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«Komm zu uns»: Die Patriotische Front warb mit Pfeilkreuz, Postfach und Spendenkonto. © Sozialarchiv

Die Männer vom Ku-Klux-Klan gründeten eine Partei

Daniel Ryser /  Erst Schüsse auf Flüchtlingsheime und brennende Kreuze, dann ein 20-Punkte-Programm: Marcel Strebel und die Patriotische Front.

Mit diesem Beitrag beginnt das dritte Kapitel unserer Serie «Sommer, Sonne, Remigration» über die extreme Rechte in der Schweiz und Europa, von den Achtzigerjahren bis heute. Es erzählt in drei Teilen Aufstieg und Fall der Patriotischen Front. Einzelne Namen wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert. Fakten und Zitate stützen sich auf die Originalquellen.

Die Behörden hatten Marcel Strebels Waffen beschlagnahmt. Als er sie in Gersau wieder abholen durfte, sorgte er dafür, dass die Presse dabei war.

Auf dem Foto hält der kräftige Mann mit Bart ein Bündel Gewehre vor der Brust, als wären es Holzscheite. Eine Pistole, eine kleine Schweizer Fahne und eine Soldatenfigur vervollständigen die Pose. Vier Gewehre und eine Pistole habe er zurückerhalten, berichtete die WOZ im Oktober 1990. Die Überschrift lautete: «‹Patriotische Front› wieder bewaffnet».

Strebels Patriotische Front war klein. Die Schlagzeilen waren es nicht. «Das ist der Mann, der alle Ausländer hasst», titelte der «Blick» im August 1990. Daneben eine halbnackte Frau: «Die schönsten Girls immer im Blick».

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Vier Gewehre, eine Pistole und ein Medientermin: Marcel Strebel holt seine beschlagnahmten Waffen ab.

Erst der Rücken, dann das Herz

Strebel, der Ende der Achtziger- und Anfang der Neunzigerjahre zu den bekanntesten Figuren der Schweizer extremen Rechten gehörte, wurde am 21. Mai 1950 in Wohlenschwil im Kanton Aargau geboren. Sein Vater sei «ein Nationalist im Kleinen» gewesen, steht in einer Seminararbeit, die Urban Kaufmann 1994 an der Universität Freiburg verfasste. Schon in der Schule habe Strebel gegen Ausländer gehetzt. Später trat er den «Black Dogs» bei, einer Rockergruppe, die 1971 im norditalienischen Luino drei Polizisten verprügelte. Nach Kaufmanns Darstellung war dies Strebels einzige Verhaftung vor der Gründung der Patriotischen Front.

1970 absolvierte Strebel die Grenadier-Rekrutenschule in Losone. Als Stahlbaumonteur arbeitete er in dreiundzwanzig Ländern, sechs Jahre davon im Iran unter dem Schah. Dann meldete sich der Rücken, das Herz! Strebel wurde Chauffeur und dann IV-Bezüger. Die Unterlagen des Schwyzer Steueramts verzeichnen ein jährliches Einkommen von 18’700 Franken.

Mit seiner Frau Margrith und zwei Töchtern lebte er in einer Eigentumswohnung in Gersau, ein geladenes Gewehr mit 24 Schuss immer griffbereit.

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Neonazis und immer «die schönsten Girls»: Der «Blick» vom 25. August 1990.

Innerschweizer Ku-Klux-Klan

Am 1. August 1987, dem Schweizer Nationalfeiertag, schworen sich unter einer Autobahnbrücke in der Innerschweiz einige «weisse Brüder ewige Treue», so kann man bei Kaufmann nachlesen, und gründeten einen schweizerischen Ableger jener rassistischen Mutterorganisation, die nach dem Ende des Sezessionskrieges in den US-Südstaaten zur Bekämpfung freigelassener schwarzer Sklaven gegründet worden war, kleideten sich in weisse Gewänder, so wie die Vorbilder in den US-Südstaaten, stellten brennende Kreuze auf die Zufahrtswege von Innerschweizer Flüchtlingsheimen und beschossen sie mit Schrotgewehren, zum Beispiel am 14. August 1987 in Hagendorf, am 27. Dezember ebenfalls in Hagendorf und am 11. Oktober desselben Jahres in Altdorf.

