Unkraut-Killer Glyphosat: EU-Behörden schlagen mögliche Krebsrisiken in den Wind © ARD
Toxikologe Peter Clausing: «Die Industrie hat versucht, auf die Bewertung der Behörde Einfluss zu nehmen» © ARD

So manipuliert die Industrie Glyphosat-Studien

Red. / 24. Apr 2017 - Neue Untersuchungen zeigen, wie Monsanto hinter den Kulissen Einfluss nimmt auf Wissenschaftler und Zulassungsbehörden.

In den nächsten Monaten müssen die EU-Länder entscheiden, ob der umstrittene Unkraut-Killer Glyphosat in Europa weiterhin eingesetzt werden darf. Die EU-Zulassung für Glyphosat läuft Ende 2017 aus, eine mögliche Verlängerung hängt von den Risikobewertungen der europäischen Behörden ab.

Während Forscher der Internationalen Krebsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO das Herbizid als «wahrscheinlich krebserregend für Menschen» einstufen, sehen die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) keinen Grund zur Besorgnis. Es gebe keine Hinweise auf eine krebserzeugende oder erbgutschädigende Wirkung durch Glyphosat, so ihre Bewertung. Auch die Europäische Chemikalienagentur (Echa) gab Mitte März Entwarnung: Glyphosat sei nicht krebserregend, heisst es im Gutachten der Echa. Damit wird es wahrscheinlicher, dass Glyphosat in EU-Ländern weiterhin zugelassen bleibt.

Industrielobby schaltet sich heimlich ein

Allerdings: Auf das Urteil der Echa hat die Pestizid-Industrie mehr Einfluss genommen, als bisher bekannt ist. Das ARD-Magazin «Fakt» und die «Süddeutsche Zeitung» deckten auf, dass eine Lobbyorganisation der Industrie die vorläufige Bewertung der Risikoprüfer einsehen und schriftlich kommentieren konnte, und zwar kurz bevor das Gremium sein abschliessendes Urteil formulierte. Laut «Fakt» stritt die Behörde in Helsinki diese einseitige Vernehmlassung zunächst ab. Man habe einen solchen Kommentar nicht angefordert und auch nicht erhalten. Zwei Tage später korrigierte sich die Behörde und teilte «Fakt» schriftlich mit: Ende Januar sei tatsächlich ein Kommentar der Glyphosat-Task-Force eingegangen und an den Ausschuss der Echa weitergeleitet worden. Hinter der Glyphosat-Task-Force steht vor allem der US-Agrarkonzern Monsanto, der Glyphosat auf den Markt gebracht hat und damit Milliarden-Umsätze macht.

Der Berliner Toxikologe Peter Clausing vom deutschen Pestizid Aktions-Netzwerk kritisiert im Interview mit «Fakt» das Vorgehen der Echa-Behörde. Alle Interessengruppen hätten ihre Kommentare bis 18. Juli 2016 vorlegen müssen. Diese Unterlagen wurden auf der Website der Echa veröffentlicht – nicht aber die viel später eingegangene Stellungnahme der Industrie. Clausing, der als Beobachter an den Sitzungen der Echa zugelassen war, ist überzeugt: «Die Industrie hat versucht, auf die Bewertung der Behörde Einfluss zu nehmen.»

Wissenschaftler im Dienst der Industrie

Monsanto setzt alles daran, um ein mögliches Glyphosat-Verbot in der EU zu verhindern. Das zeigt auch die aktuelle Untersuchung «Glyphosat und Krebs: Gekaufte Wissenschaft» der europäischen Bürgerinitiative «Stop Glyphosat». Studien des Herstellers sollen den Vorwurf der IARC entkräften, Glyphosat sei möglicherweise krebserregend. Doch viele der Wissenschaftler, die Studien im Auftrag von Monsanto anfertigen, stehen teilweise in enger Verbindung zum Konzern. Laut der Untersuchung erschienen in der Zeit zwischen 2012 und 2016 in Wis­sen­schafts-Magazinen mehrere Artikel zu Glyphosat, deren Autoren grösstenteils zuvor als Berater für Monsanto tätig oder zeitweise beim Konzern beschäftigt waren. Sie alle kommen – wenig überraschend – zum Schluss, dass Glypho­sat keine Gefahr für die Gesundheit darstellt.

