Ceuta Rückkehrer

Fast alle rund 50’000 jungen Männer kehrten aus Ceuta freiwillig wieder nach Marokko zurück. © BBC

Was Medien beim Massenschwimmen in Ceuta übersahen

Urs P. Gasche /  Marokko will nicht die Schengengrenze testen, sondern gegen Spaniens Annäherung an Algerien opponieren. Es geht um die Westsahara.

Marokko verweigert der Westsahara seit Jahrzehnen eine von der Uno verlangte Selbstbestimmung oder Autonomie. Zehn Tage vor dem Massenschwimmen in Ceuta, am 20. Juli, hatte Spaniens Premierminister Pedro Sanchez Algerien besucht, um in diesem Land zu investieren und zu diesem Zweck die Beziehungen zu verbessern. Im Weg stehen kann die Haltung zur Westsahara. Algerien, das grosse Flüchtlingslager der Sahraoui beherbergt, verlangt die Unabhängigkeit der Westsahara und unterstützt die dortige Befreiungsbewegung Front Polisario. Doch Spanien würde sich heute mit einer «echten Autonomie» unter marokkanischer Souveränität zufriedengeben. 

Deshalb beobachtet Marokko jede Annäherung Spaniens an Algerien, das ein unabhängiges Westsahara fordert, mit Argusaugen. 

Letzte Woche ging es in Ceuta «im Wesentlichen um die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko», erklärte Pierre Vermeren auf «France24».

Pierre Vermeren Ceuta
Maghreb-Spezialist Professor Pierre Vermeren: «Es ging um ein Zeichen an Spanien.»

Der Pariser Professor für Zeitgeschichte hat über die Dekolonialisierung Nordafrikas mehrere Bücher geschrieben.

Im Mai 2021 habe es einen Präzedenzfall gegeben. Damals hatten marokkanische Behörden 9000 Menschen in die spanische Exklave Ceuta flüchten lassen. Mit diesem unfreundlichen Akt hatte Marokko dagegen protestiert, dass Spanien dem Polisario-Führer Brahim Ghali ermöglichte, sich in einem spanischen Spital behandeln zu lassen.  

«Geschlossene Läden»

Einige der fast 50’000 ankommenden jungen Männer

Diesmal sollen es über 50’000 junge Männer gewesen sein. Korrespondenten berichteten – «live aus Ceuta» –, dass die marokkanischen Grenzbehörden ihren Grenzschutz wohl absichtlich aufgehoben hätten, um diese Massenbewegung zu ermöglichen.
Die umgehende Rückkehr von fast allen Männern begründeten die Korrespondenten mit geschlossenen Läden und unterlassener Hilfe. Mit solchen Aussagen zitierten sie vereinzelte Marokkaner.

Ceuta Karte

Danach titelte die «Sonntags-Zeitung»: «Schläge, Hunger und Durst: Wie Ceuta Tausende zur Rückkehr bewegte.». Ein Beamter habe gebrüllt: «Raus mit euch!» Solche Aufforderungen und die geschlossenen Läden hätten gereicht, um Zehntausende Männer zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen. 

Die Frage, ob die allermeisten der Männer überhaupt die Absicht hatten, illegal in die EU auszuwandern, stellten die meisten Medien vorerst nicht. Habseligkeiten hatten die Männer keine dabei. Frauen sind unter Migranten stets eine Minderheit. Doch unter den fast 50’000 wurde kaum eine Frau gesichtet.

Voraus ging eine Kampagne auf Tiktok, Instagram, Facebook und Whatsapp: «Die Grenze ist offen». Man können nach Spanien über das Wasser ohne Papiere legal einreisen. Influencer verbreiteten konkrete Anleitungen zum Schwimmen wie «keinen Rucksack mitnehmen», aber «wasserdichte Hüllen fürs Handy». Vorwand für die Kampagne war ein bewusst falsch ausgelegtes Urteil des Obersten Gerichts in Spanien, wonach Migranten, die schwimmend im Wasser aufgegriffen werden, nicht mehr summarisch zurückgeschickt werden dürfen.

Als mögliches Motiv der marokkanischen Behörden erwähnten unsere Medien den schwelenden Konflikt zwischen Spanien und Marokko wegen der Westsahara mit kaum einem Wort – anders als etwa die britische «BBC» oder «France24». In den Vordergrund stellten sie vielmehr die Frage, ob die spanische Regierung versagt habe.

