Kommentar

Spanien: Der Kampf gegen das Feuer beginnt im Winter

Pedro Pozas Terrados ©

Pedro Pozas Terrados /  Mangelnde Vorsorge schürt die Flammen. Der Klimawandel allein ist nicht schuld an den grossen Bränden.

Jeden Sommer blickt Spanien aufs Neue fassungslos auf die Waldbrände, als wären sie ein unerwartetes Unglück oder ein unvermeidbarer Fluch, gegen den man kaum etwas ausrichten kann.

Doch die Realität sieht anders aus: Die grossen Brände, die unsere Wälder verwüsten, Dörfer bedrohen und Tausende Menschen zwingen, ihre Häuser zu verlassen, sind nicht allein eine Folge der Natur. Sie sind auch die Folge jahrelanger Versäumnisse: mangelnder Vorsorge, der Vernachlässigung des ländlichen Raums, unzureichender politischer Entscheidungen und einer Gesellschaft, die den Wald viel zu lange als blosse Landschaft und nicht als Lebewesen betrachtet hat, das ständig gepflegt werden muss.

Die Klimakrise hat die Spielregeln verändert. Hitzewellen sind intensiver und häufiger, Dürren langanhaltender und Wetterextreme gehören inzwischen zum Alltag. Sobald die Sommerhitze ihren Höhepunkt erreicht, wird der Wald zum Pulverfass: Trockene Vegetation, minimale Luftfeuchtigkeit und wechselnde Winde schaffen Bedingungen, die einen einfachen Funken in ein kaum zu bändigendes Ungeheuer verwandeln.

Nicht erst dann um den Wald kümmern, wenn es brennt

Das ist weder Pech noch Zufall. Ursache sind das von uns veränderte Klima und eine neue Realität, auf die wir bislang nicht angemessen reagieren.

Es wäre jedoch ein Fehler, allein den Klimawandel dafür verantwortlich zu machen. Unsere eigene Nachlässigkeit liefert dem Feuer zusätzliche Nahrung. Jahrzehntelang haben wir zugelassen, dass unsere Wälder vernachlässigt werden, viele Dörfer veröden, die Vegetation unkontrolliert wächst und wir uns erst dann um den Wald kümmern, wenn es bereits brennt.

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Waldbrand nördlich von Saragossa: das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse.

Ein Land kann nicht erwarten, im August sogenannte Brände der sechsten Generation zu löschen, wenn es im Winter versäumt, die Wälder zu säubern, Brandschneisen zu pflegen, trockenes Pflanzenmaterial zu entfernen und die professionellen Präventionsteams zu stärken. Prävention lässt sich nicht durch Improvisation ersetzen. Man darf nicht erst auf den Rauch warten, bevor man handelt.

Noch immer reagieren wir erst, wenn die Tragödie bereits eingetreten ist: mehr Einsatzkräfte, wenn sich das Feuer bereits ausbreitet, mehr Sitzungen, wenn die Flammen bereits Verwüstung angerichtet haben, mehr politische Erklärungen, wenn die Menschen ihre Häuser, ihre Erinnerungen oder sogar ihr Leben verloren haben.

Dabei beginnt der wirksame Kampf gegen Waldbrände lange vor ihrem Ausbruch.

Den Wald widerstandsfähiger machen

Im Winter werden die Grundlagen dafür gelegt – durch dauerhaft eingesetzte Forstteams, die vor Ort arbeiten. Voraussetzung dafür sind gut ausgebildete Fachkräfte und sichere Arbeitsbedingungen. Entscheidend ist ausserdem, das Gleichgewicht zwischen Mensch und Wald wiederherzustellen, Weiden kontrolliert zu nutzen, Landschaften zu pflegen und den ländlichen Raum zu stärken.

