Terrorismus Gewalt Islamischer Staat © Jürgen Todenhöfer

Jürgen Todenhöfer interviewt den deutschen Jihadist Abu Qatadah

Freiheitskämpfer. Soldaten. Mörder. Unmenschen.

Jürgmeier / 29. Jan 2015 - Die Pariser Attentäter, die IS-Terroristen – Kämpfer oder Kriminelle? Eine Frage der Perspektive? Die Opfer sind tot – so und so.

«Wieso bezeichnet man solche Leute als Kämpfer, dabei sind es Kriminelle und nicht besser als andere Gewalttäter.» Sagt der Zürcher Psychoanalytiker Peter Passett in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger zum Pariser Attentat vom 7. Januar 2015. Damit schreibt er eine alte und wiederkehrende Debatte fort. Auch bei der Baader-Meinhof-Gruppe beispielsweise – die sich selbst «Rote Armee Fraktion» nannte – wurde darüber gestritten, ob es sich um politische Kämpfer(innen), Terrorist(inn)en oder gemeine Kriminelle handelte.

Ob eine Gewalttat als kriminell oder heroisch empfunden wird, hängt von Kontext und Blickwinkel sowie vom ideologischen oder emotionalen Verhältnis zu Täter(in) beziehungsweise Opfer ab. Nur eines bleibt – tot ist tot.

Machte Gessler Tell zum Freiheitskämpfer?

Kommune Kriminelle mögen subjektiv das Gefühl haben, sich nur zu verteidigen, aus Not zurückzuschlagen oder sich zu nehmen, was ihnen (vermeintlich) zusteht. Aber sie bewegen sich (im Allgemeinen wissentlich) in einem Umfeld, das ihr Verhalten ethisch und juristisch verwirft. Niemand, nicht einmal die erbittertsten KESB-Gegner(innen) würden die Frau – die an Neujahr ihre beiden Kinder getötet hat – als Freiheitskämpferin feiern. Denn sie hat unschuldige Kinder umgebracht. (Allerdings und irritierenderweise ist das Verprügeln quengelnder Kinder gesellschaftlich deutlich akzeptierter als das Ohrfeigen nervender Chefs.) Wie wäre ihre Tat beurteilt worden, wenn sie ein Mitglied der zuständigen KESB erschossen hätte?

Welche Opfer machen Mörder(innen) zu Freiheitskämpfer(inne)n? Wer würde bei einem Attentat auf Wladimir Putin in vertrautem Freundeskreis eine Flasche Champagner öffnen? Wer hätte, damals, bei einem Anschlag auf George Bush klammheimliche Freude empfunden? So wie einzelne Linke bei der Ermordung von SchleyerPontoBuback durch die zweite Generation der Baader-Meinhof-Gruppe in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Machte erst der Landvogt Gessler den Tell, den Mörder im Hinterhalt, zum Nationalhelden? 

Wer Terrorist(inn)en den Krieg erklärt, macht sie zu Soldat(inn)en

Wer sich und andere glauben machen will, nicht aus Eigennutz oder persönlichem Ressentiment, sondern im Dienst einer «höheren Sache» zu handeln, zieht für Vaterländer oder Ideologien aller Art in den Krieg, irgendeinen heiligen. Im Namen welcher Götter, Nationen und Paradiese sind nicht schon Gewehre und Bomben eingesegnet worden? Da hilft es nicht weiter, die subjektiven Kämpfer(innen) objektiv zu gewöhnlichen Kriminellen zu erklären – sie glauben längst an sich selbst und an ihre Mission.

Im Gegensatz zu durchschnittlichen Verbrecher(inne)n – die letztlich wissen, dass sie Unrecht tun und es deshalb möglichst gut zu verbergen suchen – künden Kämpfer(innen) ihre Taten mit grosser Gebärde und festem Glauben an. So droht der deutsche Jihadist Abu Qatadah im Interview mit dem Publizisten Jürgen Todenhöfer fast gelassen mit massenhaftem Mord. Und hinterher stellen die Überzeugten ihr Blutbad ins Netz.

Wer im (selbst erteilten) Auftrag von wem oder was auch immer zum Zauberstab der Gewalt greift, wird weitgehend von individueller Verantwortung und Schuld entlastet. Solche Legitimationskontexte werden auch durch jene mit-konstituiert, die Terrorist(inn)en und Mörder(inne)n den Krieg erklären, sie damit zu Soldat(inn)en schlagen. Denn Soldat(inn)en haben die (moralische) Lizenz zu töten.

«Soldaten sind Mörder»

«Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.» Schrieb der deutsche Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel am 4. August 1931 in der Weltbühne.

