Fatales Gratisgeld: Wann platzt die Blase?

René Zeyer © R.Z. Foto Rolf Edelmann
René Zeyer / 26. Jun 2013 - Sogar die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ warnt vor der Zukunft. Doch wo nur ist der Notausgang?

Wir reden weltweit von Billionen, die von den Notenbanken der USA, Europas und Japans hergestellt und verteilt wurden. Wann platzt die gigantischste Blase aller Zeiten?

Notenbanker sind äusserst vorsichtig mit ihren Äusserungen. Jede Andeutung, dass sich am Leitzins, der den Geldkreislauf entscheidend steuert, etwas ändern könnte, hat dramatische Auswirkungen. Noch zurückhaltender ist die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit Sitz in Basel. Sie ist sozusagen die Bank der Zentralbanken und mit Gründungsjahr 1930 die älteste internationale Finanzorganisation. Normalerweise veröffentlicht die BIZ Statistiken, Regulatorien und ist Versammlungsort für momentan 60 Notenbanker. Alles streng geheim, vertraulich. Abhörsicher (vielleicht).

Klare Worte

Selbst der Jahresbericht der BIZ oder andere Verlautbarungen sind traditionell ein Hort des gepflegten «einerseits, andererseits, aber vielleicht doch nicht wirklich». Ganz anders diesmal. Mit geradezu fassungslosem Schweigen wurde die am Sonntag veröffentlichte Rede des Generaldirektors der BIZ aufgenommen. Denn er spricht sehr klar aus, was natürlich schon längst offensichtlich ist. Mit der Politik des billigen Geldes kann es nicht so weitergehen, vornehmer formuliert: «Das Kosten-Nutzen-Verhältnis der anhaltend lockeren Geldpolitik verschlechtert sich.» Ein Donnerschlag von höchster Warte.

Um ihn zu hören, muss man verstehen, was das Teuflische an Gratisgeld ist und wie es entsteht. In den grossen Währungsräumen der Welt, Dollar, Euro und Yen, gibt es nur eine Bank, die die Geldmenge und den allen Geldgeschäften zugrunde liegenden Leitzins festlegt. Die Notenbank kann Geld schaffen und frei bestimmen, zu welchem Zinssatz sie Geld an Finanzhäuser ausleiht. Die klassische Theorie dazu lautet: Wirtschaftskrise, lahmende Konjunktur, zu wenig Investitionen. Also Geldschleuse auf, Zinsen runter. Damit werden Investitionen stimuliert, Wirtschaftsaufschwung. Anschliessend wird der Zinssatz raufgesetzt, Geld wieder abgeschöpft. Funktioniert natürlich nicht – wie die meisten grossartigen Finanztheorien.

Der reale Wahnsinn

Seit der Finanzkrise 1 pumpen Notenbanken frisches Geld im Multimilliardenpack in den Finanzkreislauf. Gleichzeitig liegen die Zinsen bei faktisch Null. Geld ist gratis. Nur: Ein Wirtschaftsaufschwung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Bei Todesstrafe verboten sollte zudem sein, was staatliche Notenbanken ebenfalls tun: Sie kaufen Staatsschuldpapiere auf, ein elender Taschenspielertrick. Warum machen sie das? Ganz einfach. Angesichts der lächerlich niedrigen Verzinsung sind immer weniger Investoren bereit, für faktisch nichts Staaten Geld zu leihen, indem sie die Staatsschuldpapiere kaufen. Statt eines Entgelts für das Risiko, durch einen Staatsbankrott oder einen Haircut wie im Falle Griechenlands und Zyperns Geld zu verlieren, gibt es nicht nur keinen Zins, sondern verliert der Gläubiger, inflationsbereinigt, sogar meistens noch Geld. Absurd, aber wahr.

Gleichzeitig vergeben Banken nur ungern Kredite an die Realwirtschaft. Zu kompliziert, zu aufwendig, zu risikoreich. Wieso also nicht besser Gratisgeld aufnehmen und damit im virtuellen Zockercasino Wetten hebeln? Oder in Staatsschuldpapiere hauen, die netto einen Ertrag abwerfen. Das damit verbundene Risiko wird im schlimmsten Fall über «too big to fail» gelöst, also wieder vom Staat. Ist doch ein Geschäft, wie es der Banker liebt. Zwei Klicks auf der Tastatur, Füsse hochlegen und Bonus zählen.

