Kommentar
Was wir am 1. August alles gelernt haben
Vielleicht, liebe Leserin, lieber Leser, kennen Sie diesen alten Witz bereits: Steigt ein Psychotherapeut am Bahnhof ins Taxi. Da fragt ihn der Chauffeur, wohin er gefahren werden wolle. Der Therapeut antwortet: «Egal. Psychotherapeuten braucht es überall.»
Dieser Witz kam mir in den Sinn, als ich auf der Website des Bundesrats das 1.-August-Programm der sieben Mitglieder las. Nicht nur Psychotherapeuten braucht es offenbar, sondern auch Bundesräte. In 22 verschiedenen Gemeinden hielten sie ihre Reden – deren 6 am 31. Juli und weitere 16 am 1. August.
Der «Fleissigste» war Albert Rösti (SVP). Er sprach am Freitag in Fehraltorf ZH und im Münstertal GR, am Samstag in St. Moritz GR, in Sigriswil BE und an seinem Wohnort in Uetendorf BE.
Auf immerhin je vier Auftritte brachten es Bundespräsident Guy Parmelin (SVP) und Martin Pfister (Mitte). Deren drei absolvierte Beat Jans (SP). «Nur» auf zwei kamen Ignazio Cassis (FDP), Elisabeth Baume-Schneider (SP) und Karin Keller-Sutter (FDP).
Das Programm der sieben Bundesräte erweckt den Eindruck, als sprächen sie nicht miteinander oder als hätten sie keine grosse Ahnung von der Schweizer Geographie. Jedenfalls reisten sowohl Martin Pfister als auch Albert Rösti ins Engadin – der eine nach Guarda, der andere nach St. Moritz. Vielleicht hätten sich die Aufgaben auch klüger aufteilen lassen.

Natürlich lassen sich solche Programme nicht ohne Weiteres mit dem Zug und dem Postauto bewältigen. Auch nicht mit dem Auto. Deshalb nehmen Bundesräte gerne auch mal den Helikopter. Letztes Jahr kamen am 31. Juli und am 1. August nur Karin Keller-Sutter und Beat Jans ohne Helikopter aus.
Wie es dieses Jahr aussieht, will die Bundeskanzlei «aus Sicherheitsgründen» nicht verraten. Die Liste mit den Flugreisen der Bundesräte wird erst Ende Jahr veröffentlicht. Schon jetzt lässt sich allerdings sagen, dass Albert Rösti, Guy Parmelin, Martin Pfister und Karin Keller-Sutter ihre Programme kaum ohne Helikopter absolviert haben dürften.
Ohne Helikopter ausgekommen ist wohl Ignazio Cassis. Er trat am 1. August morgens in Düdingen FR und abends in Avenches VD auf. Wenn es hätte sein müssen, hätte er den Weg auch zu Fuss geschafft.
Und was haben sie uns mitgeteilt, die sieben Bundesräte? Bundespräsident Guy Parmelin trat nicht nur in Renens VD, in Hildisrieden LU, auf dem Rütli UR und in Essertines-sur-Rolle VD auf, sondern sprach auch noch am Radio und im Fernsehen. Dazu besuchte er die Fahnenmasten-Fabrik Aluart in Neudorf LU.

Parmelin liess uns wissen: «Hier entsteht eines der stärksten Symbole unseres Landes: die Schweizer Fahne.» Obwohl es eigentlich eine Fahnenmasten-Fabrik ist. Die Firmen-Verantwortlichen dürften sich trotzdem über die Werbung gefreut haben. Anschliessend philosophierte Parmelin über die Bedeutung der Schweizer Fahne und kam dann auf die üblichen 1.-August-Themen wie Solidarität, Freiheit und Tradition zu sprechen. Wenn ich das richtig verstanden habe.
Mir sind vom Nationalfeiertag zwei andere Sachen haften geblieben:
Erstens: Die meisten Bundesräte nehmen sich offenbar so wichtig, dass sie es nicht bei einer Rede bewenden lassen, sondern für mehrere Reden durchs ganze Land fliegen.
Zweitens: Der Klimawandel ist für sie ein Fremdwort.
Aber das ist beides auch aufschlussreich.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Die lokalen Präsentationen hohler Parolen durch Bundesräte sind Showtime, Parteien-Werbung und Egotrips und zeigen nur, wie verantwortungslos die Behörden mit Steuergeldern umgehen. Wer dem Fernsehen und den Politikern glaubt, kann ja die Bundesratsansprache im SRF hören.
Was Herr Diener offensichtlich nicht wissen will: Es sind weniger die Mitglieder des Bundesrates oder anderer Exekutivbehörden, die um Auftritte am 1. August buhlen (und aus Pflichtgefühl die wenigen Ferientage unterbrechen). Nein, tatsächlich kämpfen die Gemeinden um den Besuch einer politischen Prominenz. Und sind stolz, wenn sie unter den vielen Nachfragerinnen berücksicht werden. Mit dieser Botschaft im infosperber könnte der Verdacht auf Unentbehrlichkeit allerdings nicht platziert werden.
Wenn man als Bundesrat schon so symbolschwanger daherkommen will, wäre es schon hilfreich, wen man wenigstens den Unterschied zwischen einer Fahne und einer Flagge kennen würde.
Der Klimawandel kam ev. für ein paar Bundesräte wohl zu schnell, so dass sie gar nicht merken, was genau passiert.
Ja, sonst würden sie nicht zu ihren 1.August-Einsätzen fliegen.
Vielleicht könnten sie mal als Praktikanten an einem solchen Tag bei der Ernte mithelfen. Das könnte zur Erweiterung des Horizontes beitragen.
Ist die Schweiz zu selbstgefällig?
Insbesondere am 1. August werden die Vorzüge der Schweiz im Vergleich zu ihren Nachbarländern hervorgehoben. Können wir uns also auf unseren Lorbeeren ausruhen?
Ich glaube nicht. Vergleichen wir uns mit den wirtschaftlich auch erfolgreichen Ländern und Regionen wie Dänemark, Schweden, Singapur sowie Bayern und Baden-Württemberg, so ist die Schweiz wirtschaftlich gesehen keine Überfliegerin.
Nehmen wir als Beispiel das Problem «Zuwanderungsdruck dank Wohlstandsvorsprung». Da kann die Schweiz von Singapur viel mehr lernen als von Frankreich, trotz der grösseren kulturellen Unterschiede. Singapur hat die riesigen Füllungskosten via Landpreise, Staus und tiefes Pro-Kopf-Wachstum durch ihre restriktive Migrationspolitik vermieden. Aber die Mehrheit der Schweizer Exekutiven liebt die Zuwanderung, weil sie sofort mehr Steuereinnahmen erzeugt und die Kosten erst mit Verzögerung anfallen.
Wer denkt denn schon an den Klimawandel, wenn die Aktien von den KI- und Rüstungsunternehmen doch so schön steigen und steigen und steigen… *zwinkersmiley*