Das Zitat hat seither immer wieder für Empörung gesorgt und deutsche Justizgeschichte gemacht. Weil es sich der Orwellschen Neusprache verweigert, die militärische Bataillone mit Begriffen wie Sicherheit, Verteidigung, Befriedung und Intervention in Heilsarmeen, Soldat(inn)en in Friedenskämpfer(innen) verwandelt. In der aufgebrachten Reaktion gegen den bis heute immer wieder zitierten Satiriker – der Soldaten Mörder nennt – wird die Verleugnung eines Kerns soldatischen Handelns, des Tötens, sichtbar. Das «Wissen um die Präsenz der globalen Mordmaschinerie», so Hanne-Margret Birkenbach 1989 in der Zeit, wird verdrängt. Der militärische Alltag des Soldaten wird in Friedenszeiten von jeder konkreten Vorstellung befreit, was hier, Handgriff für Handgriff, vorbereitet wird. US-amerikanische Soldaten – welche die automatisierten Abläufe des Scharfmachens von «Minute-Man»-Raketen trainierten – wurden beispielsweise in Unkenntnis darüber gelassen, ob es sich um eine Übung oder den Ernstfall handelte. 

Soldatischer Gehorsam

So unerträglich es vielen erscheinen mag, die Killer(innen) des Islamischen Staates empfinden sich vermutlich – so wie es auch die Mitglieder der Roten Armee Fraktion getan haben – ebenso sehr als Kämpfer(innen) für eine bessere Welt wie die sowjetischen Truppen bei der Befreiung Berlins 1945, die US-Soldat(inn)en, die im Irak einmarschierten oder in Vietnam die westliche Welt verteidigten.

Sogar die Nazis sahen sich als Soldaten, die gehorsam und im Dienst von Höherem den industriellen Massenmord organisierten. «Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn», schrieb Adolf Hitler in «Mein Kampf». Und Heinrich Himmler dankte seinen SS-Mannen 1943 in einer seiner Geheimreden dafür, dass sie die «Judenfrage» in Deutschland und «den von Deutschland besetzten Ländern gelöst» hätten. «Sie wurde entsprechend dem Lebenskampf unseres Volkes, der um die Existenz unseres Blutes geht, kompromisslos gelöst…Sie mögen mir nachfühlen, wie schwer die Erfüllung dieses mir gegebenen soldatischen Befehls war, den ich befolgt und durchgeführt habe aus Gehorsam und aus vollster Überzeugung.»

Für die ausführende Truppe, fuhr er fort, sei das «hart und furchtbar schwer», aber «sie hat es zu tun und hat es getan. Und ich kann hier etwas sagen – das ist etwas, was man nur in einem so kleinen Kreis sagen kann: dass sie es überstehen konnte, ohne dass sie an ihrer Moral oder an ihrer Seele Schaden gelitten hat, das rechne ich ihr als Gründer dieser SS und als Reichsführer-SS als das schwerste und als das am meisten in die Waagschale Fallende an.» (Heinrich Himmler – Geheimreden 1933 bis 1945, hrsg. von Bradley F. Smith und Agnes F. Peterson, Propyläen Verlag)

Diese Zitate Himmlers machen deutlich, dass die Verbindung von soldatischem Gehorsam, ideologischer Überzeugung und Männlichkeitskonzepten weit mörderischere Konsequenzen hat als gewöhnliche Kriminalität.

Darauf weist auch Gabriel Bach – Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann – in einem aktuellen Interview hin, das u.a. vom Tages-Anzeiger veröffentlicht wurde: «Wenn man sich dann jeden Tag mit dem Massenmord an unschuldigen Menschen beschäftigt, muss man entweder wahnsinnig werden – was bei Eichmann nicht der Fall war. Oder man muss diesem Tun eine historische Bedeutung zumessen. Dann kann man auch keine Ausnahmen mehr zulassen. Denn dann wäre man ja ein gewöhnlicher Mörder.»

Das Menschenmögliche

Der Versuch, die SS-Schlächter zu Unmenschen, zu nicht-menschlichen Monstern von irgendeinem fremden Stern zu (v)erklären, ist gescheitert. Denn hinterher, als endlich Anklage erhoben wurde, zeigte sich in Gerichtssälen die «Banalität des Bösen». Da sassen «ganz normale» Deutsche und Nachbar(inne)n.

Ebenso aussichtslos ist das Unterfangen, die Attentäter von Paris und die IS-Terrorist(inn)en zu exkommunizieren oder zu entmenschlichen. Wer sagt «Die Terroristen sind keine richtigen Moslems» (Rapper Baba Uslender, 20 Minuten, 22. Januar 2015) oder «Das sind keine Menschen mehr», verkennt, dass wir dem Mörderischen nur wirksam entgegentreten können, wenn wir es als das Menschenmögliche sehen und in seinem Kontext zu verstehen versuchen.

