Näherinnen in Bangladesch: «Wir müssen Prüfer anlügen» © ARD

Nähfabriken: TÜV-Zertifikate fürs Elend

Red. / 20. Jun 2013 - Kleiderhersteller lassen Nähfabriken in Bangladesch vom TÜV kontrollieren. Nur: Die Betriebsprüfungen sind häufig eine Farce.

Textilunternehmen verdienen Milliarden mit billig produzierten Kleidern aus Bangladesch. Doch Berichte über ausbeuterische Arbeitsbedingungen und Bilder von eingestürzten Fabriken schaden dem Geschäft. Darum lassen fast alle grossen Marken die Arbeits- und Sozialbedingungen in den Nähfabriken der Billiglohnländer kontrollieren – das heisst vor allem zertifizieren.

Zertifizierungen für die Imagepflege

Denn was sind diese Prüfungen wert? Wenig bis gar nichts - wie eine TV-Reportage des Magazins «Monitor» zeigt. Die Kontrollen dienen hauptsächlich der Imagepflege der Textilbranche. Und: Sie sind ein «Big Business» für jene Unternehmen, die diese Prüfungen im Auftrag der Textilhersteller und -einkäufer durchführen. «Social Auditing» nennt sich dieses boomende Geschäftsfeld, bei dem auch die angesehenen TÜV Süd und TÜV Rheinland kräftig mitmischen.

Auch Skandal-Fabrik war TÜV-zertifiziert

Textilunternehmen lassen in Bangladesch häufig unter skandalösen Umständen produzieren. Ende April 2013 starben in Bangladesch nahe der Hauptstadt Dhaka mehr als 1100 Menschen beim Einsturz einer Textilfabrik. Über 2500 weitere wurden meist schwer verletzt. Auch hier gab es TÜV-Kontrollen, allerdings keine Kontrollen von Baumängeln. Die Prüfer des TÜV nahmen lediglich die Arbeitsbedingungen unter die Lupe. Doch auch diese hielten sich in keiner Weise an die Mindestanforderungen.

Solche Bilder soll es nicht mehr geben. Vierzig führende Handelskonzerne der Textilbranche wollen deshalb mehr tun für Brandschutz und Sicherheit in den Fabriken von Bangladesch. Fast alle grossen Kleiderhersteller und -einkäufer haben ein gemeinsames Abkommen unterzeichnet – bis auf Gap und WalMart.

Das Papier und die Realität

Social Auditings sollten eigentlich die Arbeitssituation in Kleiderfabriken verbessern. Doch oft beschönigen sie die miserablen Zustände. Das zeigt ein Prüfbericht des TÜV Süd aus dem Jahr 2010. Die Fabrik, in der 600 Menschen hauptsächlich für den deutschen und europäischen Markt arbeiten, erhielt am Ende gute Noten: bei der Einhaltung der gesetzlichen Arbeitszeiten, der Versammlungsfreiheit, beim Schutz vor Diskriminierung und den Arbeitsbedingungen.

Ganz anders erleben jedoch die Näherinnen ihren Arbeitsalltag in dieser Fabrik. Sie berichten, dass sie täglich 14 Stunden und mehr arbeiten, dass sie beleidigt, beschimpft und sogar geschlagen werden.

Mit den Aussagen der Näherinnen konfrontiert, schreibt der TÜV Süd, dass «Prüfberichte aus den Jahren 2009 und 2010 keinen Rückschluss auf die aktuelle Situation im Jahr 2013 zulassen würden».

Alle sind vorbereitet, wenn die Prüfer kommen

Eine der Näherinnen arbeitet schon seit 2010 in der Fabrik. Sie sagt, nichts habe sich in der Zeit verändert.

Gute Noten für miese Arbeitsbedingungen – wie kommen sie zustande? Ein TÜV-Prüfer in Bangladesch klärt auf: «70 Prozent der Prüfungen sind in der Regel angekündigt. Bei weiteren 15 Prozent wird der Firma zumindest der Zeitraum mitgeteilt, in dem die Kontrolle stattfindet.»

Der Prüfer räumt ein, dass es in Textilfabriken missbräuchliche Arbeitsbedingungen gäbe. Aber dies mit angekündigten Kontrollen festzustellen, sei praktisch unmöglich: «Die sind alle alarmiert, wenn wir kommen.»

Bei den Prüf-Unternehmen kennt man das Problem der angekündigten Kontrollen. Doch die Kleiderhersteller wollten das so. Man sei an die Entscheidung der Auftraggeber gebunden, heisst es beim TÜV Süd. Um glaubwürdig zu bleiben, könnte der TÜV einen solchen Auftrag auch verweigern.

Arbeiterinnen fürchten Sanktionen

Nicht selten werden Textilarbeiterinnen auch eingeschüchtert, damit sie bei einer Kontrolle ja nichts falsches sagen. «Wir müssen den Prüfern erzählen, dass wir pünktlich unseren Lohn erhalten, keine Überstunden machen müssen, dass alles gut ist», erzählt eine Näherin. Und: Sie würde den Prüfern gerne die Wahrheit sagen. «Doch wenn ich das tue, machen sie mich erst fertig und dann werde ich gefeuert.»

Die Fabrik, in der die Näherin arbeitet, wurde im Oktober 2011 vom TÜV Rheinland geprüft. Laut Prüfprotokoll verlangte der TÜV in einigen Bereichen zwar Verbesserungen. In wichtigen Punkten wie bei der Arbeitszeit oder bei der Diskriminierung gab es jedoch gute Noten.

Vertrauen der Konsumenten missbraucht

Das TÜV-Siegel steht für geprüfte Sicherheit und Qualität. Das schafft Vertrauen bei Konsumentinnen und Konsumenten. Nur: Diese wissen in der Regel nicht, wie und was der TÜV prüft und bewertet.

Beim Beurteilen von Arbeitsbedingungen in Produktionsbetrieben gelten internationale Standards. Einer dieser Standards stammt vom deutschen Verband der Fertigwarenimporteure. Doch selbst hier zweifelt man am Nutzen solcher Prüfverfahren. Verbandssprecher Raven Karalus gibt überraschend offen zu: «Das ist eine Augenwischerei gegenüber dem Verbraucher.» Textilunternehmen würden Prüfaufträge vor Ort nur erteilen, «damit nicht kirchliche und soziale Einrichtungen vor den Schaufenstern stehen und sagen, hier wird gegen die sozialen internationalen Standards verstossen.»

Was sind Versprechen der Handelsketten wert?

Auch vom gemeinsamen Abkommen der internationalen Textilkonzerne für mehr Sicherheit und Brandschutz in den Fabriken von Bangladesch hält Karalus nichts: «Das ist reiner Populismus. Ich garantiere Ihnen, morgen brennt wieder eine Fabrik oder stürzt ein, weil das gar nicht machbar ist.»

Zumindest nicht mit Kontrollen, die für eine ganze Branche offenbar nur eine Alibi-Übung sind.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Beitrag im «Monitor» vom WDR vom 6.6.2013

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Eine Meinung

Ich denke dass diese Prüfer alle bezahlt werden dass sie ein gute Prüfungsergebnis abliefern. Wieso gibts denn keine unabhängige Prüfstelle die nicht abhängig ist von den Grosskonzernen da könnte doch der Staat das unterstützen.
Hans Koller, am 24. Juni 2013 um 23:14 Uhr

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