Kommentar
kontertext: Die Tempelwächter in meinem Regal (4)
Bücher können nicht nur durch innere Komplexität, sondern auch durch ihre schiere Masse einschüchtern. Zwar bin ich imstande, einem verschlungenen Gedankengang über viele Seiten zu folgen, doch dem Chorgesang aus prallvollen Regalen fühle ich mich nicht gewachsen.
So habe ich lange Zeit mit wenigen Büchern gelebt, ähnlich wie Walter Benjamin es in seinem berühmten Essay beschreibt. Zum einen fehlte mir das Geld, zum andern nagte ich oft länger an einigem Wenigen herum. Es wurde umso verlockender, je unzugänglicher es mir erschien – als sei ich nicht geschaffen, die Dickichte des Denkens zu erkunden. Je mehr Wissensstaub ich inhalierte, desto weiter hinaus ins Ungreifbare schienen die Sternhaufen der Gutenberg-Galaxis zu entschwinden.
Dieses Gefühl des Ungenügens hielt aber auch meinen Lesehunger wach. Den «Mann ohne Eigenschaften» nahm ich mir mindestens so oft vor, wie ich an der «Kritik der reinen Vernunft» abprallte. Lieber las ich Unverstandenes noch einmal, als Neues anzugehen. So waren meine Bücher mehr Herde als Heer – und ich kein General auf dem Hügel, sondern ein Hirte, der im Gelände seine Schar beisammenhält.
Büchererbe
Ein Vielfaches dessen, was ich besass, stand mir nach dem Tod des Vaters ins Haus. Ich besah seine Buchspaliere und konnte mich nicht zu definitiven Asylbescheiden durchringen. Gleich welchen Band ich ins Fach der Refusés schob, er schaute von da zurück als Zeuge eines Verrats. Ich hatte ja meine Kindheit unter diesen Rücken verbracht, meist in eigene Lektüren verstrickt.
Durch den väterlichen Nachlass drohte nun aber Platznot nicht nur in den Regalen, sondern in der ganzen Wohnung. Erbschaft, schreibt Benjamin, sei «eigentlich die triftigste Art», zu einer Sammlung zu kommen, denn die Haltung des Sammlers sei «im höchsten Sinne die Haltung des Erben».
Das väterliche Vermächtnis war vor allem eines des Hegens und der Sorge. Er hatte auch Titel behalten, deren künftiger Nutzen zweifelhaft war – einfach weil es Bücher waren: Kulturgut, überliefertes Gedenken. Sie standen ein gegen das Abgleiten in Vergessen und Indifferenz. Und so schrieb er auch Irrläufer und Grenzfälle nicht ab, sondern liess sie zwischen alten Lieblingen stehen. Wer konnte schon wissen, welche Wendung des Schicksals sie noch einmal notwendig machen würde?
Benjamin spricht vom Sammler als einer taktischen Natur. Er folgt Strategien des Beschaffens und weiss, wie wenig vom Kommenden er absehen kann. So entscheidet er sich für die grosse Zahl. Um gewappnet zu sein für das Künftige, wendet er sich zurück und bildet Greifvorräte aus Bestehendem. Dabei sieht er sich durch die Historie seines Tuns in die Pflicht versetzt, die Schafe beisammenzuhalten. Und dieses Selbstgefühl, wie es sich auf die Bücher überträgt, macht aus ihm jene Gestalt, die er nie sein wollte: einen Besitzer, der die Herde hütet – dasjenige, was ihn als Leser schemenhaft mit Bedeutung beglückte. Ein flüchtiges Gut.
Vielleicht auch darum schreibt Benjamin: «Das Phänomen der Sammlung verliert, indem es sein Subjekt verliert, seinen Sinn.» – Hätte ich diesen Satz erinnert, als ich wie ein versprengter Partisan vor den väterlichen Riegen stand, wäre mir mancher Zwiespalt erspart geblieben. Nicht nur blickte mich aus seinen Regalen ja die Fülle des Ungelesenen an; der Griff nach gewissen Titeln offenbarte auch, wie sehr das Denken Moden folgt, wie schnell etwas einst Brisantes sich erübrigen kann, wenn unter dem Text hinweg die Zeit sich wandelt.
Ein Pool
Heute mischen sich in meinen Regalen die Erbstücke bunt mit Erworbenem. Geschenke, Rezensions- und Widmungsexemplare stehen einmütig nebeneinander; gemeinsam ist ihnen, dass sie Seite an Seite alt geworden sind. Der Atem des Vergessens und das Zugleich der Zeitalter umwittert sie. Bestseller von einst vergilben, Widmungen verschwimmen, Anstreichungen zeugen vom ideologischen Eifer, mit dem einer auf der richtigen Seite der Geschichte stehen wollte.
Ähnliche Eindrücke beschleichen mich in Antiquariaten: Auch hier bilden Bücher einen Pool, in dem Hochgelobtes und Verschmähtes einen Bodensatz der Geschichte bildet.
Aber was ist so aufschlussreich an diesem Nebeneinander?