Sinnvoll und sinnlos

Im Fachchinesisch der Finanzwelt gibt es einen Ausdruck, der hier von entscheidender Bedeutung ist: Allokation der Ressourcen. Auf Deutsch: Geld kann dort eingesetzt werden, wo es Sinn macht – oder wo es verpulvert wird. Sinn macht Geld, wenn es investiert wird, also zur Steigerung der Wertschöpfung beiträgt. Verpulvert wird es, wenn refinanziert wird, also alte Schulden durch neue abgelöst werden. Zu niedrigeren Zinsen, wohlgemerkt. Statt dass billiges Geld für die Verbesserung der Infrastruktur, die Steigerung der Produktivität und ähnliche nützliche Dinge verwendet wird, pumpt sich seit Jahren weitgehend wirkungslos eine gigantische Geldblase auf. Ohne Wirtschaftswachstum, ohne anziehende Konjunktur. Ohne erkennbare Aussicht auf Besserung.

Drum herum spielen die Aktien- und Obligationenmärkte verrückt, Börsenindizes gehen dann hoch, wenn sie eigentlich runter gehen sollten und umgekehrt. Weil die beiden Stellschrauben Geldmenge und Leitzins den Blutkreislauf des Kapitalismus regulieren. Sollten. Wenn Geld faktisch gratis ist und in rauen Mengen vorhanden, wenn ein inflationsbereinigter Zinssatz von drei, besser fünf Prozent dem Risikonehmer nicht eine anständige Prämie verschafft und den Kreditnehmer von allzu kühnem Spekulieren abhält, dann gibt’s Bluthochdruck und irgendwann einen Herzinfarkt.

Niemand hat recht

Wir haben die absurde Situation, dass weder die Anhänger von Keynes – der Staat muss antizyklisch Geld in die Wirtschaft pumpen – noch die Monetaristen – das darf der Staat nicht, weil das zu einer galoppierenden Inflation führt – recht haben. Es gibt keinen Wirtschaftsaufschwung – aber auch keine gewaltige Inflation. Jedoch eine gigantische Geldblase, die bislang weder das eine noch das andere bewirkt. Lustige Zeiten. Die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt schweben also in einer Art Geldblase über der ökonomischen Realität und schauen auf die unerfreuliche Wirtschaftssituation hinunter.

Da eine solche Situation meiner Kenntnis nach historisch einmalig ist, weiss eigentlich niemand so recht, was denn genau passiert, wenn die Geldmenge verringert oder der Leitzins hinaufgesetzt wird. Aber alle Fachkräfte, inklusive BIZ, haben offensichtlich zunehmend ein ungutes Gefühl. Das wollen wir mal streng wissenschaftlich so fassen: ui, ui, auweia, aber hallo. Wo ist hier der Notausgang?

---

Dieser Beitrag erschien auf Journal21.ch

---

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. René Zeyer ist Autor des Bestsellers «Bank, Banker, Bankrott» und war viele Jahre lang Kommunikationsberater in der Finanzbranche.

