Kommentar

Absurde Friedenspreisverleihung an die Nato

Manfred Böhm © zVg

Manfred Böhm /  Eine wirtschaftliche und politische Elite adelt das militärische Bündnis mit einem Friedenspreis, der für etwas ganz anderes steht.

Die Entscheidung, der Nato am 1. Oktober 2026 im Historischen Rathaus zu Münster den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens zu verleihen, ist ein geschichtspolitisches Blendwerk. Sie vernebelt die reale Wahrheit hinter einer scheinheiligen Fassade, indem ausgerechnet die Nato, ein atomar bewaffnetes Militärbündnis, mit einem Friedenspreis geadelt werden soll. Stellvertretend wird Generalsekretär Mark Rutte die Auszeichnung entgegennehmen, während Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Laudatio hält.

Die Umkehrung des Erbes von 1648

Der Nato den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens zu verleihen, verkehrt das Erbe von 1648 in sein exaktes Gegenteil. Das historische Vorbild macht diese Ehrung für das militärische Bündnis vollends absurd: Der Westfälische Friede von 1648 beendete den verheerenden Dreissigjährigen Krieg nicht durch den Sieg einer militärischen Supermacht, sondern durch jahrzehntelange, gleichberechtigte Diplomatie und gegenseitige Zugeständnisse aller Kriegsparteien. Er begründete ein System der staatlichen Souveränität, in dem Sicherheit durch Kooperation und nicht durch militärische Blockbildung und Ausgrenzung definiert wurde.

Die federführenden Akteure: Unternehmer und eine politische Elite

Wer steht hinter dieser Auszeichnung? Verliehen wird der Preis von der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe e.V. (WWL). Die weichenstellende Auswahl der Nato traf eine hochkarätig besetzte politische Jury. In diesem Gremium sitzen unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), die Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU) und Cem Özdemir (Grüne) sowie der ehemalige Aussenminister Sigmar Gabriel (SPD). Dass eine wirtschaftliche und politische Elite ein militärisches Bündnis mit einem Friedenspreis adelt, wirft tiefgreifende Fragen über die Verflechtung von Machtinteressen und die Definition von Frieden auf.

Internationaler Preis des Westfälischen Friedens
Der Internationale Preis des Westfälischen Friedens.

Europäische Fassade, amerikanisches Kommando

Hinter dem medialen Glanz verbirgt sich eine völlig andere Wirklichkeit. Mark Rutte fungiert primär als ziviles Aushängeschild der Nato. Er verleiht der Allianz zum Schein ein europäisches Profil. Die wahre militärische Macht liegt jedoch beim Supreme Allied Commander Europe (SACEUR), dem US-General Alexus G. Grynkewich. Dieser entscheidende militärische Kommandant muss laut ungeschriebenem Gesetz immer ein US-Offizier sein. Seit der Gründung der Nato im Jahr 1949 bestimmen die USA damit die strategische Ausrichtung des Militärbündnisses.

Vom Interventionsbündnis zur globalen Aufrüstung

Gegen den Mythos der reinen Verteidigungsallianz zeugen völkerrechtswidrige Militäroperationen wie in Serbien 1999 oder Libyen 2011 von einer Spur des Chaos statt stabiler Friedensordnungen. Diese Interventionspolitik mündet heute in einer beispiellosen Aufrüstung: Statt auf Diplomatie setzt das Bündnis rein auf rüstungsbasierte Stärke. Im Zuge einer tiefgreifenden strategischen Neuausrichtung treiben die europäischen Partner das Nato-Aufrüstungsprogramm voran und investieren vermehrt gemeinsam in eine Initiative für präzise Distanzwaffen.

Brandgefährliche Eskalation: Waffenlieferungen und Angriffe auf russischen Boden

Eng damit verknüpft ist das rücksichtslose Bereitstellen immer mächtigerer Waffenpakete. Welche Staaten Systeme wie Patriot-Komplexe oder Marschflugkörper eigenständig finanzieren, dokumentiert das Themenportal zu Waffenlieferungen auf Statista. 

