Erst die Jagd, dann die Bühne
Dies ist der zweite Teil des dritten Kapitels unserer Serie «Sommer, Sonne, Remigration» über die extreme Rechte in der Schweiz und Europa, von den Achtzigerjahren bis heute. Das Kapitel erzählt in drei Teilen Aufstieg und Fall der Patriotischen Front. Einzelne Namen wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert. Fakten und Zitate stützen sich auf die Originalquellen.
Schwyz, April 1989: Die Patriotische Front lud per Rundschreiben zum «Frühlingsfest» unter dem Motto «Politik als Volksfest», einem «Kameradschaftstreffen aller nationalistisch gesinnten Kräfte der Eidgenossenschaft». Datum für das Treffen war der 20. Mai 1989, das Verschiebedatum der 27. Mai, Auskunft gab ab es ab 7 Uhr morgens unter der Telefonnummer 041/841983. Treffpunkt, so das Schreiben, war der Bahnhof Rotkreuz. Transportmöglichkeiten zum Festplatz seien vorhanden. «Wir hoffen auf zahlreiches Erscheinen sämtlicher Kameraden!»
Aus den Akten des Verhöramts Zug lässt sich Folgendes rekonstruieren: Auf dem Festplatz an der Reuss in Rotkreuz standen Tische und Bänke und ein Grill. Gekommen waren rund sechzig Rechtsextreme aus Solothurn, Zürich, dem Raum Kloten/Bülach, aus Bern und dem Aargau. Unter den Teilnehmern war auch eine Gruppe aus Schaffhausen: die Nationalrevolutionäre Partei Schweiz mit dem Judomeister Erich Winkler, der beim Handgranatenanschlag auf einen linken Winterthurer Journalisten Schmiere gestanden hatte und dafür später zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Marcel Strebel, Mitgründer und Anführer der Patriotischen Front, hielt eine Rede. Würde er in der Schweiz die Macht übernehmen, so ist es festgehalten in den Akten, «würde er alle Ausländer innert 24 Stunden des Landes verweisen», und dem holländischen Neonazi Paul Brocke gefiel das alles gar nicht, wie er später beim Verhör sagte, denn von dieser Massnahme wäre er selbst ja auch betroffen gewesen.

Jagd am Kolinplatz
Das Fest war früh fertig. Jetzt folgten den Worten die Taten. Strebel rief dazu auf, noch nach Zug zu gehen, da dort etwas los sei, ein Teil der Männer folgte ihm, unterwegs griff sich Daniel Brändli, Mitglied der Patriotischen Front, in einem Garten einen Pflock, mit dem Bäume gestützt worden waren, und am Landsgemeindeplatz, dann am Chilbiplatz am See, dann am Kolinplatz jagten die neuen Fröntler Tamilen. B. G. und T. A., zwei Männer, die an diesem Samstagnachmittag in Zug unterwegs gewesen waren, wurden mit Fäusten, Fusstritten und dem Holzpflock so schwer verletzt, dass sie ins Kantonsspital eingeliefert werden mussten, ein dritter Tamile floh ins Hotel Ochsen, wurde dort von den Rechtsextremen eingeholt und zusammengeschlagen, drei weitere konnten fliehen, aber die Polizei verhaftete keinen Einzigen der Schläger und begründete das mit der «grossen Mobilität der Rechtsradikalen», aber die Gruppe, die war gar nicht so wahnsinnig mobil, wie die Polizei das darstellte, denn sie machte sich nach den Angriffen gar nicht aus dem Staub, sondern zog einfach weiter nach Cham ins Restaurant Raben, und dort haben die Männer (und eine Frau) gesoffen und die Zeche geprellt und Gläser und Flaschen geklaut und die Wirtin bedroht.
