«Alle Kameraden haben die Pflicht zu kommen»
Das letzte Kapitel unserer Serie «Sommer, Sonne, Remigration», erzählt in drei Teilen, stützt sich auf Polizei- und Gerichtsakten der Kantone Thurgau, Aargau, Luzern und Zürich. Fast alle Akten stammen aus dem Privatarchiv des Luzerner Journalisten Hans Stutz.
Carlo Albisser war 25 Jahre alt, als er bei der Kantonspolizei Luzern zu reden anfing. Es war Dienstag, der 7. November 1995, drei Tage nach dem Überfall auf das Kulturzentrum «Braui» in Hochdorf.
Die Befragung durch Wachtmeister Schwegler begann um 9 Uhr morgens. Anfangs bestritt Albisser, überhaupt vor Ort gewesen zu sein. Mit dem Überfall habe er «überhaupt nichts zu tun», sagte er. Und überhaupt, zur Tatzeit habe er mit seiner Freundin bei einem Kollegen Fondue gegessen. Am Nachmittag dann sagte er: «Ich gebe zu, bei dieser Aktion beteiligt gewesen zu sein.»
«Haben Sie etwas beizufügen?»
Carlo «Gary» Albisser ist der einzige Protagonist von damals, den wir in diesem Kapitel mit vollem Namen nennen. Denn Albisser ist nicht nur der Gründer der Schweizer Hammerskins, einem nationalen Ableger einer Neonazi-Organisation mit Wurzeln in den USA, er ist auch bis heute noch in der Szene aktiv: 2025 schrieb die Rechercheplattform Exif über den Luzerner: «Albisser ist damit seit nunmehr 35 Jahren aktives Mitglied der Bruderschaft, was weltweit einzigartig ist.»
Seine Lebensdauer in der Szene ist umso erstaunlicher, weil Verschwiegenheit zu den Grundtugenden der Bewegung gehört. Die Konzerte der Neonazi-Organisation sind klandestin. Die Einvernahmeprotokolle aber zeigen: Der Gründer der Schweizer Sektion der Hammerskins sang 1995 gegenüber dem Wachtmeister Schwegler wie ein Vögelchen.
Als Vorstandsmitglied war Albisser in den Neunzigern zuständig für das Adressverzeichnis der Schweizer Hammerskins, die Infoblätter, die Spendengelder. Die Polizei fand es bei der Hausdurchsuchung nach dem Hochdorfer Überfall bei ihm zu Hause: ein grünes Schreibheft mit 36 handschriftlichen Adressen. Nun ging Albisser mit Schwegler das Heft durch, Nummer für Nummer, und zu jeder Nummer, jedem Namen hatte er etwas zu sagen: ausgetreten, ausgeschlossen, in Hochdorf «mit Sicherheit nicht dabei». Oder eben doch dabei.
Er, der Roland E. und der Werner G., seien nur als «Zuschauer» mitgegangen. Mit «Zuschauer» meine er, «dass wir anwesend waren, aber nichts tun und das Gebäude nicht betreten wollten». Er habe sich «auf der Rampe vor dem Eingang» aufgehalten und keinerlei Waffen oder waffenähnliche Gegenstände bei sich gehabt.
Schliesslich nannte er auch noch einen anderen Namen, der «mit Sicherheit in Werd bzw. in Hochdorf dabei» gewesen sei: Pascal L., der vermutlich bekannteste und berüchtigtste Neonazi der Neunziger, ein Mann, der wegen Gewaltaktionen immer wieder in den Schlagzeilen war.
«Haben Sie etwas beizufügen?», fragte Wachtmeister Schwegler.
«Nein. Ich habe nun alles gesagt, wie es gelaufen ist, und habe nichts verschwiegen. Es liegt mir daran, dass ich bald aus der Haft entlassen werde; ich möchte wieder zur Arbeit gehen; mein Chef ist auf mich angewiesen.»
Albisser unterschrieb das Protokoll. Er war der erste der Angreifer gewesen, der nach dem Hochdorfer Überfall redete, aber bei Weitem nicht der letzte.

«Chef der AO P. L. 88»
Ende Oktober 1995 verschickte der Neonazi Pascal L. einen Brief an Mitglieder der Hammerskins. L., ein gebürtiger Berner, war 20 Jahre alt und wohnte in Weinfelden im Kanton Thurgau. Er war dort dermassen umtriebig, dass es am 12. Februar 1994 im eher verschlafenen Weinfelden unter dem Motto «Hinsehen statt Wegsehen» zu einer antifaschistischen Demonstration kam mit hunderten Teilnehmenden, die aus der ganzen Schweiz anreisten, und die sich gegen die Nationale Jugend Schweiz richtete, deren Anführer Pascal L. war.
