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«Wir steuern blind ins Nirgendwo»: Heinz Locher warnte schon vor über 15 Jahren in der Tagesschau. Die Prämien haben seither im Anstieg eine Konstante gefunden. © SRF

«Wir sind unterwegs ohne Pilot und Flugsicherung»

Daniel Ryser /  Die Prämien steigen erneut. Gesundheitsökonom Heinz Locher sieht darin kein Naturgesetz, sondern Versagen von Bund und Kantonen.


Heinz Locher, Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider wird heute Dienstag einen Prämienanstieg von vermutlich 5 Prozent verkünden. Der Prämienschock ist inzwischen eine Schweizer Tradition wie das Sechseläuten oder der 1. August oder die St. Galler Kalbsbratwurst, nur dass es nichts zu feiern gibt. Warum hört das nicht auf?
Wir reden jedes Jahr über dasselbe, nichts ändert sich. Im Moment gibt es zwei Entwicklungen, an denen man das Versagen der Behörden besonders gut zeigen kann: Die bezahlte Pflege durch Angehörige und die Abnehmspritzen. Das sind die rauchenden Colts. Beide Kostentreiber hätte man mildern oder sogar vermeiden können, wenn Bund und Kantone richtig gehandelt hätten.

Beginnen wir mit den pflegenden Angehörigen. Die Grundversicherung bezahlt dafür inzwischen rund 350 Millionen Franken pro Jahr. Was ist da passiert?
2019 hat das Bundesgericht entschieden, dass Angehörige für ihre Pflege über die Krankenkasse entschädigt werden können, wenn sie bei einer Spitex-Organisation angestellt sind. Vorher ging das nicht, pflegende Angehörige waren immer im Nachteil. Diese Änderung finde ich grundsätzlich sehr positiv. Aber sie wurde nicht seriös aufgegleist.

Inwiefern?
Es wurde nicht sichergestellt, dass die Pflege eine gute Qualität hat und dass es klare Abläufe gibt, wenn es zu einer Krise kommt. Es muss gewährleistet sein, dass das Ganze weder zulasten der Gepflegten noch der Pflegenden geht. Stattdessen ist ein Geschäft mit guten Margen entstanden, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Prämien. Einzelne Firmen haben daraus ein Millionengeschäft gemacht. Das hätte man verhindern können und müssen.

Wie?
Wir reden hier von Geld aus der Grundversicherung. Das Krankenversicherungsgesetz verlangt, dass Leistungen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind. Bund und Kantone hätten Auflagen machen können. Heute ist es viel zu einfach, eine Spitex-Organisation zu gründen, ohne die nötigen Qualitätsnachweise zu erbringen. Man hätte zum Beispiel vorschreiben können, dass eine einzige Pflegefachfrau nicht 24 pflegende Angehörige betreuen darf. Hätten Bund und Kantone zusammengearbeitet, wäre ein gesundes, seriöses Wachstum entstanden, ohne das Modell abzuwürgen. So aber gab es eine weitere Kostenexplosion. Erst jetzt, ganze sieben Jahre nach dem Bundesgerichtsurteil, beginnt die Politik zu regulieren.

Seit 2024 bezahlt die Grundversicherung unter bestimmten Bedingungen Abnehmspritzen wie Wegovy. Letztes Jahr kostete das die Krankenkassen rund 200 Millionen Franken. Das Bundesamt für Gesundheit sagt, die Vergütung sei an klare Bedingungen geknüpft und vorerst befristet. Reicht das nicht?
Ein Problem ist, dass viele Patientinnen und Patienten die Therapie abbrechen, und das Gewicht kommt oft zurück. Man hat den Hahn zu stark aufgedreht. Richtig wäre gewesen, mit einer strengen Indikation zu beginnen und zuerst Erfahrungen zu sammeln: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die Behandlung nachhaltig wirkt? Auch das steht im Gesetz: zuerst Erfahrungen sammeln und auswerten, dann bezahlen. Stattdessen hat man Tür und Tor geöffnet, und nun müssen wir alle bezahlen. Auch das ist ein Versagen der Bundesbehörden.

