Militäroffensive gegen die PKK: In der ARD-Tagesschau am 20. Dezember der Aufmacher © ard

Krieg gegen Kurden: SRF-Tagesschau schaut weg

Urs P. Gasche / 04. Jan 2016 - Panzer und tausende türkische Soldaten: In kurdischen Städten herrscht Bürgerkrieg. Doch das ist für die SRF-Tagesschau kein Thema.

Im Irak und in Syrien bombardiert der Nato-Staat Türkei – völkerrechtswidrig – kurdische Verbände, die dort gegen den IS und für ihre Unabhängigkeit kämpfen.

Dagegen haben Kurden in der Türkei auf den Strassen demonstriert.

Gegen diese demonstrierenden Kurden und die Arbeiterpartei Kurdistans PKK geht die Türkei schon seit einem halben Jahr militärisch vor. Der türkische Machthaber Erdoğan stuft die PKK – gleich wie die EU – als Terrororganisation ein.

In der Türkei leben rund 20 Millionen Kurden. Das sind fast 20 Prozent der Bevölkerung.

In seiner Neujahrsansprache erklärte Erdoğan laut Spiegel online, er wolle die PKK «bis zum Ende bekämpfen»: «Unsere Sicherheitskräfte säubern die Städte Meter um Meter von den Terroristen.»

  • Die Hauptausgaben der SRF-Tagesschau haben in den letzten drei Wochen weder über den sich ausweitenden Konflikt im Südosten der Türkei noch über diese aggressiven Äusserungen Erdoğans berichtet. Das zeigt eine Internet-Auswertung der Tagesschau-Sendungen.

Anders die deutsche ARD: Deren Tagesschau berichtete mehrmals und informierte über eine «Militäroffensive gegen die PKK» am 20. Dezember sogar an erster Stelle: Über 10'000 Soldaten sowie Panzer sollen im Einsatz sein. Soeben seien hundert PKK-Kämpfer getötet worden.

  • Stattdessen informierte die Schweizer Tagesschau am gleichen Tag über einen Fehlalarm in einer Air-France-Maschine in Afrika.

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Stellungnahme der Redaktionsleitung der SRF-Tagesschau siehe am Schluss

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Am 28. Dezember verbreitete die Schweizerische Depeschenagentur SDA folgende Meldung:

«Die Staatsanwaltschaft in Ankara hat neue Ermittlungen gegen den Co-Vorsitzenden der Kurdenpartei HDP, Selahattin Demirtas, eingeleitet. Demirtas werden verfassungsfeindliche Äusserungen über eine mögliche Autonomie der türkischen Kurdengebiete zur Last gelegt. Dies berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu gestern. Laut türkischen Medien beziehen sich die Vorwürfe auf eine Rede des Politikers vom Sonntag. Die Kurden müssten sich entscheiden, ob sie nach Autonomie streben oder 'unter der Tyrannei eines Mannes' leben wollen, hatte Demirtas offenbar in Anspielung auf Staatschef Recep Tayyip Erdoğan gesagt....Die Kurden waren aus Wut dar­über, dass die Regierung in Ankara den von der Terrormiliz Islamischer Staat bedrängten Kurden in Syrien nicht militärisch zu Hilfe kommt, auf die Strasse gegangen.»

Diese SDA-Meldung nahm die SRF-Tagesschau um 19.30 Uhr wie folgt auf:

  • «Der türkische Staatspräsident Erdoğan erhöht den Druck auf die prokurdische Partei HDP. Er duldet die Forderung nach einer begrenzten Selbstverwaltung der Kurden in der Türkei nicht. Dies sei eine klare Provokation. Die Justiz werde der Partei eine Lektion erteilen. Der Chef der kurdischen HDP, Selahattin Demirtas, hatte Erdogan unlängst einen Tyrannen genannt und indirekt zum Widerstand gegen die Staatsführung aufgerufen.»