Pascal L. war auch Chef der Aufbauorganisation der Hammerskins Schweiz, einer Nachwuchsorganisation mit dem Ziel, Jugendliche und junge Erwachsene für die rechtsextreme Sache zu gewinnen. Den Namen hatte L. der 1972 in den USA gegründeten NSDAP-Aufbauorganisation entliehen, die von Lincoln, Nebraska aus internationale Neonazi-Netzwerke koordinierte.
Den Brief, der mit einer geballten Faust und der Anrede «Heil euch Kameraden» begann, schickte L. an «ihm bekannte Kollegen aus dem Skinhead-Umfeld bzw. an einschlägige Organisationen», wie ein späteres Gerichtsurteil festhielt, darunter die Gruppe «Morgenstern» aus Sempach. L. rief zum «Angriff aufs Niederdorf» auf, und zwar am Samstag, 4. November 1995. Ziel: Linke. Grund: Seine Freundin sei von vier Punks zusammengeschlagen worden: «Alle Kameraden haben die Pflicht, zu kommen, wer nicht erscheint, ist es nicht wert sich ein Kämpfer für unsere Rasse zu nennen.»
Die «Kameraden» sollten «in schwarz, mit Waffen und einem Tuch oder Sturmhaube zur Vermummung» erscheinen. Er unterzeichnete mit: «Chef der AO Pascal L. 88.» Die Abkürzung 88 steht für «Heil Hitler».
Im Zürcher Niederdorf war es in den Neunzigern während vieler Jahre zu heftigen Schlägereien zwischen Autonomen und Neonazis gekommen. Die Rechtsextremen hatten in der Altstadt mehrere Bars in Beschlag genommen, tranken, pöbelten und prügelten wie in einem schlechten Song der Toten Hosen. Die Gewalt erzeugte heftige Gegengewalt.
Die Aktionen im Niederdorf gipfelten in der Nacht auf den 20. April 1997 – Hitlers Geburtstag –, darin, dass Linksradikale die beiden Neonazi-Treffpunkte «Pumpi-Bar» und «Alte Bränni» stürmten und zu Kleinholz verarbeiteten. Zwei Wochen zuvor waren über hundert Neonazis durch das Niederdorf gezogen und hatten mehrere Menschen zusammengeschlagen, darunter eine 15-jährige Schülerin, die mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Der Fall sorgte für schweizweite Empörung.
Nun also behauptete Pascal L., seine eigene Freundin sei krankenhausreif geschlagen worden, von Linken. Das Kriminalgericht des Kantons Luzern hielt später fest, es sei davon auszugehen, dass L. die Geschichte mit der Freundin erfunden habe. Sie wurde in der Szene jedoch nie in Frage gestellt und verbreitete sich mit einer Geschwindigkeit, die jede Nachfrage erübrigte. Das Motiv von Pascal L., so das Gericht sei eine «Rache- und Selbsthilfeaktion» gewesen, geplant, um Sachschäden anzurichten und «Leute aus der linksautonomen Szene zu verprügeln».

Eine Schrotflinte, zwei Pistolen
Carlo Albisser hatte in seiner Befragung vom 10. November 1995 nicht nur die Namen von Reinhold F. und Pascal L. genannt. Wie ein akribischer Buchhalter ging der Mann, der über die Adressen der Skins verfügte, mit Wachtmeister Schwegler das Büchlein durch. «Christian B. ist nicht mehr Mitglied», sagte er über einen davon, «neu ist sein Bruder Daniel dabei, dieser war auch in Werd und Hochdorf dabei.»
Die eine Aussage führte zur nächsten, und so nahm die Thurgauer Kantonspolizei am frühen Morgen des 21. November 1995 in Amriswil den 22-jährigen kaufmännischen Angestellten Thomas S. fest, und in dessen Wohnung stiessen die Polizisten dann auf all die Waffen.
Eine 9-Millimeter-Pistole von SIG-Sauer, eine Schrotflinte von Maverick, eine kleinkalibrige Calico M-100P mit vollem Magazin. Dazu dreitausend Schuss Munition sowie ein Trommelmagazin mit 75 Schuss für eine Kalaschnikow, die Thomas S. damals, bevor die Polizei seine Wohnung durchsuchte, kaufen wollte. Sechzehn Schuss Platzpatronen, sechs Leuchtspurpatronen der Schweizer Armee, kiloweise Kaliumchlorat, Kaliumnitrat, Schwefel, Aluminium, Ammoniumnitrat. Alles angebraucht. Ein Polizist vermerkte: «Für Sprengstoffe.» S. sagte, er habe Feuerwerkskörper herstellen wollen, sowie mehrere selbst gebaute Böllerbüchsen, mit Kies gefüllt, deponiert im Wandschrank des Korridors.