Neun Tage nach dem Angriff schickte die Patriotische Front, Postfach 511, 6430 Schwyz, einen vorverfassten Brief an Daniel Brändli, dessen Nachname geändert ist. Der Brief enthielt eine «Bestätigung» zur Unterschrift, darin stand, Brändli, der mit seinem Pflock an vorderster Front zugeschlagen und Menschen verletzt hatte, habe die Straftaten in Zug «aus eigener Initiative» begangen. Er sei von Exekutivratsmitgliedern «des Öfteren» aufgefordert worden, sich gesetzeskonform zu verhalten, und er gebe an, «sich nicht mehr an die Vorkommnisse erinnern» zu können, sondern «scheine in einem Alkoholtrauma gehandelt zu haben», auch bestätige er, «nie dem Exekutivrat der PF angehört zu haben», und diesen Brief, den unterschrieb der Brändli dann.

Erst spucken, dann diskutieren
Ein paar Wochen später, am 22. August 1989, kurz vor elf Uhr abends, begrüsste «Zischtigs-Club»-Moderator Hans Räz sein Studioauditorium und kündigte das Thema an: «Raus mit den Ausländern, die Schweiz den Schweizern: Fremdenhasser machen mobil.»
Kurz vorher noch auf Menschenjagd, jetzt im Fernsehstudio: In der Eingangshalle des Schweizer Fernsehens an der Fernsehstrasse in Zürich probte an jenem Tag ein schwarzes Mannequin für eine Modeshow. Marcel Strebel, auf dem Weg zur «Club»-Aufzeichnung, trat auf die Frau zu, beschimpfte sie rassistisch, schubste sie herum und spuckte ihr ins Gesicht. Dann wurde er von SRF-Mitarbeitern ins Studio geführt und diskutierte mit.
«Zuerst war er Biedermann, dann Wolf im Schafspelz», schrieb der «Tages-Anzeiger» am nächsten Morgen, weil Strebel offenbar nach seinem Angriff auf die schwarze Frau einen Moment gebraucht hatte, um wieder auf Touren zu kommen. Dann aber kam er auf Touren: Das Fernsehen, das ihn eingeladen hatte, sei kommunistisch verseucht, Fremde kämen nie als Freunde, das Schweizervolk sei wie «Kartoffeln», es öffne die Augen erst, wenn es im Dreck sitze, «Neger gehören nach Afrika und nicht nach Europa». Der Arzt und Psychoanalytiker Daniel Strassberg, ein Teilnehmer der Runde, erzählte von psychologischen Ursachen für Strebels Verhalten, aber das interessierte den nicht, die Ethnologin Andrea Knecht verstummte und Geschichtsprofessor Hans-Ulrich Jost versuchte zu argumentieren und scheiterte ebenso.
Zweithöchste Quote des Jahres
Vier Tage nach der Sendung konnte Programmdirektor Peter Schellenberg in der «Samstags-Rundschau» die Frage nicht beantworten, ob Räz und die Redaktion vom Spuckvorfall in der Eingangshalle gewusst hatten, und Räz selbst hielt fest, das «Schweizer Fernsehen» habe zeigen wollen, wie Strebel funktioniere. «Strebel müsste man fast nach jedem Satz widersprechen, was ein Gespräch unmöglich macht», sagte er im «Tages-Anzeiger», was Räz aber eigentlich egal sein konnte, denn die Sendung hatte die zweithöchste Einschaltquote des Clubs in jenem Jahr.
Strebel und die Schlagzeilen: «Marcel Strebel, Gersau: Das ist der Mann, der alle Ausländer hasst», titelte der «Blick» am 25. August 1989. «In seiner Freizeit spürt der dickste Rassist der Schweiz Tamilen auf. Privat kassiert der herzkranke Ex-Schwinger IV-Rente. Doch seine wahre Berufung sieht der 127 Kilo schwere Marcel Strebel (40) in hemmungslosem Fremdenhass. Wer ist der aufgedunsene Vollbartträger aus Gersau SZ und Führer der ‹Patriotischen Front›, der im ‹Zischtigs-Club› die TV-Zuschauer schockte?»
Daneben, in einem Kasten, listete der «Blick» Strebels Forderungen auf:
«Alle Fremden müssen das Land verlassen. Innert 24 Stunden.»
