Lehmbau-Workshop ausserhalb von Mar del Plata: «Lieber etwas Konkretes schaffen, als sich ärgern» © Ricardo Tamalet

Argentinien: Mit Lehm der Krise trotzen

Romano Paganini / 21. Nov 2015 - Die Präsidentschaftswahl lässt viele junge Argentinier kalt. Sie orientieren sich lieber an der Kultur der indigenen Vorfahren.

Eins vorweg: Argentinien gibt es eigentlich gar nicht. Argentinien ist ein vor etwas mehr als 200 Jahren durch Europäer entworfener Staat, den man in einem Kontinent installierte, der vor Kolumbus' Ankunft nicht Amerika hiess, sondern Abya Yala, zu deutsch: Erde in ihrer vollen Blüte. Im Laufe der Jahre wurde aus der Blüte Blei und Blut, aus den Bewohnern Tote oder Sklaven und aus dem Kontinent wurde eine Ressourcen-Quelle für das ressourcenarme Europa. Repräsentieren tut Argentinien nicht seine Bevölkerung, sondern seine immer noch gültigen kolonialen Strukturen.

So überrascht es auch nicht, dass der neue Präsident, der am Sonntag gewählt wird, aus Argentiniens Oberschicht kommt. Die 32 Millionen Wahlberechtigten haben die Wahl zwischen Daniel Scioli, ehemaliger Rennbootfahrer und Geschäftsmann, und Mauricio Macri, Unternehmer und Jetsetter. Das zweitgrösste Land Lateinamerikas ist noch nicht so weit, einen zu wählen, der für Abya Yala steht.

Dennoch ist in Lateinamerika in den vergangenen Jahren etwas in Bewegung gekommen, auch am Rio de la Plata. Gerade junge Argentinier aus der urbanen Mittelschicht orientieren sich zunehmend an der Lebensweise ihrer Vorfahren. Zu Tausenden fahren sie in den Sommerferien in Richtung Bolivien, Peru und Ecuador und suchen, was ihre Eltern und Grosseltern aus Europa zurücklassen mussten: ihre Wurzeln. Sie wissen, dass diese auch in den Kulturen von Abya Yala zu finden sind; sie spüren, dass irgendetwas im Tun ist, das versucht, mit der Vergangenheit aufzuräumen.

Lehm als Antwort auf die Krise

Sichtbarer Ausdruck dieses Umschwungs, dieser Entkolonialisierung des Denkens, sind die Lehmhäuser, die in Argentinien wie Pilze aus dem Boden spriessen. Häuser aus Erde also, wie sie auf Abya Yala schon immer gebaut wurden. In den Gemeinden kommen die Verantwortlichen kaum nach, ihre Bauordnungen umzuschreiben – und schon steht wieder ein Lehmhaus bezugsbereit. Architekten bieten Workshops zum Hausbau mit nachwachsenden Materialien an, an Universitäten werden Bio-Konstrukteure für Vorträge eingeladen, Fernsehstationen machen Reportagen über die neu-alte Form des Bauens und selbst bei TED-Talks wurde über Lehm doziert. Der Klimawandel bewirkt wortwörtlich einen Wandel des Klimas in Argentinien.

Lehmhaus: Die traditionelle Bauweise erlebt in Argentinien einen wahren Boom

«Lehmbau ist sowas wie die Antwort auf das, was allgemein als Krise bezeichnet wird», sagt Ricardo Tamalet, der seit drei Jahren in seinem selbstgebauten Lehmhaus wohnt. Erst als er mit Lehm zu bauen begann, erzählt der 40-jährige Fotograf, habe er erkannt, wie weit er sich von der Natur entfernt habe und die Krisen, auch seine eigenen, hausgemacht waren. Dass es beim Baustoff Erde um mehr geht als um Isolation, Feuchtigkeitsaustausch und Energieeffizienz, ist sich Ricardo Tamalet bewusst. Vielmehr gehe es um eine kulturelle Versöhnung, um das Erkennen, dass man Europa Jahrzehnte lang etwas abgekauft habe, das mit einem selber und mit Abya Yala eigentlich nichts zu tun hat. Statt sich über Politik, Wirtschaft und Digitalisierung zu ägern, versuche er lieber etwas Konkretes zu schaffen, etwas das bleibt. «Im Gegensatz zu unseren Eltern will unsere Generation keine Kredite mehr», sagt Tamalet, «wir wollen konstruieren».

«Die Kandidaten kennen mich nicht»

In Argentinien beginnt man zu erkennen, was in den vergangenen fünfhundert Jahren passiert ist. Man weiss von der Ausbeutung im Bergbau, von den Giften der Agrar- und den Verschmutzungen der Erdölindustrie, von den Abhängigkeiten des Finanzmarktes und der Unterdrückung der Indigenen. Und die jungen Argentinier wollen so nicht weitermachen.

Zu ihnen gehört auch der 27-jährige Bruno Crotti, der vor elf Jahren mit seiner Familie nach Spanien auswanderte und sich vor anderthalb Jahren auf einer Reise durch seine Heimat entschied, in Argentinien zu bleiben – des Lehmbaus wegen. Hier gebe es nicht nur Bedarf an Häusern, sondern auch das Bedürfnis der Menschen, sich zusammenzutun und gemeinsam etwas aufzubauen, sagt der Musiker. «Der Lehm ist das ideale Material, der beides miteinander vereint.» Wenn er die Wahl habe zwischen Schönheit und Empörung, ziehe er ersteres vor. Die Wahl des Präsidenten hingegen ist für den Nicht-Wähler einerlei. «Weder kenne ich die Kandidaten, noch kennen sie mich.»

Aufbau von lokaler Gemüseproduktion

Etwas pragmatischer sieht dies Germán Garcia, wie Tamalet und Crotti aus der Küstenstadt Mar del Plata. Für den Biologen des staatlichen Forschungsinstituts können die Wahlen unmittelbare Folgen haben, bis hin zum Jobverlust. Darüber, sagt der 36-Jährige, mache er sich allerdings keine Gedanken. «Ich habe genügend Werkzeuge, um mich anderweitig durchzubringen.» Viel mehr Sorgen bereiten ihm die politische Instabilität und ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Natürlich habe Cristina Kirchner, die abtretende Präsidentin, Fehler gemacht, aber immerhin habe sie Tausende neue Stellen geschaffen und Menschen aus der Armut geholfen.

Germán Garcia ist seit kurzem Vater und wohnt mit seiner Familie ausserhalb der Grossstadt – in einem selbstgebauten Lehmhaus neben einem selbstgesäten Gemüsegarten. Das Vertrauen in Staat und Wirtschaft habe er schon länger verloren, die Stelle am Forschungsinstitut sei lediglich Mittel zum Zweck. «Ich vertraue in meine Familie und in meine Fähigkeit, dass ich bei Ausbruch des Chaos zumindest mich selbst versorgen kann.» Er spielt seit längerem mit dem Gedanken, eine kleine Gemüseproduktion für die Nachbarn aufzubauen. «Denn genauso wichtig wie ein Dach über dem Kopf ist eine Nahrungsmittelproduktion ohne Pestizide.»

Argentinien gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt nur jene, die es bewohnen und sich von Krisen nicht wahnsinnig machen lassen. Oder wie es Ricardo Tamalet mit Gandhi sagt: Wir müssen die Änderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.

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Dieser Artikel ist in der «TagesWoche» erschienen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor lebt seit 2009 in Argentinien und arbeitet selber im Lehmbau.

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