Ex-Geheimdienst-Shin Bet-Kommandanten vergleichen Israel mit Nazi-Deutschland © democracy_now

Ex-Geheimdienst-Shin Bet-Kommandanten vergleichen Israel mit Nazi-Deutschland

Islamisten-Aufmarsch in Baden befürchtet

Christian Müller / 18. Feb 2013 - Die Stadt Baden wählt am 3. März einen neuen Stadtammann. Geri Müller, Kandidat der Grünen, wird auch als Israel-Kritiker bekämpft.

Die Stadt Baden im Aargau wählt einen neuen Stadtammann. Von den drei Kandidaten im ersten Wahlgang am 13. Januar hat sich der Drittplatzierte, Markus Schneider von der CVP, zurückgezogen. Jetzt stehen sich noch Roger Huber von der FDP und Geri Müller von den Grünen gegenüber. Obwohl Geri Müller im ersten Wahlgang ein paar wenige Stimmen mehr erhalten hat als Roger Huber, werden diesem mehr Chancen eingeräumt. Man geht davon aus, dass mehr freiwerdende CVP-Stimmen an den bürgerlichen Kandidaten gehen werden. Doch so ganz sicher ist das noch nicht.

Die Aargauer Zeitung, die in Baden gleichzeitig die Lokalzeitung ist, votierte am Samstag, 16. Februar, in einem halbseitigen Kommentar klar zugunsten Roger Huber – mit einem ebenso klaren Argument: Baden soll unter bürgerlicher Führung verbleiben. Das sei, so die AZ, ein Erfolgsmodell. Gegen den Grünen Geri Müller kämpft aber auch die Israelitische Kultusgemeinde Baden. Sie wirft Geri Müller Sympathien zu den Hamas in Gaza vor und eine einseitig kritische Haltung gegenüber Israel. Geri Müller, als Nationalrat Mitglied der Aussenpolitischen Kommission, habe sogar einmal drei Vertreter der Hamas in Bern offiziell empfangen.

Baden als Wallfahrtsort für Islamisten und Antisemiten?

Die Aargauer Zeitung hat auch diesem Kritik-Punkt viel Platz eingeräumt. Einen anonym bleiben wollenden Sprecher der Israelitischen Kultusgemeinde zitierte die AZ so: «Wird Geri Müller Stadtammann, droht Baden zu einem Anziehungspunkt für Islamisten und Antisemiten zu werden.» Und die lokale Zeitung zitierte auch eine weitere Quelle: «Auf Jewiki.net wird ausserdem darauf hingewiesen, dass Geri Müller in öffentlichen Aussagen Parallelen zwischen der Situation im Gazastreifen und dem Holocaust gezogen hat. ‚Diese Art von Holocaust-Relativierung’, lehrt Jewiki.net, ,wird als Sekundärer Antisemitismus bezeichnet.’»

Der Vergleich stammt aus Israel selber

Dass die Badener Angehörigen der Israelitischen Kultusgemeinde nicht gerade zum Israel-kritischen Flügel der in der Schweiz ansässigen Juden gehören, ist bekannt. Die progressiven und Israel-kritischen Juden sind eher in Zürich, Basel oder Genf anzutreffen. Trotzdem erstaunt es, wenn der Vergleich Gaza mit dem Holocaust ausgerechnet einem Schweizer Politker angelastet wird, obwohl er auch in Israel selber durchaus geäussert wird. Auch aus prominentem Munde!

Gerade Ende Januar ist – in den USA! – ein Dokumentar-Film des israelischen Regisseurs Dror Moreh als bester Dokumentarfilm für einen Oscar nominiert worden: The Gatekeepers. Er zeigt Interviews mit sechs ehemaligen Chefs des israelischen Geheimdienstes Shin Bet, die sehr offen darüber reden, wie sie mit den Palästinensern umgegangen sind. Und auch einer dieser Shin Bet-Commanders zieht unmissverständlich den Vergleich zwischen Israel und Nazi-Deutschland. Ein Video der Organisation «Democracy now» zeigt dies in aller Klarheit.

Geri Müller hat nichts zu verbergen

Würde dieser Dokumentarfilm eines jüdischen, in Israel lebenden Regisseurs in Baden noch vor den Wahlen am 3. März öffentlich gezeigt, wer weiss, ob Stadtammann-Kandidat Geri Müller nicht sogar ein paar zusätzliche Stimmen erhalten würde – für sein mutiges Engagement zugunsten der unterdrückten Palästinenser.