Das war in den letzten drei Wochen das Einzige, was die Hauptausgaben der SRF-Tagesschau über die Auseinandersetzungen mit den Kurden berichteten. Kein Wort vom Miilitäreinsatz und von den Bürgerkriegszuständen in einigen kurdischen Städten.

Am 29. Dezember berichtete die «Tribune de Genève» Folgendes:

«Seit zwei Wochen führen 10'000 Soldaten in mehreren Städten Südanatoliens gegen Mitglieder der PKK und ihre Jugendorganisation YDG-H die bisher grösste Militäroperation durch. Nach Angaben der Armee gab es über 200 Tote unter den 'Separatisten', aber auch unter der Zivilbevölkerung. Diese Angaben sind nicht zu überprüfen, weil in den betroffenen Städten seit Wochen der Ausnahmezustand gilt. Sie sind von der Aussenwelt abgeschnitten. Am stärksten betroffen sind die Städte Cizre, Silopi, Nusaybin und die Altstadt Sur von Diyarbakir, der 'Hauptstadt' im Südosten. 'Man erlaubt der Bevölkerung nicht einmal, die Toten ordentlich zu begraben', erklärte die Co-Präsidentin der HDP, Fige Yüksekdag im türkischen Parlament. Ein Journalist der Zeitung Hürriyet hat von 'Kriegsszenen in Diyarbakirs Altstadt Sur' berichtet. Im Zentrum seien Hunderte von Wohn- und Geschäftshäuser zerstört.»

  • Keine Informationen darüber in der SRF-Tagesschau.

Am 30. Dezember berichtete im «Tages-Anzeiger» und im «Bund» ein Korrespondent aus Istanbul:

«Wenn es Nacht wird, kommen die Spezialkommandos der Armee. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat angekündigt, die PKK auslöschen zu wollen. Wer die Stadtteile nach diesen 'Anti-Terror-Operationen»' sieht, fühlt sich ans Bürgerkriegsland Syrien erinnert.»

Am 31. Dezember berichteten Agenturen über eine martialische Neujahrsansprache Präsident Erdoğans:

«Mit drastischen Worten heizt der türkische Präsident den Konflikt mit den Kurden an: In seiner Neujahrsansprache drohte Erdoğan, die PKK 'bis zum Ende' zu bekämpfen: 'Unsere Sicherheitskräfte säubern die Städte Meter um Meter von den Terroristen.' (Spiegel online).

  • Kein Wort davon in der SRF-Tagesschau. Stattdessen berichtete sie fast anderthalb Minuten lang über eine kanadische Boing 777, die in Turbulenzen geriet.

Am gleichen Tag schrieb der Instanbul-Korrespondent im «St. Galler Tagblatt»:

«Im Südosten der Türkei wütet der Krieg zwischen der Regierung und der kurdischen PKK sowie ihren militanten Anhängern ... Seit dem 4. Dezember ist die historische Altstadt Sur praktisch lahmgelegt. In der einen Hälfte wird gekämpft. Junge PKK-Militante haben Gräben ausgehoben und Barrikaden errichtet, die sie verbissen gegen das Militär verteidigen. Seit Tagen wird schon von Haus zu Haus gekämpft, es gibt Tote auf beiden Seiten. Fast alle Anwohner haben ihre Häuser mittlerweile verlassen. Aber auch der andere Teil der Altstadt, in dem nicht gekämpft wird, wirkt wie eine Geisterstadt ... Schon seit Mitte November ist alles verwaist, sind die Geschäfte geschlossen.»

  • Keine Informationen darüber in der SRF-Tagesschau. Dafür zeigt sie zum zweiten Mal hintereinander Bilder von einem Grossbrand in einem Luxushotel in Dubai.

Schlicht von «Bürgerkrieg» spricht Ronald Sury, emeritierter Professor für Geschichte und Politikwissenschaften an der University of Michigan. In einigen Städten der Türkei herrsche ein «offener Krieg». Die betroffenen Kurden kämen fast nie zu Wort.