Diese Dynamik steuert auf eine globale Katastrophe zu: Die aktuelle Debatte über die Freigabe westlicher Distanzwaffen für Angriffe tief auf russischem Staatsgebiet – tagesaktuell dokumentiert im Ukraine-Liveticker von «ZDF Heute» sowie von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg – gleicht einem sicherheitspolitischen Vabanquespiel. Es muss eindringlich gewarnt werden: Das Überschreiten dieser roten Linie droht die Nato zur direkten Kriegspartei zu machen und Europa in einen unkontrollierbaren Konflikt zu reissen.

Die Konfrontationspolitik der Einkesselung

Der Grundstein für die heutigen geopolitischen Fronten wurde bereits auf dem wegweisenden Gipfel von Bukarest 2008 gelegt. Auch dort waren es massgeblich die USA, die – gegen den ausdrücklichen Widerstand europäischer Partner – die Ukraine als potentielles Nato-Mitglied deklarierten. Mit dem jüngsten Beitritt von Schweden und Finnland hat sich die militärische Präsenz nun endgültig direkt an Russlands Grenzen ausgeweitet. Aus geopolitischer Sicht führt dies zu einer Einkesselung Russlands, insbesondere rund um die Enklave Kaliningrad und das verbündete Weissrussland. 

Diese Politik der Konfrontation birgt immense Risiken und beschwört die reale Gefahr eines grossen, verheerenden Krieges in Europa herauf. Wie der renommierte Ökonom Jeffrey Sachs im Rahmen seiner fundierten Globalanalysen wiederholt warnte, treibt die rücksichtslose geopolitische Expansion und der Verzicht auf Diplomatie die globale Stabilität an einen gefährlichen Abgrund.

Die wahre Alternative: Prävention und Diplomatie

Echter Frieden wird nicht durch militärische Abschreckung und Aufrüstung geschaffen. Gegen diesen Irrweg der Nato-Ehrung muss festgehalten werden: Die wahre Alternative liegt in einem Frieden durch Prävention, Deeskalation und Diplomatie – getragen von einem internationalen Bündnis friedenswilliger Menschen und Staaten. Dafür sollte die Verleihung in Münster stehen – nicht aber für den weiter eskalierenden Kurs, den die Nato fährt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Manfred Böhm ist Publizist und Buchautor. Er hat katholische Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft studiert.
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8 Meinungen

  • 26.09.2026 at 11:40
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    Ich kann mit diesem einseitigen und tendenziösen Bericht wenig anfangen, er mach mir Angst !

    Sicher, «Die wahre Alternative: Prävention und Diplomatie» … da gehe ich im Prinzip einig. Es braucht dazu aber Beide, und wenn man die Geschichte, nicht nur heute, sondern seit je… betrachtet. haben Kriege praktisch immer mit einem Disaster und einem Verlierer durch Gewalt geendet.

  • 26.09.2026 at 12:45
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    Pervertierung dieses Preies, anders kann man es nicht nennen.

  • 26.09.2026 at 17:43
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    Die Nato kriegt den Friedenspreis verliehen!
    Den Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
    Und?
    Verkackter kann es kaum werden…

  • 27.09.2026 at 17:37
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    Es gibt immer verschiedene Sichten. Gehen wir doch mal vom Budapester Memorandum 1994 und dem Russisch-ukrainischer Freundschaftsvertrag von 1997 aus. Die vollständige Unabhängigkeit zu Russland, im Gegenzug hat die Ukraine alle Atomwaffen an Russland zurückgegeben.

    2014 haben die grünen Männchen die Krim und die Ostukraine besetzt, im klaren Widerspruch zu den oben erwähnten Verträgen. Der Westen (USA und UK) hat das toleriert, entgegen den Verträgen.

    Der Einmarsch 2022 in die Ukraine, mit den Kriegsverbrechen hat die Ukraine bis jetzt erfolgreich (zusammen mit der Nato) verhindert. Wenn das nicht Lobenswert ist, dann sind wir wieder im frühen Zeitalter, wo nur der Stärkste seine Interessen durchsetzt. Entgegen dem Völkerrecht! Was viele nicht verstehen, unabhängige Staaten können nicht einfach überfallen werden nach Gutdünken. Grönland, Kanada und Taiwan sind schon auf der Shortlist. Wann sind wir auf der Liste? Deshalb meine volle Unterstützung für ein Verteidigungsbündnis!

