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Fällander Tagebuch 7

Ein typischer Mensch – Nationalität vor Qualität

Jürgmeier / 19. Feb 2017 - Ein Tessiner ist ein Mensch, in St. Moritz wird ein Kugelblitz Weltmeister, logiert einer im Turm & will kein Kostverächter sein.

27. Januar 2017

Wenn der Boss & die grösste Schweizer Bank ihr fünfjähriges haben, ist das für 10 vor 10 einen Beitrag wert. «Fünf Jahre Sergio Ermotti – eine Bilanz» sagt allerdings fast mehr über die Macher*innen als über den Porträtierten aus. Nach ein paar Rückblenden auf Ermottis Werdegang will der 10-vor-10-Mitarbeiter vom Finanzjournalisten Claude Baumann wissen, welchen «Führungsstil» Ermotti habe. Der zögert nicht – das Wort «Führungsstil» geht, von rechts bis links, den meisten längst & leicht über die Lippen – und attestiert dem Chef der UBS «grundsätzlich einen guten». Was immer das heisst. Dann greift er unvermittelt & tief in die Kiste kultureller Zuschreibungen: «Gleichzeitig weiss man natürlich auch, er ist ein Südländer, ein Tessiner, er hat Temperament, und dieses Temperament geht manchmal auch mit ihm durch.» Diesen Steilpass will der Reporter versenken und vom Chief Executive Officer wissen, wie man es sich vorzustellen habe, «wenn der Tessiner bei Ihnen durchschlägt». Der bleibt, untypisch, cool und erteilt dem Medienmann eine kulturtheoretische Lektion: «Ich glaube, dass Emotionen nichts zu tun haben mit Tessin oder irgendetwas anderem, ich kenne sehr viele emotionelle Leute, die aus Schweden kommen.» Der Interviewer – der sich in den hingeworfenen Klischeebrocken verbeisst wie der Pitbull in ein Schienbein – lässt, ganz investigativer Journalist, nicht locker: «Also, Sie sind nicht der typische Südländer?» Ermotti lässt sich nicht zu einem Gefühlsausbruch provozieren: «Ich bin ein typischer Mensch.» Da freut sich sogar der Gutmensch – der sein Geld nicht für die Bank arbeiten lassen, nicht auf Kursstürze irgendwelcher Nonfood- oder Food-Aktien setzen will – über den Chefbanker.

1. Februar 2017

Ab & zu, wenn auch nicht allzu oft, lohnt es sich, am Nachmittag im BlickamAbend die Witze zu lesen. Zum Beispiel heute. «Die Lehrerin fragt Anna: ‹Was gibt 3+4?› Darauf Anna: ‹Was, Sie können nicht rechnen?›» Das ist Schule. Oder stellen Sie sich vor, so ein Einheimischer, der aus einer dieser Familien stammt, die schon in einer Zürcher Zunft waren, als noch keine Juden aufgenommen wurden – Jüdinnen können, wie alle anderen Frauen, in diesen ursprünglichen Handwerkervereinigungen noch heute nicht Mitglied werden –, so ein Urzürcher fragt eine vermutlich chinesische Touristin, die das Grossmünster von der Quaibrücke aus blitzt und vielleicht sogar Züridütsch versteht: «Können Sie mir sagen, wo das Bellevue ist?» Die deutet mit dem Arm Richtung Sternengrill, und der Mann, der im Niederdorf als Vierjähriger dem Nachbarsmeitli einen Heiratsantrag machte, grinst: «Ich wollte nur schauen, ob Sie gut auf Ihr Städteweekend vorbereitet sind.» So funktioniert Schule. Eine oder einer stellt anderen Fragen. Die geben, wenn, mehr oder weniger widerwillig eine Antwort. Sie wissen, der Fragende kennt, im Allgemeinen, die Antwort. Die beste. Die einzige, die sie gelten lässt. Es sind keine echten, es sind, womöglich, Fangfragen, vor allem sind es nicht ihre Fragen. Nicht die Fragen derer, für die Schule, angeblich, gedacht ist. Und die Chinesin wird keinem & keiner mehr zeigen, wo der Achter fährt.

5. Februar 2017

«Das hat etwas mit essen zu tun, oder?» Fragt S. Als ich ihr beim Sonntagszmorge erzähle, was der Schweizer Verleger & ehemalige «Mister Pop» mit dem US-amerikanischen Präsidenten – auf den sich im Moment die ganze Aufmerksamkeits- und Empörungsmaschinerie stürzt, damit alles andere Elend, alle anderen Konflikte verdrängend – gemeinsam haben will. Ausser der Reality-Serie Traumjob beziehungsweise The Apprentice. Beide werden immer älter. Beide sind zum dritten Mal verheiratet. Und: «In unseren Vor- und Zwischenphasen waren wir keine Kostverächter.» Verrät Marquard dem Blick. Der Allesfresser geniesst im Moment Kost & Logis «im Turm von St. Moritz». Im Palace. Aber das meint er nicht, der «Kostverächter», der keiner sein will. Trotzdem hat S., der das K-Wort fremd ist, recht. Auch das Deutsche Universalwörterbuch des Dudens definiert Kost als «[zubereitete] Nahrung, Lebensmittel», erinnert an «schmale Kost» und daran, dass die einen «nur leichte K. vertragen». Vergisst nicht die «geistige, ideologische K.». Nimmt die als scherzhaft eingestufte Formulierung «kein Kostverächter sein» ins Alphabet auf, um dann explizit an Trump & Marquard zu erinnern: «Was Frauen betraf, so war er kein K.» Ein Paradox. Wer, allzeit potent, Frauen als «Kost» bezeichnet, wird zum Frauenverachter=Kostverächter.

