«Sieg Heil» vor dem Richter: Das Ende der Patriotischen Front
Dies ist der dritte Teil des dritten Kapitels unserer Serie «Sommer, Sonne, Remigration» über die extreme Rechte in der Schweiz und Europa, von den Achtzigerjahren bis heute. Das Kapitel erzählt in drei Teilen Aufstieg und Fall der Patriotischen Front. Einzelne Namen wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert. Fakten und Zitate stützen sich auf die Originalquellen.
Die Justiz und die Polizei sahen weg, die Zuger Bürgerinnen und Bürger aber nicht: In Zug sei die Patriotische Front nach dem Angriff auf die Asylunterkunft Steinhausen erledigt gewesen, schreibt Daniel Brunner, Zuger Millionenerbe (Landis & Gyr), ehemaliger linker Politiker (Sozialistisch-Grüne Alternative Zug) und Gründer der Dokumentationsstelle «Doku-Zug», in einer Mail als Reaktion auf die letzte Folge dieses Kapitels (Infosperber vom 2. Oktober).
Die dort beschriebenen «Zuger Schlampereien», der Angriff auf ein Asylzentrum unter den Augen der informierten Polizei, hätten laut Brunner nicht nur zu einer Rekorddebatte im Zuger Kantonsrat geführt, sondern auch dazu, dass die Patriotische Front im Kanton Zug von einem Tag auf den anderen nicht mehr in der Lage gewesen sei, Leute zu mobilisieren. Und das habe mit «zwei entscheidenden Reaktionen» zu tun gehabt, schreibt Brunner, nämlich dass Prominente aus der bürgerlichen Mitte ohne Abgrenzung zur Linken klar Stellung bezogen hätten.
Daniel Brunner schreibt: «Am 9. November 1989 (fünf Tage nach dem Angriff auf die Asylunterkunft in Steinhausen) gab es eine für Zuger Verhältnisse sehr grosse Kundgebung auf dem Landsgemeindeplatz, mit dem Hauptredner Jakob Suter, ehemaliger christlichsozialer KK- bzw. CVP-Kantonsrat (18 Jahre), CMV-Gewerkschafter, Präsident Betriebskommission Landis & Gyr. Dann zweitens Kantonsrat 30. November: Klare Kante insbesondere von FDP-Kantonsrat Joachim Eder gegen verharmlosende Haltung(en) von Kantonspolizei und anderen.»
Während die Patriotische Front nach den ersten Auftritten im Kanton Zug Unterstützung bis weit in die gesellschaftliche Mitte hinein gespürt habe und deshalb immer dreister geworden sei, schreibt Brunner, seien die politischen Reaktionen auf den Angriff auf die Asylunterkunft «ein eindrückliches Beispiel, was gegen den Aufstieg rechtsextremen Hasses und Gewalt wirkt».
«Sehr gute Resultate»
Tatsächlich hatte der damalige FDP-Kantonsrat und spätere Zuger Regierungsrat und Ständerat Joachim Eder schon im Juni 1989, wenige Tage nach der Tamilenjagd der Patriotischen Front in der Zuger Innenstadt, im Kantonsrat hinter die Mobilität der Polizei «ein mittleres bis grosses Fragezeichen» gesetzt. Das «Zuger Tagblatt» druckte seine ganze Rede Anfang Juni ab: «Immerhin fielen bereits einmal Schüsse auf ein Wohnheim für Asylbewerber, und so erstaunt es doch, dass unsere Polizei von den Ereignissen überrascht, ja überrollt werden konnte.» Die Reaktionen auf seinen Vorstoss hätten ihm gezeigt, «dass es wahrscheinlich ebenso viele gibt, die Gewalt gegen Asylbewerber mindestens hinter vorgehaltener Hand sogar applaudieren». Justizdirektor Urs Kohler hielt in der Debatte dagegen, man habe «sehr schnell» reagiert und «sehr gute Resultate erzielt».
