Einer dieser mondialen Schiessplätze, auf denen das Töten automatisiert wird? © Jürgmeier
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Im Engadin wird vor Schüssen noch gewarnt

Jürgmeier / 30. Jul 2016 - Wenn (Medien-)Welten bedrohlicher zu werden scheinen, versprechen Ferien in den Bergen Gemütlichkeit. Engadiner Tagebuch 1.

17. Juli 2016

«Zum Glück fahren wir ins Engadin und fliegen nicht irgendwohin.» Sagt S., während die Aktualitäten aus Nizza und der Türkei über den Bildschirm flimmern. Noch vor dem Münchner Amok. Sie meint, in irgendeines dieser Länder, in denen das Unwahrscheinliche Realität geworden oder schon Alltag ist. Ich bin vor 22 Jahren zum letzten Mal in einem Flieger gesessen. Für einen kurzen Abstecher in den Süden Europas. Bei S. ist es noch etwas länger her. Aber sind wir im Engadin sicher vor «der Welt»? Wovor? Wovor nicht?

22. Juli 2016

Die Koffer sind schon unterwegs. Abgeholt vom Tür-zu-Tür-Service der SBB. «Jetzt geht es in München ab.» Das vibrierende Handy kündigt der älteren Tochter von S. im Minutentakt neue Push-up-Meldungen über das Geschehen in München an. Das sich später als Amoklauf eines 18-jährigen Einzeltäters erweist, der neun Menschen und sich selbst umbringt, über zwanzig weitere teilweise schwer verletzt. Aber an diesem Freitagabend werden in Unkenntnis der meisten Fakten aktuelle Phantasien angeheizt und, ähnlich wie beim gescheiterten Putsch in der Türkei, Opfer instrumentalisiert. «AfD wählen. Schüsse am Olympia Einkaufszentrum: Tote in München – Polizei spricht von akuter Terrorlage.» Twittert der Pressesprecher der Alternative für Deutschland AfD Christian Lüth. Schon um 21.06 Uhr. Als die Polizei noch Fiktion und Realität zu trennen versucht.

In den neuen & alten Medien jagen sich in diesen verängstigenden Zeiten nicht nur Informationen, sondern auch (bewusste) Falschmeldungen und panische Wahrnehmungskonstruktionen. Da werden Schüsse bezeugt, die nie gefallen, Parolen, die nie gerufen, Mit-Täter, die nie losmarschiert. Die Berichterstattung – befeuert durch die Meldungen von TäternOpfernSchaulustigen in den sozialen Medien – wird zum (kalkulierten) Bestandteil des Amoklaufs oder des terroristischen Anschlags, weil sie aus Tätern (seltener Täterinnen) Berühmtheiten macht und Allmachtsphantasien verstärkt. Wer alle AttentateAmokläufeGewalttaten reflexartig, bevor die Newsnebel Fakten gewichen, der Daesch (dem sogenannt Islamischen Staat) – der seinerseits die Verantwortung für alles übernimmt, was Ängste sowie Vorurteile gegenüber Muslim*innen vermehrt – zuschiebt, steigert dessen Wirkung ins Grenzenlose.

Das Verfolgen bedrohlicher Ereignisse in Echtzeit – die Freundin eines in den USA von der Polizei Erschossenen soll den Sterbenden mit einem dieser neuen Handy-Tools gefilmt haben, so dass sein Tod, zumindest für ihre Followers, live zu sehen war –, die exponentielle Beschleunigung der Information erzeugt die Illusion, irgendwann könnten wir von einem Anschlag berichten, bevor er geschehen, oder, noch besser, schneller als die Täter*innen sein und ihnen in den Arm fallen, bevor sie zum Schlag & Schuss ansetzen.

Die Tochter von S. deaktiviert die Push-up-Meldungen, sie weiss, sie kann & würde nicht vom Tisch aufstehen, um dem Münchner Amokläufer entgegenzutreten.

