus Mangel an gegenseitigem Vertrauen kein Geld mehr leihen?

Die Finanzkrise greift auf die Realindustrie über

Erstmals kommt die Finanzkrise im Oktober 2008 auch in der Realindustrie an. Die Absätze brechen global ein – die Produktion wird gedrosselt. Besonders die Automobilindustrie gerät in Schwierigkeiten.

Banken-Hilfspaket über 500 Milliarden Pfund

Am 8. Oktober 2008 schnürt die britische Regierung ein Hilfspaket im Volumen von 500 Milliarden Pfund und beschliesst die Teilverstaatlichung der grössten Banken. Jetzt sind kommunistische Massnahmen im benachbarten Königreich endgültig salonfähig geworden. Somit scheint auch der Kapitalismus 20 Jahre nach Ende des Kommunismus zu scheitern, da er sich dessen Instrumente und Mittel bedient. Mitten im Herz der Industrialisierung und des Finanzwesens müssen Banken vom Staat gerettet werden und in dessen Obhut fliehen. Nicht nur in England, sondern auch in den USA, Frankreich, Spanien, Deutschland etc. wird dies immer mehr Usus.

Island – ein kleines Land macht Schlagzeilen

In der zweiten Oktoberwoche gerät ein kleines, bis dato den meisten unbekanntes Land in den Mittelpunkt – Island. Es ist die Rede von einem drohenden Staatsbankrott. Das Land ist dabei, eine nach der anderen Bank zu verstaatlichen. Am 9. Oktober 2008 wird der Marktführer Kaupthing verstaatlicht. Diese Bank ist in Deutschland (und in der Schweiz. Red.) durch ihre aggressive Zinsoffensive mit fünf bis 6,1 Prozent für ihr Tagesgeldkonto bekannt geworden. Am 14. Oktober haben deutsche Anleger keinen Zugriff mehr auf ihre Konten. Von nun an ist das Geschrei in Deutschland gross. Zahlreiche deutsche Anleger kommen nicht mehr an ihr attraktiv verzinstes Geld.

Am 24. Oktober 2008 wird dem Land vom IWF ein Kredit in Höhe von zwei Milliarden Dollar gewährt. Damit deutsche Spekulanten ihr Geld wiederbekommen, gewährt der deutsche Staat dem isländischen Einlagensicherungsfonds am 22. November 2008 einen Kredit in Höhe von 308 Millionen Euro. Folge: Rund 30’000 deutsche Anleger der isländischen Kaupthing-Bank erhalten ihr Geld zurück.

Am 16. Oktober 2008 melden die USA ein Rekorddefizit von 455 Milliarden Dollar, und die grosse Schweizer UBS flüchtet unter die schützenden Hände der Regierung. Grund hierfür war, dass die UBS 40 Milliarden Dollar auf ihre US-Investments und Kredite abschreiben musste. Insgesamt erhält die UBS von der Schweizer Regierung und der Schweizer Notenbank 60 Milliarden Dollar. Im September 2011 muss die UBS abermals einen Verlust in Höhe von zwei Milliarden Dollar melden, nachdem ein Händler in London ein angeblich «unberechtigtes» Wertpapiergeschäft in den Sand gesetzt hat.

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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch «Der grösste Raubzug der Geschichte: Warum die Fleissigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden» von Matthias Weik und Marc Friedrich. Tectum Sachbuch 2012. Bestellmöglichkeit siehe unten.

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Lesen Sie auf Infosperber Teil 2: «Warum die Politik am System nichts ändert.»

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Matthias Weik ist Bachelor of International Business und Spezialist der Finanzmärkte und der globalen Wirtschaft. Mit Marc Friedrich gündete er die Finanzstrategieberatung «Friedrich & Weik Vermögenssicherung», die auf internationale Anlagen in Realgüter spezialisiert ist. Marc Friedrich hat Internationale Betriebswirtschaftslehre studiert und hat sich auf Finanzmärkte spezialisiert. In Argentinien verfolgte er 2001 den Staatsbankrott und dessen Folgen. Er ist heute u.a. Investmentexperte für Edelmetalle.

Weiterführende Informationen

«Der größte Raubzug der Geschichte: Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden», Tectum 2012, 19.90 Euro
ARD entlarvt Josef Ackermann als Falschspieler
Die Tagesschau wird zur Banker-Show
Die Banker, die uns in die Krise geführt haben, nehmen heute die politische Macht in die Hand.

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6 Meinungen

Tut mir Leid, aber der «grösste Raubzug der Geschichte» ist tatsächlich das Bankengeschäft in den Verdunklungs- und Verschleierungsoasen, denn Finanzinstitute, Multinationale Konzerne und gewisse Superreiche mit ihren Offshore-Vehikel verstecken seit Jahrzehnten Billion von Franken in diesen Oasen und zahlen darauf keine Steuern!
Rudolf Elmer, am 02. August 2012 um 23:45 Uhr
Es hat zuviel Geld auf dieser Welt, und grössten teils handelt es sich nur um «virtuelle Valoren", also Summen wo kein realer wert dahinter steckt.

