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Die Pseudo-Wissenschaft des Claude Longchamp

Urs P. Gasche / 15. Mai 2014 - Der gfs-Meinungsforscher arbeitet für das Fernsehen, aber auch für die Pharma und viele andere. Transparenz ist ein Fremdwort.

Longchamps Firma gfs betreibt nach eigenen Angaben «wissenschaftliche» Marktforschung und führt nach «wissenschaftlichen» Methoden Meinungsumfragen durch. Longchamp antwortet Kritikern immer wieder, die gfs-Daten seien «wissenschaftlich» erhoben. Mit dem Umfrage- und Analysengeschäft erzielte die gfs im Jahr 2013 einen Umsatz von 4,4 Millionen Franken.

Resultate je nach Interessen der Auftraggeber

Meinungsumfragen sollten nicht nur repräsentativ sein (1000 oder 1500 Befragte müssen das Meinungsspektrum der ganzen Bevölkerung abbilden, was im Zeitalter des äusserst unvollständigen Telefonbuchs noch schwieriger geworden ist), sondern die Formulierung der Fragen, die Reihenfolge der Fragen und die Art des Fragens sollten so neutral sein, dass die Antworten nicht beeinflusst werden.

Die meisten Auftraggeber bezahlen Meinungsforschungsinstitute jedoch nicht, um ein tatsächliches, «wissenschaftliches» Abbild der Meinungen zu erhalten. Vielmehr möchten sie die Resultate nutzen, um der Öffentlichkeit vorzugaukeln, dass die Mehrheit der Bevölkerung bestimmte Forderungen unterstützt oder ablehnt. Politikern soll ins Stammbuch geschrieben werden, was Wählerinnen und Wähler, Stimmbürgerinnen und Stimmbürger angeblich populär finden oder klar ablehnen.

Weil die Resultate vieler Umfragen davon abhängen, wer die Umfrage in Auftrag gegeben und bezahlt hat, müssten Medien, welche die Resultate verbreiten, jeweils darüber informiern, wer die Umfrage bezahlte. So wie es Auftrags-«Gutachten» gibt, gibt es eben auch Auftrags-«Meinungsumfragen».

Um bei Meinungsumfragen ein gewünschtes Resultat zu erreichen, gibt es zahlreiche Tricks wie Suggestivfragen, missverständliche Fragen, das Verwenden von Reizwörtern, das Erwähnen einseitiger Fakten, das Vortäuschen falscher Zusammenhänge etc.

Damit niemand solche Schlaumeiereien aufdecken kann, verlangen die Auftraggeber meistens absolute Vertraulichkeit und Geheimhaltung. Meinungsinstitute lassen sich zuweilen etliches bieten, damit sie keine Aufträge verlieren. Im Muster-Kleingedruckten (AGB) des «Verbands Schweizer Markt- und Sozialforschung» vsms heisst es: «Das Institut gibt die Identität des Auftraggebers...nicht bekannt...Die gewonnenen Ergebnisse stehen nur dem jeweiligen Auftraggeber zur Verfügung...Der Auftraggeber besitzt exklusiv die Datenherrschaft...» Die gfs ist Mitglied des Verbands, und auch bei Claude Longchamp gehen Umfrageergebnisse erst an die Öffentlichkeit, nachdem der Auftraggeber sie durchgesehen hat.

Wissenschaftlich heisst reproduzierbar

Es gehört zur Handels- und Gewerbefreiheit von Auftraggebern, Umfragen nur für interne Zwecke in Auftrag zu geben, oder sie nur zu veröffentlichen, wenn es ihren Interessen dient, und Umfragen nur so zu veröffentlichen, dass sie ihren Interessen dienen. Nur hat dies nichts mit Wissenschaftlichkeit zu tun. Der Verband vsms täte gut daran, auf die Werbung «wissenschaftlich» zu verzichten. Das gleiche gilt für das Verbandsmitglied gfs, das nach eigenen Angaben nach «sozialwissenschaftlichen Methoden» arbeitet und «forscht».

«Longchamp ist kommerziell tätig, man darf ihn nicht an der Logik der Wissenschaft messen», meinte Politologin Sibylle Hardmeier schon vor neun Jahren. Zur Wissenschaftlichkeit würde gehören, dass «die Fragebögen im Detail sowie die Datensätze zugänglich» wären und «die Analysemodelle transparant» dargestellt würden, erklärt die frühere Kollegin von Longchamp.