  • In der SRF-Tagesschau findet dieser Konflikt, der weitere Kurden in die Flucht – auch in die Schweiz – treibt, mindestens in den letzten drei Wochen nicht statt.

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Stellungnahme der Redaktionsleitung der SRF-Tagesschau

Regula Messerli-Durisch, stellvertretrende Redaktionsleiterin der Tagesschau wirft Infosperber vor, etwas «übersehen» zu haben. Gemeint ist die Spätausgabe der Tagesschau am Weihnachtstag. Die Tagesschau habe spätabends über die «türkischen Militär-Operationen» berichtet, was im Internet nicht ersichtlich sei.

«Übersehen» hat Infosperber allerdings nichts. Denn unsere Auswertung bezog sich erklärtermassen auf die Hauptausgaben der Tagesschau um 19.30 Uhr, die von durchschnittlich über 700'000 Zuschauerinnen und Zuschauern verfolgt wird. Informationen spät in der Nacht um 23.15 Uhr können das Wegschauen der Hauptausgaben der Tagesschau nicht beschönigen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Mehmet Ugur: Turkey’s Military Onslaught On The Kurds: Why Are Europe And The US Silent?

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10 Meinungen

Ja unsere staatlichen Medien ... da gibt es einen Knopf am Gerät. Austaste heisst die.
Eine grossartige Ausnahme gibt es: Radio Swisspop, keine Nachrichten, kein dämliches Geschwafel nur Musik 24 Stunden.
Informationen holt sich ein kritischer Mitbürger im Internet, da gibt es Meinungsvielfalt.
Hirn ist danach selbst zu benützen um eine ausgewogene Meinung zu bilden.
A. Deucher Steckborn
Albert Deucher, am 04. Januar 2016 um 11:46 Uhr
Ich glaube, es geht hier nicht um persönliche Nutzungspräferenzen. Vielmehr scheint SRF hier ein äusserst wichtiges Thema schlicht zu vernachlässigen. Erdogan ist nämlich eine reale Gefahr. Man setze anstelle von Kurden nur einmal das Wort Juden und dann wird klar, auf welchem Kurs dieser Mann ist. Oder was ist der Unterschied zwischen «bis zum Ende bekämpfen» und «Endlösung"? Wenn eines der wichtigsten Informationsmedien unseres Landes wo etwas verschläft, ist das schlicht skandalös.
Ueli Custer, am 04. Januar 2016 um 11:54 Uhr
Herr Lachenmeier, mir ist nicht klar, warum Sie diese Fehlleistung gleich zu einem Rundumschlag nutzen. Fehler passieren ja immer mal wieder. Zudem hat dieser Fehler rein gar nichts damit zu tun, dass die SRG-TV-Programme Werbung ausstrahlen. Ohne diese hätten sie einfach weniger Geld zur Verfügung. Und die teuren Sportsendungen den Privaten zu überlassen ist sowieso völlig weltfremd. Kein privater Schweizer Sender könnte sich die Rechte für eine Fussball-EM oder -WM oder Olympische Spiele leisten. Diese Rechte sind mit Werbung schlicht nicht refinanzierbar.
Ueli Custer, am 04. Januar 2016 um 12:23 Uhr
Bin mit Ueli Custer einverstanden. Es ist völlig verfehlt, konkrete Kritik an Sendungen als Vorwand zu nehmen für ein SRG-Bashing. Die privaten TV-Stationen und Radios vernachlässigen in viel grösserem Ausmass Relevantes und unterwerfen ihren Inhalt fast ausschliesslich den Einschaltquoten und Klicks. Auf Infosperber hatten wir bei der letzten Abstimmung für die SRG und gegen Privatinteressen Stellung genommen. Und Robert Ruoff hat zum «Service public» aufklärende Artikel und Interviews auf Infosperber veröffentlicht.
Urs P. Gasche, am 04. Januar 2016 um 13:03 Uhr
Die Kritik von Urs P. Gasche an SRF ist in dieser Sache absolut berechtigt. Im Vergleich zu ARD und ZDF ist eben SRF wenig professionell, wie man hier sieht. Wenn während Wochen (!) bürgerkriegsähnliche Zustände in der Türkei verschwiegen werden, grenzt das an Zensur und man muss sich fragen, was die Motive dazu sind. Bastelt Schneider-Ammann grad an einem Freihandelsabkommen mit der Türkei?
Alois Amrein, am 04. Januar 2016 um 14:20 Uhr
Alois Amrein: Die Ansicht, dass Schneider-Ammann die Möglichkeit hat, der Newsredaktion von SRF vorzuschreiben, worüber man nicht berichten soll, halte ich doch für sehr naiv. Aber eine Stellungnahme der verantwortlichen Redaktion würde mich schon sehr interessieren.
Ueli Custer, am 04. Januar 2016 um 14:33 Uhr
@ Ueli Custer: Sie haben wohl nicht gemerkt, dass meine Frage ironisch gemeint war. Versuche der Einflussnahme auf die Berichterstattung von SRF sind übrigens so selten nicht, wie Sie anhand der bei der Beschwerdestelle eingereichten Beschwerden feststellen können.
Alois Amrein, am 04. Januar 2016 um 15:27 Uhr
@ Alois Amrein: Nein, das habe ich nicht bemerkt. Denn es gibt hunderte von Posts in dieser Art im Netz, die leider durchaus ernst gemeint sind. Gehen sie einmal auf 20min.ch und lesen sie dort Kommentare zu umstrittenen Themen wie SRG oder Ausländer. Da packt Sie das nackte Grausen.
Ueli Custer, am 05. Januar 2016 um 09:58 Uhr
Dass SRF offenbar in einer Spätausgabe am Weihnachtstag über das Thema berichtet hat, jedoch nie in einer Hauptaussage, das hat für mich schon etwas den Anschein von «Zensur».
Ich habe immer mal wieder das Gefühl, dass in der Tagesschau «langweiligen Themen» viel Platz eingeräumt wird, während sehr brisante Themen lieber ausgeblendet oder nur gestreift werden. Manchmal fehlt der Mut imho. Es gibt aber auch immer wieder mal «Lichtblicke» in der CH-Tagesschau.