PS vom 3.3.2013:

Das Thema wurde nach der Publikation dieses Artikels am 18. Februar auch in anderen Medien ausserhalb von Baden und des Aargaus aufgegriffen. Am 3.3.2013 war Wahltag. Bei rund 55 Prozent Stimmbeteiligung wurde Geri Müller mit 2822 Stimmen gegen 27788 für den Gegenkandidaten Roger Huber, also mit 34 Stimmen mehr, zum Stadtammann gewählt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Geri Müller, die Hamas und die Juden
Zum Video über den Dokumentarfilm "The Gatekeepers"
arte.tv über "The Gatekeepers"
Israel macht auch in der Schweiz politische Propaganda (auf Infosperber)
Über Geri Müller an einem Podiumsgespräch über Israel (auf Infosperber)
Pro Israel-Meinungsmache wird professionalisiert (auf Infosperber)
Die NZZ am Sonntag fasst zu Geri Müller nach (NZZaS vom 24.2.2013)

6 Meinungen

Dass man Israel kritisiert, wenn es - wie andere Völker auch - Menschenrechtsverletzungen begeht, finde ich richtig. Gaza mit dem Holocaust zu vergleichen, scheint mir aber ein völliger Fehlgriff zu sein.
Markus Gautschi, am 18. Februar 2013 um 15:56 Uhr
Peinlich was Walter Gurtner Geri Müller unterstellt und dann gleich noch alle abgegriffenen Klischees undifferenziert bedient.
Es täte gut Israels Verhalten gegenüber der arabischen Bevölkerung kritisch zu überdenken und zu hinterfragen. Die ständig weiteren, widerrechtlichen Okkupationen und Annektierungen von palästinensischem Gebiet. Die ständige Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung durch Israel. Apartheit pur.
Solange Israel diese Politik ungestraft unter der schützenden Hand Amerikas betreiben kann und darf - solange ist leider auch die Hamas in diesem Gebiet im Aufwind. Ständig die gleich billigen Ausreden Israels um ja nicht in einen echten Dialog mit ihren Nachbarn treten zu müssen sind ebenso tragisch wie gefährlich.
Zu guter Letzt sind so intolerante Mitbürger wie Walter Gurtner eine Schande für die Schweiz. Nicht ein Geri Müller, der sich zu Recht mit Mut und Anstand für eine rechtlose Minderheit stark macht!
Urs Dietschi, am 19. Februar 2013 um 06:19 Uhr
Es ist schon bedenklich, wenn man hierzulande fast mutig sein muss, um sich für die unterdrückten Palästinenser einzusetzen und demzufolge nicht umhin kommt, Israel zu kritisieren. Dazu gibt es keine deutlichere und unwiderlegbarere Sprache als dieses Buch.
http://www.amazon.de/Breaking-Silence-Israelische-berichten-besetzten/dp/3430201470/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1361274193&sr=1-1
Andreas Mathys, am 19. Februar 2013 um 13:04 Uhr
Walter Gurtner, Ihre undifferenzierten Unterstellungen zeigen ein sehr tiefes, um nicht zu sagen gar primitives Niveau. Sie können durchaus eine andere Meinung vertreten - aber Sie sollten Ihre Einwände auf einer anständigeren Ebene darlegen...!
Israel betreibt, ob es Ihnen passt oder nicht, eine menschenverachtende Politik gegenüber der arabischen Bevölkerung. Dies kann auch mit Ihrer Aufzählung von Taten (die ich auch nicht unterstütze) extremer arabischer Organisationen und Regierungen nicht als Rechtfertigung für Israels Palästinapolitik herhalten.
Und damit wären wir wieder bei Geri Müller, der sich, wie gesagt, zu Recht mit Mut und Anstand für eine rechtlose Minderheit einsetzt.
Urs Dietschi, am 19. Februar 2013 um 20:42 Uhr
Wie sieht denn diese «menschenverachtende Politik gegenüber der arabischen Bevölkerung» aus, Herr Dietschi? Dass israelische Araber Karriere machen können in Armee, Politik oder Justiz? Dass eine Araberin Miss Israel werden kann? Dass Araber an den israelischen Unis studieren können? (Versuchen Sie mal als Israeli, an einer arabischen Uni zu studieren).
Michel Wyss, am 28. Februar 2013 um 13:14 Uhr
Für die Meinungsbildung sehens-, resp. lesenswert:
http://www.spiegel.de/kultur/tv/toete-zuerst-ndr-doku-ueber-den-israelischen-geheimdienst-schin-bet-a-886745.html
Andreas Mathys, am 06. März 2013 um 16:10 Uhr

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