In dieser Stadt leben seit Jahrhunderten Menschen jüdischen, muslimischen und christlichen Glaubens. © flickr / Plater

In dieser Stadt leben seit Jahrhunderten Menschen jüdischen, muslimischen und christlichen Glaubens.

"Ich schäme mich für Deutschland"

Christian Müller / 09. Jun 2011 - Endlich beginnt auch Deutschland trotz Holocaust-Gewissensbissen die Politik Israels gegenüber Palästina kritisch zu hinterfragen.

»Ich schäme mich über Angela Merkel und schäme mich für Deutschland, wenn ich sehe, wie Merkel in der Pressekonferenz Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident von Israel, schmeichelt und sich von ihm schmeicheln lässt, während er, bewusst provokativ, () den Bau von weiteren 942 Wohneinheiten in Gilo auf palästinensischem Boden zwischen Jerusalem und Bethlehem genehmigt.» Und am Schluss: «Die Zeit ist reif für einen Wechsel ihrer Politik.»

Nicht «trotzdem», sondern «gerade deshalb»

Der Leserbrief in der NZZ vom 20. April 2011 (siehe unten den vollständigen Text zum Anklicken) stammte von einem Hans Werner von Wedemeyer aus Gernsbach in Deutschland. Wedemeyer: woher nur kennt man diesen Namen? Das Internet hilft über die Gedächnislücke: Da gab es doch die Maria von Wedemeyer, Verlobte des deutschen Theologen und Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus Dietrich von Bonhoeffer, der ihr – neben vielen anderen – das eindrückliche Gedicht «Von guten Mächten wunderbar geborgen» geschrieben hatte. Hans Werner von Wedemeyer aber ist ihr jüngerer Bruder – und nicht nur ein kluger, sondern auch ein weiser Kopf, der die Siedlungspolitik Israels nicht trotz den Holocaust-bedingten Hemmungen der Deutschen kritisiert, sondern gerade deshalb: Wie kann ein Volk, das die Schrecken des Nationalsozialismus, die Verfolgungen und Vernichtungen im Zweiten Weltkrieg über sich ergehen lassen musste, heute mit einem anderen Volk so umgehen wie die Israeli mit den Palästinensern?

Die Politik Israels darf kein Tabu sein

Das kollektive schlechte Gewissen der Deutschen gegenüber den Juden ist nachvollziehbar. Dass deswegen auch die Regierung Israels tabu ist und trotz jeder Menge völkerrechtlich höchst problematischer Aktionen von jeder Kritik verschont wird, ist schon schwerer verständlich. Umso erfreulicher ist, wenn bedeutende Persönlichkeiten Deutschlands es nicht nur wagen, dieses Tabu zu durchbrechen, sondern heute offen für die von Israel be- und verdrängten Palästinenser einstehen.

Im Gespräch mit Menschen in Palästina

Es ist auch einem Vorstoss des heute 83jährigen Hans Werner von Wedemeyer zu verdanken, dass vor ein paar Wochen im deutschen Verlag Reise-Know-how ein spezieller Reiseführer für Palästina erschienen ist. «Reisen zu den Menschen» lautet der vielsagende Untertitel. In dem Führer finden sich nämlich nicht nur Hinweise auf historische und touristische Sehenswürdigkeiten, sondern Hilfen, wie man sich von dem schrecklichen Schicksal der Palästinenser ein eigenes Bild machen kann – im Gespräch mit Menschen in Palästina.

«Muss man jetzt schweigen, weil unsere Vätergeneration damals schwieg?»

Hans Werner Wedemeyer hat denn auch das Vorwort zu diesem bemerkenswerten Reiseführer geschrieben. Wörtlich steht da geschrieben: «Mich, der ich mich für das Gelingen dieses Reiseführers einsetzte, fasziniert Palästina ausserordentlich. Nirgendwo sonst werden wir mit den Folgen unserer nationalsozialistischen Vergangenheit so konfrontiert wie in dem Land, in dem die Opfer des Holocaust ihrerseits die Palästinenser aus ihren Besitzungen vertrieben. Soll dieser fortschreitende Prozess der Zerstückelung, der Enteignungen, des Siedlungsbaues hin zu einem unwürdigen Apartheidsystem von der Welt, von uns, so toleriert werden?» Und etwas später im Text: «Muss man jetzt schweigen, weil unsere Vätergeneration damals schwieg?»

