Bluthochdruck: Ärzte bremsen Pharmaindustrie © Zentrum der Gesundheit

Ärzte erhöhen Schwelle für Blutdruck-Medikamente

Urs P. Gasche / 26. Jun 2013 - Über eine Million Schweizerinnen und Schweizer leiden an erhöhtem Blutdruck. Etliche können künftig auf Medikamente verzichten.

Erfreuliche Nachricht für viele Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Blutdruck: Die Europäischen Gesellschaften für Hypertonie (ESH) und Kardiologie (ESC) machen einen Schritt zurück und empfehlen medikamentöse Behandlungen in der Regel nur noch, wenn die Blutdruckwerte in ruhigen Positionen regelmässig über 140/90 Millimeter Quecksilber (mm Hg) steigen (bei über 80-Jährigen über 150 Millimeter). Dies hat ein 24-köpfiges Expertengremium vergangene Woche an der ESH-Jahrestagung in Mailand entschieden. Bisher galt die Empfehlung, den Wert unter 130 Millimeter (oberer Wert) Quecksilber zu drücken.

Unabhängige Forschergruppe für Grenzwert von 160 mm Hg

Aber auch der leichte Bluthochdruck mit einem Wert zwischen 140 und 159 mm Hg (oberer Wert) und/oder 90-99 mm Hg (unterer Wert) werde wahrscheinlich unnötig mit Medikamenten behandelt. Die Schäden der Nebenwirkungen seien bei diesem leichten Bluthochdruck wahrscheinlich grösser als der Nutzen. Zu diesem Schluss kam letztes Jahr eine Untersuchung im Auftrag der unabhängigen Cochrane-Organisation. Vor allem wenn der erste (systolische) Messwert zwischen 140 und 159 und/oder der zweite (diastolische) Wert zwischen 90 und 99 liegt («milder» Bluthochdruck), sei der Nutzen von Blutdrucksenkern nicht bewiesen. Trotzdem würden viele Ärzte solchen Patienten Medikamente verschreiben, angeblich um damit das Risiko von hochdruckbedingten Gefässschäden und damit Herzinfarkt und Schlaganfall zu vermeiden.

Die Analyse haben Diana Diao von der Universität von British Columbia in Vancouver und ihre Kollegen im Auftrag der Cochrane-Organisation erstellt. Die Cochrane-Organisation wertet wissenschaftliche Untersuchungen aus und veröffentlicht die Ergebnisse in Übersichtsarbeiten in ihrer Online-Datenbank. Die beteiligten Wissenschaftler erhalten kein Geld von Pharmafirmen.

Diao nahm vier Studien mit insgesamt 9000 Patienten unter die Lupe, die an mildem Bluthochdruck litten, aber nicht herzkrank waren. Die Patienten wurden über vier bis fünf Jahre mit verschiedenen blutdrucksenkenden Medikamenten behandelt. Ergebnis: Ob die Studienteilnehmer Blutdrucksenker nahmen oder nicht, machte bei der Häufigkeit von Herzinfarkt, Schlaganfall oder Todesfällen keinen statistisch signifikanten Unterschied. Fast jeder zehnte Patient in der Medikamentengruppe brach die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. «Wir wissen nicht, ob der Nutzen der Behandlung den Schaden aufwiegt», lautet Diana Diaos Fazit.

Deutlicher wurde Jerome Hoffman, emeritierter Medizinprofessor an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Milden Bluthochdruck mit Medikamenten zu behandeln könne vor allem von großem Nutzen für den Tablettenhersteller sein. «Aber es war fast vorhersagbar, dass diese Therapie keinen oder nur einen geringen Wert für Patienten hat», sagte Hoffman dem amerikanischen Online-Magazin «Slate».

Noch Ende der 80er Jahre galten Blutdruckwerte erst ab 160/100 als behandlungsbedürftig. Doch Richtlinien der Schweizerischen Hypertonie-Gesellschaft, deren Sekretariat von der Firma Roche betrieben wurde, empfehlen seit den Neunzigerjahren Medikamente bereits ab einem Wert von 140/90. Damit hatte sich die Zahl der «Kranken» auf einen Schlag mehr als verdoppelt. Die Industrie erzielt mit Blutdrucksenkern Milliardenumsätze.

Die Pharmafirmen hätten sich damals keinen besseren Werbespot erträumen können als die fette Blick-Schlagzeile: «Bluthochdruck: 1 Million Schweizer in Gefahr». Die «Ahnungslosen» würden «dringend» Medikamente brauchen. Denn schon «kleine Abweichungen» vom idealen Blutdruck seien »schädlich».

Solche Medienkampagnen sowie der Einfluss der Pharmaindustrie auf die medizinischen Gremien, welche die Behandlungsgrenzen definieren, führten in der Folge zur bis heute geltenden extrem tiefen Schwelle von 130 Millimeter Quecksilber. Wenn die Werte darüber lagen, galten Menschen bereits als behandlungsbedürftig und wurden zu Kunden der Pharmaindustrie.