In diesem Sinne sei die gfs nicht wissenschaftlich, räumt Mediensprecher Lukas Golder ein. Die gfs sei ein «kommerzielles Unternehmen», das «angewandte Sozialforschung» betreibe.

Etliche Fehlprognosen haben der gfs und dessen Besitzer und CEO Claude Longchamp in jüngster Zeit negative Schlagzeilen bereitet. Wenig thematisiert wurde, dass Longchamps Institut mindestens folgende zwei Grundregeln der behaupteten Wissenschaftlichkeit verletzt:

  1. Longchamps Markterhebungen und Meinungsumfragen kann niemand reproduzieren und kontrollieren, weil das gfs wesentliche Daten wie die verwendeten Fragebögen und Erhebungsmethoden geheim hält. gfs nimmt auch Aufträge an, ohne für sich das Recht zu sichern, die Resultate, die angewandte Methode und die Erhebungsunterlagen offenzulegen. Ohne Transparenz und Reproduzierbarkeit durch Dritte erfüllen Publikationen das Kriterium der Wissenschaftlichkeit nicht.
  2. Nach seiner eigenen Werbung hilft das gfs seinen Kunden zu deren «Strategiefindung», zur Kontrolle der Informationstätigkeit und zur «Verbesserung der Reputation». Mögliche Interessenkonflikte gibt Longchamp nicht bekannt. Die Medien wecken den Eindruck, es handle sich um eine unabhängige und neutrale Instanz. Die gfs trägt zu diesem Image bei, weil sie ihre zahlreichen privaten Aufträge von Konzernen, Verbänden oder Parteien nicht offen legt. Als private Auftragsfirma ist dies ihr gutes Recht, doch die Etikette «wissenschaftlich» sollte sie abschminken. An Universitäten und in wissenschaftlichen Zeitschriften ist es üblich und Ethikkommissionen verlangen es, dass die Autoren und Institute ihre finanziellen Bindungen offen legen.

    Anwaltskanzleien geben ihre Kunden ebenfalls nicht bekannt, doch dürfen ihre Mitglieder wenigstens nicht für konkurrenzierende Kunden arbeiten. gfs dagegen arbeitet für alle Seiten: für SP und bürgerliche Parteien, für Gewerkschaften und Arbeitgebende, oder für die Pharmaindustrie und die Krankenkassen. Umso mehr drängt sich ein Offenlegen der Auftraggebenden auf.

    Lukas Golder beruhigt: Die gfs würde «nicht gleichzeitig in der gleichen Frage» für unterschiedliche Lager arbeiten. Im Unterschied zu Anwälten gehe die gfs Auftragsverhältnisse «ohne parteilich Bindung» ein.

Vox-Analysen: Monopol der Auswertung

Die vom gfs ausgeführten Vox-Umfragen sollen nach Abstimmungen ans Licht bringen, welche Bevölkerungsgruppen warum wie abgestimmt haben. Diese Auswertungen führen regelmässig zu vielen Schlagzeilen. «Sein statistisches Vorgehen gibt Longchamp nicht preis», monierte die NZZ schon vor zwölf Jahren. Man müsse sich mit «vagen Hinweisen» zufrieden geben.

Die Vox-Detaildaten stehen eine Zeitlang lediglich einer einzigen Universität zur Auswertung zur Verfügung. Rudolf Strahm ist es nach seinen Angaben «nur dank alter Beziehungen» gelungen, an die Vox-Daten zur jüngsten Abstimmung über die Einwanderungsinitiative heranzukommen. Und siehe da: Er kam zum Schluss, dass vor allem die 50-60-Jährigen der Initiative zugestimmt hatten, während die «offizielle» Auswertung durch den Genfer Politologieprofessor Pascal Sciarini andere Schwerpunkte in die Medien brachte.

Es gibt keinen Grund, weshalb die Daten der mit Steuergeldern finanzierten Vox-Umfragen nicht sofort allen im Internet zugänglich sind, so dass die Schnell-Auswertung und die ersten Schlussfolgerungen offen diskutiert werden können.

