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Auch in China grassiert das WM-Fieber

Der Fussball-Lemming

Peter G. Achten / 02. Jul 2014 - Eigentlich wollte der China-Korrespondent über Radsport berichten. Doch auch er jagt mit der Journalisten-Meute dem Ball hinterher.

Bevor es zum vorgesehenen Thema geht, muss dem Zeitgeist Referenz erwiesen und Tribut gezahlt werden. So will es schliesslich der Fifa-Verein. Ausserdem hat ein Kollege eines sogenannten Zürcher Qualitätsblattes, (dessen Name hier taktvoll verschwiegen werden soll), neulich Journalisten und Journalistinnen pauschal als Lemminge apostrophiert. Er muss es ja wissen, der Ober-Lemming! Darum renne ich als gelehriger Lemming der Wühlmaus-Meute hinterher und deponiere hier pflichtgemäss Fussballerisches aus dem Reich der Mitte.

Wer hat's erfunden? – Die Chinesen!

Die Engländer sollen den Fussball erfunden haben. Are you kidding? Dann schon eher die Basler. Im Ernst, es muss einmal mehr klipp und klar festgehalten werden, dass der Fussball in China erfunden worden ist. Wo sonst? Eben! Unbestreitbar ist aber auch, dass der chinesische Fussballverband korrupt ist, beziehungsweise bis vor kurzem war. Der Präsident und sein Vize sitzen mittlerweile wegen Korruption hinter Gittern und zwar länger, viel länger als der Uli aus Bayern. Unser aller Josef «Sepp» Blatter und seine Fifa-Exekutiv-Kollegen haben daraus nichts gelernt. Müssen sie ja auch nicht. Sie alle haben – wie wir von den Sportjournalisten-Lemmingen wissen – eine blütenweisse Weste. Vorläufig jedenfalls. Chinas Fussball, wo früher vom Spieler über den Schiedsrichter bis hin zu den Club- und Verbands-Funktionären alle käuflich waren, ist jedenfalls wieder einigermassen sauber. Das ging ohne Ethik-Kommission, notabene. Dafür gibt es in China schliesslich die allmächtige Kommunistische Partei.

Arztzeugnis für WM-Fieber

Das Fussballfieber mit Public Viewing und all dem Firlefanz, Caipirinhas und Bier hat mittlerweile auch in China Einzug gehalten. An den Schlaf des Gerechten ist vorläufig nicht mehr zu denken, zumal mit der Zeitverschiebung der früheste Anpfiff um Mitternacht und der späteste Spielbeginn um sechs Uhr in der Früh erfolgt. Doch Ausschlafen ist trotz Arbeit kein Problem. Das journalistische Megaphon der Kommunistischen Partei, Renmin Ribao (Volkszeitung), berichtet nämlich in leicht tadelndem Unterton, dass für lumpige 47 Yuan (umgerechnet etwa 7 Franken) mühelos ein Arztzeugnis beschafft werden kann, das eine eintägige Absenz rechtfertigt.

Wetten mit und ohne Erlaubnis

Es kommt aber noch schlimmer: Die Behörden warnen vor illegalen Wetten auf WM-Spiele, wie die offizielle englischsprachige Regierungszeitung «China Daily» in neutralem News-Ton vermeldet. Glücksspiel ist nämlich in ganz China – ausser in den Sonderverwaltungszonen Macao und Hongkong – strikte verboten.

Es gibt inzwischen zwei Anbieter – 500.com und sporttery.cn – die legal die chinesischen Massen zum Zocken verführen dürfen. Und wie! Schliesslich wollen wir das lukrative Business nicht den Ausländern, den Barbaren überlassen, haben sich die Behörden vermutlich gesagt. Und dann geht es offiziell so richtig zur Sache. Wer zum Beispiel die Resultate aller 63 Matches richtig voraussagt, dem winken 100 Millionen Yuan. Das sind derzeit umgerechnet immerhin 14'394'450 Franken und 30 Rappen. Schon seit Jahren setzen die Chinesen auf europäischen Fussball, und jetzt zur WM ist das Wettfieber rasant angestiegen. Die illegale Zockerei läuft mittlerweile über ausländische Anbieter wie geschmiert auf dem Internet weiter.