Es bleibt zu hoffen, dass Hans Werner von Wedemeyers Worte nicht nur in den Leserbrief-Spalten der NZZ gelesen werden, sondern auch in Deutschland selbst, an möglichst vielen Orten. Die von Israel marketingmässig perpetuierte Gleichung «Wer Israel kritisiert, ist ein Antisemit» darf uns nicht mundtot machen.

Das Buch:

Burghard Bock / Wil Tondok: Palästina. Reisen zu den Menschen. 244 Seiten. Reise Know-how Verlag Tondok, München 2011. www.tondok-verlag.de

(Zur selben Problematik ist im NZZ Libro Verlag ein sehr empfehlenswertes Buch erschienen: Karin Wenger: Checkpoint Huwara. Israelische Elitesoldaten und palästinensische Widerstandskämpfer brechen das Schweigen. Zürich 2009.)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Hans Werner Wedemeyers Leserbrief in der NZZ

10 Meinungen

Vielen Dank für diesen Beitrag, ich bin mit der Stossrichtung absolut einverstanden. Bei einem Satz bin ich allerdings etwas hellhörig geworden: „Wie kann ein Volk, das die Schrecken des Nationalsozialismus, die Verfolgungen und Vernichtungen im Zweiten Weltkrieg über sich ergehen lassen musste, heute mit einem anderen Volk so umgehen wie die Israeli mit den Palästinensern?“ Diese rhetorische Frage ist aus zwei Gründen heikel: Erstens wird der industriell betriebene Völkermord an den Juden im Dritten Reich in sehr subtiler Weise mit der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern verglichen. Bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an der katastrophalen Politik Israels darf dieser Vergleich, in welcher Art auch immer, nicht gezogen werden. Zweitens verlangt der Autor von Israel – wiederum sehr subtil – wegen des Holocaust ein besonders „gutes Betragen“. Mit anderen Worten: Das an den europäischen Juden begangene Jahrtausendverbrechen verpflichtet die Israeli zu besonders genauer Einhaltung völkerrechtlicher Standards. Oder ganz salopp: Die Opfer sollen sich gefälligst anständig benehmen. Dabei ist es ganz einfach: Israel hat nicht mehr und nicht weniger Rechte als andere Staaten auch. Und wo ein Staat das Lebensrecht eines Volkes systematisch bedroht und gegen internationales Recht verstösst, wie Israel das tut, dann muss das angeprangert und wenn möglich auch verhindert werden. Und sorry, die Bildlegende ist völlig missraten, ich möchte sie hier nicht wiederholen.
Jürg Müller-Muralt, am 08. Juni 2011 um 11:27 Uhr
Danke für die - auch subtilen - Hinweise. Aus der persönlichen Situation Wedemeyers gesehen (auch er war im Widerstand gegen den Nationalsozialismus) sind die sehr harten Worte m.E. nachvollziehbar. Der jüdische Historiker Norman G. Finkelstein ("Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern", «Holocaust-Industrie") argumentiert zum Beispiel ähnlich.
Die Bildlegende ist missverständlich: Das Wort Jude wird leider für die Zugehörigkeit zu einer Religion wie auch für die Zugehörigkeit zu einer Ethnie gebraucht. In der Bildlegende war das Wort als Zugehörigkeit zur Religion gemeint. Zur Problematik des Begriffs «Jüdisches Volk» empfehle ich das Buch des israelischen Historikers Shlomo Sand «Die Erfindung des jüdischen Volkes". Ich habe die Bildlegende jetzt trotzdem geändert, um weitere Missverständnisse zu vermeiden.
Christian Müller
