Windkraftwerk «Global Tech I» in der Nordsee: Die Axpo ist zu 25 Prozent beteiligt © Stadtwerke München/Global Tech/Henthorn
© Quelle: Geschäftsberichte 2014, Angaben Stromfirmen / Schätzung und Zusammenstellung: Guggenbühl / Tabelle: «Die Südostschweiz»

Schweizer Ökostrom kommt primär aus dem Ausland

Hanspeter Guggenbühl / 23. Sep 2015 - Schweizer Stromerzeuger investieren in erneuerbare Energien vor allem im Ausland – weil sie von Subventionen profitieren können.

Die Politik denkt, aber der Markt lenkt anders. Das gilt speziell bei der Förderung von Strom aus erneuerbarer Energie.

Ziele und Realität in der Schweiz

Die Schweizer Politik verfolgt das Ziel, den langfristig wegfallenden Atom- durch inländischen Ökostrom zu ersetzen. Die Energiestrategie des Bundesrats, die der Ständerat zurzeit berät, setzt dazu folgende «Richtwerte»: Die Produktion von Strom aus erneuerbarer Energie exklusive Wasserkraft soll erhöht werden, nämlich auf 4 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) im Jahr 2020 und auf 14,5 Mrd. kWh im Jahr 2035. Der Ständerat hat am Montagabend diesen Ökostrom-Richtwert für 2035 etwas herabgesetzt, nämlich auf 11,5 Mrd. kWh.

Den Stellenwert dieser politischen Ziele veranschaulichen zwei Vergleiche:

  • Im Jahr 2014 erzeugte Firmen und Private in der Schweiz 1,5 Milliarden kWh Ökostrom; dabei handelt es sich um die Summe aus Solar- und Windenergie sowie Biomasse im Inland. Nicht in dieser Zahl enthalten sind die 1,1 Milliarden kWh Strom, die Kehrichtverbrennungs-Anlagen aus Nahrungsabfällen, Rüstabfällen und andern nachwachsenden Stoffen erzeugen.
  • Das Kernkraftwerk Mühleberg, das 2019 abgeschaltet wird, produzierte letztes Jahr 3 Milliarden kWh Atomstrom.

Mehr Windstrom im Ausland

Weit umfangreicher als im Inland ist die Schweizer Ökostrom-Produktion im Ausland. Dabei handelt es sich in erster Linie um den Strom, den Schweizer Elektrizitätsunternehmen mit ihren Beteiligungen an europäischen Windkraftwerken erzeugen. Das zeigen die Zahlen der grossen Stromkonzerne (Axpo, Alpiq, BKW Energie und Repower) sowie von fünf weiteren ausgewählten kantonalen, regionalen und städtischen Elektrizitätswerken (siehe Tabelle).

Quelle: Geschäftsberichte 2014, Angaben Stromfirmen / Schätzung und Zusammenstellung für 2015: Guggenbühl / Tabelle: «Die Südostschweiz»

Diese neun Schweizer Elektrizitätsunternehmen zusammen werden ab 2015 schätzungsweise 3,8 Milliarden kWh Windstrom pro Jahr produzieren – und damit die Produktion des Atomkraftwerks Mühleberg bereits übertreffen. Von diesen 3,8 Milliarden kWh entfallen über 95 Prozent auf Beteiligungen an Windkraftwerken im Ausland. Denn die Produktion aller inländischen Windkraftwerke belief sich 2014 lediglich auf 0,1 Milliarden kWh.

Die zahlreichen Windkraftwerke, die Schweizer Stromfirmen besitzen, oder an denen sie beteiligt sind, verteilen sich über ganz Europa. Die meisten befinden sich in Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich. Ein ganz Grosser, der kürzlich eingeweihte Windpark «Global Tech I», an dem die Axpo zu einem Viertel beteiligt ist, steht in der Nordsee.

Profit aus verpönten Subventionen

Es ist der Markt, der die Investitionen von Schweizer Stromfirmen ins Ausland leitet, genauer: Der durch Subventionen verfälschte Strommarkt. Denn die meisten europäischen Staaten subventionieren neben der Kohle auch die Produktion von Strom aus Wind-, Solar- und Biomassekraftwerken; dies analog zur Schweiz mit einer kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV).