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

6 Meinungen

So wie sich der Kommunismus selbst zerstört hatte (sofern es ihn überhaupt je gegeben hat?), so zerstört sich auch der Kapitalismus selbst. Im 2008 soll das Verhältnis der Geldwerte zu den Realwerten 1/33 betragen haben, wie könnte es jetzt sein??? Wenn CB für ein schönes Bild einige Millionen zahlt, dann sagt dies nicht nur über den Wert des Bildes etwas aus, sondern auch über den Wert des Geldes. Die Nationalbanken können wahrscheinlich nichts anderes tun, als die Notenpresse laufen zu lassen. Wenn sie es nicht tut, dann tun es die Banken virtuell. Der tiefe Zins zögert den Kollaps wenigsten hinaus indem die Zinsgewinne weniger parasitär wirken können. Die Frage ist aber, wie retten wir uns mit der Realwirtschaft vor der Überschemmung durch die virtuellen Pseudowerte?
Urs Lachenmeier, am 26. Juni 2013 um 14:20 Uhr
Leider wird die österreichische Schule der Nationalökonomie bis heute erfolgreich ignoriert bis diskreditiert, obwohl deren Exponenten wie Mises, Hayek oder Baader schon längst die Risiken des ungedeckten Schuldgeldes, wie auch der politischen Leitzins- und Geldmengenmanipulation mittels Zentralbanken belegt haben. Aus Sicht der Politik ist das natürlich verständlich, denn wie sonst könnten die Bürger über Inflation (Geldmengenausweitung, nicht wie oft missverstanden, Preissteigerung, was lediglich die Folge ist) ihres Vermögens beraubt werden, darum will die Politik dieses System ums Verrecken beibehalten.
Freie Marktwirtschaft, die offensichtlich gemeinhin unter Politikern, Bankern und Mainstream-Ökonomen als Teufelswerk gesehen wird, liesse eine derartige Geldpolitik gar nicht erst zu, sondern würde auf der Realwirtschaft fussen, weil sich der Preis des Geldes (Zins) nach der Leistungsfähigkeit und nach dem Vermögen einer Nation einpendeln würde. Freilich würde das zu einer ehrlichen und transparenten Finanz- und Geldpolitik führen (müssen), was aber tunlichst vermieden wird.

Ich empfehle Interessierten das Buch von Ludwig von Mises «Der Wert der besseren Ideen", sowie eigentlich alle Bücher des genialen Roland Baader. Bei der Lektüre dieser (teils alten, aber nicht weniger aktuellen) Werke werden genau diese Fehler offensichtlich, welche heute zum wiederholten Mal begangen werden. Aber die meisten Bürger trauen sich offensichtlich nicht zu, die Ökonomie und Geldpolitik durchschauen zu können, was aus meiner Sicht für Wähler und Bürger Pflicht wäre. Für Ökonomen müsste das Buch Ludwig von Mises, «Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel» (1924) Pflicht sein, denn genau diese Thematik wird von Keynes und der heute betriebenen Politik fatalerweise ignoriert.

@Herr Lachenmeier: Der Kapitalismus zerstört sich nicht selbst. Durch politische Interventionen, sowie Einflüssen aus Hochfinanz und Grossindustrie wurde und wird am System solange «gebastelt", bis es nicht mehr kontrollierbar sein kann. Dieser Zeitpunkt ist jetzt offensichtlich eingetreten. Aktuell sehen wir die wohl gefährlichsten und weitreichendsten Manipulationen im Wirtschafts- und Geldsystem unter Verwendung von Summen jenseits jeglicher Realität. Die Austrians warnen schon seit Jahrzehnten davor, Politiker am Geldsystem und Leitzins herumpfuschen zu lassen, aber dies bleibt leider in der Masse bisweilen ungehört. Heute gelten Begriffe wie «Kaptialismus» oder «freie Marktwirtschaft» in der breiten Gesellschaft als schiere Schimpfwörter, nicht ungewollt, lenkt es doch so schön vom wahren Versager ab: der Politik.
Yvan Schürmann, am 26. Juni 2013 um 20:03 Uhr
@Schürmann
Wir bräuchten genauere Definitionen. Was ist «Kapitalismus"? Dieser kann nicht mit einer «freien Marktwirtschaft» gleich gesetzt werden, die ebenfalls genauer definiert werden müsste...
Kapitalismus beinhaltet den Irrglauben, dass Geld arbeiten könne, dass es eben Junge bekommen würde. Der Zins und Zinseszins beinhaltet ein exponentielles Wachstum, welches zum Kollaps führen muss. Das Verhältnis der Geldwerte zu den realen Werten zeigt die Untauglichkeit des Systems. Keine reale Wirtschaft kann dem exponentiellen Wachstum der Geldmenge folgen, ob es nun gedrucktes oder nur Buchgeld ist. Die «freie Marktwirtschaft» ist ja nicht das, was wir wollen! Diese hat keine ethischen Grenzen, die Mafia gehört wohl auch zur «freien Marktwirtschaft"...
Auch eine Goldparität würde die Geldmenge nicht genügend begrenzen, das virtuelle Geld würde trotzdem zunehmen und zyklisch die Realwirtschaft absaufen lassen.
Die Sozialdemokraten rufen nach Wachstum und die Finanzokraten nach Staatshilfe....
Den schwarzen Peter «der Politik» (wer ist das?) zu geben, ist ungenau.
Urs Lachenmeier, am 27. Juni 2013 um 10:36 Uhr
@Lachenmeier
Tut mir leid, aber mit Ihrem Ausspruch «Die freie Marktwirtschaft ist ja nicht das, was wir wollen!» (und mit Ausrufezeichen) zeigt deutlich auf, wie weit die Missdeutungen in der Sprache bereits fortgeschritten sind, George Orwell lässt grüssen. Im Umkehrschluss würde ihr Statement ja bedeuten: Was wir wollen ist unfreie Zwangswirtschaft! Und genau das haben wir ja heute.
Und wenn Sie meinen, die Mafia hätte auch nur ansatzweise etwas mit freier Marktwirtschaft zu tun, dann kann ich Ihnen nur eines entgegnen: Die Mafia verwendet Zwang und Unterdrückung, ja Bedrohung bis hin zu Gewalt, um ihre Interessen durchzusetzen. Falls Sie mir noch folgen können, werden Sie auch zugeben müssen, dass dieses Zwangssystem prominent vorallem von einer Instanz durchgesetzt wird: dem Staat.