Christian Müller, am 08. Juni 2011 um 11:49 Uhr
Leider ist das Intro zu diesem engagierten Artikel noch Wunschdenken: Nach wie vor sind es eher einzelne Aufrechte, die in Dtl. ihre beherzte Überzeugung zum Nahost-Konflikt offen zu äußern wagen. Wer es dennoch tut, wird für derartige «israelkritische Äußerungen» oft genug mit harrscher Polemik abgestraft.
In den deutschen Leitmedien bleibt es zudem schwierig, einen Leserbrief obigen Inhalts (wie NZZ) zu veröffentlichen. Umso wertvoller empfinde ich den Beitrag von Christian Müller und ebenso die differenziert-qualifizierte Replik des Foristen.
Elmar Frey, am 08. Juni 2011 um 15:25 Uhr
Ist der UNO-Sicherheitsrat ein Papiertiger? Was nützen Resolutionen für einen sofortigen Waffenstillstand, wenn sie keine Wirkungen erzielen? Warum werden solche unmenschlich handelnden Regierungen (hier Hamas und Israel) nicht beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eingeklagt? Wann endlich setzt die internationale Gemeinschaft die Gründung des palästinensischen Staates durch und überwacht das friedliche Zusammenleben dieser beiden Brudervölker, und zwar solange, bis die beiden Völker sich gegenseitig mit Achtung und Respekt und ohne Gewaltbereitschaft begegnen?
Willi Herrmann, am 17. Juni 2011 um 20:31 Uhr
Wer Israel kritisiert, ist ein Antisemit. So einfach macht es sich Sam Loew. Er zieht die untererste Schublade, weil ihm offensichtlich sachliche Argumente fehlen. Loew unterschiebt dem Autor Aussagen, welche er im Artikel gar nicht gemacht hat. Auch das eine bewährte Masche.
Der Staat Israel ist ein Staat wie alle andern und darf auch ebenso kritisiert werden. Man darf vom Staat Israel sogar erwarten, dass er die Menschenrechte besonders achtsam einhält und sämtliche Verletzungen besonders hart bestraft, weil der Staat Israel einen besonders moralischen Anspruch geltend macht.
Mireille Mata, am 17. Juni 2011 um 21:36 Uhr
Sam Loew; gerne zitiere ich Albert Einstein, ein humaner Jude, ein Genie, der doch viel intelligenter ist als Sie und ich.
"Hierzu gehört es, dass wir das Problem des Zusammenlebens mit dem Brudervolk der Araber in einer noblen, offenen und würdigen Weise lösen. Hier haben wir Gelegenheit, zu zeigen, was wir in den Jahrtausenden unserer schweren Vergangenheit gelernt haben. Wenn wir den rechten Weg gehen, werden wir Erfolg haben und den andern Völkern ein schönes Beispiel geben.
Was wir für Palästina tun, das tun wir für die Würde und Gesundung des ganzen jüdischen Volkes."
Quelle: Albert Einstein, Mein Weltbild, heruasgegeben von Carl Seelig, Ullstein Sachbuch, 25. Auflage, S. 97, ISBN 3-548-34683-9
Willi Herrmann, am 22. Juni 2011 um 14:08 Uhr
Die Argumentation des Artikels empfinde ich auch als problematisch. Die
heutige Situation in Israel/Palästina kann doch nicht mit dem 2. Weltkrieg verglichen werden, das wäre eine Verharmlosung der Shoah. Nur schon wenn ich an die Wannseekonferenz (1942) denke, dann graut es mir davon die «Endlösung der Juden» mit dem Schicksal der Palästinenser gleichzusetzen (wie kann man nur!) Das kann nicht auch nur im geringsten miteinander verglichen werden, das heisst aber nicht, dass die
(Siedlungs-)Politik Israels hinsichtlich der palästinensischen Bevölkerung
bedenkenlos ist, das ist sie überhaupt nicht.