Das Selbstbestimmungsrecht versprochen

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Die Westsahara ist reich an Bodenschätzen. Trump hatte Marokko 2020 die Bewilligung erteilt, das Gebiet zu annektieren.

Die Westsahara ist eines der Tabus vieler westlicher Medien. Sie hat eine Fläche von drei Vierteln Deutschlands, ist reich an Bodenschätzen und hat nur etwa 270’000 Einwohner. 

Die Uno hatte die «Spanish Sahara» (heute Westsahara) 1963 in die Liste der Territorien ohne eigene Regierung aufgenommen und damit Spanien verpflichtet, der sahraouischen Bevölkerung mit einem Referendum das Selbstbestimmungsrecht zu ermöglichen. Doch das Franco-Regime übertrug die Verwaltung völkerrechtswidrig an Marokko und Mauretanien.

Ein solches Referendum hat Marokko bis heute nicht zugelassen. 

Seit 2007 gibt es einen marokkanischen Autonomievorschlag, die «Moroccan Initiative for Negotiating an Autonomy Statute for the Sahara Region». Er sieht eine autonome Region Sahara unter marokkanischer Souveränität vor – als Modell diente die regionale Autonomie der Kanarischen Inseln, des Baskenlands und Kataloniens. 

2025 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat eine Resolution, die Marokkos Autonomieplan als praktikabelste Lösung («genuine autonomy could represent a most feasible outcome») bezeichnete und beide Seiten aufforderte, auf dieser Basis zu verhandeln.

Doch Marokko eilt es nicht. Die drei Länder USA (2020 unter Donald Trump im Zuge der Normalisierung der marokkanisch-israelischen Beziehungen), Israel (2023) und Paraguay (2025) haben Marokkos einseitige Annexion der Westsahara offiziell anerkannt – ohne Autonomie für die Westsahara.

Andererseits haben gut dreissig Staaten, vor allem afrikanische, die Westsahara bereits als unabhängiges Land anerkannt. 

Die restlichen Staaten, darunter die meisten europäischen, warten ab und verlangen, dass Marokko der Westsahara eine starke Autonomie gewährt. 

Spanien hatte bis 2022 gefordert, dass die Westsahara nicht nur über eine Autonomie, sondern auch über eine Unabhängigkeit von Marokko entscheiden könne. Doch 2025 begrüsste Spanien ausdrücklich die Resolution des UN-Sicherheitsrats vom 31. Oktober 2025, die festhält, dass «echte Autonomie unter marokkanischer Souveränität die tragfähigste Lösung» sein könnte. 

Dieser Positionswechsel löste eine schwere Krise mit Algerien aus, das seinen Botschafter aus Madrid abzog und die Zusammenarbeit mit Spanien teilweise aussetzte. Die Polisario Front bezeichnete den Schritt als «schwerwiegenden Fehler».

Gut gewählter Zeitpunkt

Um Druck auf die spanische Regierung zu machen, hat Marokko den Zeitpunkt in Ceuta gut gewählt. Denn die Regierung Sanchez steht zurzeit schon unter Druck sowohl der EU als auch der USA. Die Trump-Regierung hadert mit Spaniens Ministerpräsident, weil dieser den spanischen Luftraum für US-Überflüge gesperrt und den US-Stützpunkten in Spanien verboten hat, sich am Krieg gegen Iran zu beteiligen. Der EU wiederum ist es ein Dorn im Auge, dass Spanien den Aufenthalt von rund einer halben Million «Sans papiers» regularisiert – ein grosser Teil von ihnen stammt aus Lateinamerika.

Allerdings war das von Marokko organisierte Massenschwimmen verantwortungslos: Mindestens 72 junge Männer fanden den Tod, wahrscheinlich noch viele mehr

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Über das Schicksal der Sahraouis hat Infosperber mehrmals informiert:

Die Sahraouis in Westafrika drohen in Vergessenheit zu geraten, Infosperber vom 28. Juli 2019
Grosses Schweigen zu Marokkos Kriegsverbrechen in Westsahara, Infosperber 5. Januar 2020
Die Sahraouis als Spielball für Trumps Egotrip, Infosperber 20. Dezember 2020
Die Opfer in der letzten Kolonie Afrikas fordern ihre Rechte, Infosperber 1. Februar 2025


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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