Die Mär vom Fall der Wasserkraft

Hanspeter Guggenbühl © bm
Hanspeter Guggenbühl / 08. Mär 2016 - Mit der Wasserkraft gehe es bachab. Diese Behauptung gründet auf Ignoranz – oder Interessenpolitik.

Wer klagt, die Wasserkraft sei unrentabel, liegt im Trend und stösst auf breite Zustimmung. Der von Schulden und tiefen Marktpreise geplagte Stromkonzern Alpiq, der am Montag 49 Prozent seiner Wasserkraft-Beteiligungen zum Kauf anbot, hat diese Klage noch verstärkt. Dabei übersehen die Kopfnicker die vielfältigen Interessen, die hinter dieser Klage stecken: Kraftwerkbetreiber drücken damit auf die Wasserzinsen. Stromlobby und Alpen-Opec drängen an den Subventionstopf wie weiland die Bauern. Solar- und Windlobby reden die Wasserkraft schlecht, um den Abfluss ihrer Fördergelder zu bremsen. Naturschützer kritisieren, dass Subventionen für unrentable Projekte weitere Bäche trocken legen.

Kürzlich trat auch noch der Energieexperte und Bündner Grossrat Andy Kollegger auf den Plan und erklärte in einem Interview: «Die Wasserkraft in der Schweiz wird in 30 bis 40 Jahren nur noch eine marginale Bedeutung haben.» Damit machte er Schlagzeilen. Seine Behauptung hat nur einen Haken. Sie ist falsch. Denn sie ignoriert die spezielle Qualität der Wasserkraft aus Bergregionen.

Es stimmt zwar: Die aktuelle Stromschwemme und billige Kohle trieben die Marktpreise in den Keller. Die europäischen Börsenpreise für Bandstrom liegen zurzeit unter den vollen Produktionskosten der meisten Wasserkraftwerke (aber immer noch deutlich über deren reinen Betriebskosten). Doch der Blick auf die Gegenwart ist kurzsichtig. In der Vergangenheit waren die langlebigen Kraftwerke Goldesel. Und sie können es wieder werden. Denn die Stromflut wird schwinden, die Preise werden wieder steigen, wenn das Atomzeitalter abläuft und der Klimawandel zum Ausstieg aus der Kohle zwingt.

Doppelt schief ist der Vergleich mit aktuellen europäischen Börsenpreisen. Erstens lässt sich ein grosser Teil des Wasserstroms in der Schweiz weiterhin an im Monopol gefangene Kleinverbraucher verkaufen, deren Tarife über den Marktpreisen liegen. Zweitens hängen die meisten Wasserkraftwerke in den Berggebieten an Stauseen, die eine gezielte Produktion erlauben. Dieser wertvolle Spitzenstrom lässt sich zu deutlich höheren Preisen absetzen.

In die Irre führt zudem der Hinweis auf sinkende Kosten von Alternativen: Wasserkraft steht nicht in Konkurrenz zu Solar- oder Windkraftwerken, sondern kann deren schwankende Produktion ergänzen und glätten. Gescheit genutzte Wasserkraftwerke behalten langfristig ihren höheren Wert und brauchen keine Subventionen. Auf die staatliche Förderung von unsinnigen neuen Kraftwerken hingegen, die der Natur für wenig Stromproduktion viel Wasser abgraben, können wir getrost verzichten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

«Wie die Alpiq den Strommarkt kreativ austrickst» (auf Infosperber)
DOSSIER: «Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke»

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3 Meinungen

Ich versuche zu verstehen was ich mit den ständigen Klagen und Verurteilungen von nicht vorhanden Marktpreisen bzw. vorhanden Monopolen anfangen soll wenn ein solches Monopol ie. Service Public im weitesten Sinn eine Leistung zu Preisen liefert über die man nicht nachdenken muss und die im Haushalt integriert sind.

Warum bitte soll ich einfache erprobte funktionierende Technik nicht einfach als Errungenschaft anerkennen die jedem Einwohner hier zur Verfügung gestellt wird anstatt mich um Marktpreise, listiges Marketing und Pseudoauswahl kümmern wenn es einfach auch geht.