Dass Hersteller Studien in Auftrag geben, um nachzuweisen, dass ihre Produkte sicher sind, verlangt das Gesetz. Auffällig bei Glyphosat sind aber die deutlich abweichenden Ergebnisse zwischen unabhängigen Studien und denen der Industrie. Während letztere das Pestizid als relativ unbedenklich einstufen, sehen mehr und mehr Forscher, die nicht von der Industrie bezahlt sind, in Glyphosat eine Gefahr für Menschen.

Toxikologe Peter Clausing: «Würden die europäischen Behörden unabhängigen Studien mehr vertrauen als den Studien der Hersteller, dann wäre eine Verlängerung der europäischen Zulassung ernsthaft in Gefahr.» (Quelle: ARD)

Problematisch ist vor allem, dass sich die Zulassungsbehörden bei der Bewertung der Risiken fast ausschliesslich auf Studien der Industrie verlassen. «Würden die europäischen Behörden unabhängigen Studien mehr vertrauen als den Studien der Hersteller, dann wäre eine Verlängerung der europäischen Zulassung ernsthaft in Gefahr», sagt der Toxikologe und Mitautor der Untersuchung, Peter Clausing, gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Clausing sieht schwere Mängel in den Veröffentlichungen der Industrie. Dazu gehöre etwa das gezielte Weglassen relevanter Daten bei gleichzeitiger Präsentation irrelevanter Daten. «So werden Sachverhalte verzerrt, Leser in die Irre geführt und wissenschaftliche Beweise verneint.»

Krebsopfer klagen: «Monsanto hat Risiken vertuscht»

In den letzten Wochen geriet Monsanto auch in den USA zunehmend unter Druck. Ein Richter in Kalifornien ordnete die Veröffentlichung konzerninterner Dokumente und E-Mails an, die heikle Fragen zur Sicherheit von Glyphosat aufwerfen. Vor dem Gericht klagen 60 Krebsopfer gegen Monsanto, die am Non-Hodgkin-Lymphom – einer bösartigen Erkrankung des Lymphsystems – leiden oder dadurch Angehörige verloren haben. Die Betroffenen berufen sich auf die Risikobewertung der IARC, und werfen Monsanto vor, die Krebsgefahr von Glyphosat gegen besseres Wissen vertuscht zu haben.

Die internen Unterlagen enthalten unter anderem Hinweise darauf, dass Monsanto von der IARC-Einschätzung zu Glyphosat («wahrscheinlich krebserregend») wusste. Laut «New York Times» soll ein Mitarbeiter der US-Umweltschutzbehörde dem Konzern entsprechende Infos zugesteckt haben, noch bevor das Gutachten der Krebsforscher der IARC veröffentlicht wurde. So konnte Monsanto rechtzeitig eigene Studien mit anderen Rahmenbedingungen in Auftrag geben und bezahlen, um dieses Urteil zu «widerlegen». Derselbe Mitarbeiter habe auch verhindert, dass das US-Gesundheitsministerium Glyphosat eigenständig untersucht hat.

Monsanto-Mitarbeiter als «Ghostwriter» von Studien?

Die Dokumente deuten zudem darauf hin, dass der Konzern heimlich an Studien mitgearbeitet hat, die später als Arbeiten «unabhängiger Wissenschaftler» präsentiert wurden. Demnach sollen renommierte Forscher ihren Namen unter Schriften gesetzt haben, die ganz oder in Teilen von Monsanto-Mitarbeitern verfasst wurden. In einer internen E-Mail, die das ARD-Magazin «Fakt» veröffentlicht hat, schrieb ein Monsanto-Vorstandsmitglied einem Kollegen: «Wir würden die Kosten niedrig halten, wenn wir das Schreiben selbst übernehmen und sie (die Forscher, Anm.d.Red.) würden das lediglich bearbeiten und ihre Namen darunter setzen.»

Laut «Fakt» taucht in der E-Mail auch der Name eines deutschen Toxikologen auf, der an zwei Studien zu Glyphosat mitwirkte, die bezüglich Krebsrisiken Entwarnung geben. Sowohl Monsanto als auch der angeschuldigte Forscher bestritten gegenüber dem ARD-Magazin «Fakt», dass bei Studien ein solches «Ghostwriting» stattgefunden habe.

DOSSIER: «Der Unkraut-Killer Glyphosat»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

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Eine Meinung

unabhängige Studien müssen zu gleichen Anteilen Gewicht bei der behördlichen Entscheidungen zugelassen werden. Ohne unabhängige Studien von Universitäten, einzelnen Forschern und/oder Ärzten sehe ich solcher Art behördlicher Entscheide als absolut fahrlässig an.
Barbara Vögeli, am 24. April 2017 um 20:30 Uhr

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