  • 27.09.2026 at 18:43
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    Die NATO führt über das Medium Ukraine seit über 4 Jahren Krieg gegen Russland, Hunderttausende sind tot und die Zerstörungen unermesslich. Die NATO hat diesen Krieg eskalieren lassen und nichts anderes erreicht, als die Zahl der Toten und Verstümmelten von Jahr zu Jahr anwachsen zu lassen. Verbissen steuert man auf Weltkrieg 3 zu. Ohne die NATO hätte es keinen Krieg gegeben, bzw. das Kriegsende hätte schon im Frühjahr 22 verkündet werden können! Ein Friedenspreis für die NATO? Hat der Westen jeglichen Bezug zur Realität verloren? Ja, und das ist die Gefahr die uns alle bedroht.

  • 27.09.2026 at 22:40
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    Naja, Westfälischer Friede…: Der Schwede blieb expansiv und kriegslüstern, und kontrollierte den gesamten östlichen Ostseeraum. Karl XII., ein von Kind an militaristischer, unbeherrschter Sadist und größenwahnsinniges Kriegsgenie, zog mit 18 Jahren aus in den Großen Nordischen Krieg, wollte gar Russland erobern und wurde erst 1709 in der Schlacht von Poltawa durch Peter den Großen bezwungen. Sein Tod in den Laufgräben vor Fredrikshald durch Kopfschuss 1718 beendete die schwedische Vormachtsstellung. Will sagen: Friede hin und her. Manche Konflikte müssen leider militärisch entschieden werden, wenn sich eine Seite nicht zum Frieden – im Falle Karls XII. sogar zu einem Siegfrieden – bequemen kann und immer mehr eskaliert. Die NATO, versehen mit den endlosen Dollars der US-Amerikaner und dem kulturellen Hochmut der EU-Europäer, wird sich genauso im Größenwahnsinn verschätzen wie einst Karl XII. Dieser Preis ist Symptom dafür.

  • 28.09.2026 at 09:51
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    NDR Daniel Sprenger 24.10.2023 05:00: «Völkerrechtlich legt der Westfälische Frieden den Grundstein für ein modernes Prinzip: Die Gleichberechtigung souveräner Staaten, unabhängig von ihrer Macht und Größe. In der Politikwissenschaft gibt es den Begriff des «Westfälischen Systems» dafür…schafft das Instrument eine gut 150 Jahre bestehende Friedensordnung in Europa,::»

    Generalsekretär Mark Rutte und Bundekanzler Merz könnten wohl erkannt haben, wenn die Nato den Westflälischen Friedenspreis erhält, dann könnte das ein Signal sein, auf Grundlage des «Westfälischen-Sytems» für einen Friedensvertrag mit Russland sein. Und es wird in Europa einen wirtschaftlichen Aufschwung geben.
    Gunther Kropp, Basel

  • 29.09.2026 at 06:04
    Permalink

    Mit Preisverleihungen ist das so eine Sache :Karlspreis an Churchill; Friedensnobelpreis an Obama! Und nun dieser hier : wie soll man das verstehen? Als Hinweis darauf, dass Frieden erst nach Abschlachten der halben Bevölkerung zu erreichen ist ? Aber was soll man erwarten,wenn im Entscheidungsgremium ein Mann wie Sigmar Gabriel zu finden ist! Wer dessen Mutation von einer Gallionsfigur der SPD zu einem US-Gläubigen und Großbankenvertreter betrachtet, der kann diese „Friedenspreis“ nur als Hohn einstufen. Oder als Postenbeschaffer für absteigende Politiker. Auf jeden Fall ist diese Verleihung ein böses Omen dafür, daß die Entscheidungsträger den fatalen Widerspruch zwischen Waffen und Frieden nicht erkennen – oder, gesteuert von Lobbyismus,nicht zugeben wollen.

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