Andreas Schöfbeck

Andreas Schöfbeck war von 2001 bis zu seiner fristlosen Entlassung 2022 Vorstand der Krankenkasse BKK Pro Vita. © privat, zVg

Corona-Impfnebenwirkungen: Ex-Krankenkassenchef doppelt nach

Martina Frei /  Mehrere Versicherungen hätten die eigenen Analysen bestätigt, sagt Andreas Schöfbeck: Es gab sehr viele Verdachtsfälle.

Rund viereinhalb Jahr hat er geschwiegen. Nun redet Andreas Schöfbeck wieder. Der ehemalige Vorstand der deutschen Krankenkasse BVV Pro Vita kritisiert, dass die Behörden die Daten über Nebenwirkungen der Covid-Impfung bis heute nicht seriös analysiert hätten.

Im Februar 2022 war Schöfbeck an die Öffentlichkeit getreten: Es gebe ein «heftiges Warnsignal» bei der Covid-Impfung. Hochgerechnet auf ganz Deutschland seien etwa vier bis fünf Prozent der Geimpften wegen des Verdachts auf Impfnebenwirkung beim Arzt gewesen. Das entspräche 2,5 bis 3 Millionen Menschen.

Schöfbeck hatte vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gefordert, es solle die vielen Verdachtsfälle von Impfschäden weiter abklären. Das PEI ist dafür zuständig. Für den 1. März 2022 um 16 Uhr war zwischen dem Krankenkassen-Vorstand und dem PEI-Leiter ein Video-Gespräch anberaumt. Doch dazu kam es nicht mehr. Denn am Vormittag jenes 1. März wurde Schöfbeck fristlos entlassen. Dem Datenanalysten, der diese Zahlen anhand der Krankenkassen-Daten berechnet hatte und am Video-Gespräch teilnahm, wurde der Ton abgestellt.

Der Dachverband habe die Analyse bestätigt

So jedenfalls schilderte es Schöfbeck kürzlich in einem Interview mit dem Online-Portal «Multipolar»: «Als 2021 das Impfen gegen Corona losging, legten mir meine Mitarbeiter Berichte von schweren Nebenwirkungen bei Versicherten vor. Auch eine Mitarbeiterin unserer Krankenkasse […] hatte schwere Nebenwirkungen. Und eine Cousine von mir, die jetzt berentet ist, hat sich nie mehr davon erholt – bei ihr hat es wenige Stunden nach der Booster-Impfung begonnen. Da war für mich klar: Da müssen wir genauer hinschauen.»

Er habe daraufhin den Datenanalytiker Tom Lausen beauftragt, die Daten der fast elf Millionen Versicherten der insgesamt etwa 70 BKK-Betriebskrankenkassen auszuwerten. Diese Daten seien zu einem anonymisierten Datenpool zusammengeführt worden. In diesem Pool könne jede Betriebskrankenkasse Auswertungen machen, erläuterte Schöfbeck.

Lausen analysierte die Diagnosecodes, die Ärzte auf ihren Abrechnungen zuhanden der Krankenkasse angegeben hatten. Das Resultat laut Schöfbeck: «Wir haben gesehen: In Relation zu allen Impfungen, die es vorher gegeben hat, war das ein Vielfaches an Nebenwirkungen. Wir hatten vor den Corona-Impfungen nie im vergleichbaren Umfang Nebenwirkungen beziehungsweise Verdachtsfälle.»

Vom Controlling bestätigt

Mit den Ergebnissen habe er sich an den damaligen Vorstandsvorsitzenden des BKK-Dachverbands, zu dem die BKK Pro Vita gehört, gewandt. «Der hat dann seine Mitarbeiter im Controlling diese Analyse überprüfen lassen. Er ist zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Sonst hätte er mich gebremst. […] Auch unser BKK-Landesverband in Bayern hat die Zahlen untersucht. Die haben auch gesehen, dass unsere Analyse valide ist», so Schöfbeck. «Und wir sprechen nur von denen, wo die Ärzte eine Impfnebenwirkung erkannt und das dann entsprechend codiert haben. Wir wissen ja, dass es eine beträchtliche Dunkelziffer gibt, die die Ärzte gar nicht als Impfgeschädigte erkennen.»

Schöfbeck zufolge hätte der Vorstandsvorsitzende des BKK-Dachverbands die Auswertung von Schöfbeck und Lausen «nur anonym an die Presse geben wollen». Schöfbeck dagegen fand dies «keinen guten Stil. Da muss man dahinterstehen – und die Zahlen auf Nachfrage auch erläutern können.»

Er schrieb daraufhin einen Brief an die deutsche Impfkommission Stiko und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), an die Bundesvereinigung der deutschen Kassenärzte sowie an weitere Adressaten. Doch zunächst «haben das alle ignoriert». Erst nachdem die «Welt» berichtet hatte, habe sich immerhin das PEI gemeldet und die erwähnte Video-Konferenz wurde anberaumt, an der Schöfbeck aber nicht mehr teilnehmen konnte.

