CNN: Obama erwägt die Bewaffnung der Pro-US-Soldaten (siehe Ende des Artikels) © CNN

NZZ: ... angeblich für den Frieden

Christian Müller / 10. Feb 2015 - Die Münchner Sicherheitskonferenz hat keinen Frieden gebracht – aber mehr Transparenz: Die Kriegsbefürworter sind nun bekannt.

Bis vor wenigen Tagen ist im sogenannten Ukraine-Konflikt die Rolle der USA schlicht verdrängt worden. In den meisten Berichten und Kommentaren kam das Kürzel USA gar nicht vor (siehe «Weil zwei sich streiten, sterben Dritte»). Das hat sich seit der Münchner Sicherheitskonferenz vom 6. bis 8. Februar geändert. Die angereiste US-Kongress-Delegation mit prominenten Namen wie McCain oder Lindsey Graham hat dafür gesorgt, dass man es jetzt offiziell weiss: Es soll nicht mehr geredet, es soll endlich mehr geschossen werden!

Die zusätzlich gewonnene Transparenz hat politisch einen Vorteil: Die Länder der EU werden es sich etwas genauer überlegen, ob es wirklich auch in ihrem Interesse ist, einen grossen Krieg vor der Haustüre oder gar im eigenen Haus zu haben – im geopolitischen Interesse der USA, weitab vom Kriegsgeschehen.

Mehr Transparenz auch in der Berichterstattung

Durch die Berichterstattung ist aber auch in einem anderen Bereich mehr Transparenz entstanden: in den Medien. Wer hat wie berichtet? Wer hat wie kommentiert?

Auch wenn Blick und TagesAnzeiger grössere Auflagen haben, das «Weltblatt» der Schweiz und das medienpolitische Aushängeschild der Schweiz ist immer noch die NZZ – mit Betonung auf noch. Denn nicht zuletzt bei kriegerischen Ereignissen fährt die NZZ ihren eigenen Kurs. Im Jahr 2003 etwa, als die USA mit dem frei erfundenen, aber äusserst professionell kommunizierten Grund «Massenvernichtungswaffen» den Irak angriff, waren es nur gerade die NZZ und die Schaffhauser Nachrichten, die den USA zujubelten.

Und wie informiert die NZZ heute?

Es muss endlich richtig Krieg geben!

Bereits im April 2014 hat sich Infosperber erlaubt, darauf aufmerksam zu machen, wie die NZZ zum Krieg aufruft (Kriegstreiberei in der NZZ). Und so ist es denn auch geblieben. Der jüngste Kommentar des NZZ-Auslandchefs Eric Gujer hat eine ganz einfache Headline: Waffenhilfe ist überfällig. Gujer weiss – woher er das weiss, steht in den Sternen – dass die Separatisten von Russland mit Panzern und Flugabwehrsystemen ausgerüstet und geschult werden. Bravo! Der ukrainische Präsident Poroschenko konnte als Beweis für den Einsatz der russischen Armee in der Ostukraine lediglich acht von russischen Offizieren erbeutete Pässe nach München mitbringen (Kommentar der Russen: Leere und/oder gefälschte Pässe kann man auf jedem Jahrmarkt kaufen). Und der ukrainische Generalstabschef Viktor Muschenko sagte vor laufender Kamera, seine Truppen seien nicht mit russischen Truppen konfrontiert. – Aber lassen wir das.

Wo es allerdings richtig perfid wird, ist die Formulierung Eric Gujers zur neusten Vermittlungsinitiative von Angela Merkel und François Hollande: « ... was Merkel und die weniger werdenden Anhänger rein diplomatischer Initiativen angeblich wollen: Frieden für die Ukraine.» Merkel will angeblich den Frieden für die Ukraine! Frage an Eric Gujer: Was wollen Angela Merkel und François Hollande denn wirklich?

Wer sich die Mühe nimmt und sich täglich – auf verschiedenen Fernsehsendern! – die neusten Verwüstungen in der Ostukraine zu Gemüte führt, die verbombten Häuser, die Verletzten, die Verstümmelten, die Toten – der hat nicht den Wunsch nach noch mehr Waffen. Der kann nur einen Wunsch haben: endlich Friede in der Ukraine!

»Die Ukraine» ist nicht die Ukraine

Was in der Berichterstattung und Kommentierung der jüngsten Ereignisse in der Ukraine fast immer völlig übergangen wird, ist der Umstand, dass die Ukraine keine über viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gewachsene Einheit ist. Ihre Unabhängigkeit und damit auch ihre Grenzen (inkl. Krim) erlangte die Ukraine erst in den 1990er Jahren. Es gibt etliche Landesteile des riesigen Landes – die Ukraine ist 15mal grösser als die Schweiz –, die sich mit Kiew in keiner Weise identifizieren und deren Bevölkerung sich deshalb auch dagegen wehrt, ihre jungen Männer als Kanonenfutter in einen Krieg gegen Mitbürger zu schicken. Kiew hat bisher von föderalen Strukturen des Landes nichts wissen wollen und versucht sogar immer wieder, die ortsüblichen Sprachen abzuwürgen.