Laut Protokoll der Kantonsratssitzung vom 30. November, knapp vier Wochen nach dem Angriff auf das Durchgangsheim Steinhausen, sagte Eder, der 4. November sei «für die Zuger Kantonspolizei kein Glückstag» gewesen. Was sich in Steinhausen abgespielt habe, sei «taktisches Fehlverhalten» und zeuge «von mangelndem Gespür». Der Regierungsrat habe «mit keinem Wort» den Stellenwert dieses «nunmehr dritten Angriffs auf Asylanten in unserem Kanton» angesprochen. Im Bericht finde sich «kein Aufruf zur Solidarität, Menschlichkeit und Toleranz, keinerlei klare Verabscheuung der Vorfälle und keinerlei unmissverständliche Distanzierung». Trotz der «ideellen Verbundenheit gewisser Bevölkerungskreise mit dem rechtsradikalen Gedankengut» tue die Regierung so, «als ob die humane Dimension noch selbstverständlich wäre». Eder sprach von der «stummen Gefolgschaft gegenüber rechtsradikalen Tendenzen» und vom «schleichenden Fremdenhass». Die Sache dürfe nicht «als lästiger und unbequemer Betriebsunfall abgetan werden».

66 Namen auf einer Liste
Im Nachgang zum Angriff auf die Asylunterkunft Steinhausen beschlagnahmte die Zuger Polizei bei Andreas Balsiger, Mitgründer des Schweizer Ku-Klux-Klans, eine Mitgliederliste der Patriotischen Front, 66 Namen, die der Journalist Jürg Frischknecht mit Verweisen auf Kantone, Berufe und Verbindungen zu anderen Organisationen sortierte. Maler, Schreiner, Schlosser, Innendekorateure, Drucker, Gipser, Verkäufer und Metzger aus allen Kantonen der Deutschschweiz, typischerweise männlich, typischerweise Anfang zwanzig, in der Lehre oder ausgebildet in handwerklichen Berufen, das Altersspektrum reichte vom 16-jährigen Alkoholiker bis zum 75-jährigen Rentner, der «aus vaterländischen Gründen» sich der Patriotischen Front angeschlossen hatte.
Unter den acht Frauen auf der Liste war die damalige Verantwortliche der Genfer Sektion der Nationalen Aktion, gleichzeitig Kassierin der Nationalen Koordination, jenes losen Zusammenschlusses, den der Lausanner Altfaschist Gaston-Armand Amaudruz 1983 als Dachorganisation aller rassistischen Kräfte innerhalb und ausserhalb der Nationalen Aktion gegründet hatte und in dem Strebel und seine Leute beispielsweise auf die Mitglieder der «Nationalrevolutionären Partei Schweiz» trafen, die dann mit ihm in Zug und in Rotkreuz gemeinsam Tamilen durch die Stadt jagten, jene Leute, die in Winterthur einen linken Journalisten in die Luft jagen wollten. Der sogenannte Landesleiter der neonazistischen Wiking-Jugend Schweiz war ebenfalls Mitglied der Patriotischen Front, sowie ein Bülacher Ingenieur, der wenige Jahre zuvor mit der Gründung einer «Nationalsozialistischen Partei» Schlagzeilen gemacht hatte.
Biografien aus den Randzonen
Die Mitglieder laut Verhöramt-Abschrift: Handwerker mit abgebrochenen Lehren, Gelegenheitsarbeiter, Arbeitslose, ein Querschnitt der Peripherie, Biografien aus den Randzonen. Einer von ihnen war ein Mann aus Kriegstetten, der bei seiner Einvernahme zur Tamilenjagd vom 20. Mai 1989 in Zug sagte, er habe damals sehr brutal gegen die Tamilen vorgehen wollen, weil er sie gehasst habe, sie seien ein Feindbild für ihn gewesen, dazu sei der Alkohol gekommen, damals habe er keinen Schwarzen in der Schweiz gewollt, heute wolle er im Prinzip auch keine, man könne diese jedoch nicht «einfach umhauen».
Ein 22-jähriger Rechtsextremer, der wegen derselben Jagd auf Tamilen schliesslich zu zehn Monaten unbedingter Gefängnisstrafe verurteilt wurde, sagte vor Gericht zum Angriff auf die Asylunterkunft: «Am Tag der Demo in Steinhausen hatte ich ziemlich viel getrunken. Ich befand mich unter den Demonstranten und schaute zu, ohne mich an den Aktivitäten zu beteiligen. Allerdings gebe ich zu, dass ich mich im September 1989 wie ein Skinhead kleidete und eine entsprechende Frisur trug. Aber zur Patriotischen Front und zu den Schlägern wollte ich nie gehören.»
Unter den beschlagnahmten Dokumenten befand sich aber nicht nur eine Mitgliederliste, sondern auch eine Übersicht über «Kantons-Ortsgruppen Oktober 1989» mit bestehenden Sektionen in Aargau, Zürich, Glarus und Solothurn. Auch wenn in Zug nach den Attacken auf die Asylunterkunft der Stern der Patriotischen Front Ende 1989 verblasste, schätzte der bundesrätliche Extremismusbericht 1992 die Mitglieder der Patriotischen Front Mitte 1990 auf über vierhundert bei mehreren tausend Sympathisanten. Aufstieg und Niedergang: Die Ereignisse überschlugen sich.