Spendefreudigkeit der Bevölkerung in der Schweiz

Ein anderes Beispiel sind die regelmässigen gfs-Umfragen über die Spendefreudigkeit der Einwohner in der Schweiz. «Bravo Schweizer! Ihr seid solidarisch mit den Ärmsten», titelte letztes Jahr der Sonntags-Blick. Die Schweizer seien «grosszügig wie nie». Auch dieses Jahr wieder ein Superlativ: «Fast 500 Franken pro Haushalt» hätten wir gespendet, meldete die Depeschenagentur und mit ihr manche Zeitungen.

Kein Wort darüber, wer die Umfrage in Auftrag gegeben und finanziert hat. Es sind 35 Hilfsorganisationen. Die Umfrageresultate sollen zum weiteren Spenden animieren. Deshalb wird im einen Jahr eine «51-Prozent-Steigerung» verbreitet, im andern nur die absolute Zahl «fast 500 Franken». Mit dem «fast» wird eine hohe Marke suggeriert.

Die gfs weigert sich, den Fragebogen und die Fragemethode der Telefoninterviews offen zu legen. Das Forschungsinstitut beantwortete nicht einmal die Frage, ob unter den 1500 befragten Personen die Einpersonen-Haushalte dem effektiven Anteil der Einpersonen-Haushalte entsprachen. Von neutraler Überprüfung und deshalb von Wissenschaftlichkeit kann nicht die Rede sein. Es ist eine simple Auftragsumfrage. Die Medien müssten die Auftraggeber informieren.

Umfragen im Auftrag der Pharma

Seit vielen Jahren arbeitet Claude Longchamps Institut gfs für die Pharmaindustrie. Tendenziell ergeben die Umfrage-Resultate, dass die Schweizer mit dem Gesundheitssymste zufrieden sind, Managed-Care ablehnen und Medikamentenpreise nicht zu hoch finden.

1998 hatte gfs zusammen mit der Interpharma Resultate einer grossen Meinungsumfrage veröffentlicht, die von Medien und Politikern immer wieder zitiert wurden. Um den Verdacht zu entkräften, dass die Umfrage so konzipiert war, dass die meisten Antworten der Pharmabranche gefallen, wollte ich damals den Frageablauf mit den erklärenden Worten einsehen. Lonchamps Institut verwies mich an die Interpharma. Deren Geschäftsführer Thomas Cueni antwortete lapidar: «In Absprache mit Herrn Longchamp bin ich der Meinung, dass die Broschüre in umfassender Art und Weise über die Gesundheitsbefragung Antwort gibt, einschliesslich der detaillierten Fragen.» Eine Einsicht in den Original-Fragebogen sei «für journalistische Zwecke nicht nötig», beschied Cueni.

Claude Longchamp sieht keinen Mangel an Wissenschaftlichkeit, wenn er Daten, die seinen Analysen und Umfragen zugrunde liegen, unter Verschluss hält. Das hatte er dem «Magazin» schon vor Jahren erklärt. Die Daten seien Eigentum der Auftraggeber und Kunden. Ein Chemieunternehmen gebe seine Rezepturen auch nicht an die Konkurrenz weiter, argumentierte er.

Das stimmt. Nur behaupten Chemieunternehmen nicht, sie seien Institute, die Wissenschaft betreiben.

Politberater Iwan Rickenbacher bezeichnete es 2006 im «NZZ-Folio» als «problematisch», wenn Longchmap im Auftrag der Pharmaindustrie der Bevölkerung den Puls fühlt und die Ergebnisse selber analysiert und kommentiert. Das sah Thomas Cueni von der Interpharma natürlich anders und lobte die «sehr sorgfältigen Analysen von Claude Longchamp und gfs zu Public Perceptions in den Bereichen Gentechnik, Stammzellforschung und anderen Gesundheitsfragen».

Fazit

  • Wissenschaftlich sind Claude Longchamps Meinungsumfragen nicht, weil sie nicht nachprüfbar sind.
  • Über Manipulationsmöglichkeiten bei Umfragen gibt es eine ausgiebige Literatur.
  • Die zahlenden Auftraggeber haben die Hoheit über die Gestaltung der Umfragen, über die Resultate und deren Veröffentlichung. Sie werden kaum Resultate verbreiten oder von Meinungsinstituten verbreiten lassen, die ihren Interessen widersprechen.
  • Medien müssen bei Umfragen und Gutachten stets darüber informieren, wer sie bezahlt hat.

