Rund 10000 Verdingkinder, die wie Sklaven gehalten wurden, leben heute noch © Archiv PD

Rund 10000 Verdingkinder, die wie Sklaven gehalten wurden, leben heute noch

Sommarugas billige Entschuldigung

Niklaus Ramseyer / 08. Apr 2013 - Rund 10000 Verdingkinder fordern Gerechtigkeit. Der Bundesrat will sie mit einer «Entschuldigung» abpeisen.

Das wird bestimmt eine würdige Feier: Auf nächsten Donnerstag, den 11. April, hat die Landesregierung zu einem «Gedenkanlass für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» ins Kulturcasino Bern eingeladen. EJPD-Chefin Simonetta Sommaruga will sich während der musikalisch umrahmten Veranstaltung offiziell für die «schwierigen Umstände» entschuldigen, in denen Verdingkinder und andere «Versorgte» aufwachsen mussten. Zu Wort kommen sollen auch der «Delegierte für Opfer» der Zwangsmassnahmen, Alt-Ständerat Hansruedi Stadler (UR), die Landeskirchen, Kantone, Städte, Gemeinden, der Bauernverband und natürlich die Opfer, die im Programm nur noch «Betroffene» genannt werden.

Abgeschlagen und ausgebeutet

Der heute 76 Jahre alte Hugo Zingg ist einer dieser «Betroffenen»: Er ist ein ehemaliger «Verdingbub», wie es allein im letzten Jahrhundert und noch bis um 1970 herum in der Schweiz 100000e gab. Als nur 6-Jähriger kam er während des Zweiten Weltkriegs auf einen Bauernhof im Gürbetal bei Bern. Dort musste er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang «immer nur chrampfe», bekam kaum zu Essen und wurde von der Bäuerin für alles und jedes mit dem Lederriemen «abgeschlagen». Jahrelang leistet Zingg so unbezahlte Zwangsarbeit.

Dieses Unrecht, dieses Leiden und solche Brutalitäten sind durchaus mit der Sklaverei in den USA vergleichbar, wie eine Arbeit an der Uni Bern gezeigt hat: So wurden etwa die Verdingkinder oft nur als «dr Bub» bezeichnet – gleich wie die schwarzen US-Sklave als «Boy» verächtlich gemacht wurden. Nicht einmal ihr Name wurde den Entrechteten gegönnt.

Entschuldigung statt Entschädigung

Für Zingg und für die meisten der noch etwa 10000 überlebenden Schweizer Verdingkinder ist Sommarugas «Entschuldigung» darum nur «ein erster Schritt», wie er betont. Und er befürchtet: «Das am Donnerstag wird wohl eine Schönwetter-Feier.» Denn den Worten müssten Taten folgen. Konkret: Die Täter, Verantwortlichen und Profiteure dieses Unrechts von denen ebenfalls noch immer mehrere 1000 da sind, müssten eruiert und konfrontiert werden. Ihre Opfer hätten Anrecht auf Entschädigung und Wiedergutmachung. Und nicht zu knapp: Insbesondere die Schweizer Landwirtschaft hat von der Ausbeutung der Kinder-Sklaven massiv profitiert. Seriöse Schätzungen gehen in die Milliarden.

Doch jüngste Erfahrungen dämpfen die Hoffnungen der ehemals Verdingten und Versklavten auf gerechte Entschädigung. Denn Sommarugas Entschuldigung bei den Verdingkindern ist nicht die erste solche «Geste». Auch ihre Vorgängerin im Amt, BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, hatte sich schon 2010 bei «administrativ» und willkürlich eingekerkerten Frauen «offiziell entschuldigt». Sie nannte das damals eine «moralische Wiedergutmachung». Warum ist inzwischen klar: Entschuldigung und Moral sind gratis und wohlfeil.

Im danach erarbeiteten «Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen», das jetzt in die Räte kommt, steht ebenso knallhart wie explizit, die «Anerkennung des Unrechts» begründe «keinen Anspruch auf Schadenersatz, Genugtuung oder sonstige finanzielle Leistung». (Art. 4).

Verdingkinder im Gesetz vergessen

In diesem Gesetzesentwurf sind die Verdingkinder ohnehin nirgends explizit erwähnt. Und in Artikel 5 zum Thema «Historische Aufarbeitung» steht da: «Personendaten werden für die Veröffentlichung anonymisiert». Sollen damit feige Täter und Profiteure des schlimmen Verdingkinder-Unrechts nun ebenso geschützt werden, wie damals im Fichenskandal die hinterlistigen Denunzianten?

Die überlebenden Opfer, die sich im «Netzwerk verdingt» zusammengeschlossen haben, stellen über die «offizielle Entschuldigung» hinaus darum jetzt folgende Forderungen auf:

- Historische Aufarbeitung dieses üblen Kapitels in der Schweizer Geschichte

- Uneingeschränkte Akteneinsicht für die Opfer

- Errichtung eines Härtefonds für die Betroffenen

- Errichtung eines Kompetenzzentrums

- Aufarbeitung der Behördenwillkür

- Eine Informations- und Dokumentationsplattform

- Rückerstattung ihrer gestohlenen Guthaben

- Wiedergutmachung

Zu diesem letzten Punkt sagt Zingg: Es könne ja wohl kaum sein, dass man den Bauland- und Planungsgewinnlern im Wallis bei Rückzonungen nun leistungsfreie Entschädigungen in Milliardenhöhe verspreche. Und dann die unbezahlten Milliarden-Leistungen der Verdingkinder durch all die Jahrzehnte einfach ignoriere. Der rüstige Rentner ist gespannt, was Bunderätin Sommaruga am Donnerstag dazu sagt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Das Netzwerk der Verdingten
Bundesgesetz zur Rehabilitierung administrativ Versorgter
«Zwangsversorgte: Die reiche Schweiz gibt sich knausrig», Beobachter vom 9.4.2013
Zur Homepage der Sicherheits-Verwahrten

Eine Meinung

Achtung! Die riesige Schere zwischen Reich und Arm öffnet sich immer weiter.
Da müssen Frau Sommaruga und Frau Widmer-Schlupf der schönen Strümpfe wegen aufpassen, dass sie auf der richtigen Klinge sitzen.
Hannes Keller, am 08. April 2013 um 12:01 Uhr

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