Das Menschenfeindliche und Mörderische wird nicht aus Höllen in unsere Himmel eingeschleppt. Es entwickelt(e) sich immer wieder mitten unter uns. Unter Moslems, Christ(inn)en, Jüdinnen und Juden, Buddhist(inn)en, Kommunist(inn)en, Nationalist(inn)en, Gläubigen und Atheist(inn)en, unter welchen Menschen auch immer. In unseren sozioökonomischen und ideologischen Zusammenhängen, inklusive der globalisierten Gleichzeitigkeit von Fundamentalismus, Aufklärung und Postmoderne.

Peter Passett – der, zu Recht, darauf verweist, dass alle Menschen «eine Disposition zur Gewalt» hätten – warnt davor, Mörder(innen) als Kämpfer(innen) mit religiösem Hintergrund zu «adeln», «dabei sind es Kriminelle und nicht besser als andere Gewalttäter.» Ich fürchte, sie sind viel schlimmer. Gerade weil sie keine Kriminellen sind, die gegen die öffentliche und letztlich auch eigene Moral agieren. Die IS-Kämpfer(innen) und die Attentäter von Paris handeln als gehorsame beziehungsweise rechtgläubige Soldat(inn)en in einem weltanschaulichen und sozialen Legitimationskontext.

Und der wirkt bei Überzeugungstäter(inne)n nachhaltig, selbst über Zusammenbrüche hinweg. Wie ein vom Tages-Anzeiger online gestelltes Tondokument aus dem Bundesarchiv Koblenz zeigt, beharrte Adolf Eichmann noch 1957 darauf: «Mich reut gar nichts! … Hätten wir von den 10,3 Millionen Juden… 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen: Gut, wir haben einen Feind vernichtet…»

Einfache Kriminelle, sagen KriminologInnen, verraten und sabotieren sich häufig, weil ihnen ihr (unbewusstes) Über-Ich früher oder später ein Bein stellt. Aber Menschen, die an absolute Wahrheiten, höhere Aufträge und Verrat glauben, handeln im Einklang mit (selbst definierten) Ideologien und Kollektiven. Das macht sie so gefährlich.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Der vergessene Holocaust in «Das radikal Böse» (auf Infosperber)
«Völlig verfehlte Politik gegen den IS-Terror» (auf Infosperber)
Zu Jürgen Todenhöfer (auf Infosperber)
Blick, Bestie, Bin Laden: 3xB und ein Gesicht oder die Sehnsucht nach der «Bestie» I und II

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3 Meinungen

Als 10-Jähriger hätte ich mein Leben 10 x gegeben um die CH gegen die Nazis zu ver-
teidigen.
Dann kam die A-Bombe, welche durch Kettenreaktion den ganzen Planeten zerstören
könnte.
Jetzt gibt es nur noch eines: globaler Friedenseinsatz.
Hansruedi Bolliger, am 02. Februar 2015 um 14:34 Uhr
“Menschen, die an absolute Wahrheiten, höhere Aufträge und Verrat glauben, handeln im Einklang mit (selbst definierten) Ideologien und Kollektiven. Das macht sie so gefährlich.”

Genau da liegt der Hase im Pfeffer:

Menschen, die an absolute Wahrheiten glauben sind gefährlich.

Hier in Bolivien leben wir in einer Kultur, die nicht an absolute Wahrheiten glaubt. Alles ist relativ, alles bezogen auf die Situation. Es gibt nichts absolut gültiges. Das ist eben die animistische Religion.

Bezüglich auf die Attentate in Paris, glauben wir, dass die Schlächterei noch lange anhalten wird. Sie hat ja schliesslich auch schon eine sehr lange Geschichte. Aufhören kann sie nur, wenn die drei Schriftreligionen (Christentum, Judentum und Islam), die absolute Wahrheiten verkünden, endlich aufhören, ihre Religion als einzig wahre zu verkünden, und sich auf die esoterische Richtung ihrer Religion konzentrieren, nämlich auf den Mystizismus im Christentum, auf die Kabala im Judentum und auf den Sufismus im Islam.
Pedro Brunhart, am 05. Februar 2015 um 00:22 Uhr
Lieber Pedro Brunhart
"Menschen, die an absolute Wahrheiten und höhere Aufträge glauben sind gefährlich..."schreiben Sie.
Ich bin so ein Mensch, glaube an Gott, den Gott der Juden, Christen und Muslime.
1983 gab er mir mit lauter Stimme den Auftrag das «LEBENSRETTERHAUS» zum Einsatz nach Naturkatastrophen zu bauen. 1987 war es als erfolgreiche Friedens-
Petition bei Gorbi und Reagen und es erhielt den ersten Preis eines weltweiten
Wettbewerbs der UNESCO.
Ich habe seither tausende von Stunden jemanden gesucht, der mir hilft einen
Prototyp zu finanzieren. Bisher vergeblich. Vielleicht liest ein Sponsor dieses Mail.
Hansruedi Bolliger, am 06. Februar 2015 um 06:32 Uhr

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