In diesem letzten Punkt zu den Medien widersprechen Claude Longchamp und seine gfs nicht: «Wir sind eindeutig für die Offenlegung der Auftraggeber.»

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Keine

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16 Meinungen

Ich halte C.L. für subjektiv nicht korrupt und für einen erfahrenen Analytiker mit viel Wissen und einen im Vergleich zu anderen, die in den Medien auftreten, hochgebildeten Menschen. Ich kann mir sogar, wie Peter Rothenbühler, vorstellen, dass es ihm gegenüber Neidprobleme gibt.

Das ändert nichts daran, dass Urs P. Gasche, den ich ebenfalls für Spitze halte, mit Gründen den Finger auf echt wunde Punkte legt, die wohl grundsätzlich sind. Dabei glaube ich nicht, dass die politische Demoskopie in Deutschland seriöser ist als bei uns. Darüber beklagen sich dort mit steter Regelmässigkeit die Abweichler links und rechts der gefährlich monopolisierenden grossen Koalition.

In den siebziger und achtziger Jahren war ich in sog. rechtsbürgerlichen Komitees ohne finanz. Interessen in Beratungsfunktion aktiv. Die politische Intelligenz der damaligen Leute, von Otto Fischer bis Cincera, incl. Blocher, wird unterschätzt. Linke wähnten sich schon damals politisch intelligenter als diese Leute, deren Erfolg nicht nur mit Geld erklärt werden kann. Eine Illusion!

Bei Isopublic gab ich 1978 Fragenkatalog in Auftrag, mit dem Befehl, zwar erwünschte Resultate zu generieren, aber doch Illusionen im eigenen Lager vorzubeugen. Erstens ging es also um die Fragestellungstechnik und zweitens um Auswertung. Nur ganz Dumme geben Umfragen in Auftrag, deren veröffentlichte Resultate dem Werbeauftrag, für den man Geld ausgibt, zuwiderlaufen. So geht es, ob freiwillig oder nicht, immer um Manipulation!
Pirmin Meier, am 15. Mai 2014 um 12:05 Uhr
PS. Um das gewiss nicht mafiöse Institut Isopublic nicht in Verruf zu bringen: Selbstverständlich nahm Herr Kappeler, der damalige Chef, keine expliziten Befehle entgegen. Er wollte sogar dem Kunden auch dann dienen, wenn es ihm nicht gelegen kam. Es war aber immer klar, auf welcher Geschäftgrundlage ein Komitee eine politische Umfrage in Auftrag gibt.
Pirmin Meier, am 15. Mai 2014 um 12:19 Uhr
Longchamp und seine fehlerhafte Umfragemethode

Jeder Umfrage-Profi weiss, dass bei emotional aufgeladenen politischen Fragestellungen die Leute bei Befragungen nicht ihre wahren Absichten preisgeben. Dies sollte bei der Darstellung der Ergebnisse über Fehlerspielräume zum Ausdruck kommen. Die Leute sagen nicht immer die Wahrheit, ob sie abstimmen gehen oder nicht und schon gar nicht immer, wie sie abstimmen werden. Sie haben zum Beispiel Angst, als Fremdenfeinde dazustehen.