Zum Vergleich zur ARD oder zum ZDF: Man könnte sagen, dass ARD und ZDF in gewissen Dingen «professioneller» arbeiten. Sicher haben sie mehr Ressourcen. Sie folgen in meiner Wahrnehmung aber auch strikter dem «transatlantischen Kontext» (verglichen mit SRF). Zumindest im ZDF sitzen diverse Mitglieder der «Atlantik-Brücke». Das ZDF hat schon mehrmals offensichtliche Lügen verbreitet (speziell im Zusammenhang des Ukraine-Konflikts).
Christoph Meier, am 05. Januar 2016 um 12:32 Uhr
Ich stelle bei den öffentlich-rechtlichen ausländischen TV-Sendern und ihren Ablegern allgemein mehr «Biss» fest als bei SRF, auch und besonders bei politischen Sendungen und Kabaret ("Die Anstalt», usw.). Bei SRF finden sich kritsche Töne versteckt auf hohem Niveau (z.B. Sternstunde Philosophie).

Weshalb ist das so? Ist es eine Frage des Geldes (zu wenig Korrespondenten)? Ist SRF einfach zu bürgerlich, trotz der entgegengesetzten Meinung der SVP? Oder nimmt SRF den SVP-Vorwurf ernst und macht innere Zensur? Oder ist es einfach der schweizerische Charakter, z.B. höflich, zurückhaltend und brav? Oder weil es uns sehr gut geht und uns aktuelle Probleme z.B. in Deutschland viel weniger betreffen? Ein bischen von allem?
Theo Schmidt, am 06. Januar 2016 um 13:17 Uhr

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