Und noch eines: Ich werde mich hier sicher nicht auf eine Diskussion betreffend Definition von Kapitalismus einlassen. Das kenne ich zur Genüge, denn wenn das Sprachverständnis schon nicht dasselbe ist, dann ergibt die Diskussion auch keinen Sinn. Ich stehe voll hinter der libertären (nicht der neoliberalen) Haltung der Autriche Economics und deren Definitionen. Aber dafür muss man sich halt mal ein paar Bücher zu Gemüte ziehen. Falls Ihnen der Zugang zur Literatur fehlt, leihe ich Ihnen gerne ein paar Bücher aus :)
Yvan Schürmann, am 28. Juni 2013 um 10:48 Uhr
@Schürmann
Ihr Umkehrschluss «unfreie Zwangswirtschaft» finde ich etwas polemisch. Nicht nur die Mafia unterwandert und beeinflusst Parlamente und Regierungen, es gibt auch den legalen Lobbyismus. Dieser bewirkt Markteingriffe zu Gunsten weniger und dies ist selten im Interesse des Souveräns. Ob «frei» oder «libertär", alles ist nach Eigeninteressen interpretierbar. Es besteht die Gefahr, dass sich die Einen Freiheiten zu Lasten Anderer herausnehmen. Wie soll denn dies geregelt werden? Tatsächlich gibt es viele Gesetze, welche den «freien Markt» regeln, vom Kartellgesetz bis zum Konsumentenschutz. Kaum jemand will einen absolut freien Markt... ob der Markt zuviel oder zuwenig, falsch oder richtig geregelt ist, ist eine andere Frage.
Ich nehme Ihr Buch-Angebot gerne an!
Urs Lachenmeier, am 28. Juni 2013 um 11:52 Uhr
@Lachenmeier, entschuldigen Sie meine urlaubshalber späte Rückmeldung.

Wie sollte Gerechtigkeit geregelt werden? Nun, das ist eine unlösbare Aufgabe aber zumindest wäre eine unabhängige Justiz, freie Presse, Anstand, Ethik (nicht Moral) und Gemeinsinn notwendig. Aber hier liegt eben vieles im Argen. Warum das so ist, wäre eine ellenlange Debatte, welche ich hier lieber nicht anstossen möchte.
Falls Sie wirklich ernsthaftes Interesse an Büchern haben, würde ich Ihnen gerne das Buch von Roland Baader, «Kapital am Pranger» übergeben. Schreiben Sie mir unter dotnetlab@gmx.net. Beste Grüsse
Yvan Schürmann, am 11. Juli 2013 um 22:50 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.