Im Frühling 1988 wurden sechs Männer verhaftet. Unter den Verhafteten ein Mann namens Johnny Meier, der eigentlich anders heisst, Jahrgang 1960, und Knecht von Beruf. Und Andreas Balsiger, ein Bauarbeiter aus Menzingen. Die Waffen wurden beschlagnahmt, und der Schweizer Ku-Klux-Klan war Geschichte, aber die Ideen die lebten weiter, wie auch die kriminelle Energie.

In der Kiesgrube des Gehöfts, auf dem Meier als Knecht arbeitete, hielten die Männer weiterhin Schiessübungen ab. Und am 24. November 1990 veröffentlichte das Magazin des Tages-Anzeigers ein doppelseitiges Interview mit Meier. Der Journalist Balz Theus schrieb: «Kürzlich verurteilte das Zuger Strafgericht den 30jährigen Knecht Peter Meier zu 15 Monaten Gefängnis. Er hatte mit einer Schrotflinte auf Asylantenunterkünfte geschossen und damit Menschen in Todesgefahr gebracht. Er erklärte vor Gericht, er habe nichts zu bereuen.»

«Ich weiss, wo ich hinziele»

Ob er ein Rassist sei, wollte der Interviewer von Johnny Meier wissen.

«Nein, nicht unbedingt. Wir hassen ja die Rassen nicht. Wir sind im Gegenteil für ihre Erhaltung – so wie Gott sie schuf. Also sind wir eher Rassenfreunde und nicht Rassenhasser.»

Eine Fensterscheibe einzuschlagen, das könne doch nicht 15 Monate geben, kommentierte er das Urteil. Der Journalist entgegnete, Meier habe mit einer Schrotflinte auf eine bewohnte Asylunterkunft geschossen. Er hätte jemanden treffen können.

«Nein, ich weiss, wo ich hinziele. Ich habe auf ein Haus geschossen, mehr nicht.»

Auf die Frage, was er dabei verspürt habe, sagte er: «Wir da in der Innerschweiz, wir Jungen, wir zeigen halt mit deutlichen Mitteln, wie wir denken. Nicht wahr. Das haben wir an den Tag, oder wenn Ihnen das besser gefällt: an die Nacht gelegt – es war ja Nacht, haha.»

Tamilische Asylsuchende aus Sri Lanka waren damals ein bevorzugtes Feindbild der extremen Rechten, und der Journalist fragte, was Meier durch den Kopf gehe, wenn er einem Tamilen begegne. «Ja, hauptsächlich denke ich natürlich: Schon wieder so ein Schoggikopf!»

Ob er anerkenne, dass es unter den Flüchtlingen Menschen gebe, die schwerster Verfolgung ausgesetzt seien? «Einer von tausend vielleicht. Aber ich möchte die Verantwortung fürs Sortieren nicht übernehmen. Und ich möchte vor allem nicht die Verantwortung übernehmen, 999 drin zu lassen nur wegen dieses einen.»

Er sei Katholik, sagte Meier, aber er wehre sich für den Heimatboden.

Der Journalist zitierte einen Satz, den Meier gesagt haben soll – dass ein Tamile erschossen werden solle, wenn er eine Schweizerin heirate. Ob der Satz wirklich von ihm stamme, fragte er. «Und wenn er sich an einer Schweizerin vergreift – darunter verstehe ich auch eine ganz normale Heirat –, so reut’s mich jedenfalls nicht, wenn er erschossen wird», antwortete der Mann vom Ku-Klux-Klan.

Und wenn die Schweizerin die Verbindung wolle? «Wäre er nicht vorhanden, könnte so ein Huhn ihn nicht wollen. Gelegenheit macht Diebe. Oder: Was nicht vorhanden ist, kann man nicht heiraten.»

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«Ich habe auf ein Haus geschossen, mehr nicht»: Der wegen Schüssen auf Flüchtlingsunterkünfte verurteilte Mitgründer eines Schweizer Ku-Klux-Klan Ablegers und selbsternannte «Rassenfreund» erklärt sich im «Magazin», November 1990.