Genauso problematisch scheint mir die Kategorie «Volk»
zu sein. Ich bezweifle das ein Volk als Kollektiv durch alle Zeiten
hindurch handelt. Ein Teil des Problems scheint hier aber die jüdische
Perspektive zu sein (Herr Loew wird mich bitte bei
einer falschen Aussagen korrigieren): die jüdischen Gläubigen erachten
sich selbst als auserwähltes Volk Gottes. Solche Perspektiven
implizieren geradezu ein Denken in Kategorien wie «wir» und «sie". Das
trifft natürlich nicht nur auf das Judentum zu, sondern auf jede nur
erdenkliche Religion mit universalem Anspruch oder universal-gültigen
Gesetzmässigkeiten. Das Problem der Ausgrenzung und Abgrenzung betrifft
sozusagen alle sozialen Gruppen, die eine bestimmte Selbstwahrnehmung
haben.

Dass wegen der Erfahrung des Holocaust «ein besonders moralischer
Anspruch» (Kommentar M. Mata) geltend gemacht werden soll (das ist es doch was
sie meinen mir ihrem Satz), verstehe ich nicht.
Moralische Ansprüche entwachsen doch nicht aus einer besonders
tragischen Geschichte, dann könnte man ja argumentieren, dass Nationen
oder «Völker", die keinen Genozid erlitten haben, moralisch
verwerflicher handeln dürften als andere. An Israel können nicht andere
Massstäbe angelegt werden, wie an andere Staaten. Zudem unterstellt
dies, das man als Kollektiv aus der
Geschichte für künftiges Verhalten lernen würde - die Geschichte
lernt mich sozusagen etwas anderes: möglicherweise lernen Individuen
aus der Geschichte, aber wahrscheinlich nicht abstrakte Kollektivbegriffe
wie «Völker", «Nationen» und «Banken".

Im weiteren teile ich die Meinung, dass man an der Politik des Staates Israel
kritiküben darf und auch soll, ohne dass man bei
Kritikäusserung
automatisch in die antisemitische Ecke gedrängt wird. Ich schliesse mich der Meinung von Herrn Loew an,
dass «Israelkritik» teilweise als Mantel für antisemitische Gesinnung
daherkommt, aber, Herr Loew, wenn
sie die Schweizer Politik, den Vatikan oder sonst wen kritisieren,
wird ihnen auch nicht unterstellt, dass sie per se ein Antichrist sind oder
demokratiefeindlich. Auch wäre mir eine differenziertere Berichterstattung von Herrn
Müller sehr wünschenswert, weil:

Nach einem gewissen Anfangsenthusiasmus für Infospeber meinerseits
bewegt sich diese Plattform
bereits in dieselbe polemische Richtung wie beispielsweise Newsnetz,
das haben die Autoren dieser Plattform selbst zu verantworten. Dass
ein Leser eines Artikels nicht derselben Meinung wie der Autor sein
muss, das ist doch klar, aber haarsträubende ahistorische Vergleiche wie Holocaust und
Palästinenser rufen konsequenterweise entsprechende Reaktionen hervor. Wenn ich die «publizistische Ausrichtung» in der «Über
uns"-Sektion lese, dann hoffe ich nicht, dass sie diesen Artikel als
"pointierten Kommentar» (2) verstehen, der «vergessene Zusammenhänge
und vernachlässigte Perspektiven» (1) darzustellen versucht.
Florian Steurer, am 22. Juni 2011 um 17:29 Uhr
Guten Abend Florian Steurer
Kennen Sie das Buch Weltethos von Hans Küng? Ich zitiere:
„Warum haben Religionen gerade im Heiligen Land keine friedensstiftende Kraft? Teddy Kollek zum Beispiel, der frühere Bürgermeister von Jerusalem, hat unermüdlich versucht, Brücken zu bauen…“ leider ohne nachhaltigen Erfolg.
Oder Bhudda?
Der Buddha ist weder ein Gott, noch eines Gottes Prophet oder Inkarnation. In der vollkommenen Harmonie seiner Weisheit und Allgüte verkörpert der Buddha das universelle und für alle Zeiten gültige Ideal des vollkommenen Menschen.
Genau diesem Ideal fühlt sich auch Albert Einstein verpflichtet. Es spielt überhaupt keine Rolle, wann er diesen Text geschrieben hat, sondern was er damit aussagen will.
Ein Kernsatz, den ich von Bhuddisten immer wieder höre: Lebe das Heute intensiv und mit viel Freude in Eintracht mit Deinen Mitkreaturen; vergiss gestern, Du kannst es nicht mehr ändern, sondern nur daraus lernen; und morgen ist nahe, etwas ungewisse Zukunft.
Die Völker und Kulturen dieser Einen Welt können doch nur in Frieden und Freiheit miteinander leben, wenn sie ihre kulturelle Vielfalt gegenseitig achten, respektieren und aufeinander zugehen, ganz im Sinne von Geben und Nehmen. Wer mehr hat, soll mehr geben. Der Ärmere wird es ihm danken; die gegenseitige Zuneigung wird wachsen.
Auch die Schweiz hat eine kulturelle Vielfalt, die uns Schweizerinnen und Schweizer nach dem Sonderbundkrieg von 1847 (Religionskrieg zwischen Reformierten und Katholiken) und der Gründung unseres Bundesstaates im Jahr 1848 mit viel Stolz und grosser Dankbarkeit gegenüber unseren Vorfahren erfüllt.
Wir Menschen müssen endlich lernen, aufeinander zuzugehen. Nur so können wir unsere globalen Probleme, u. a. auch den Nahost-Konflikt, lösen.
Zum Schluss noch ein Zitat:
Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina
Zürich, 28. Dezember 2008
„Wir fordern:
Stopp der israelischen Militäraktionen in Gaza.
Stopp des Raketenbeschusses Israels durch palästinensische Militante. Aufnahme internationaler Initiativen, welche die Einhaltung des Völkerrechts und der Menschenrechte durchsetzen.

Die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina (Schweiz) fordert die israelische Regierung auf, endlich diplomatische Mittel zur Lösung des Konfliktes einzusetzen, und die internationale Gemeinschaft, dem Völkerrecht Nachdruck zu verschaffen.

Die destruktive Strategie, auf jede Gewalt mit Gegengewalt zu antworten, fördert die kriegerische Eskalation im Gazastreifen und führt immer weiter in eine Sackgasse, aus der es keinen Ausweg mehr gibt. Statt politische Initiativen und Strukturen zu entwickeln, welche sowohl der israelischen wie auch der palästinensischen Bevölkerung Perspektiven eröffnen, setzt die israelische Regierung auf die Strategie der Gewalt.

Die Vorstellung, Hamas durch einen Krieg besiegen zu können, ist eine Illusion. Mehr tote, mehr verletzte, mehr verängstigte und obdachlose PalästinenserInnen bedeuten: mehr Hass, mehr Rachegefühle, mehr Verzweiflung. Und damit: Vergeltung und Eskalation der Gewaltspirale. Ein sicherer Ort wird dadurch Israel bestimmt nicht.

Die Besetzung des Westjordanlandes und die Blockade des Gazastreifens sind Unrecht. Sie müssen ein Ende haben. Militärschläge gegen die zivile Bevölkerung – auf beiden Seiten – sind Unrecht. Sie müssen ein Ende haben.“
Willi Herrmann, am 22. Juni 2011 um 19:22 Uhr
Lieber Herr Herrmann

Nein, ich kenne Küngs Buch nicht. Ich werde mir das bei Gelegenheit zu Gemüte führen. Natürlich haben sie Recht: Die Menschen müssen aufeinander zugehen. Die Waffen sollen für immer Ruhen! Ich teile auch vollkommen ihr Ideal, dass die Menschen ihre Kulturen gegenseitig achten müssen und die Kulturen hinsichtlich ihrer eigenen und anderer Kulturteilnehmer fundamentale Menschenrechte respektieren sollen.