Gibt es denn nichts, was besser geworden ist? Seit Januar 2026 gilt zum Beispiel der neue Arzttarif Tardoc.
Im Gegenteil, dort ist es dasselbe. Man könnte sagen, es ist der dritte rauchende Colt der aktuellen Kostenexplosionen: Tardoc hat den veralteten Tarif Tarmed abgelöst, also die Liste, nach der Ärztinnen und Ärzte ihre ambulanten Leistungen abrechnen. Die Idee war gut. Erstens sollte der Tarif der heutigen Medizin entsprechen und nicht jener von 1990. Zweitens sollte die sogenannte sprechende Medizin, also die Arbeit der Hausärztin, gegenüber den technischen Disziplinen mit ihren Geräten gestärkt werden. Herausgekommen ist das Gegenteil. Die Hausärzte werden nicht besser bezahlt, und die Spezialisten verdienen mehr als erwartet, weil der Tarif falsch konstruiert ist. Damit sind beide Ziele verfehlt: die Verschiebung zwischen den Ärztegruppen und das Kostenziel, denn es kommen massiv höhere Kosten auf uns zu. Die Behörden haben die Warnungen ignoriert, dass es nicht gut kommt, und genauso ist es passiert. Dreimal hätte man mit richtiger Regulierung einen Kostenanstieg in Millionenhöhe verhindern können. Passiert ist das Gegenteil. Ich wiederhole mich: Wir alle bezahlen für diese Fehler.

Das sind aktuelle Fehlentwicklungen. Es gibt ja auch tiefere Gründe, warum die Kosten ständig steigen.
Ja, es gibt eine strukturelle Erklärung. Ich nenne sie den Sisyphus-Effekt: Je mehr die Medizin kann, desto mehr Menschen werden geheilt. Diese Menschen leben weiter und brauchen später wieder medizinische Leistungen. Das ist positiv, aber es kostet. Und das wird nie aufhören. Dazu kommt: Mit dem Wohlstand steigen die Ansprüche und die Bereitschaft, medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen. Das kann man statistisch zeigen.

In Genf und Basel-Stadt bezahlen die Versicherten die höchsten Prämien der Schweiz. Warum?
Das ist kein Zufall. Auf der Nachfrageseite ist es eine Kombination aus Wohlstand und Stadt. Auf der Angebotsseite spielen die Dichte an Spezialärzten und an teuren Diagnosegeräten wie MRI-Scannern eine grosse Rolle. Damit lassen sich die Unterschiede zwischen den Kantonen erklären.

Jetzt kommt ein weiterer Faktor ins Spiel, vor dem Sie schon seit einiger Zeit warnen: Die Babyboomer kommen ins hohe Alter.
Die Babyboomer sind die Jahrgänge 1946 bis 1964, das sind 19 Jahrgänge mit je 80’ 000 bis über 110’ 000 Geburten. Die ersten werden 2026 achtzig. Nun kommen 19 Jahre lang jedes Jahr etwa 70’ 000 bis 80’ 000 Achtzigjährige dazu. Zusammen mit den anderen Faktoren heisst das: Wir müssen das Gesundheitssystem neu erfinden, sonst wird es kollabieren.

Wo fangen wir an?
Beim Wohnen. Es muss uns gelingen, die über 80-Jährigen möglichst lange gesund zu halten, nicht nur mit geeigneten Wohnungen, sondern auch mit Dienstleistungen wie Concierge-Diensten, Haushaltshilfe und Betreuung. Wenn die Babyboomer das Gesundheitssystem fluten, bricht es zusammen. Schon heute fehlen Haus- und Kinderärzte. Deshalb braucht es einen niederschwelligen Zugang: Apotheken, Drogerien, Podologie, Physiotherapie und speziell ausgebildete Pflegefachleute, sogenannte Advanced Practice Nurses. So kommen die Menschen nicht unnötig in die Arztpraxis oder ins Spital. Das heisst nicht rationieren oder Leistungen vorenthalten. Es heisst: die richtige Hilfe am richtigen Ort.