Der Kampf ums Geld

Johnny Meier und Andreas Balsiger, die Männer vom Innerschweizer Ku-Klux-Klan, waren es, die im September 1988 gemeinsam mit Marcel Strebel die Patriotische Front gründeten, eine rechtsextreme Kleinstpartei. Das Logo, das sie wählten, war angelehnt an das Pfeilkreuz, das Symbol der faschistischen ungarischen Pfeilkreuzler, die nach ihrer Machtübernahme im Oktober 1944 tausende Juden an den Ufern der Donau erschossen, und dieses Logo verwoben sie mit dem Schweizer- und dem Hakenkreuz, wobei jeder Pfeil nach dem Selbstverständnis der Gründer eine der vier «Leitlinien» des Programms darstellen sollte: «Vorherrschaft der weissen Rasse», «Erhaltung der abendländischen Kultur», «Abwehr artfremder Einflüsse», «Antikommunismus».

Die Männer verstanden sich nicht als Neonazis, sondern betrachteten sich, wie das Seminarreferat von Urban Kaufmann festhält, als «rassistische Bürgerwehr» in faschistischer Tradition, als Nationalisten im Kampf gegen Asylsuchende, Grüne und Linke. Mitglied konnte werden, wer Schweizerbürger war, das 18. Lebensjahr erreicht hatte und keine Drogen konsumierte, wer nicht homosexuell, nicht eingebürgert, «keine mit einem fremdrassigen Partner lebende Person» war. «Nicht national Gesinnte» durften auch nicht dabei sein, Anhänger des christlichen Glaubens zu sein war hingegen Pflicht, und der Jahresmitgliedsbeitrag kostete zehn Franken. Im Antragsformular hiess es: «Der Kampf ums Überleben kostet nicht nur viel Zeit, er kostet auch Geld!»

Der ewige Luzerner Hammerskin

Die erste Mitgliederliste der Patriotischen Front, die «Infosperber» vorliegt, stammt von 1989. Es sind 66 Namen. Später sollten es über hundert sein. Der erste Name auf der Liste: Gery Albisser. Ein Name, dessen Schreibweise variiert: Gery Albisser, auch Gary genannt, bürgerlich Carlo Albisser. Ein Maler aus Littau im Kanton Luzern. Der Mann heisst wirklich so. Seinen Namen haben wir wie jenen von Marcel Strebel nicht geändert. Denn Albisser ist bis heute in der rechtsextremen Szene aktiv.

1990 gründete er die Schweizer Hammerskins, den lokalen Ableger eines aus den USA stammenden internationalen Neonazi-Netzwerks. Während zahlreiche Personen aus dem damaligen Umfeld aus der Szene verschwanden, blieb Albisser ihr nach öffentlich zugänglichen Recherchen – und auch nach Informationen des Luzerner Rechtsextremismus-Experten Hans Stutz – über Jahrzehnte und bis heute verbunden. Die Plattform Exif schrieb ihm 2022 wegen seiner mehr als 35-jährigen Hammerskin-Karriere ein «Alleinstellungsmerkmal» zu. Exif veröffentlichte drei Jahre später eine Aufnahme, die Albisser auf dem Weg zu einem geheimen Treffen der Hammerskins im November 2025 in der Nähe von Mailand zeigt. In einer späteren Folge dieser Serie wird Albisser eine zentrale Rolle spielen.

Erst die Worte, dann die Taten

Das mit Schreibmaschine verfasste Grundsatzprogramm der «Patriotischen Front» zirkulierte seit dem Sommer 1989. Punkt 1 verbot kommunistische und «linkssozialistische» Parteien, Verbände und Gewerkschaften. Punkt 2 schaffte das Asylrecht ab und wies alle nichteuropäischen Einwanderer aus, wobei die Verfasser sicherheitshalber ergänzten: «inkl. Türken». Punkt 4 reservierte Arbeit und Wohnraum zuerst für Schweizer. Punkt 6 untersagte nichtchristlichen Religionen den Bau eigener Einrichtungen. Punkt 8 verlangte getrennte Schulen für «Nichtweisse» und nichtchristliche Kinder. Punkt 9 forderte: «Juden müssen ausgewiesen werden und deren Kapital der Allgemeinheit übergeben werden.»