Die meisten Waffen, so sagte S. in der Einvernahme, habe er legal erworben, in Waffengeschäften im Thurgau, in Bern und Basel. Sein nächstes Ziel sei eine Kalaschnikow gewesen, erzählte er den Beamten.
Mit der Schrotflinte habe er im Garten seiner Eltern auf Stare geschossen. Die Böllerbüchsen wiederum habe er gebaut, «um diese an einer Demonstration in Weinfelden zu verwenden» – gemeint war die antifaschistische Demonstration vom 12. Februar 1994.
Die Polizei fragte nicht nach, was er mit «verwenden» meinte, auf jeden Fall, so steht es in der Einvernahme, habe Thomas S. die Sache mit den Böllern dann selbst als zu gefährlich eingestuft und die Pläne begraben, und die Büchsen habe er in den Wandschrank gestellt, wo die Polizei sie dann gefunden hatte.
Auf die Frage, ob er an der Aktion «Braui Hochdorf» am 4. November 1995 teilgenommen habe, sagte er: «In Hochdorf war ich nicht dabei.» Und dann, auf Seite 7 des Protokolls, nach langem Befragen, sagte er schliesslich: «OK. Ich war dabei.»
In einer Beiz habe er gesessen, der «Sonne» in Amriswil, sagte er den Beamten, als er erfahren habe, dass die Freundin von Pascal L. im Spital liege, schwer verprügelt von den Linken. Und das habe er sicher nicht zulassen können, «dass die Chaoten ein Mädchen krankenhausreif schlagen». «Wenn ich mich jetzt nicht erhebe, würde ich anfangen mich selbst zu hassen», sagte er. Er habe nicht aus Hass gegen die Linken oder Autonomen mitgemacht, sondern aus Rache.


«Nach diesem Schlag ging ich zu Boden»
Vor dem Amtsstatthalteramt Hochdorf erzählte Thomas S. im Mai 1996, wie er den Abend erlebt hatte: «Vom Parkplatz her sind wir in Gruppen zum Areal der Brauerei gegangen. Ich ging ca. in der Mitte. Als unsere Leute dann losstürmten, befand ich mich im vorderen Teil der Gruppe.» Er sei bis in den Vorraum des Konzertsaals vorgedrungen. «Dort habe ich einen Schlag in die Eier erhalten. Ich weiss nicht, ob dieser Schlag von einer Person kam oder ob einer der Kollegen mit einem Schlaginstrument ausholte und mich dabei traf. Nach diesem Schlag ging ich zu Boden.» Dann hiess es, man solle sich zurückziehen. Darauf habe er das Gebäude verlassen.
Thomas S. war mit einem Stahlrohr bewaffnet, das er von zuhause mitgebracht hatte. Er trug eine schwarze Sturmhaube. Auf die Frage nach weiteren Waffen sagte er: Er habe gesehen, dass Leute von ihnen Baseballschläger und andere Holzprügel trugen. Auch Ketten habe er gesehen.
Auf die Frage «Vorhalt Angriff Art. 134 StGB, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch — Sie haben sich als Mittäter der Begehung dieser Straftaten schuldig gemacht. Was sagen Sie dazu?» sagte der Thurgauer: «Kenntnis genommen. Ich war dabei und muss die Mitverantwortung tragen.»
Das Kriminalgericht Luzern sprach ihn am 14. November 1997 des Angriffs, der mehrfachen einfachen Körperverletzung, der mehrfachen Sachbeschädigung und des Hausfriedensbruchs schuldig. Es verurteilte ihn zu acht Monaten Gefängnis, bedingt auf zwei Jahre, und zu 1000 Franken Busse. Vom Vorwurf, mit den Chemikalien und Böllerbüchsen Sprengstoff hergestellt zu haben, sprach es ihn frei. Es liess sich nicht belegen.

Eine Stahlrute, ein Messer, ein Morgenstern
Hans Stutz, ein Luzerner Journalist und Experte für Rechtsextremismus, auf dessen Archiv sich diese Recherche stützt, sagte mir, als ich mich in seinem Büro durch meterhohe Stapel von Unterlagen arbeitete: Der Vorwurf von linker Seite an die Behörden, auf dem rechten Auge blind zu sein, sei mit Blick auf die Hochdorf-Ermittlungen nicht zutreffend gewesen.
Die rechtsextremen Skinheads hätten es der Polizei leicht gemacht: In den Wochen nach dem Überfall klopfte die Polizei an Türen in Amriswil, Bürglen, Sonterswilen, Bülach, Schönenwerd, Bern, Luzern und einem Dutzend anderer Orte in acht Kantonen. Überall öffneten junge Männer, die zuerst leugneten, dabei gewesen zu sein, die alle nach und nach einknickten, und dann die Namen ihrer Kollegen ausplauderten.