23. Juli 2016

Auf der Fahrt ins Engadin schon bei S-chanf oberhalb des Bahngeleises zwei Gämsen gesichtet. Irgendwie beruhigend, in diesen unruhigen und für einige tödlichen Tagen. Wann waren die Zeiten ruhiger? Als Kind war es mir wichtig, dass wir bei den ewigen & endlosen Wanderungen Gämsen, Steinböcke, wenigstens ein Murmeltier zu sehen bekamen, Edelweiss oder einen Stein mit ein paar kleinen Kristallspitzen fanden, mindestens ein paar Meter über Gletschereis kraxelten. Dann war so ein Wandertag auch für mich gerettet.

Die Gämsen stehen gemütlich, sie leben nicht in unseren (vermeintlich) bedrohlichen Welten, und solange die Menschen im Zug sitzen bleiben, wähnen sie sich in Sicherheit. Aber wenn sich eine oder einer ihnen zu Fuss näherte, sie machten sich, immer fluchtbereit, mit grossen Sätzen wald- oder bergwärts davon. Gehetzt von irrationalen Ängsten. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich so ein Walker mit Stöcken auf sie stürzt oder sie von einer dieser Biker*innen gerammt werden? So sehr einen der Blick auf das scheue Tier mit kurzen Hörnern und Stummelschwanz für Momente Nizza, München, die Türkei, das eigene Altern, die drohenden Klima- und Finanzkrisen vergessen lässt – die Gams selbst, sie lebt nicht im Frieden. Für sie sind immer Jagdzeiten, und eine von ihnen liegt als gegerbtes Fell auf der Holztruhe in unserer diesjährigen Ferienwohnung. Die Koffer stehen, von der SBB zuverlässig durch die halbe Schweiz gekarrt, im Hauseingang.

Ein Blick in den Spiegel beunruhigt mich – diese eingefallene, in die Länge gezogene Visage soll mein Kopf sein? Im Restaurant sehe ich beim Händewaschen das Gesicht, mit dem ich mich während der letzten Jahrzehnte einigermassen angefreundet. Ein Kopf – zwei Spiegelbilder. Welchem soll ich glauben? Welcher Nachricht? «Die haben beim Spiegel gespart», tröstet mich S., die Innenarchitektin. Drei Wochen werde ich morgens & abends in ein fremdes Gesicht schauen, mich in Restaurants und nach der Rückkehr ins Unterland an der Wirklichkeit (wieder) erfreuen können.  

24. Juli 2016

Am Sonntagmorgen – Samedan ist noch ein Dorf der Stille – brüllt ein einsamer Mann mehr als einmal ein «Verarscht» in sein Handy. Die mittrottenden Buben scheint es nicht zu kümmern, oder sie sind es gewohnt. Wenn S. nicht auf den Zopf warten würde, ich lehnte mich irgendwo neugierig an eine Hauswand, um mitzuhören, was ihn derart in Rage bringt. Laut schreit er die Empörung durch die Hauptstrasse des Oberengadiner Dorfs, das Giaccobbo & Müller mit ihren Sprüchen über den vereisten Flughafen bekannter gemacht haben als das Tourismusbüro. Als wüsste er nicht, dass er, dank moderner Technik, die Distanz zu seinem Zuhörer, der womöglich eine Zuhörerin ist, nicht mit seiner Stimme überwinden muss.

So wie meine Grossmutter. Wenn mein Vater ihr den schwarzen Hörer in die Hand drückte und sein Bruder am anderen Ende der Leitung sie begrüsste, fragte sie den deutlich hörbaren Sohn im Welschland irritiert «Wo bist du?» und schaute sich um, ob er hinter ihr stünde. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie mit diesem Gerät am Ohr verstand, was eine oder einer mehr als hundert Kilometer von ihr entfernt in ganz normaler Lautstärke sagte. Und eigentlich ist es auch für mich nicht wirklich nachvollziehbar, wie mir zugedachte Sätze durch das mondiale & digitale Stimmengewirr – gleich Zugvögeln, die nach Tausenden von Kilometern zielsicher am Ufer des Greifensees landen – den Weg in mein Ohr finden. Weshalb mich, beispielsweise, nicht regelmässig eine mir unbekannte Person mit Liebeserklärungen überhäuft, beschimpft oder der aufgeregte Vater mir sein «Verarscht» ins Ohr schreit, obwohl ich nur ein paar Meter hinter ihm auf dem Velo hocke.