Die schlauen spielen damit und machen ab und wann Kasse.
Banken sind entstanden weil viele Spieler da waren ... die spielen wollten ...

Also warum regen wir uns so auf !
Wenn das geändert werden sollte, sollten wir halt die «Gier beim / im Menschen» ausrotten ...

Na dann, viel Vergnügen damit !
Frau Carmey Bruderer, am 06. August 2012 um 01:49 Uhr
Sehr interessanter und richtiger Artikel welcher sehr neugierig auf dieses Buch mach. Ich habe es bestellt und bin sehr gespannt darauf.

@ Bruderer: Die Gier ist eines der zentralen Probleme - ist auch eine Todsünde.

Wenn der ESM unlimitiert ausgestattet wird und die Banken zentral darauf zugreifen dürfen ist es wahrlich der größte Raubzug der Geschichte!
peter alexander, am 06. August 2012 um 09:22 Uhr
Kleiner (nicht all zu ernster) Historischer Exkurs der anderer Art ...

» Banken » sind keine Wesen, es sind ja nur Dienstleister.
Warum entstanden so viele Dienstleister ?
Weil die Menschen irgendwann entdeckten dass es sich auch «einkommen generieren» lässt ... ohne zu arbeiten.
Das war die Geburtsstunde der Gier.
Wann kann sich ein Dienstleister halten ?
Wenn viele auf seine Dienste zugreifen.
Alle (wir hier auch), wollten den grössten Zins aufs Ersparte, seien wir doch ehrlich.
Wir gingen von Bank zu Bank um herauszufinden wo es den „höchsten“ gab !
Damit begann der Wettkampf unter den Geld Institute, sie wurden erfinderisch, abstruse, für uns unverständliche (und für viele Bank-Verkäufer selbst auch), «Papiere» wurden von cleverem Mathematiker zusammengestellt um diese neue Gier zu bedienen ...

Bill Gates hat natürlich mit seiner revolutionären Anwendungen auch vieles dazu beigetragen !
Die Bankhalter merkten dann dass es sich gut verdienen liess damit, und bedienten sich demzufolge selbst in horrendem Mass (Boni).
Unzählige neue Geld Vermarkter aller Art entstanden.
Zugegeben, viele von uns verdienten auch gut an diesem „Spiel“ sonst hätte es sich nicht halten können.
Aber das «gehandelte Gut» existierte grösstenteils nicht, oder war zumindest nicht so viel wert wie gehandelt.
Irgendwann musste die Korrektur kommen, das Kartenhaus zusammenbrechen.
Nun ist es teilweise geschehen, … aber Gier lässt sich leider nicht ausrotten … also geht der ganze Zirkus munter weiter, in irgendeiner Form.
So ist es wie im Kasino, einige verdienen, andere verlieren.

Ich wiederhole mich, wir müssen den Menschen ändern, nicht (nur) auf die Banken schimpfen, die sind ja nur entstanden weil WIR es brauchten und wollten, demzufolge sind wir ALLE verantwortlich !
Frau Carmey Bruderer, am 06. August 2012 um 12:41 Uhr
@ Bruderer:
Sehr gut. Danke und ganz wichtig:
Und die Bank gewinnt immer!

Die Frage ist nur, wie läßt sich die Gier im Menschen abschalten oder eindämmen?
Überzeugung?
empfindliche Strafen?
peter alexander, am 06. August 2012 um 16:47 Uhr
Das ist wahrlich keine leichte Lektüre! Man findet da eine unglaubliche Informationsdichte. Schlag auf Schlag – und alles mit Quellenangaben (ca. 900!) belegt! Zudem ist das, was man da liest, zum Teil nur schwer verdaulich. So ein riesiges, globales Ausmass an krimineller Energie, an mangelnder Ethik, an Selbstüberschätzung, an Menschenverachtung, an Egoismus, an Regel- und Gesetzesverstoss, an Lügen, an Gier im Banken- und Finanzsystem – das hat man als einfacher Bürger vielleicht irgendwie schon geahnt, aber nicht in diesem Umfang für möglich gehalten.
Trotzdem: ich würde das Buch ohne Wenn und Aber zur Lektüre empfehlen. Einige Zeit auf die Tagesschau verzichten und die Tageszeitung zur Seite legen. So schafft man Zeitfenster für dieses bemerkenswerte Buch. Garantie: Nach diesem Buch sieht man die Dinge anders. Man hört der Tagesschau mit anderen Ohren zu und versteht die Berichte in den Tageszeitungen (Papier oder online) in neuen Zusammenhängen.
Man beginnt, die Welt zu verstehen. Was da so abläuft, und warum gewisse Dinge passieren oder eben nicht passieren. Ein echter Profit des Buches liegt auch darin, dass man sich Gedanken macht über die eigene persönliche finanzielle Zukunft. Was kann/muss ich tun, um dem, was da auf uns zukommt, möglichst auszuweichen? Wie kann ich mein Erspartes retten vor dem Totalverlust? Solche Fragen haben für den Einzelnen doch einige Relevanz.
Rolf Nick, am 25. Mai 2019 um 21:36 Uhr

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