Ausgeladen, bedroht, verurteilt
Im Herbst 1990 wurde bekannt, dass der Regierungsrat des Kantons Schwyz plante, das Hotel Rössli in Seewen in ein kantonales Durchgangsheim für 70 bis 80 Asylbewerber umzufunktionieren, der Einwohnerverein wehrte sich lautstark, die Patriotische Front kündigte an, vor Ort mitmischen zu wollen. Am 8. Januar 1991 schrieb der Einwohnerverein Seewen allerdings einen eingeschriebenen Expressbrief direkt an Marcel Strebel, Patriotische Front, Wyssgerbistrasse 11, 6442 Gersau, unterzeichnet von Präsident Eichenberger und der Vizepräsidentin Seeholzer, in dem man ihn bat, sich rauszuhalten: «Diese klare Abgrenzung ist deshalb nötig, weil Seewen nicht für die gleichen Ziele kämpft wie Ihre Organisation. Wir kämpfen nicht gegen die Fremden in unserem Land und nicht gegen die Asylbewerber, sondern einzig und ausschliesslich für unser Dorf.» Kopie an die Medien. Die «Luzerner Neue Nachrichten» titelten: «Marcel Strebel ausgeladen».

Im November 1990 wurde Hanspeter Uster für die Sozialistisch-Grüne Alternative Zug in den Regierungsrat gewählt und übernahm die Justiz- und Polizeidirektion. Nach dem Angriff auf die Asylunterkunft in Steinhausen hatte er das Thema im Kantonsrat aufgegriffen und eine Demonstration gegen Rassismus in Zug mitorganisiert. Nach seiner Wahl ging auf seinem Anrufbeantworter eine schweizerdeutsche Nachricht ein: «Hier spricht die Patriotische Front! Herr Uschter, mer wüssed, dass Sie en schwäre Gägner sind vo üsem Schtaat, vo üsem Volk und vo üsem Land, und mer wärded mitenand no en Chrieg usfächte müesse. Sie wärded vo üs ghöre. Sieg Vaterland, Sieg Heil!»
Im Dezember 1990 verurteilte das Bezirksgericht Zürich Marcel Strebel wegen Beleidigung jener Frau, die er auf dem Weg zum «Zischtigs-Club» in der Eingangshalle des Schweizer Fernsehens rassistisch beleidigt und angegriffen hatte, zu einem Monat Gefängnis unbedingt. Einen Tag später stand er schon wieder vor Gericht, diesmal in Gersau. Die Verfahren häuften sich: Ermittlungen wegen Hausfriedensbruchs und wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte und wegen falscher Anschuldigung, ein hängiges Strafverfahren in St. Gallen, und ein Arrestbefehl wegen Fluchtgefahr mit einer Forderung über 558’000 Franken, und eine Schadenersatzklage über 180’000 Franken, eingereicht von seinem eigenen ehemaligen Rechtsberater, und dazu eine Ehrverletzungsklage gegen den Journalisten Jürg Frischknecht, die er selbst angestrengt, dann zurückgezogen und am Ende auch noch selbst bezahlt hatte, und zwei Jahre später auch noch das Steueramt, weil der Mann mit IV-Rente und offiziell 18’700 Franken Jahreslohn und keinem Vermögen Geschäftsleuten Darlehen über 300’000 Franken gegeben hatte, die in keiner Steuererklärung standen. Strebel begrüsste den Gersauer Richter mit den Worten: «Sieg Heil! Heil Hitler!»

Mit durchgeladenen Waffen zur 700-Jahr-Feier
Am 1. August 1991, dem 700-Jahr-Jubiläum der Eidgenossenschaft, fing die Kantonspolizei Schwyz bei der Autobahnausfahrt Seewen eine Gruppe von 13 Rechtsextremen ab, Strebel an der Spitze, auf dem Weg nach Brunnen, wo die offiziellen Bundesfeiern stattfanden, wo gegen 500 Polizeibeamte aus den Innerschweizer Kantonen im Einsatz standen, die Antiterroreinheit «Luchs» war für den Personenschutz zuständig, weil Strebel in Flugblättern angekündigt hatte, die Feierlichkeiten stören zu wollen. Die Gruppe hatte die Polizeifrequenzen abgehört, den Funkverkehr gestört, und als die Beamten daraufhin die Fahrzeuge durchsuchten, fanden sie eine durchgeladene halbautomatische HK-94-Maschinenpistole mit zwei vollen Magazinen, eine ebenfalls durchgeladene Pump-Action-Schrotflinte, einen Revolver, zwei Dolche, ein Tränengasspray, verbotene Funkgeräte, einen Scanner zum Abhören des Polizeifunks.