Longchamp geht nie auf diesen Effekt ein und behauptet bei seinen Fehlprognosen immer, die Abstimmungskampagne habe die Meinung der Leute in den letzten Abstimmungswochen und -tagen verändert. Das sind Ausreden. Er würde sich besser damit auseinandersetzen, wie er bei den Umfragen zu den wahren Absichten der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger kommt. Vielleicht sollte er einige Tiefeninterviews führen, um den Fehlerspielraum abschätzen zu können.
Alex Schneider, am 15. Mai 2014 um 14:15 Uhr
Es erinnert mich an Gefälligkeitsgutachten jeglicher Art. In der Psychiatrie um Menschen zu entsorgen, oder um Gefängnisse zu füllen, da leere Zellen Geld kosten. Bei Medikamenten die Promotions brauchen, u.s.w. Es ist eine Form von unlauterer Werbung bis zur Irreführung und Freiheitsberaubung. Korruption und Vetternwirtschaft im Mäntelchen der Statistik versteckt. Es ist Systemimanent, in einem Raubtierkapitalismus-System hat ja jeder den Freipass, die Lizenz to Kill, solange es Geld bringt, sauber und ruhig abläuft, nicht auffällt, und nicht offensichtlich gegen irgend ein Gesetz direkt verstösst. Wir alle werden wohl noch die Zeit erleben, wo wir für das Zulassen solcher Zustände den Preis bezahlen müssen, während die Raubtiere dann auf den Caymanns-Inseln Diktator spielen nachdem sie abgehauen sind.
Beatus Gubler, am 15. Mai 2014 um 15:39 Uhr
Diesmal bekommt Gubler, der seinen Wortschatz mit Verleumdung der Raubtiere (Solidarität mit M 25!) wieder spazieren führt, nun aber meistenteils recht, nur dass fast niemand behauptet, es bestehe Bedarf, die Gefängnisse aufzufüllen. Das Platzproblem, von dem durchaus nicht harmlose Burschen manchmal profitieren, besteht so, dass von einem künstlich zu erzeugenden Füllbedarf der Gefängnisse wohl eher nicht die Rede sein kann.
Pirmin Meier, am 15. Mai 2014 um 16:26 Uhr
Ich wurde in jüngster Zeit mehrmals von der Gfs interviewed (als Rentner habe ich Zeit zu solchen Übungen), fand dabei aber, dass die Befragung in der Regel den Usanzen solcher Übungen entsprach.

Natürlich ist die Interpretation, v.a. kommerziell orientierter Umfragen von Natur her tendeziell und die Resultate müssen mit einer guten Prise Salz konsumiert werden.

Ich gehe mit Urs Gasche einig, dass es sich hier nicht um akademische Übungen handelt. Aber ich höre am Fernsehen das Wort «wissenschaftlich» mehrmals am Tag bei Themen, welche mit Akademia nichts am Hut haben. Die Konfidenzintervalls, welche bei den Gfs-Resultaen oft erwähnt werden, basieren wohl auf elementaren binären Hypothesen, wie sie in den seltensten Fällen realistisch sind. Was die gesundheitsfördernde Wirkung einzener Lebensmittel betrifft...

Die Vokabular-Wahl ist wichtig, scheint aber in diversen Redaktionen bewusst ignoriert bzw. pervertiert zu werden. Das könnte wohl ein Zeit-Trend sein. Die «Wissenschaftlichkeit» der Plagiat-Doktoren wurde seit einiger Zeit wieder etwas thematisiert, aber so genau will es kaum einer mit der «wahren» Wahrheit mehr nehmen. Da muss man eben die Quellen und Fragebögen verstecken, um sich einen kleinen momentanen Informationsvorsprung zu schaffen.

Bei unserem Freund C. von der Interpharma hat das allerdings Tradition und ist wohl das Resultat einer früheren diplomatischen Tätigkeit.

Die Glaubwürdigkeit wird durch solche Vorgehensweisen aber kaum gestärkt.
Josef Hunkeler, am 15. Mai 2014 um 16:29 Uhr
@Hunkeler. Sachlicher Beitrag. Es bleibt wichtig, dass grundsätzliche Probleme nicht über Gebühr personalisiert werden.
Pirmin Meier, am 15. Mai 2014 um 16:36 Uhr
Noch was: die Diskussionen hier sind immer eine Frage punktueller Einschätzungen; aber sowohl beispielsweise für Blick, welcher den Absturz des Gripen aufgrund von Umfragen zum Sonntagshaupttitel gemacht hat mit Verhöhnung von Maurer (was zwar keine Majestätsbeleidigung ist) als auch für Longchamp wird es bei einer Annahme des Gripen am nächsten Sonntag ganz kritisch. Sollte dies der Fall sein, müssten Umfragen auf privates Ermessen reduziert werden mit maximal 300 Franken Honorar für erfahrene Wählerbewegungsexperten, etwa in der Art des Aargauers Max Knecht, der zwar vom Alter (ca. 80) her als nationaler Experte nicht mehr in Frage kommt. Er hat eigenes System entwickelt mit konkurrenzfähiger Zuverlässigkeit. Im Aargau liegt er selten daneben. Angeblich liegt beim Gripen aber in Sachen Ja-Werbung ein Gau vor, sind Bedingungen für ein Nein so gut wie selten bei einer Wehrvorlage. Aufgrund der Umfragen rechne ich, in Umrechnung ihrer Unstimmigkeit, mit einer Ja-Mehrheit von 52 Prozent, was jedoch im Vergleich zur Familieninitiative, der Masseneinwanderungsinitiative und anderen eine günstige Abweichung wäre. Es wird beim Gripen aber ähnlich sein mit den Nein-Kantonen wie bei MEI, insofern ist ein Nein noch nicht ausgeschlossen und damit die letzte Chance für die nicht völlige Sinnlosigkeit der Abstimmungsdemoskopie in der Schweiz noch nicht vertan.