Einer der Hauptgründe, warum die ukrainische Armee im Donbass den Separatisten unterlegen ist, ist denn auch die mangelnde Motivation der ukrainischen Soldaten – im Gegensatz zu den Separatisten, die mit jeder Beschiessung ihrer Städte und Dörfer verbissener in den Kampf gehen. Auf Seite der ukrainischen Armee gibt es immer mehr Deserteure, und immer mehr junge Männer tauchen unter, wenn sie den Marschbefehl erhalten.

«Warum sollen wir für Kiew sterben’»

Der Autor dieser Zeilen hat sich auch in den letzten Tagen wieder erlaubt, einige Bekannte in der Ukraine anzurufen. Die Antwort einer jungen Frau mit einem einjährigen Kind aus dem Westen der Ukraine darf fast als repräsentativ genommen werden: «Sobald mein Mann den Marschbefehl erhält, werden wir das Land verlassen, wohin auch immer. Warum sollen wir für Kiew sterben?» (Kleiner Tipp für den ukrainischen Nachrichtendienst: Der Autor hat die Telefonate nicht von seinem eigenen Handy aus geführt...).

Und da gibt es, wie man von Eric Gujer, NZZ-Auslandchef und dem Vernehmen nach einer der NZZ-Chefredaktions-Papabili, zu lesen bekommt, eine Frau Merkel, die sich angeblich für den Frieden für die Ukraine einsetzt.

Warum soll man sich für den Frieden in der Ukraine einsetzen?

* * * * * *

Übrigens, apropos Medien, noch eine Kleinigkeit: Der US-amerikanische Fernsehsender CNN berichtete natürlich auch über die Ankunft von Angela Merkel am 9. Februar im Weissen Haus. Als Schlagzeile schrieb er unter die Bilder der Ankunft «OBAMA CONSIDERS ARMING PRO-U.S.TROOPS», Obama erwägt, die Pro-US-Soldaten zu bewaffnen. Dummheit oder bittere Realität: Man kann sich vorstellen, wie freudig das russische Fernsehen diese CNN-Meldung auf seinen Sendern weiterverbreitet hat (siehe oben Screenshot vom russischen TV).

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Zum Dossier Die Ukraine zwischen Ost und West
Der Herausgeber der Wochenzeitung DIE ZEIT zum gleichen Thema (auf Infosperber)
Zum Kommentar von Eric Gujer in der NZZ

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7 Meinungen

Interessant schein mir auch, dass die Kriegshetze in allen Bereichen der NZZ unterstützt wird: Am 29.1. werden beispielsweise im Feuilleton die Russen als unberechenbare Alkoholiker dargestellt, und heute eine Kolumne mit dem Titel «Russlands Verrückte und ihr Chef im Kreml. Seit längerer Zeit finden sich fast in jedem Bund der NZZ abwertende oder hetzende Artikel zum Thema Russland/Putin. Soll damit wohl die Bevölkerung auf einen «gerechten Krieg» vorbereitet werden?
Hermann K.J. Fritsche, am 10. Februar 2015 um 18:04 Uhr
@ Hermann Fritsche: Siehe Artikel «NZZ-Auslandchefs Eric Gujer», also alles aus einem Guss.
@ Christian Müller: «woher er das weiss, steht in den Sternen» Darf man hier seine BND-Connections nicht nennen ?