«Alle Menschen, die einen fremdrassigen Partner geheiratet haben, müssen raus.»
«Alles fremde Eigentum wird beschlagnahmt.»
«Leider war Adolf Hitler ein Diktator. Aber seine Rassenideen waren richtig.»
«Mein Ziel ist eine schlagfertige Truppe von 100 bis 200 Mann. Damit kann man ganze Städte durchkämmen oder mal vor einem Asylantenheim auffahren.»
In den Unterlagen von Jürg Frischknecht ist auch Post dokumentiert, die Strebel nach dem Auftritt erhalten hatte: «Jetzt zünden wir die Häuser dieser afrikanischen und asiatischen Brut an, die in unsere Heimat eingedrungen ist.» Ein Zürcher Millionär überwies Strebel zudem 20 000 Franken.
Dem «Zischtis-Club» wiederum hatte Strebel selbst Post geschickt, und zwar schon ein paar Tage vor der Sendung: Werbeartikel der Patriotischen Front, die er in Rechnung stellte: «Gesamttotal Fr. 87.-» für ein T-Shirt, ein Stoffabzeichen, Aufkleber, ein Metallabzeichen, Porto und Verpackung. Auf den Rechnungszettel schrieb er: «WER UNS ZERSTÖREN WILL, DEN ZERSTÖREN WIR.»
Moderator Hans Räz schickte die Werbeartikel ein paar Wochen später zurück, die Rechnung sei somit «gegenstandslos». Strebel antwortete: «Brauchen Sie Hr. Rätz und Ihre Kommunistischen Mitverbrecher die Fahne mit Hammer u. Sichel! In der DDR gibt es noch viel zu tun für Sie! Jetzt haben sie dort Platz! Ein nationaler Kommunist Sieg Heil.»


Unter den Augen der Polizei
Am 4. November 1989, nach Menschenjagd und Fernsehauftritt, organisierte die Patriotische Front eine Mitgliederversammlung in Rotkreuz. Anlass war der Geburtstag eines Mitglieds, aber bald zog man mit dreissig Leuten zum Durchgangsheim für Asylbewerber im Hinterberg in Steinhausen. Marcel Strebel hatte die Kantonspolizei am 30. Oktober und am 2. November telefonisch informiert gehabt, man plane, eine Kundgebung abzuhalten.
«Unter den Augen der informierten Polizei», schreibt Jürg Frischknecht in seinem Buch «Schweiz wir kommen», überfielen rund dreissig Anhänger der Patriotischen Front die Asylunterkunft. «Wir haben erkennen müssen, dass die Fröntler, nicht wie wir angenommen hatten, friedlich demonstrieren», sagte der Chef der Zuger Kriminalpolizei Roberto Zalunardo zwei Wochen später dem «Tages-Anzeiger». Der Asylkoordinator wurde bedroht und tätlich angegriffen, der Heimleiter niedergeschlagen, die Fenster zertrümmert, und fünf der Täter noch in der Nacht verhaftet, darunter die beiden Mitgründer der Patriotischen Front Johnny Meier und Andreas Balsiger, die Männer vom Innerschweizer Ku-Klux-Klan, dieselben Männer also, die bereits 1987 mit Schrotflinten auf Asylunterkünfte geschossen hatten.
Am 7. November 1989 erklärte FDP-Regierungsrat Urs Kohler vor der Presse, man werde alles tun, «um das Ermittlungsverfahren zu forcieren, und beim Verhöramt, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten darauf hinwirken, dass diese Delikte mit erhöhter Priorität behandelt werden».
Die Medien berichteten, der Justizdirektor versprach rasche Aufarbeitung, aber dann passierte jahrelang einfach gar nichts.