Waldbrandbekämpfer sind weit mehr als Einsatzkräfte für die Sommermonate. Sie schützen unser Land – genauso wie die Menschen, die unsere Meere, Flüsse und die Artenvielfalt bewahren. Ihre Arbeit beginnt nicht erst, wenn die Rauchsäule aufsteigt. Sie beginnt viele Monate zuvor, wenn sie den Wald widerstandsfähiger machen.

Wir müssen auch über politische Verantwortung sprechen. Bei jedem Grossbrand wiederholen sich die gleichen Szenen: Behörden schieben sich gegenseitig die Schuld zu und arbeiten nur unzureichend zusammen, während Parteien eine Notlage politisch instrumentalisieren, die eigentlich die gesamte Gesellschaft vereinen sollte.

Die Bevölkerung ist in der Pflicht

Das Feuer kennt weder Ideologien noch politische Grenzen oder Parteifarben. Die Flammen fragen nicht, wer regiert, bevor sie einen Berg, ein Dorf oder eine Familie zerstören.

Deshalb braucht Spanien einen grossen staatlichen Pakt gegen Waldbrände. Einen Pakt, der parteipolitische Konflikte überwindet und schnelles Handeln im Ernstfall ermöglicht, alle verfügbaren Ressourcen bündelt und den Schutz der Menschen sowie des Naturerbes in den Mittelpunkt stellt.

Prävention darf nicht vom Wahlkalender abhängen. Sie darf sich nicht auf ein Sommerfoto neben einem Hubschrauber beschränken. Sie darf sich nicht auf Reden beschränken, wenn die Flammen bereits den Horizont erhellen.

Wir benötigen eine nationale Präventionsstrategie: feste professionelle Teams, ausreichende finanzielle Mittel, moderne Frühwarnsysteme, intensive Forschung, eine bessere Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Behörden, die Säuberung gefährdeter Gebiete rund um Wohnhäuser und Dörfer, eine konsequente Strafverfolgung von Brandstiftern sowie Umwelterziehung von Kindesbeinen an.

Denn auch die Bürgerinnen und Bürger tragen Verantwortung. Ein achtlos weggeworfener Zigarettenstummel, das unvorsichtige Entzünden von Feuer im Freien, Fahrlässigkeit oder anderes leichtsinniges Verhalten können zu einer kollektiven Tragödie führen. Der Schutz der Wälder ist nicht nur eine Pflicht der Regierungen, sondern auch eine gemeinsame Verantwortung.

Waldschutz ist auch Artenschutz

Spaniens Waldbrände sind kein Schicksal. Spanien brennt, weil Menschen Entscheidungen treffen.

Das Klima wird unsere Reaktionsfähigkeit in den kommenden Jahrzehnten weiterhin auf die Probe stellen, doch es ist noch nicht zu spät, einen anderen Weg einzuschlagen. Wir können Sommer voller Asche, bedrohte Dörfer und zerstörte Wälder als neue Normalität hinnehmen – oder endlich konsequent auf Vorsorge setzen. Schliesslich schützt jeder Baum unsere Zukunft.

Denn wer den Wald schützt, schützt auch Wasser, Luft, Boden, Artenvielfalt und unser eigenes Überleben.

Der Wald verlangt nichts dafür. Doch er gibt uns alles.

Wenn wir ihn nicht besser schützen, wird der Tag kommen, an dem wir nicht mehr nur aus der Ferne zusehen, wie die Berge brennen. Dann werden wir uns fragen müssen, warum wir nicht früher gehandelt haben und zugelassen haben, dass unsere Zukunft in Flammen aufgeht.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Dieser Artikel erschien bei «pressenza.com», einer Nachrichtenagentur von ehrenamtlich tätigen Freiwilligen, die sich den Themen Humanismus, Gewaltfreiheit, Menschenrechte, Abrüstung und Nicht-Diskriminierung widmet. Pedro Pozas Terrados hat sich 37 Jahre lang als Beamter des spanischen Innenministeriums für die Umwelt eingesetzt. Er ist Autor von 13 Büchern und Mitautor von acht weiteren.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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