Später folgten die Todesstrafe («für erwiesene Mordtaten und Drogenhändler»), ein politisches und gewerkschaftliches Organisationsverbot für Ausländer und ein generelles Abtreibungsverbot. Auch die Entwicklungshilfe sollte verschwinden. Das Geld könne man schliesslich den Bergbauern geben. Und dann, kurz vor Schluss, kam Punkt 19: «Aufrechterhaltung der Meinungsfreiheit.»

Offenbar war den Verfassern die Meinungsfreiheit wichtig. Nur politische Parteien, Gewerkschaften, Ausländerinnen, Juden, Linke, nichtchristliche Religionsgemeinschaften und eine Reihe anderer Menschen sollten von ihr keinen übermässigen Gebrauch machen.

Die Flugblätter, die bald in verschiedenen Varianten durch die Briefkästen der Innerschweiz flattern sollten, trugen das Pfeilkreuz-Logo und die Adresse Postfach 511, 6430 Schwyz, und darauf, fettgedruckt, in riesigen Lettern, auf A3-Papier, Sätze wie «Invasion durch Nigger Tamilen Türken», oder «Arme Arme Asylanten! Müssen wir armen Asylanten doch das mit gestohlenem Geld gekaufte noch selber nach Hause tragen», oder schlicht «Asylanten raus aus unserer Heimat».

Auf einem Mitgliederbogen mit Anmeldeformular und Spendenkonto, ebenfalls fettgedruckt, in Grossbuchstaben: «WER KÄMPFT KANN VERLIEREN – WER NICHT KÄMPFT HAT SCHON VERLOREN.»

Das Programm stand. Noch war die Gewalt der Patriotischen Front auf Schreibmaschinenpapier beschränkt. Das sollte sich bald ändern.

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Die «Vorherrschaft der Weissen Rasse», sauber gegliedert: Grundsatzprogramm und Statuten der Patriotischen Front.

Sommer, Sonne, Remigration – die Serie

Die Rechtsextremen der Achtzigerjahre kamen mit Hitlergruss und dem Kofferraum voller Schusswaffen. Sie jagten Menschen anderer Hautfarbe durch die Strassen und beschossen Flüchtlingsunterkünfte. Die Generation, die heute kommt, die sich zur Identitären Bewegung zählt, kommt mit Videos auf der Plattform X und auf Telegram, mit Demonstrationen und Kundgebungen und Flashmobs und mit einem sehr klaren politischen Programm und einem Wort, das sie überall wiederholt: Remigration.

Diese Serie erzählt von der rechtsextremen Szene in der Schweiz und ihren Akteuren, von den Achtzigerjahren bis heute. «Sommer, Sonne, Remigration» fragt, was der Österreicher Martin Sellner tatsächlich will und welche Rolle der Winterthurer Manuel Chorchia dabei spielt. Um diese Gegenwart zu verstehen, geht die Serie zurück in die Vergangenheit: zu Jürg Frischknecht, dem Journalisten, dessen Recherchen zum Schweizer Rechtsextremismus bis heute massgebend sind, versammelt in seinem Buch «Schweiz wir kommen».

Sein Privatarchiv, aufbewahrt im Schweizerischen Sozialarchiv, liefert den historischen Unterbau für verschiedene Kapitel dieser Serie, jeweils in mehreren Teilen erzählt. Das dritte Kapitel handelt von Marcel Strebel und der «Patriotischen Front». Es stützt sich hauptsächlich auf Frischknechts Unterlagen. In drei Teilen zeigt es, wer sich Ende der Achtzigerjahre um Strebel sammelte, was diese Männer wollten und was sie taten und wie Behörden und Medien mit ihnen umgingen.

Die Recherche stützt sich auf Gerichts- und Polizeiakten, Jahresberichte der Bundespolizei, Material des Schweizerischen Sozialarchivs und weiterer Institutionen, auf zeitgenössische rechtsextreme Schriften und Videos, Interviews und Telegram-Chats. Die Serie erscheint wöchentlich über die kommenden Monate.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Sommer, Sonne, Remigration – die Serie

Die extreme Rechte in der Schweiz und Europa: von Handgranaten in den Achtzigern bis zu Videos und Remigration heute.

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