Bei der Einvernahme erklärten die Verhafteten: «Wir wollten bloss ein wenig 1. August feiern und mit den Waffen ‹umechlöpfe›.» Der «Blick» titelte: «Plante Fremdenhasser Strebel Attentat auf Jubiläumsfeier?»
Einige Wochen später, im Herbst 1991, kandidierte Strebel im Kanton Schwyz für den Nationalrat, mit der «Partei für die Zukunft». Er erhielt 6,3 Prozent oder 5700 Stimmen. In der Gemeinde Vorderthal erhielt Strebels Partei 21 Prozent. Rechtsextreme Ideen, so der bundesrätliche Extremismusbericht von 1992, hätten damit auch auf dem Wahlzettel Fuss gefasst.
Nach seinem Wahlerfolg träumte Strebel von Höherem. Er kündigte Kontakte zu den Lega-dei-Ticinesi-Politikern Giuliano Bignasca und Flavio Maspoli an, um eine «Deutschschweizer Lega» zu gründen, aber das Projekt verlief im Sand, wie auch die Pläne, an den Schwyzer Kantonalwahlen 1992 teilzunehmen.
Es kam zum internen Streit, die Gründungsmitglieder und ehemaligen Ku-Klux-Klan-Leute Johnny Meier und Andreas Balsiger sassen im Gefängnis, Strebel trieb von Gerichtsverhandlung zu Gerichtsverhandlung, von Kanton zu Kanton. Bevor die Partei begraben wurde, hatte sie noch einen letzten Umzug hinter sich: Leitung und Hauptsitz gingen nach Pfaffhausen, zu einem EDV-Operator, der auf der Mitgliederliste als Sektionsverantwortlicher Zürich eingetragen war.
Urban Kaufmann, Student der Zeitgeschichte an der Universität Freiburg, erreichte ihn im Januar 1994 kurz am Telefon. Der Mann sagte, man habe heutzutage keine Chance mehr, gegen den linken Filz anzukommen, vor allem nicht in Fernsehen und Presse, allmählich würden «DDR-Verhältnisse» herrschen. Die Patriotische Front sei aufgelöst, sagte er, und damit war das kurze Gespräch zu Ende.

Der letzte Angriff mit dem Pickel
Wieder Urban Kaufmann, wieder ein Telefoninterview für seine Seminararbeit, ebenfalls im Januar 1994, diesmal mit Strebel persönlich. Er verdiene seinen Lebensunterhalt «mit ‹betteln›, um wenigstens von Cervelats und Brot leben zu können». Er wolle nichts mehr mit der Patriotischen Front zu tun haben.
Dann, im September 1994, eskalierte ein Saufgelage auf dem Parkplatz vor dem Restaurant Fallenbach in Brunnen so weit, dass die Polizei anrückte. Strebel griff zum Sturmgewehr und schoss auf die Beamten, diese erwiderten das Feuer, ein Schulterschuss stoppte Strebel, das Gericht verurteilte ihn zu zwei Jahren Zuchthaus.
Als er die Strafe im Januar 2000 hätte antreten sollen, hatte er das Land verlassen, offensichtlich war er in Spanien untergetaucht, denn dort wurde er in Sevilla verhaftet, als er Autoreifen aufschlitzte. Im April 2000 tauchte er am Zoll in Genf-Perly auf und erklärte den Beamten: «Ich muss ins Gefängnis.» Er sass die Strafe in Lenzburg ab und wurde am 22. Juni 2001 vorzeitig entlassen. Über Radio Central liess er ausrichten: «Ich habe eine Abrechnung vor. Falls sie misslingt, kehre ich halt wieder in die so schöne Strafanstalt Lenzburg zurück.»
Strebel war inzwischen 51 Jahre alt und ohne festen Wohnsitz.