Strom bleibt Strom und das funktioniert einfach... Danke dafür.

Von den künstlich geschaffenen Handelsplätzen, Terminkontrakten habe ich nichts... und auch die neoliberale Irreführung vom Heil und Segen nach immer tieferen Preisen und rein Oekonomischer Eigennutzmaximierung habe ich nichts. Es muss Sektoren unseres Zusammenlebens geben die nicht irgendwelchen permanenten rein privatwirtschaftlich (AGBs die das OR aushebeln bis jemand klagt) ausgearbeiteten Kosten-Nutzen Ueberlegungen basieren.

Es gibt viele Dienste die man so aufbauen könnte so das man sich in modernen GEsellschaften nicht um derart Selbstverständliches zu kümmern braucht anstatt gigantische Bürokratie und Missmut bei allen Beteiligten zu generieren nur um irgendwelche illusorischen Marktpreise ausnutzen zu können. Welch eine Zeitverschwenung in Relation zum gesparten Geld und Aufwand.
Uwe Borck, am 09. März 2016 um 09:41 Uhr
Sofern Guggenbühl mit «Solarlobby» Swissolar meint, liegt er falsch. Der schweiz. Fachverband für Sonnenenergie redet die Wasserkraft keineswegs schlecht. Sie ist die ideale Ergänzung zur Photovoltaik, sinnvoll kombiniert werden sie den grössten Teil der zukünftigen Stromversorgung der Schweiz abdecken. Natürlich sind Speicherkraftwerke dazu wichtiger als Laufwasserkraftwerke, da sie den saisonalen Ausgleich zur Solarenergie bewältigen können. Sie liefern aber auch die kurzfristige Regelenergie zur Ergänzung von Wind und Sonne. Damit wird Wasserkraft zukünftig wieder konkurrenzfähig, auch auf dem europäischen Markt. Eine kurzzeitige Unterstützung, bis die Überproduktion in Europa weg ist, macht deshalb Sinn. Ein weiterer Ausbau ist aber nur gerechtfertigt, wenn damit Winterstrom produziert werden kann.
David Stickelberger, Geschäftsleiter Swissolar
David Stickelberger, am 09. März 2016 um 14:10 Uhr
Wer die letzten 20 Jahre Wasserkraft in der Schweiz und deren Erträge betrachtet, kann Guggenbühls Ausführungen nur beipflichten. Die Strompreise generell und damit auch die Erlöse der Wasserkraftproduzenten unterliegen einem typischen «Schweinezyklus», ein Begriff ursprünglich aus der Agrarwissenschaft, der eine periodische Schwankung auf der Angebotsseite bezeichnet. Bei sehr langfristigen Investitionen, wie den Wasserkraftwerken, sind längerfristige finanzielle Betrachtungen hilfreicher als Jahres- oder Quartalszahlen. Wer jetzt nach Subventionen ruft, sollte fairerweise auch über Abgaben reden, die während Hochrenitezeiten zurückbezahlt werden. Das Gejammer um die Wasserkraftrenditen vertuscht im Falle der Schweiz zwei wesentliche Faktoren.
1. Während Jahrzehnten subventionierte die Wasserkraft den Atomstrom quer, speziell zu Niedrigverbrauchszeiten wenn zuviel Bandenergie produziert wurde.
2. Das finanzielle Problem der «Wasserkraftwerke» ist von AXPO und ALPIQ wesentlich selbstverschuldet, weil sie während der Hochpreisphase von 2005-2009 den massiven Ausbau der Pumpspeicherung mit über fünf Milliarden Franken Investitionskosten beschlossen und nun am Bauen sind. Die zwei grössten Investitionsflops sind Linthal 2015 und Nant de Drance. Der Kapitalfehler bei diesen Projekten war die Annahme, dass sich die Strompreise weiter so, wie damals, entwickeln. Gleichzeitig wurde das Potential des Sonnenstromes von Karrer, Leonardi und Rohrbach belächelt und schlechtgeredet.
Heini Glauser, am 13. März 2016 um 21:35 Uhr

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