In den Wohnungen fanden die Beamten neben Pistolen, Gewehren und Handgranaten auch Waffen, die beim Überfall verwendet worden waren: Eine Stahlrute. Einen Schlagring. Nunachakus, zwei kurze Stöcke, verbunden durch eine Kette. Einen abgesägten Hockeystock. Baseballschläger. Vier Schlagstöcke. Eine Pistole und Munition. Ein Messer. Einen Morgenstern.

Göhring im Ford Granada
Thomas S. erwähnte den Beamten gegenüber einen Mann mit dem Spitznamen Göhring. Göhring habe ihn in seinem Ford Granada mit Zürcher Kennzeichen von Zürich nach Hochdorf gefahren, vier weitere Personen im Wagen. Die Polizei fand Göhring. Göhring nannte wieder andere. Und bald war die ganze Truppe aufgeflogen.
Allein Christian B., ein Landschaftsgärtner aus dem thurgauischen Sommeri, lieferte auf die Frage nach Mittätern 16 Namen mit Wohnort und Spitznamen. Am Schluss sagte er: «Im Moment kommen mir keine weiteren Namen mehr in den Sinn. Ich kenne aber sicher nicht alle Namen der Beteiligten.»
Die Kantonspolizei Luzern fasste das Ergebnis in einem Dokument vom 20. Januar 1996 auf neun Seiten zusammen, in einer «Deliktetabelle. Gewaltaktion Braui Hochdorf, 4. November 1995.» Das Fazit: 57 Täter aus acht Kantonen. Vorwurf: Angriff, Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Körperverletzung, verbotenes Waffentragen. Bei fast jedem stand unter «Bemerkungen»: «Skinhead».
«Sommer, Sonne, Remigration» – die Serie
Diese Serie erzählt von der rechtsextremen Szene in der Schweiz und ihren Akteuren, von den Achtzigerjahren bis heute. Wer die rechtsextreme Gruppe «Junge Tat» für einen Internet-Flashmob hält, unterschätzt die Rolle, die vor allem Manuel Corchia mit seinen Videos in der Identitären Bewegung und damit in der extremen Rechten spielt. Wer seinen österreichischen Kollegen Martin Sellner für einen Spinner am Rand hält, übersieht, dass dieser junge Mann den Begriff Remigration, 2023 in Deutschland zum «Unwort des Jahres» gekürt, aus der Nische geholt hat. Das Weisse Haus benutzt ihn inzwischen. Rechte Parteien in halb Europa benutzen ihn. Auf der Plattform X ist «Remigration» im rechten Diskurs allgegenwärtig.
«Sommer, Sonne, Remigration» fragt, was Sellner tatsächlich will und welche Rolle der Winterthurer Manuel Corchia dabei spielt. Um diese Gegenwart zu verstehen, geht die Serie zurück in die Vergangenheit: zu Jürg Frischknecht, dem Journalisten, dessen Recherchen zum Schweizer Rechtsextremismus bis heute massgebend sind, versammelt in seinem Buch «Schweiz wir kommen», das man heute nicht mehr in der ursprünglichen Art auflegen könnte, weil darin viele Namen stehen, die nicht mehr an die Öffentlichkeit gehören. Sein Privatarchiv liefert den historischen Unterbau für mehrere Kapitel. Das letzte Kapitel stützt sich auf das Archiv eines anderen Chronisten: des Luzerner Journalisten Hans Stutz, der die Szene seit den Achtzigerjahren beobachtet und dokumentiert.
Wie gross der Unterschied zwischen damals und heute ist, zeigt sich schon im Auftreten: Sie kamen früher mit Hitlergruss und dem Kofferraum voller Schusswaffen. Sie kamen besoffen am Samstagabend, auf der Suche nach einer Schlägerei im Zürcher Niederdorf. Sie jagten Menschen anderer Hautfarbe durch die Strassen und legten Brände. Die Generation, die heute kommt, die sich zur Identitären Bewegung zählt, tut nichts davon. Sie kommt geschniegelt und betont, Gewalt nur zur Selbstverteidigung anzuwenden. Sie kommt mit Videos auf der Plattform X und auf Telegram, mit Demonstrationen und Kundgebungen und Flashmobs und mit einem sehr klaren politischen Programm und einem Wort, das sie überall wiederholt: Remigration.
Die Recherche stützt sich auf Gerichts- und Polizeiakten, Jahresberichte der Bundespolizei, Material des Schweizerischen Sozialarchivs und weiterer Institutionen, auf zeitgenössische rechtsextreme Schriften und Videos, Interviews, Telegram-Chats.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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