Stacheldraht statt Strafverfolgung
Nach dem Angriff zogen die Zuger Behörden Stacheldrahtrollen um die Asylunterkunft. Eingezäunt wurden die Opfer. Hanne Schnyder, Leiterin des überfallenen Durchgangsheims, sagte dem «Tages-Anzeiger»: «Wir fühlen uns absolut nicht sicherer als ohne Draht. Im Gegenteil. Wenn eine Brandbombe auf die Baracke geworfen würde, wären wir verloren. Gefangen in unserem eigenen sogenannten Schutzraum. Unseren Gegnern an einem Haufen schön präsentiert.» Die Polizei erklärte: «Es blieb uns gegen die regelmässigen Bombendrohungen der Rassisten gar nichts anderes übrig, als die Unterkünfte zu sichern.»
Als am 28. Januar 1993 der Schaffhauser Judomeister Erich Winkler schliesslich für seine Teilnahme an den Gewalttaten von Zug und Steinhausen verurteilte wurde, kritisierte das Gericht im Urteil, dass vom damals zuständigen Untersuchungsrichter «knapp zwei Jahre keine einzige Untersuchungshandlung vorgenommen» worden war. Die rechtsextremen Gewalttaten wurden in Zug trotz nationalen Schlagzeilen erst verfolgt, als das Aktenmaterial im Mai 1992 – zweieinhalb Jahre nach den Angriffen – einem neuen Verhörrichter zugeteilt wurde, der schliesslich im Juli und August 1992 die Opfer einvernahm und ab September die Angeschuldigten aus dem Kanton Zug befragte und für die Auswärtigen 30 Rechtshilfeersuchen in die betreffenden Kantone verschickte (auch wenn zahlreiche Übertretungen inzwischen verjährt waren).
Ein Polizeiwachtmeister hatte im April 1990 über Daniel Brändli, den Haupttäter der «Tamilenjagd», geschrieben, er würde ihn «grundsätzlich als anständigen und ruhigen Burschen einstufen (auffallend saubere Zimmerordnung festgestellt)».
Der Journalist Hans Stutz schrieb im Dezember 1993 in der «Zuger Zeitung», als die meisten Urteile schliesslich ergingen, von «Zuger Schlampereien». Der damalige Zuger Polizeidirektor Hanspeter Uster warnte, so lange Verfahren dienten den Tätern «als Bestätigung, dass der Staat es mit ihrer Verfolgung ja gar nicht so ernst meint und nimmt».
Sommer, Sonne, Remigration – die Serie
Die Rechtsextremen der Achtzigerjahre kamen mit Hitlergruss und dem Kofferraum voller Schusswaffen. Sie jagten Menschen, die sie für Fremde hielten, durch die Strassen und beschossen Flüchtlingsunterkünfte. Ihre Nachfolger, die sich heute zur Identitären Bewegung zählen, kommen mit Videos auf X und Telegram, mit Demonstrationen, Kundgebungen und Flashmobs, mit einem klaren politischen Programm und einem Wort, das sie überall wiederholen: Remigration.
Diese Serie erzählt im Wochentakt von der rechtsextremen Szene in der Schweiz und ihren Akteuren, von den Achtzigerjahren bis heute. Sie fragt, was der Österreicher Martin Sellner tatsächlich will und welche Rolle der Winterthurer Manuel Corchia dabei spielt. Um diese Gegenwart zu verstehen, geht die Serie zurück in die Vergangenheit: zu Jürg Frischknecht, dessen Recherchen zum Schweizer Rechtsextremismus bis heute massgebend sind, versammelt in seinem Buch «Schweiz wir kommen».
Sein Privatarchiv im Schweizerischen Sozialarchiv liefert den historischen Unterbau für mehrere Kapitel dieser Serie. Das dritte Kapitel handelt von Marcel Strebel und der Patriotischen Front. In drei Teilen zeigt es, wer sich Ende der Achtzigerjahre um Strebel sammelte, was diese Männer wollten, was sie taten – und wie Behörden und Medien mit ihnen umgingen.
Die Recherche stützt sich auf Gerichts- und Polizeiakten, Jahresberichte der Bundespolizei, Material des Schweizerischen Sozialarchivs und weiterer Institutionen, auf zeitgenössische rechtsextreme Schriften und Videos, auf Interviews und Telegram-Chats. Einzelne Namen wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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