Er fuhr nach Burgdorf im Kanton Bern, ins Industriequartier Buchmatt, zu einem Bekannten, bei dem er für ein paar Tage unterkommen wollte. Es kam zum Streit. Strebel war stark betrunken und griff einen Pickel und ging auf den 30-jährigen Sohn des Bekannten los. Der junge Mann griff zu seinem Sturmgewehr und erschoss Strebel, alarmierte die Polizei und liess sich widerstandslos festnehmen. Ende Juni 2002 wurde der Mann freigesprochen.
«Wenn jemand mit einem Pickel auf einen zukommt, dann ist das ein deutlicher Fall einer Notwehrsituation», sagte die Richterin. Der Angeschuldigte hätte auch nicht flüchten können. «Der 130 Kilo schwere und 188 Zentimeter grosse Marcel Strebel stand im Türrahmen zum Schlafzimmer und füllte diesen beinahe aus. Der Angeschuldigte hat sich in diesem Fall angemessen gewehrt.»

Grösser als Strebel
Die Nationale Front hatte den Namen zuerst getragen, in den Dreissigerjahren, als die faschistische Frontenbewegung in der Schweiz bis zu 9000 Mitglieder zählte, den Führerkult pflegte, offen antisemitisch agierte und Mussolini und Hitler als Vorbilder feierte. Ihre Hochburgen waren Schaffhausen und Zürich. Den Höhepunkt erreichte die Bewegung im «Frontenfrühling» nach Hitlers Machtergreifung 1933. 1935 zog Robert Tobler als einziger Vertreter der Nationalen Front in den Nationalrat ein.
Die Schweiz hatte diese Geschichte verdrängt, sie passte nicht zum Selbstbild der Neutralität, des Widerstands, des Sonderfalls. Aber die Namen überlebten. Journalisten wie Jürg Frischknecht dokumentierten die Verbindungen der Neonazis zur Nationalen Aktion, jener Partei mit der bürgerlichen Fassade, die seit Ende der Sechzigerjahre im Parlament sass und nach aussen jeden Kontakt zur Szene bestritt. Diese Recherchen und die Umtriebe von Strebel, seinem Umfeld und der Nationalen Koordination führten 1992 zum ersten bundesrätlichen Bericht über Rechtsextremismus und 1995 schliesslich zur ersten wissenschaftlichen Gesamtdarstellung «Rechtsextremismus in der Schweiz. Organisationen und Radikalisierung in den 1980er und 1990er Jahren» von Urs Altermatt und Hanspeter Kriesi. Die Patriotische Front war darin eines von mehreren Kapiteln. Die rechtsextreme Szene war grösser als Strebel, älter als die Patriotische Front, und sie endete auch nicht mit ihr.
Sommer, Sonne, Remigration – die Serie
Die Rechtsextremen der Achtzigerjahre kamen mit Hitlergruss und dem Kofferraum voller Schusswaffen. Sie jagten Menschen, die sie für Fremde hielten, durch die Strassen und beschossen Flüchtlingsunterkünfte. Ihre Nachfolger, die sich heute zur Identitären Bewegung zählen, kommen mit Videos auf X und Telegram, mit Demonstrationen, Kundgebungen und Flashmobs, mit einem klaren politischen Programm und einem Wort, das sie überall wiederholen: Remigration.
Diese Serie erzählt im Wochentakt von der rechtsextremen Szene in der Schweiz und ihren Akteuren, von den Achtzigerjahren bis heute. Sie fragt, was der Österreicher Martin Sellner tatsächlich will und welche Rolle der Winterthurer Manuel Corchia dabei spielt. Um diese Gegenwart zu verstehen, geht die Serie zurück in die Vergangenheit: zu Jürg Frischknecht, dessen Recherchen zum Schweizer Rechtsextremismus bis heute massgebend sind, versammelt in seinem Buch «Schweiz wir kommen».
Sein Privatarchiv im Schweizerischen Sozialarchiv liefert den historischen Unterbau für mehrere Kapitel dieser Serie. Das dritte Kapitel handelt von Marcel Strebel und der Patriotischen Front. In drei Teilen zeigt es, wer sich Ende der Achtzigerjahre um Strebel sammelte, was diese Männer wollten, was sie taten, wie Behörden und Medien mit ihnen umgingen und wie die Gruppe schliesslich zerfiel.
Die Recherche stützt sich auf Gerichts- und Polizeiakten, Jahresberichte der Bundespolizei, Material des Schweizerischen Sozialarchivs und weiterer Institutionen, auf zeitgenössische rechtsextreme Schriften und Videos, auf Interviews und Telegram-Chats. Einzelne Namen wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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