Tod in Tuggen
Seit Ende August veröffentlichen wir auf Infosperber die Serie «Sommer, Sonne, Remigration» über die neuen Rechtsextremen von den Achtzigern bis heute, basierend auch auf Jürg Frischknechts Buch «Schweiz wir kommen». Im Vorwort seines 1991 erschienen Buchs gedenkt Frischknecht der Toten von Neonazi-Gewalt in der Schweiz: Sieben Menschen – erstickt, totgeschlagen, lebensgefährlich verletzt. Seit zehn Tagen kommt ein neuer Toter hinzu. Ein 27-jähriger Deutscher, der, so berichtet es der «Sonntags-Blick», allem Anschein nach von einem 42-Jährigen totgeschlagen wurde, an der Afterparty eines Konzerts im Bandits in Tuggen im Kanton Schwyz.
Der mutmassliche Täter war Mitglied der Neonazi-Gruppe Blood & Honour. Er sitzt in Untersuchungshaft. Ein weiterer Blood-&-Honour-Mann, der laut «Sonntags-Blick» ebenfalls vor Ort war, gab dem Konzertlokal am nächsten Tag fünf Sterne auf Google. Dazu schrieb er: «War eine fette Party gestern.» Bei dem Mann handelt es sich um den Zwickauer Neonazi R.M., Szene-Spitzname «Manole», einen früheren V-Mann des deutschen Verfassungsschutzes mit engen Verbindungen zum Terrornetzwerk «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU). «Manole» lebt heute im Sarganserland.
Im Info-Kasten, der jeweils zu unserer Serie erscheint, heisst es: «Sie kamen früher mit Hitlergruss und dem Kofferraum voller Schusswaffen. Sie kamen besoffen am Samstagabend, auf der Suche nach einer Schlägerei im Zürcher Niederdorf. Sie jagten Menschen anderer Hautfarbe durch die Strassen und legten Brände. Die Generation, die heute kommt, die sich zur Identitären Bewegung zählt, tut nichts davon. Sie kommt geschniegelt und behauptet von sich, Gewalt nur zur Selbstverteidigung anzuwenden.»
Aber was heisst das nun für Tuggen? Dass die alte Naziskin-Generation nie verschwunden ist. Und dass sie sich nun mit tödlicher Gewalt zurückmeldete.
Zwei Welten
Der Aufprall der alten Szene in der Gegenwart zeigt sich auch am Alter des mutmasslichen Täters: 42. In der vergangenen Folge erwähnte ich gegenüber Manuel Corchia, dem 24-jährigen Mitgründer der Jungen Tat und einem Repräsentanten der neuen extremen Rechten Pascal L. aus Weinfelden, in den Neunzigern Anführer der Schweizer Hammerskins und einer der gewalttätigsten Neonazis des Landes, jene Naziskin-Generation, aus welcher der mutmassliche Täter von Tuggen stammt.
Corchia kannte ihn nicht. Es erstaunte mich nicht: Die Identitären überschneiden sich zwar in vielen Punkten mit der Ideologie der extremen Rechten der Neunziger, aber die Strategien sind andere. Sie setzen in erster Linie auf Videos und politische Einflussnahme statt auf Gewalt und Strassenkampf. Letztere wiederum waren praktisch das einzige Mittel der sogenannten Hammerskins der Neunziger. Sie endeten mit zahlreichen Gefängnisstrafen, zum Beispiel für Pascal L.
Hochburg am oberen Zürichsee
Die Innerschweiz, wo jetzt ein 27-Jähriger getötet wurde, war immer schon eine Hochburg der extrem gewalttätigen Rechtsextremen, die Region am oberen Zürichsee gilt seit Jahren als Hochburg von Blood & Honour. Ein Umfeld, das wir in der kommenden Woche im Rahmen dieser Serie beleuchten, unter anderem mit einer Person, die in dieser Serie bereits Erwähnung fand: Gery Albisser, auch Gary genannt, bürgerlich Carlo Albisser. Ein Maler aus Littau im Kanton Luzern, der 1990 die Schweizer Hammerskins gründete und bis heute aktiv ist. Die Plattform Exif schrieb ihm 2022 wegen seiner mehr als 35-jährigen Hammerskin-Karriere ein «Alleinstellungsmerkmal» zu. Die Hammerskins (gegründet 1988 in Dallas, USA) und Blood & Honour (gegründet 1987 in England), denen der mutmassliche Täter angehört, stritten zum Teil offen um die Vorherrschaft in der Szene. Vereint hat sie die Neonazi-Ideologie.
2019 waren in Schwyz an der Fasnacht am Güdelmontag zwölf Männer als Ku-Klux-Klan aufmarschiert. Es kam zu einer antifaschistischen Demonstration. Vierzig Rechtsextreme (darunter das bald darauf ehemalige Mitglied einer SVP-Ortspartei) pöbelten Demonstrierende an, später tauchte ein Video auf, das Mitglieder von Blood & Honour zeigte: Sie verbrannten ein Transparent, das sie einem Teilnehmenden geklaut hatten, und zeigten den Hitlergruss. Blood & Honour: Das Programm ist Vernichtung, der Tod ist nur die Konsequenz der eigenen Ideologie. Eine Neonazi-Gruppe, die ohnehin auf Gewalt gebaut ist und sich dazu noch eine eigene Truppe hält, die als ihr bewaffneter Arm gilt: Combat 18, Kampftruppe Adolf Hitler.
Tödliche Erinnerung
Das Ende der Neunziger bedeutete mehrheitlich das Ende einer extrem gewalttätigen Phase, in der Neonazis regelmässig offen Jagd auf Menschen machten. Der Fall von Tuggen muss erst juristisch und strafrechtlich aufgearbeitet werden, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen vorsätzlicher Tötung, es gilt die Unschuldsvermutung. Aber angesichts des Beschuldigten, der in Untersuchungshaft sitzt, und der Zeugenaussagen scheint der Fall ziemlich klar: Vier Neonazis gehen an ein Konzert, pöbeln herum, zeigen den Hitlergruss, am Ende ist ein Mann tot. Bestätigt sich das, wäre es das erste öffentlich bekannte Todesopfer rechtsextremer Gewalt in der Schweiz seit Frischknechts «Schweiz wir kommen» (abgesehen von jener Abrechnung unter Rechtsextremen selbst, als Mitglieder des «Ordens der arischen Ritter» 2001 im malerischen Unterseen im Berner Oberland einen 19-jährigen Kameraden mit einer Eisenstange erschlugen und in den Thunersee warfen).
Immer wieder heisst es auch in den Kommentaren auf Infosperber bezüglich dieser Serie, warum man nicht nach links schaue, dort liege heute die eigentliche Gefahr der Gewalt. Aber das ist Whataboutism. Der Tod von Tuggen erinnert uns an die rechtsextreme Gefahr und daran, dass sie tödlich ist.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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