Chinas Kicker rennen dem Erfolg hinterher

China ist zwar eine Wirtschafts-Grossmacht, doch im Weltsport Fussball hat China (noch) wenig zu sagen. Das einzige Mal nahm China 2002 in Südkorea/Japan an den Weltmeisterschaften teil. Mit grossen Träumen und wenig Erfolg – ähnlich wie jeweils die Schweiz. Dennoch, ich gestehe es als Lemming ungern ein, prognostizierte ich damals in Soeul, dass Chinas Kicker «spätestens» 2018 Weltmeister werden. Vom heutigen Standpunkt aus gesehen wäre schon die Prognose, dass China 2018 überhaupt die Qualifikation schaffen wird, verwegen. Aber abwarten und Grüntee trinken. Denn der Ball ist, wie Sepp, Uli, Franz und alle Fussball-Experten und Public-Viewer weltweit wissen, rund, kugelrund. Das weiss selbst der liebe Gott seit dem goldenen Händchen von Diego «Hand Gottes» Maradona an der WM 1986.

Im Ernst, seit Chinas Fussball wieder sauber ist, steigt die Qualität des Spiels. Staats- und Parteichef Xin Jinping ist ein bekennender Fussball-Fan. Neulich auf Staatsbesuch in Deutschland, Holland und Frankreich war auch Fussball ein Thema. Auf höchster Ebene, sozusagen. Die Fussball-Experten Merkel und Hollande werden Xi wohl Geheimnisse zugeflüstert haben. Im Fifa-Ranking von Sepps Gnaden jedenfalls schafft es China derzeit immerhin auf Rang 103.

Ausländische Alt-Stars sollen es richten

Fussball-Akademien schiessen aus dem Boden wie chinesische Gurken nach einem Monsun-Regen. Die Zusammenarbeit mit europäischen Grossklubs wie Chelsea oder Real Madrid, die den chinesischen Markt nicht verpassen wollen, soll dem Fussball Auftrieb geben. Chinas Milliardäre halten sich neuerdings statt eines Pekinesen-Schosshündchens einen Fussballclub. So ist vor kurzem Internet-Visionär und Alibaba-Gründer Jack Ma bei Guangzhou Evergrande eingestiegen. Das ist nicht nichts. Guangzhou Evergrande hat eben das asiatische Pendant zur europäischen Champions League gewonnen. Trainer aus Europa und Lateinamerika heben das Niveau, und alternde Kicker aus Europa und Lateinamerika heben für ein, zwei Jahre nochmals ihre Saläre auf mehreren Millionen Dollar an.

Spätestens im Jahr 2050 Weltmeister

Mein Heimclub der FCB – FC Beijing Guo’an in den Farben Gelb-Grün – war auch schon mal chinesischer Meister. Ob nun mit oder ohne Murat Yakin, mein Jugend-Heimclub FCB – FC Basel in Rot-Blau – würde gegen den FCB Guo’an krass verlieren. Nicht 2:1, sondern 5:2 oder gar 5:0. Wetten?

Und hier, nach rund 790 Wörtern, ertappe ich mich dabei, wie ich, ohne es zu merken, voll in die Lemming-Falle getreten bin. Vielleicht hat der rührige Zürcher Ober-Lemming mit seiner Hypothese des Rudelverhaltens von Kolleginnen und Kollegen doch recht.

Sei’s drum! Bevor ich mich als Lemming verabschiede, hier ein Zitat des grossen kleinen Napoleon von 1817: «China ist ein schlafender Drache. Lasst ihn schlafen! Denn wenn er sich erhebt, erzittert die Welt!». Deshalb meine ultimative Prognose: Der schlafende Fussball-Drache China wird erwachen und allerspätestens im Jahre 2050 Weltmeister. Die Fussball- und Fifa-Welt wird erzittern. Wetten? Ich lasse mich darauf behaften!

PS: In einer Woche werde ich mich, fern aller Fussball-Lemminge, dann wirklich dem Radsport auf höchster chinesischer Ebene widmen. Die Tour de Suisse ist dann halt schon vorbei, nicht aber die Tour-Saison mit dem Höhepunkt der Tour de France. Und dies vor allem: der Tour de Qinghai!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

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