Erst unter seiner Wirkung offenbaren sich die Wertigkeiten, nach denen Schriften einst beurteilt worden sind. Nun unterliegen sie einem kritischen Vergleich. Das Regal wird zum Sammelbecken der Schriftkultur: Vom «Ägyptischen Totenbuch» über «Sempers Baukunst» bis zum «Leitfaden für die erfolgreiche Wassergeburt» bilden Bücher das Plankton in den Ozeanen des Wissbaren.
Von der Fadenheftung zum Sprachmodell
Diesen Schlick rühren heute KI-Firmen auf, um ihre Sprachmodelle zu füttern. Gerade ist am europäischen Markt für gebrauchte Bücher zu beobachten, wie anonyme Firmen aus Kanada und den USA als Grosskäufer auftreten. Sie erwerben vor allem alte, unverkäufliche Sachliteratur, um sie einzuscannen und dann einzustampfen. Sprachmoleküle und Sinntrümmer werden zu einer Masse verrührt, in der die Dialektik der Zukunft herandämmern soll: die zwischen Algorithmus und Mensch. Anonyme Sprach- und Diskursoberflächen ersetzen jenes Geschichtsbewusstsein, das Bücher durch ihr physisches Leben stiften. (Benjamin nennt es in seinem Essay etwas numinos «das Schicksal der Bücher» – wer seine Lebensgeschichte kennt, wird hier zusammenzucken.)
Bei den Fischzügen der Techkonzerne ist die Relevanz der Texte unerheblich, von ihrem Schicksal zu schweigen. Nicht wegen ihres Inhalts werden sie herangezogen, sondern weil andere Bestände schon ausgebeutet sind: Selbstlernende Sprachmodelle brauchen immer neue Nahrung, um sich zu ‹trainieren› (für welchen Wettkampf eigentlich?).
Man geht davon aus, dass die Käufer Tarnfirmen sind. SRF hat im Rahmen seiner Kulturberichterstattung darauf aufmerksam gemacht, ohne tiefer auszuloten, was die Konsequenzen dieser geisterhaften Transaktionen sein könnten.
Das beschriebene summarische Vorgehen offenbart eine zugleich demokratische und pyramidale Haltung: pyramidal, da die Betreiber nichts Geringeres bezwecken als die Kolonisierung des menschlichen Sprachgebrauchs; demokratisch, da sie keinem Kanon folgen. Nicht alte weisse Gatekeeper-Männer haben das Sagen, das einzige Kriterium ist die Quantität. Je grösser der Pool, desto brauchbarer das Ergebnis.
Das formulierende Es und die Pornografie der Sinnbildung
Bücher sind hier nur noch Content und Formenvorrat – sie haben ihre Schuldigkeit getan, wenn die Speicher gefüllt sind. Etwas an diesem Prozess erinnert an die Homogenisierung von Milch: Semantische Elemente werden zerhackt, durch die Zentrifuge gejagt, nach Mustern neu zusammengesetzt und den Urhebern wieder zugeführt. Das Surrogat bildet keine Milchhaut und schmeckt nach nichts. Es zeigt glatte Oberflächen und ein gleichmässiges Mundgefühl. Ist homogenisierte Milch so etwas wie Milch, sind diese Texte so etwas wie Text. Sie erinnern von fern an Sinnbildung, sind aber nicht mehr als eine Musterkollektion von Signifikanten.
Ihre Urheber Big Tech zu nennen, greift etwas kurz. Es müsste mehr Namen dafür geben, als ein Individuum sich ausdenken kann. Dieses formulierende Es oder Man – euphemistisch versteckt hinter adretten Namen – geht schwanger mit der schwarmhaften Operationalität der Sprache, dem ganzen ihr einverleibten Schwebestaat an menschlichem Bedeutenwollen: Zugriffsbewegungen, Honorative, Etikettierungen und Konnotationen, Duktus als Distinktionsmerkmal, Arten der Adressierung etc.
Weil das Es nur Bruchteile abfischt, schafft es ein urheberrechtlich nicht fassbares Substrat. Rechtliche Ansprüche werden missachtet unter Verweis auf übergeordnete Ziele: Wissensverbreitung, Globalisierung von Information. (Dass die Betreiber Tarnfirmen vorschicken, verrät die Täuschungsabsicht.)
Schürfen, wo es günstig ist
Klar ist: Wir haben es mit einer neuen Form der Ausbeutung zu tun. Dieser Begriff wird meist auf Bodenschätze gemünzt – auf die Beute, die in der Erde zu machen ist. Das klingt an im Begriff data mining. Auch hier sind Orte gefragt, wo die Schürfrechte günstig sind.
Aus dem Geschürften – kulturellen Erinnerungsschätzen – soll eine Formelsammlung für die Sprache der Zukunft entstehen. Deren einziges Ziel wird es sein, durch das Bestätigen von Sprachkonventionen und Lesegewohnheiten Kaufentscheide und Meinungsbildungen zu kuratieren.
Was hätte mein Vater zu dieser Entwicklung gesagt? Vielleicht hätte er mir Benjamins Essay ans Herz gelegt. Der gipfelt in einer Formel, die wohl auch zu seiner Zeit nicht leicht zu entschlüsseln war: «das Schicksal der Bücher».
Was soll das sein? Darüber würde mein Vater wohl wehmütig schweigen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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