BKK Pro Vita distanzierte sich

Sein früherer Arbeitgeber BKK Pro Vita warf Schöfbeck damals vor, er habe «im Alleingang gehandelt» und «das Kontrollgremium und die Fachabteilungen der BKK Pro Vita gezielt umgangen». In einer Stellungnahme schrieb die Krankenversicherung 2022, es sei Schöfbeck «offensichtlich nie um wissenschaftlichen Diskurs und Aufklärung [gegangen], sondern um die Unterfütterung seiner persönlichen, öffentlich und intern immer wieder geäusserten ablehnenden Haltung gegenüber der Impfung und sonstigen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie».

Weil der Rechtsstreit mit diesem früheren Arbeitgeber noch hängig sei, habe Schöfbeck auf Anraten seines Anwalts bisher geschwiegen. Nun aber äussert er sich wieder: «Was ich beitragen kann zu einer Aufklärung, das werde ich benennen», sagte er kürzlich in einem Interview mit Radio «Kontrafunk».

Keine andere Krankenkasse habe widersprochen

Anders als sein früherer Arbeitgeber, die BKK Pro Vita, sieht Schöfbeck den einzigen, wahren Grund für seine Kündigung darin, dass er «Welt Online» zu seinen Datenanalysen ein Interview gegeben habe. Später seien die Ergebnisse auch von der Techniker-Krankenkasse mit ebenfalls rund elf Millionen Versicherten und von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bestätigt worden. Infosperber bat die Techniker-Krankenkasse um eine Bestätigung oder ein Dementi. Sie antwortete nicht.

Bis heute «hat auch keine andere Krankenkasse unseren Daten widersprochen […] Die Zahlen sind sauber», sagte Schöfbeck gegenüber «Multipolar» und bestätigt dies auch gegenüber Infosperber.

Im engsten Familienkreis schwere Nebenwirkungen erlebt

Nach dem Artikel in der «Welt» seien innert Kürze etwa 1500 E-Mails bei ihm eingegangen. «Da waren erschreckende Reaktionen dabei. […] Mir haben so viele Leute, gerade auch Ärzte, Physiotherapeuten, Hebammen, so dramatisch beschrieben, was sie beobachten. Ich habe vieles nur querlesen können. Aber das war erschütternd», sagte er im Interview. Ein Arzt habe ihm geschrieben, er habe in elf Monaten mehr Impfnebenwirkungen gesehen als sein Praxis-Vorgänger in 20 Jahren. Auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer habe Schöfbeck kontaktiert. 

Palmer hatte selbst zwei Monate zuvor zusammen mit der leitenden Tübinger Notärztin Lisa Federle an den damaligen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach geschrieben: «Wir haben beide im engsten Familienkreis Fälle schwerer bis sehr schwerer Nebenwirkungen nach Impfungen erlebt, die nach Auffassung der behandelnden (neurologischen) Ärzte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die kurz zuvor erfolgte Impfung mit mRNA-Impfstoffen zurückzuführen sind. Wir wissen nicht, ob das alles Zufall ist. Wir wissen aber, dass solche Fälle häufig nicht als mögliche Impfnebenwirkungen gemeldet werden. Und es existiert eine Hypothese zur Erklärung dieser Nebenwirkungen: Die bei mRNA-Impfstoffen eingesetzten Nanolipide könnten aufgrund ihrer elektrischen Ladung Verklumpungen im Blut begünstigen und im schlimmsten Fall auch Verschlüsse evozieren.»

Offizielle Verdachtsmeldungen mindestens um den Faktor 10 niedriger

Gegenüber «Multipolar» sagt Schöfbeck, sein Anliegen sei gewesen, dass die zuständigen Behörden vertiefte Analysen durchführen. «Dann hätte man sehen können: Wer hat extreme Krankheitsbilder entwickelt? Welche Begleiterkrankungen hat es gegeben? Das wäre alles so leicht möglich gewesen – die Kassen haben diese Daten ja alle. Aber meines Wissens hat das PEI genau diese Auswertung immer noch nicht gemacht.»

Der Interviewer fragt nach: Die von Schöfbeck und Lausen berechneten 2,5 bis 3 Millionen Verdachtsfälle auf Covid-Impfnebenwirkungen wären mindestens zehnmal mehr als dem PEI gemeldet wurden? «Genau», antwortet Schöfbeck. Seine Erklärung: Eine Meldung ans PEI hätte 30 bis 45 Minuten Zeit gekostet, die den Ärztinnen und Ärzten nicht vergütet wurde. «Ein Problem könnte auch sein, dass die gleichen Ärzte, die Impfnebenwirkungen melden sollen, vorher geimpft haben», mutmasst er.

Auch von Seiten grosser Medien habe sich laut Schöfbeck niemand «mit den Zahlen selbst auseinandergesetzt. […] Ich dachte immer, das sei gute journalistische Praxis. Aber da gab’s null Reaktionen.»

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