So dass ich problemlos den Text auf seinem T-Shirt – das viele zur Verbreitung irgendwelcher verräterischer oder geheimnisvoller Botschaften nutzen – lesen kann: «1963 – Camp David». Das Männer-Mode-Label mit dem Namen des Feriendomizils des jeweiligen US-Präsidenten – in dem, beispielsweise, Jimmy Carter 1979 mit Anwar as-Sadat und Menachem Begin das Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten entwickelte – produziert auch Flip-Flops, so dass Camp David, weil auf die Sohle gedruckt, buchstäblich mit Füssen getreten werden kann. 1963 wurde John F. Kennedy – der da mit seiner Familie gerne & öfters, auch im Frühling seines letzten Jahres, ein paar Tage fern des Weissen Hauses verbrachte – ermordet.

Im Wald nach Marguns erinnert der seltene Türkenbund – der meinen Vater zum schnellen Griff zur Kamera provoziert hätte – in kurzen Abständen an das Land, das einst weit hinten lag und jetzt Europa an der Aussengrenze vor Flüchtenden & solchen, die ein besseres, ein Leben wie wir suchen, schützen soll. Die Form der Pflanze weckte bei den Namensgeber*innen offensichtlich Assoziationen an einen Turban, türkisch: tülbent (Wikipedia). In diesen Tagen verweist die vermutlich unschuldige Blume auf einen Staat, in dem der Präsident, laut Spiegel, das Parlament über die Wiedereinführung der Todesstrafe abstimmen lassen will und die Europäische Menschenrechtskonvention für drei Monate ausgesetzt werden soll. Um den Putsch danach – Erdoğan spricht von «Säuberungen» – nicht zu gefährden. Im Interview mit der SonntagsZeitung vom 24. Juli zeigt AKP-Parlamentarier Mustafa Yeneroglu bauernschlau mit dem Finger auf die grösste Partei der Schweiz. Und es ist, leider, keine Propagandalüge, sondern eine Tatsache – die SVP versucht immer wieder, die Kündigung der Menschenrechtskonvention auf die politische Traktandenliste zu setzen. Dass die USA nicht Mitglied der Europäischen Union werden könnte, weil in diesem Land keine & keiner Präsident*in wird, die oder der die Todesstrafe abschaffen möchte, erwähnt er, aus welchen Gründen auch immer, nicht.

Zmittst auf dem Wanderweg die Warnung «Schiessgefahr Durchgang verboten. Benützen Sie die Umleitung». Was denken sich Tourist*innen aus fernen Ländern beim Anblick dieser Tafel? Zum Beispiel jene dick verpackten «Japaner*innen», «Chines*innen», «Koreaner*innen» – «Asiat*innen» halt, womöglich Eingebürgerte. Der (rassistische) Blick, der Menschen nach kultureller oder ethnischer Herkunft ordnet, konstruiert erst die Realitäten, die er zu sehen vorgibt, und macht aus Individuen Angehörige eines diffusen Kollektivs. Was denken sie angesichts dieser Umleitung? Ein Land im Krieg? Nette Terrorist*innen, die potenzielle Opfer warnen? Was, wenn sie ein paar Meter weiter oben, auf einer idyllischen Waldlichtung, die eidgenössischen Schützenscheiben 1 bis 6 sehen? Einer dieser mondialen Schiessplätze, auf denen das Töten automatisiert wird? Wie sie die Fotos von Herlinde Koelbl im Rahmen der Ausstellung «Targets» noch bis zum 18. September 2016 im Museum für Gestaltung zeigen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Infosperber-Redaktor Jürgmeier macht Ferien im Engadin und notiert, was er da von Welten mitbekommt.

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