Europäische Aktienmärkte: Droht bald ein Unwetter? © Media Pioneer

Gezeitenwechsel im norwegischen Staatsfonds

Gabor Steingart / 29. Aug 2019 - Der über eine Billion US-Dollar schwere norwegische Staatsfonds will seine Anlagen umschichten: von Europa nach Amerika.

Red. Gabor Steingart ist Wirtschaftsjournalist in Berlin und war zuletzt Herausgeber, leitender Geschäftsführer und Miteigentümer der deutschen Handelsblatt-Gruppe, bis er im Februar 2018 aus Deutschland-innenpolitischen Gründen von Handelsblatt-Mehrheitsaktionär Dieter von Holtzbrink gefeuert wurde (Infosperber berichtete). Jetzt gibt er den Newsletter «Morning Briefing» heraus und macht darin oft auf wirtschaftspolitische Entwicklungen aufmerksam, die von grossen Medien zu wenig beachtet werden.

Es gibt Tage, da schafft es auch eine wichtige Meldung nicht in die «Tagesschau». Vielleicht, weil ein Redakteur sie übersehen hat. Womöglich hat man auch die ökonomische Tragweite nicht erkannt.

Der 27.8. war so ein Tag. Die Manager des grössten Staatsfonds der Welt, des mit über einer Billion US-Dollar ausgestatteten Government Pension Fund aus Norwegen, gaben bekannt, dass sie ihre Finanzmittel, die zur Altersversorgung der etwa 5,3 Millionen Norweger gedacht sind, umschichten möchten; von Europa nach Amerika, von Old auf New Economy, von Vergangenheit auf Zukunft. Die TV-Öffentlichkeit erfuhr nichts von dem Gezeitenwechsel.

Dabei ist der norwegische Staatsfonds, der von der Notenbank des Landes gemanagt wird, der Seismograf der internationalen Investoren. Zittert die Kompassnadel, wackeln bald schon die Märkte. Man schätzt die Gründlichkeit und die Unvoreingenommenheit der norwegischen Notenbanker. Deshalb ist das, was die Notenbank am 27. August dem Parlament empfohlen hat, von historischer Bedeutung: America first, Europe later.

    «Wir sind der Ansicht, dass die geografische Verteilung weiter an die Märkte angepasst werden sollte, indem das Gewicht der Aktien in Nordamerika erhöht und das Gewicht der Aktien in den europäischen Industrieländern verringert wird.»

Schon während der Schuldenkrise in Europa im Jahr 2012 entschied Norwegen, das damals 50 Prozent seines Investments in Europa und 35 Prozent in Nordamerika hielt, sich aus den europäischen Märkten zurückzuziehen. Bis heute hat sich das Verhältnis gedreht. Inzwischen entfallen nur noch rund 33 Prozent der Anteile auf europäische Unternehmungen – auf amerikanische derzeit 40 Prozent. Und bei Firmenbeteiligungen unter fünf Prozent entfallen auf Nordamerika heute schon 57 Prozent aller Investments.

Hintergrund der veränderten Anlageempfehlung ist die toxische Kombination von Wachstumsverlangsamung, Innovationsschwäche und politischer Ambitionslosigkeit in Europa.

Fünf Gründe sprechen derzeit gegen Europa:

► Europas Bankenwirtschaft ging aus der Finanzkrise deutlich geschwächt hervor; die US-Konkurrenz triumphierte (siehe Grafik).

► Der Aktienmarkt in den USA hat sich seit der Weltfinanzkrise deutlich vitaler gezeigt. In Europa dagegen hat spätestens im Jahr 2015 die grosse Stagnation eingesetzt. 

► Beim Wachstum in ihren jeweiligen Kernmärkten haben die USA Europa und Deutschland längst abgehängt. Die US-Digitalwirtschaft boomt, unsere Automobilindustrie hat mächtig zu kämpfen.

► Auch beim Wirtschaftswachstum liegt Nordamerika vorn. 2019 wächst die US-Wirtschaft laut Internationalem Währungsfonds um 2,3 Prozent. Für 2020 werden noch immer 1,9 Prozent prognostiziert. Die EU-Wirtschaft wächst 2019 nur um 1,6 Prozent, für 2020 werden 1,7 Prozent erwartet.

► In der Geldpolitik sitzen die Amerikaner derzeit ebenfalls am längeren Hebel. Während die Europäische Zentralbank ihre Zinsen immer weiter senkte, der Leitzins bei null und der Einlagezins sogar bei minus 0,4 Prozent liegen, begann die Fed ihren Zins seit dem Jahr 2015 zu erhöhen – das verschafft ihr nun Munition für die beginnende Konjunkturschwäche.

Fazit: Europa fällt weiter zurück. Der norwegische Staatsfonds ist der Sturmvogel, der vor dem heraufziehenden Unwetter warnt. Am Dienstag ist er gegen unsere deutsche Filterblase geflogen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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2 Meinungen

CH-Pensionskassen 2018 = 1'041.6 x 1000 Mio CHF. Dies entspricht offenbar in etwa dem Norweger-Fond. Wohl das meiste in CH investiert.
Josef Hunkeler, am 29. August 2019 um 12:05 Uhr
Und die Schweizer SNB hat unsere Währung unwiederlösbar an den Euro gekoppelt.
Wir gehen mit dem sinkenden Schiff unter. Dafür wird unser schönes Land wieder renaturiert wenn all die Grosskonzerne und Steuerhinterzieher nach Singapore ziehen.
Für unsere Umwelt ist es ein Befreiungsschlag.
Daniel Bertschi, am 02. September 2019 um 13:00 Uhr

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