Die von ihnen erwähnten «Jüdischen Stimmen» sind natürlich unglaublich wichtig für einen zukünftigen Frieden - einen Auseinandersetzung auch innerhalb der jüdischen Gemeinde und innheralb des Staates Israel ist unverzichtbar.

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"[...]verkörpert der Buddha das universelle und für alle Zeiten gültige Ideal des vollkommenen Menschen."

Meinen sie nicht, dass Buddha eher ein zeitloses und vollkommenes Ideal für den suchenden Menschen darstellt? Das Ziel ist es doch aus dem Samsara, dem ewigen Kreislauf des Lebens, zu scheiden. Das trifft ja genau auf den Menschen nicht zu, ausser es handelt sich um reinkarnierte Boddhisattvas (zumindest im tibetischen B(?). und Mahayana). Ich finde Religion, religiöse Ideale und Inhalte stets zur Argumentation ungeeignet, weil man sich so immer jenes herauspicken kann, was gerade zur Erklärung genehm ist das meine ich nicht abschätzig. Ich denke, das ist ebenso für den Buddhismus zutreffend. Ich würde bei ihren aufgezählten Idealen eher von menschlichen Tugenden ausgehen: Nächstenliebe nicht als religiös verklären, sondern als menschlich(!). Gleiche religiöse Anschauungen sind den Menschen nicht gemein, gewisse menschliche Werte eher.

Das buddhistische Weltbild impliziert doch weit mehr, als nur tugendhaftes Handeln oder dass sich eine Gewaltspirale immer weiterdreht, sobald mit Gewalt geantwortet wird, im Sinne von «Beile dich, Gutes zu tun; unterlasse Böses. Verabsäumst du das Gute, dann kann das Böse in deinen Geist eindringen» (Dhammapada 116). Buddhismus impliziert ein für den Durchschnittsmenschen, wie mich, uneinsichtliches System der karmabedingten Reinkarnation, im Sinne von «Der Übeltäter mag ja glücklich sein, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn der Kummer» (Dhammapada 119). Das ist doch deterministsich, das würde bedeuten, das man erhält, was man verdient. Finden sie das nicht problematisch?

Wenn ich jetzt noch weiter mit religiösen Inhalten argumentieren würde, dann wäre ich mit ihrem «Kernsatz» den sie immer wieder von Buddhisten zu hören scheinen, auch nicht einverstanden. Wahrscheinlich verstehen sie unter «intensiv Leben» etwas anderes als ich, aber für mich klingt das im höchsten Grade unbuddhistisch, versucht sich doch der praktizierene Buddhis vom Leben überhaupt zu lösen: «Ich sage: [...] es brennt durch Geburt, Alter und Tod» (Mahavagga I, 21, 1-4, Samy. XXXV, 28., zitiert nach Seidenstücker: Buddha, die Lehre, 2005, S. 88.). Das Leben scheint doch eher grundsätzlich leidhaft zu sein, selbst angenehme Dinge sind vergänglich und leidhaft. (Buddhismus heisst aber vermutlich auch nicht, auf Textstellen herumzureiten, schon klar, aber entsprechend handeln.)

Beste Grüsse
Florian Steurer, am 22. Juni 2011 um 23:11 Uhr
Lieber Herr Steurer
Besten Dank für Ihre Antwort.
In allen Religionen und Philosophien entdecken wir elementare gemeinsame Werte, Massstäbe und Werthaltungen, die uns helfen, uns im globalen Dorf zu verständigen, zusammenzuarbeiten und miteinander für eine friedlichere und gerechtere Welt einzustehen.
Die Philosophien von Bhudda und Konfizius sind für mich eine grossartige Bereicherung; wesentlich ist für mich das Verbindende, nicht das Trennende der Religionsgemeinschaften.
Frei nach Martin Luther King: I have a dream «Wie gestalten wir unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder"; so habe ich Ideenskizzen für eine gerechtere Welt-Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung publiziert.
Best wishes and kind regards
Willi Herrmann, am 23. Juni 2011 um 13:50 Uhr

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