snapshot

Wo ist es für Velofahrer am gefährlichsten? Die Tamedia-Zeitungen liefern eine untaugliche Datenanalyse. © SRF

Der Unfug mit dem Datenjournalismus

Marco Diener /  Zug ist für Velofahrer die gefährlichste Stadt, Neuenburg die sicherste. Behaupten jedenfalls drei Tamedia-Datenjournalisten.

«In Zug und Zürich passieren die meisten Unfälle.» Zu diesem Schluss kamen die Datenjournalisten Dariush Mehdiaraghi, Dominik Balmer und Yannick Wiget gestern in den Tamedia-Zeitungen. Die drei zogen für ihre Analyse die Zahl schwer und tödlich verletzter Velofahrer in rund 50 Schweizer Städten heran. Die Zahlen, die sie ausgewertet haben, stammen vom Bundesamt für Strassen (Astra). Sie betreffen die Jahre 2011 bis 2025.

Diese Zahlen dividierten die Datenjournalisten durch die Anzahl Jahre und die Anzahl Einwohner. So kamen sie auf die «Anzahl schwerer und tödlicher Unfälle pro Jahr und pro 10’000 Einwohnerinnen und Einwohner». Am schlechtesten schneidet die Stadt Zug ab. Am besten kommen Neuenburg, La Chaux-de-Fonds NE und Montreux VD weg (Tabelle am Schluss des Artikels).

Und was ist dieses Ergebnis wert? Eigentlich nichts. Denn die Anzahl schwerer und tödlicher Unfälle pro 10’000 Einwohner ist kein sinnvolles Mass. Sinnvoller wäre es, die Unfälle in ein Verhältnis mit der Anzahl Velofahrer zu setzen. Oder – noch besser – ins Verhältnis mit dem Total gefahrener Velokilometer.

Das haben die drei Datenjournalisten offenbar selber gemerkt. Deshalb schreiben sie: «Daten zu Unfällen pro gefahrene Kilometer gibt es nicht.» Doch als sie das feststellten, hätten sie ihre Recherche eigentlich gleich abbrechen sollen. Stattdessen füllten sie eine ganze Seite mit unnützen Zahlen.

Newsletter Balken grün

Im Internet haben sie zudem eine interaktive Karte aufgeschaltet. Sie zeigt für die ganze Schweiz, wo es für Velofahrer am sichersten und wo es am gefährlichsten sein soll. Doch die Zahlen und die Karte führen wahrscheinlich in die Irre.

Auffällig ist jedenfalls, dass die sieben angeblich sichersten Städte Neuenburg, La Chaux-de-Fonds, Montreux, Renens, Lugano, Nyon und Bellinzona alle in der Romandie und im Tessin liegen. Und:

  • Von den 20 «sichersten» Städten liegen 13 in der Romandie und im Tessin.
  • Von den 20 «gefährlichsten» Städten bloss deren 3.

Dabei glänzen die Städte in der Romandie und im Tessin nicht mit einer besonders guten Velo-Infrastruktur. Sie sind auch nicht als Velo-Hochburgen bekannt. Wahrscheinlich ist es eher so, dass die Anzahl Velofahrer und das Total der zurückgelegten Kilometer niedriger sind als in Deutschschweizer Städten.

Und wo wenig Velofahrer unterwegs sind, verunfallen auch nur wenige. So einfach ist das.

Kommt dazu, dass sich gewisse Westschweizer Städte für Velofahrer besonders schlecht eignen. Oder wer will es den Chaux-de-Fonniers angesichts der strengen Winter verdenken, dass sie lieber den Bus nehmen? Oder den Lausannois angesichts des ständigen Auf und Abs?

MOnstergrafik
Für eine bessere Auflösung hier klicken.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Zeitungen_1

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...