Pharma zahlte an Entscheidungsgremium

Der Quecksilberwert ist nicht der einzige Auslöser für eine medikamentöse Behandlung. Als die amerikanische Gesellschaft für Bluthochdruck daran ging, weitere Risikofaktoren und Gründe für Medikamenteneinnahmen festzulegen, hatten die Pharmakonzerne Novartis, Merck und Sankyo der ärztlichen Fachgesellschaft 75'000 Dollar bezahlt. Weitere 700'000 Dollar machten die drei Firmen locker, um die neuen Kriterien den Ärzten bekannt zu machen. Das hatte die New York Times im Jahr 2006 berichtet und forderte, die Pharmfirmen sollten die Finger davon lassen, neue Krankheiten zu definieren. Novartis-Sprecher Satoshi J. Sugimoto bestätigte die Zahlungen, sah jedoch «keinen Interessenkonflikt». Die Industrie übe «keinen unangebrachen Einfluss» aus.

Kein Wunder, erzielen die grossen Pharmakonzerne mit Medikamenten gegen zu hohen Blutdruck wachsende Milliardenumsätze. Ihr kommerzielles Interesse an möglichst tiefen Grenzwerten ist evident.

«Verkaufsmannschaften» argumentieren wie Werbespots

Behandelnde Ärzte sind vielen Schalmeien der Industrie ausgesetzt. Sie haben es ständig mit Vertretern von Pharmafirmen zu tun. Für ein umsatzträchtiges Bluthochdruckmittel gehen die verschiedenen Hersteller mit ganzen «Verkaufsmannschaften» auf die Ärzte los, erläuterte der frühere Novartis-CEO (2000-2007) Thomas Ebeling in seltener Offenheit der NZZ. Diese «Verkaufsmannschaften» müssten «genau dieselben Botschaften rüberbringen wie ein Fernsehspot». Für Pharmafirmen seien Umsatz und Marktanteile das A und O. Sie geben für Marketing 30 bis 35 Prozent ihrer Milliardenumsätze aus, sagte Ebeling. Für Forschung und Entwicklung reichen 13 Prozent.

Auf diese Risikofaktoren haben Sie selber Einfluss

Mehrere Faktoren tragen zu einem hohen Blutdruck bei. Je mehr Risikofaktoren man ausschaltet, desto stärker kann man seinen Blutdruck ohne Medikamente senken. Ohne Medikamente riskieren Sie keine langfristigen schweren Nebenwirkungen. Folgende Risikofaktoren können Sie selber beeinflussen:

  1. Bewegungsmangel
  2. Übergewicht
  3. Rauchen
  4. Störungen des Fettstoffwechsels (z. B. erhöhte Cholesterinwerte)
  5. Zuckerkrankheit (Diabetes)
  6. Chronische Nierenerkrankungen
  7. Zu viel Alkoholkonsum
  8. Übermässige Salzzufuhr (Fertiggerichte!)
  9. Ständiger Stress
  10. Medikamente (z. B. Rheumamittel, Antibabypille)

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GELTENDE DEFINITIONEN

Leichter Bluthochdruck:

140-159 mm Hg und/oder 90-99 mm Hg

Mässig erhöhter Blutdruck:

160-179 mm Hg und/oder 100-109 mm Hg

Schwerer Bluthochdruck

≥180 mm Hg und/oder ≥110 mm Hg

Mässig und schwer erhöhter Blutdruck können mit grossem Nutzen medikamentös behandelt werden.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor vertritt Patienten und Prämienzahlende in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission EAK.

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Eine Meinung

Ja, meistens sagen auch bei mir (73) dass was über 120/80 ist muss behandelt werden. Habe ca. 6 verschiedene versucht, alle ziemlich viele Nebenwirkungen. Schlusslicht machte Plendil Senior , da sin nur noch Herzklopfen und Schlafstörungen . Habe aufgehört, der BD har sich um ca. 150 mmhg stabilisiert. Leider unregelmässig steigt auf 160-170. Habe Billol 1.25 mg und Temesta genommen ,nachher wieder gut auch ohne Senker. Hatte Todesfall in der Familie BD wieder gestiegen, seit 3 Tage Bilopol 1.25 mg, BD auf 135/70/67 gesunken. Scheint mir der Puls sank zu viel, nehme wieder nix. Es ist so wie im Bericht erwähnt die Meisten Ärzte schwafeln über 120/80, nur die Cardiologen sagen 140 ist nur leichte Grenzwert. Ich bin auch studierte Mensch und kann ich nicht begreifen dass die Ärzte nur aufs Geld interessiert sind. Habe damals beim Studiumwahl in Ohr bekommen : Artzt zu studieren ist ein Ethischer Beruf , das hat sich nach 50 Jahren gewaltig geändert, die neue Generation soll sich überlegen ob das wirklich das richtige für die Zukunft und auch ihre Kinder das richtige ist. Sterben müssen alle, armen und wohlhabenden!!!
Milan Halmo, am 11. Dezember 2016 um 10:18 Uhr

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