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 10. Februar 2015 um 18:31 Uhr
Ich teile die Kritik an der US-Politik.
Doch darf deshalb nicht die Gegenseite in der Kritik geschont werden!
Da ist doch die erste Frage, weshalb wollen die Separatisten mit Waffengewalt ihr Ziel erreichen? - ausgerechnet in einer sehr labilen Situation des Landes. Weshalb erhalten diese kriegsbereiten Separatisten Unterstützung vom Nachbarland?
Erst dann kommen die weiteren Fragen, weshalb soll die Trennung des Landes ebenso mit Waffengewalt verhindert werden? (und was ist zum Wohle der Bevölkerung ohne Waffengewalt möglich...?)
Und... weshalb wird auch hier meist nur vom Beschuss durch die ukrainische Armee geschrieben, es ist doch überhaupt nicht klar, woher die Granaten im konkreten Fall herkommen.
Wir sind angesichts der grossen Ratlosigkeit oft vorschnell im Urteil? (wie die NZZ eben auch...)
Urs Lachenmeier, am 13. Februar 2015 um 23:26 Uhr
Über die Distanz gerät der Ausgangspunkt leicht aus dem Fokus: Es war die ukrainische Regierung, die die russische Sprache «abschaffen» wollte und damit die Unabhängigkeitsbestrebungen ers auslösten. Ein weitere Punkt: Was ist mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker? Ich erinnere gerne an den Jura. (Die Krim hat in einer autonomen Abstimmung gewählt, oder wie soll man sich eine «erzwungene» Wahl vorstellen? Jeder Einzelne wird mit Waffengewalt zu Urne geführt?)
Hermann K.J. Fritsche, am 14. Februar 2015 um 08:44 Uhr
Der Führung der Aufständischen ist zwar nicht durchwegs über den Weg zu trauen. Wie in allen revolutionären Bewegungen gibt es darunter welche, deren Ansichten verquer sind. Aber wie steht es mit der Regierung in Kiew? Dort ist das auch so. Nehmen wir einmal Jazenjuk, den derzeitigen Ministerpräsidenten. Hat er doch jüngst im ARD dem deutschen Volk schmackhaft machen wollen, es und die Ukraine sei von den Sowjets 1944 angegriffen worden! Diese Ungeheuerlichkeit wurde von den westlichen Mainstreammedien schamhaft verschwiegen. Stattdessen flimmern Bilder über die Fernsehschirme, wo Jazenjuk von US-Vize Joe Biden umarmt wird. Nachvollziehbar, denn dessen Sohn sitzt in mehreren Verwaltungsräten von ukrainischen Rohstofffirmen. Man scheint in den USA die vermuteten Schiefergasvorkommen im Donbass im Auge zu haben. Dumm nur: Die sind seit einigen Monaten unter der Kontrolle der Rebellen.
Als sich die Ostukrainer im vergangenen Frühjahr gegen die selbst ernannten Machthaber in Kiew erhoben, war das zunächst eine spontan-friedliche Volkserhebung. Die dortigen Ordnungskräfte halfen mit, die von Kiew neu ernannten Gouverneure und Stadtpräsidenten aus den Rathäusern zu vertreiben. Illegal aber legitim! Liesse man heute die Menschen dort frei abstimmen, wäre das Ergebnis klar. Wir wollen nicht mehr von Kiew aus regiert werden. Im Westen weist man eine - auch international überwachte - Volksbefragung dezidiert zurück. Es geht eben nicht um das Wohl der ostukrainischen Bevölkerung.
Peter Beutler, am 14. Februar 2015 um 10:34 Uhr
Die Informationen sind unsicher, deshalb empfehle ich Zurückhaltung im Urteil, oder überhaupt keines aus unsrer «wohlregulierten» und vorläufig sicheren Warte heraus.
Meines Wissens...
- wurde die russische Sprache von der alten, legalen Regierung unterdrückt.
- wurde der Staatspräsident vom legalen Parlament in einer Abstimmung abgesetzt
- hatten die Separatisten die Wahlen in den kontrollierten Gebieten ver- oder behindert.
Dass die McCain-Stiftung 5 milliarden Dollar in den Umsturz «investiert» hatte, was eine Riesensauerei ist, darf doch nicht anderseits zum kritiklosen Gutheissen einer ebenso fragwürdigen Reaktion der Separatisten und der Einmischung des östlichen Nachbarn dienen!
Die Ukrainer hätten dies selbst ausjassen müssen, ohne Einmischung von West UND von Ost!
... und anstatt wir hier so naseweise urteilen, sollten wir die betroffenen Menschen fragen was sie möchten.
Der leise Wunsch nach Frieden geht im heroischen Gefechtslärm leider unter.
Urs Lachenmeier, am 14. Februar 2015 um 21:48 Uhr
Herr Lachmeier, es stimmt nicht, dass die Regierung Janukowitsch die russische Sprache unterdrückte. Das wäre ja auch nicht nachvollziehbar gewesen. Denn Janukowitsch, der Präsident der alten legalen Regierung, sprach ja selber russisch. Seine Heimatstadt war das vorwiegend russisch sprechende Charkov ganz im Osten. Und was heisst «Einmischung von Ost"?
Die Menschen in der Ostukraine sind ethnische Russen. Klar doch: Man müsste die Menschen in der Ostukraine nicht nur fragen, was sie möchten, sondern auch darüber abstimmen lassen. Doch davon ist in Berlin, Paris oder London nicht die Rede und schon gar nicht in Washington.
Peter Beutler, am 14. Februar 2015 um 22:27 Uhr

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