Und wer bezahlt das?
Das Geld, das heute in Spitalbauten fliesst, braucht es für Praktikumsplätze für angehende Hausärztinnen und Hausärzte und für Entschädigungen an Praxen, die sie ausbilden. Das ist eine Umlagerung. Bis vor Kurzem hiess Gesundheitspolitik in der Schweiz vor allem Spitalbaupolitik.

Da wären wir beim Sprengstoffthema: Dem Schweizer Spitalwesen. Dänemark hat mit knapp sechs Millionen Einwohnern noch 21 Notfallspitäler. Die Schweiz leistet sich bei neun Millionen Menschen 101 Akutspitäler und über 170 weitere Kliniken. Und pro Kopf geben wir fast 30 Prozent mehr für die Gesundheit aus als die Dänen. Ist das Swissness oder Wahnsinn?
Wir kämen in der Schweiz mit deutlich weniger Spitälern aus.

Das wären?
Weniger als 100.

Sie sagten mir vor zwei Jahren bei einem Telefongespräch, auch vierzig Spitäler würden reichen.
Schauen Sie, man muss zwischen dringenden und nicht dringenden Fällen unterscheiden. Bei einem Notfall muss Hilfe sofort da sein: durch First Responder, also ausgebildete Laien in der Nachbarschaft, und durch einen Rettungsdienst, der dezentral und schnell ist. Aber für einen planbaren Eingriff, etwa ein neues Hüftgelenk, kann man 30 Kilometer oder mehr fahren. Dieselben Leute, die jammern, das Spital müsse in der Nähe sein, fahren in den Weihnachtsferien nach Konstanz oder in den Europa-Park. Deshalb habe ich schon vor zwei Jahren gesagt, dass es zwischen Rapperswil und Zürich kein richtiges Spital mehr braucht. Da war natürlich die Hölle los.

Viele Spitäler schreiben rote Zahlen und müssen gerettet werden. Der Kanton Aargau schoss seinem Kantonsspital in Aarau 240 Millionen Franken ein, damit es nicht pleiteging. Das verschuldete Spital Wetzikon soll von der Thurgauer Spitalgruppe Thurmed übernommen werden, vorausgesetzt, die Gläubiger stimmen Ende Oktober einem Schuldenschnitt zu. Wie beurteilen Sie all das?
Das Schlimmste wäre, wenn wir diese Strategie beibehalten und die Spitäler jetzt einfach durchzufüttern. Gerade jetzt, wo immer mehr ambulant behandelt wird, liegt darin eine Chance. Ich schlage einen Fonds von zehn Milliarden Franken vor, mit dem man die Spitalstruktur bereinigt, statt die heutige Struktur künstlich am Leben zu halten.

Sie sprudeln vor Ideen, wie man die Probleme angehen könnte. Und damit sind Sie nicht der einzige. Trotzdem scheint das alles zu verpuffen. Der nächste Prämienschock kommt bestimmt.
Ich erkenne eine gewisse Hilflosigkeit. Man müsste Verantwortung übernehmen, aber das findet nicht statt. Das Schweizer Gesundheitswesen ist unterwegs ohne Pilot und ohne Flugsicherung. Wir steuern blind ins Nirgendwo.

Vom Insider zum Kritiker

Heinz Locher ist promovierter Ökonom und einer der profiliertesten unabhängigen Gesundheitsökonomen der Schweiz. Er war Generalsekretär der Berner Gesundheitsdirektion und danach Partner beim Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers, wo er die Niederlassung Bern leitete und für das Gesundheitswesen verantwortlich war. Er beriet das Europabüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und sass in der Expertengruppe des Bundes, die Massnahmen zur Dämpfung der Gesundheitskosten erarbeitete. Von 1979 bis 2020 unterrichtete er Gesundheitsökonomie an der Universität Bern und an Hochschulen im In- und Ausland. Heute arbeitet er als selbstständiger Berater in Bern und gilt als einer der schärfsten Kritiker des Schweizer Gesundheitswesens.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Daniel Ryser war zwei Jahre lang stellvertretender Chefredaktor des «Sanitas Health Forecast», eine jährliche Publikation, die mit einer schweizweiten Studie, einem Buch, einem Magazin und einem Podcast untersucht, wie sich Gesundheit und Gesundheitswesen in Zukunft entwickeln.
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