Sprachlupe zu guter Letzt: Wohl dir, Helvetisma!
Viele in der Deutschschweiz merken es nicht oder nicht immer, wenn sie in ihrem Hochdeutsch Helvetismen verwenden; manchmal gehöre auch ich zu diesen Leuten. Und manche verstehen unter Helvetismen einfach Mundartwörter – egal, ob diese zum Schweizer Standarddeutsch zählen. Zu ihm gehören die eigentlichen Helvetismen. Dass es die helvetische Sorte Hochdeutsch überhaupt gibt, wissenschaftlich Varietät genannt, ist nicht durchwegs bekannt. Aber wehe, jemand greift die Helvetismen an: Dann erwacht das Sprachbewusstsein schlagartig. So geschehen, als die damalige Pendlerzeitung «20 Minuten» auf ihrer Website eine Information der «Sprachlupe» aufgriff und damit eine Flut von – meist empörten – Kommentaren auslöste («Sprachlupe» vom 25. April 2015). Es war darum gegangen, dass manche Hochschulen keine Helvetismen in Arbeiten von Studierenden duldeten.
Daniel Goldstein legt die «Sprachlupe» beiseite
und eine Auswahl der Kolumnen erscheint als Buch
Diese 432. «Sprachlupe» ist die allerletzte, und zugleich ist sie ein Vorabdruck. Geschrieben wurde sie als Schlusswort zum Buch «Vollkorndeutsch, enthält Helvetismen», das im November bei NZZ Libro erscheinen wird. Es vereinigt jene rund hundert Kolumnen, die besonders dem Schweizer Hochdeutsch gelten, und einige weitere Texte des Autors zum Thema. Anders als die drei E-Bücher «Sprache im Gros und im Detail» ist es nicht chronologisch geordnet, sondern nach sieben Themenbereichen, jeder mit einer Einleitung; es wird zugleich gedruckt und elektronisch erscheinen.
Wer bei Gros an die Zahl 144 denkt, wird 432 als das Dreifache davon erkennen. Dass es ausgerechnet an einem 1. August erreicht wird, ist ein Zufall, der mich indes zum Titel des Schlussworts inspiriert hat. Die chronologischen E-Bücher bleiben auf E-Helvetica bei der Nationalbibliothek abrufbar, Band III vorläufig unter tiny.cc/lupen3.
Ich danke Infosperber für die Gastfreundschaft und seinem Publikum fürs Interesse. Nachrichten rund ums Buch sowie allfällige weitere Schriftstücke gibt’s auf meiner Website sprachlust.ch. Sie ist auch per
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Ittigen bei Bern, 1. August 2026, Daniel Goldstein
Dass das Bewusstsein für die anerkannten hochsprachlichen Schweizer Eigenarten im Normalfall wenig verbreitet ist, hat Folgen. So gelten Ausdrucksweisen aus Deutschland, und seien sie salopp, vielen als «besseres Deutsch». Zu diesem Irrtum tragen Medien hierzulande bei, indem sie vermehrt Beiträge aus deutscher Quelle unverändert übernehmen und deutsches Personal den Sprachgebrauch bestimmen lassen. Schweizer Medienschaffende richten sich oft danach – aus eigenem Antrieb, wenn nicht wegen Richtlinien der Verlage.
Mein Lieblingsärgernis bei Radio SRF ist die Aussprache von Zürich mit langem geschlossenem («spitzem») ü, entgegen den noch geltenden Hausregeln. Diese entsprechen dem Schweizer Hochdeutsch, werden aber in den Sendungen zunehmend missachtet. SRF teilte mir Mitte 2026 mit, die Regeln würden derzeit überarbeitet, erst nach Fertigstellung könne ein Gespräch mit den Zuständigen erfolgen. Sollte bundesdeutscher Sprachklang zur offiziellen Regel werden, so dürfte dies SRF weitere Sympathien kosten.
Schweizer Bücher, die auf den deutschen Markt getrimmt sind, klingen oft auch so – und schon ragen Schornsteine statt Kamine in den helvetischen Himmel. So wirkt Hochdeutsch erst recht als Fremdsprache, obwohl es keine ist. Es wäre erst dann eine, wenn wir ein eigenes Hochschweizerdeutsch hätten; in den 1930er-Jahren gab es Bestrebungen dazu. Sie blieben erfolglos – zum Glück, denn sie hätten vermutlich die Mundarten verflacht und eine Abkoppelung vom deutschsprachigen Kulturraum bewirkt. Dieser hat während der Naziherrschaft sogar ein Refugium in der Schweiz gefunden, wenn auch ein diskretes, aus politischer Rücksicht auf Berlin.
Die Zugehörigkeit zu einem grösseren Kulturraum wird in der Deutschschweiz noch heute weniger betont als in der Romandie, wo Paris mit seiner kulturellen Strahlkraft stark einwirkt, oder im Tessin, wo die «liberi e svizzeri» gern auch ihre Italianità pflegen. Im Italienischen und im Französischen gibt es ebenfalls Helvetismen, wie eine Wanderausstellung des Centre Dürrenmatt von 2019 bis 2023 anschaulich zeigte und im Netz noch zeigt. Auf einer Schweizerkarte ist in den Sprachgebieten je eine Auswahl ihrer eigenen Helvetismen eingetragen. Dass Italienisch dort auch die Kartenfläche des Rätoromanischen belegt, bedeutet nicht etwa eine sprachliche Annexion. Es geht allein um den Platz, den Rumantsch gut abtreten kann. Es ist ja insgesamt ein Helvetismus, als ganze Sprache exklusiv in der Schweiz zuhause.
Dass somit im ganzen Land Helvetismen vorkommen, ist ein zusätzliches staatspolitisches Band und ein weiterer Grund, diesen Sprachjuwelen Sorge zu tragen. Es ist für mich der wichtigste Grund, weil er eine politische Entsprechung hat: In jedem Landesteil will fraglos eine grosse Mehrheit lieber zur Schweiz gehören als zum jeweiligen grossen Nachbarn, der zur gleichen Sprachgemeinschaft gehört. Sprachen sind kein Alleinbesitz jenes Landes, das ihren Namen trägt.
Die Sprachnorm des vermeintlichen Mutterlandes darf regionale Besonderheiten innerhalb des Staatsgebiets ebenso wenig ausschliessen wie solche ausserhalb, also in anderen Ländern mit (teilweise) gleicher Sprache. Diese Einsicht in den plurizentrischen Charakter der Sprache ist wahrscheinlich in der deutschen Sprachwissenschaft stärker verankert als in der französischen oder italienischen. Das ist ein weiterer Ansporn, in der Deutschschweiz mit dem guten Beispiel voranzugehen und eine Zeile der früheren Nationalhymne mit leicht abgewandeltem Text anzustimmen: Wohl dir, Helvetisma!
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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