Dazu ein extremes Beispiel: Für den Strom, den die Axpo im Windpark «Global Tech I» produziert, erhält sie in den ersten acht Betriebsjahren eine Einspeisevergütung von 19,4 Euro-Cent pro kWh (umgerechnet über 20 Rappen). Diese Vergütung liegt um mehr als 15 Rappen über dem aktuellen Marktpreis. Das heisst: Allein für die 350 Millionen kWh Strom, welche die Axpo in diesem Windpark jährlich erzeugt, erhält sie von Deutschland eine Subvention im Umfang von 50 Millionen Franken pro Jahr oder 450 Millionen Franken in neun Jahren. Etwas tiefer, aber offenbar immer noch lukrativ, sind die subventionierten Einspeisevergütungen für Windkraftwerke auf dem Festland.

Hier klagen, dort kassieren

Die Investitionen in subventionierte ausländische Windkraftwerke stehen nicht nur im Konflikt mit der Schweizer Energiepolitik, die eine möglichst autarke Stromversorgung im Inland anstrebt. Sie bringt auch die Schweizer Stromunternehmen in Erklärungsnot: Einerseits klagen diese, der subventionierte Ökostrom aus dem Ausland verfälsche den Strommarkt und mache die einheimische Wasserkraft unrentabel. Axpo-Verwaltungsrat Roland Eberle etwa sprach am Montag im Ständerat markig von einem «durch Subventionen versauten Markt». Andererseits kassieren sie mit ihren Investitionen im Ausland selber einen Teil der verpönten Subventionen.

---

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«Subventionskritiker plündern den Subventionstopf»
«Tiefe Strompreise erschweren Energiewende»
«Radikale Energiewende mit weniger Subventionen»
DOSSIER: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke
DOSSIER: Die Politik der Stromkonzerne

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

3 Meinungen

Interessant scheint mir die Frage, ob mit den Beteiligungen auch Bezugsrechte verbunden sind, und wie diese ausgestaltet sind.
Christoph Wydler, am 23. September 2015 um 11:50 Uhr
Warum sollten die CH-Stromfirmen nicht im Ausland in saubere Energie investieren? Man sollte sie eher dafür kritisieren, es so wenig tun und fragen, warum sie es so wenig tun. (Die Antwort ist: Es war ihnen nicht rentabel genug. Sie strebten mal 10 bis 20 Prozent Rendite an, statt der vielleicht 5, den EEG-Windstrom bietet. Sie wären allerdings gut beraten gewesen, die 5 Prozent zu nehmen, statt mit Gaskraftwerken im Ausland Verluste zu generieren.) Die Gas- und Kohlekraftwerke der CH-Stromer im Ausland gehören kritisiert, bzw. die Stromfirmen, die sie bauten (Repower, Axpo, Alpiq, BKW, AET, Regio Energie Solothurn und Groupe e); nicht die doch recht bescheidenen, sauberen und rentablen Auslandinvestitionen in Windenergie (rentabel für die Unternehmen).
Zu kritisieren ist aber/ferner natürlich die elende Trittbrettfahrerei der Schweiz, die sich davor drückt, ihren Anteil zu leisten, wenn es darum geht, den neuen Erneuerbaren zum Durchbruch zu verhelfen. Und die EWs sind zu brandmarken für die Rolle welche sie dabei in der Lobby des Bundeshauses spielen.
Peter Vogelsanger, am 23. September 2015 um 12:30 Uhr
Womit wir wieder einmal beim Thema Subventionen, Steueranreizen usw. wären, die von der Politik aus kurzfristigen Motiven (schnelle Erfolge für eine Legislaturperiode und die darauffolgende Wiederwahl) wären. Überhaupt nicht nachhaltig - und hat, anders als der Autor das behauptet, mit einem «Markt» so ziemlich nichts zu tun. Ich erinnere da nur an die Geschichte rund um das Nokia-Werk in Bochum, welches nach Auslaufen der Subventionen 2008 sofort nach Rumänien verlegt wurde.
Michael Gisiger, am 23. September 2015 um 14:31 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.