Die deutsche Schweiz wird den Gripen annehmen, Romandie und Tessin verwerfen. Wetten? Erledigt sind die Demokskopen nur bei Ja.
Pirmin Meier, am 15. Mai 2014 um 21:18 Uhr
Meinungsumfragen stärken die Resorption fremder Gedanken und Schwächen das Vertrauen in die eigenen Abwägungen.
Der Mehrheit anzugehören vermittelt Gefühle der Sicherheit, also tendieren die Meisten Menschen zur Mehrheitsmeinung.
Die Geschichtsschreibung gibt eher der Minderheitsmeinung Recht.
Ergo: Meinungsumfragen dienen der Beeinflussung, ob absichtlich oder «aus Versehen".
Urs Lachenmeier, am 15. Mai 2014 um 22:11 Uhr
@ Danke Herr Lachenmeier, da kann ich mit Ihnen voll und ganz übereinstimmen.
@ Herr Pirmin Meier. Wir alle schreiben mal mit einer heissen Feder, dies muss man, auch ich, zwischendurch mal aushalten können. Zumal immer die Wahrheitskörnchen dahinter stecken. Mit Verleumdung hat das nichts zu tun, und so wars auch nicht gedacht. Gruss Beatus Gubler
Beatus Gubler, am 16. Mai 2014 um 01:38 Uhr
Ihre Meinungsäusserungen habe ich, geschätzter Gubler, nie als Verleumdung gesehen, bloss dann und wann etwas holzschnittartig, der Raubtierkapitalismus gehört zu Ihrer Grundausstattung. Insofern empfehle ich Ihnen aber für morgen meine Schülerin Bernasconi statt des Novartis-Vertreters bei den BS-Wahlen, und spannend wird, wie gesagt, wie sich eventuell Herr Longchamp dann wieder bei der Abstimmungsanalyse rausreden wird und muss, vielleicht gibt der Zufall ihm sogar mal ein bisschen recht. Es ist nie verboten Glück zu haben. Und ein geschickter Politfuchs hat immer alles kommen sehen.
Pirmin Meier, am 17. Mai 2014 um 11:17 Uhr
Die Ablehnung des Gripen, hauptsächlich durch die Nein-Kantone von MEI bewirkt, aber mit viel mehr Nein, sowie dem charakteristischen Tessin, war kein Zufall, wiewohl natürlich Longchamp sicher aufatmen mag. Es ist für die direkte Demokratie keine Kleinigkeit, dass das Tessin in wichtigen Abstimmungen den wesentlichen Unterschied ausmacht, wenngleich gestern nicht gerade wie bei MEI den alleinigen. Für die direkte Demokratie und ihre bleibende Akzeptanz bleibt von unerhörter Bedeutung, dass nicht immer die gleichen, wenn möglich die mit mehr Geld, gewinnen. Insofern war die Abstimmung vom 18. Mai auch ein Akt politischer Hygiene, zumal ein Ja zu Gripen in Verbindung mit der Ohrfeige in Sachen Mindestlohn und dem Fusstritt in den Hintern für den Justizstaat bei der Pädophileninitiative bei wichtigen Meinungsträgern Depressionen in Sachen direkte Demokratie ausgelöst hätte mit verzweifelten Forderungen, die Selbstbestimmung des mündigen Bürgers, der Bürgerin, entweder abzuschaffen oder wenigstens in der Durchführung nicht ernst zu nehmen.