29. April 2002

Ich habe einen Traum. Dass Menschen endlich wie Waren behandelt werden. Wir leben in zwiespältigen Zeiten. Weltweit werden Zollschranken entsorgt, fallen Grenzen – für Hamburger & Computerchips, Schweizer Uhren made in Taiwan & amerikanische Badeshorts, neuseeländisches Lammfilet & philippinische Bräute. Alles, was als Ware deklariert werden kann, hat freie Fahrt. Nur bei Menschen fällt der Schlagbaum wie eh und je. [Ausser sie reisten zum Vergnügen, nicht aus Not.] Für den freyen Fluss der Waren blochern sie alle Hindernisse weg & ebnern alles ein. Gegen die Menschenflut aber maurern sie höhere Dämme, dass es schlüert. Da bleibt uns nur die Hoffnung, dass Menschen endlich wie Zitronen & Handys behandelt werden. Auf dass jede & jeder überall ihr Glück versuchen kann [für Bulletin Solidarité sans frontières geschrieben]. 

5. Februar 2017

An diesem Sonntagmorgen schreibt Alt-Botschafter Paul Widmer in der NZZ am Sonntag (wieder einmal), was Sache ist: «Das Problem heisst Migration. Höchste Zeit es anzupacken!» Und verweist genüsslich auf das «angesehene Bruegel-Institut, eine unabhängige Denkfabrik in Brüssel». Die mache klar, «ein Binnenmarkt könne auch nur mit den drei Freiheiten für Waren, Dienstleistungen und Kapital», aber, im Gegensatz zum «EU-Credo», ohne die vierte, die Personenfreizügigkeit funktionieren. Das heisst, Freihandel gibt’s auch ohne freie Menschen. Und was Anfang des 21. Jahrhunderts geschrieben, scheint noch immer aktuell, der Traum eine Illusion geblieben. Nur die Wiedergänger der teilweise in die Jahre Gekommenen haben andere Namen.

In einer Welt, in der die «Erfolgreichen» & «Grossen» ihren Schnitt auf allen Kontinenten machen, bekommen es «die Kleinen» & «Erfolglosen» mit der Angst zu tun; in einer Welt, in der vermeintliche Sicherheiten & Trostgemeinschaften, die immer schon mit beschränkter Haftung operierten, zusammenbrechen; in der das Prinzip «Nationalität vor Qualität» durch die Formel «Qualität vor Nationalität» ersetzt wird, wächst bei denen, die dem Konzept der grossen Freiheit nicht gewachsen sind, und das sind die meisten von uns nicht, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach der Nation als warmem Mutterschoss. Der einen vor global players, UNO und EU schützt. Der uns die fremden Vögte vom Leibe hält, nachdem wir vor den eigenen, und die kommen auch nicht immer aus dem Maderanertal, längst kapituliert haben [aus einem Referat, im November 2000 gehalten an einer Tagung der Vereinigung für Jugendfragen im Kanton Zug].

Globalisierung – das ist, so unterstellt das Credo des freien Marktes, die Freiheit, weltweit sein Glück zu versuchen. Qualität vor Nationalität. Aber die Papierlosen erhalten auf dem Weltmarkt keine Handelsgenehmigung. Die um ihr Leben Laufenden werden aus der Freihandelszone vertrieben. Da, wo sie hungern, da, wo ihre Häuser in Schutt & Asche liegen, da, wo sie oder ihre Liebsten vergewaltigt, gefoltert oder gemordet werden, da, werden sie ermahnt, ist ihre Heimat. Fahnenflüchtige, die, flexibel & mobil, für ihre Kinder auf dem freien Markt ein warmes Plätzchen suchen [2002 für Bulletin von Solidarité sans frontières geschrieben].

12. Februar 2017

«Massakriert» (Christian Levrat, SP), «Massaker» (Regula Rytz, Grüne), «Blutbad» (Thomas Matter, SVP). Worte, die an diesem Sonntag – an dem der «Kugelblitz», Beat Feuz, Abfahrtsweltmeister wurde – zwischen 16.00 und 17.30h fallen. Was ist im friedlichen Skiland Schweiz geschehen? Ein terroristischer Anschlag, ein Massenmord, eine ethnische «Säuberung»? Nein, die Unternehmenssteuerreform III ist trotz Unterstützung durch Bundesrat, Parlamentsmehrheit, durch die meisten (bürgerlichen) Parteien und die Wirtschaftsverbände mit einer Volksmehrheit von beinahe 60% abgelehnt worden. Irgendeine Elite hat verloren. Irgendein Volk hat sich emotional leiten lassen. Und im Schweizer Fernsehen werden Ursachen, Folgen & Zukünfte diskutiert.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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