Direkte Demokratie ist wichtiger als Landesverteidigung. Als möglicherweise enorm wirksam erweisen sich heute die Diskussionen über Blogs usw. Innert Jahresfrist sind 4 Abstimmungen, nämlich Abzocker-Minder, MEI, Pädophile und Gripen massiv gegen die Mehrheit von Bundesrat und Parlament und gegen die Mehrheit der Medienmacht ausgefallen! Das Volk hat deswegen nicht immer recht, ist aber klar unabhängiger als Parlamentsfraktionen.
Pirmin Meier, am 19. Mai 2014 um 12:04 Uhr
@Pirmin Meier

Wie ich eben vom Himmel höre, haben wir wieder Bürostunden. Jedenfalls ist der Lärm aus der Basis Payerne wieder enorm. Ich glaubte schon, dass das Grippen-Grounding auch die FA-irgendwas betroffen hätte. Das war offenbar eine Illusion.

Wie wir hier sagen würden, «il y a qui devraient avaler leur salive...". Der Gripen ist sicher für die Landesverteidigung nicht notwendig. Vor Jahren hätte ich noch für den Draken gestimmt, der war damals aber offenbar zu wenig teuer.

Was das Vokabular betrifft, scheinen Ohrfeigen und Fusstritte schon einiges in Richtung Raubtier-irgendetwas gegangen zu sein. Es ist schon irgendwie erfrischend, wenn auch in einer Demokratie Emotionen zum Vorschein kommen können. Auf die Dauer ist aber Bedachtsamkeit und Nachhaltigkeit gefordert. Dazu braucht es weder Gripen noch lebenslange Berufsverbote.

Das Prinzip, dass die Mehrheit immer Recht hat, ist zwar mit echt demokratischem Versständnis, bzw. Minderheitenschutz nur bedingt vereinbar. Aber man darf der CH-Mehrheit zugute halten, dass die Konsequenzen eventueller Fehlentscheide auch solidarisch getragen werden.

In jüngster Zeit gab es vermehrt Mehrheitsentscheide, welche den Minderheitenschutz zu ignorieren schienen. Die Lavaux-Abstimmung, aber auch der Mühlebergentscheid sind vielleicht Hinweise, dass es auch anders gehen könnte. Immerhin wurden die Grosstädte ausserhalb der Region hier nicht mitbefragt.
Josef Hunkeler, am 19. Mai 2014 um 16:09 Uhr
Die Gfs-Leute waren, am Ende des Tages, aber doch erstaunlich nahe bei den effektiven Resultaten. Detailanalysen und politisches Flair haben offenbar akademische Ungenauigkeiten überbrücken helfen können.
Josef Hunkeler, am 19. Mai 2014 um 16:10 Uhr
@Hunkeler. Falls Sie mit mir diskutierten, ich habe ausdrücklich geschrieben, dass die Mehrheit nicht immer recht habe, bin sogar diesem Pseudosprichwort aus dem 18. Jahrhundert mal nachgegangen in meinem Buch über Micheli du Crest. Der Begriff Ohrfeigen und Fusstritte ist proportional zu den Warnungen sogenannter Experten, auf die immer weniger gehört wird. Es ist klar, dass bei diesen manchmal extreme Unzurechnungsfähigkeit vorkommt, sonst würde man einem Sextäter kein Messer kaufen lassen um auszuprobieren, ob er seine Begleiterin wohl doch nicht umbringe usw.

Im übrigen war es vernünftig, dass selbst auch der milde Softie-Pädophile Heinrich Federer, von der NZZ katastrophal vorverurteilt, vom Bischof für die nächsten 25 Jahren vom Messdienst mit Ministranten dispensiert wurde. Selbstverständlich gibt es kein vernünftigeres Berufsverbot als ein solches für pädophile Täter. Allerdings, wie ich beschrieben habe, Sprachgenie Federer wurde in ein Frauenheim versetzt, nach 5 Wochen gab er allerdings dann schon wieder 5 Buben Nachhilfestunden. Er schützte sich immerhin mit der Zeit vor seiner Neigung, indem er sich möglichst nicht wusch, um Abstand zu halten.

Politische Berufsverbote, die oftmals nicht formell ausgesprochen waren, sind europaweit auch schweizweit selbstverständlich, und es gibt immer auch noch andere mögliche Beschäftigungen. Ein Alkoholiker muss auch nicht unbedingt als Barkeeper arbeiten.
Pirmin Meier, am 19. Mai 2014 um 16:23 Uhr
PS. Es war, wie gesagt, seit langem das beste Wochenende für GfS.
Pirmin Meier, am 19. Mai 2014 um 16:33 Uhr

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