1. August-Brunch

Bis zu 800 Besucher verpflegt ein einzelner Landwirtschaftsbetrieb am 1. August-Brunch mit Bauernzopf und Käse, Rösti mit Spiegeleiern, Birchermüesli und Kaffee. © Jürg Vollmer

10 kritische Fragen zum 1. August-Brunch an den Bauernverband

Jürg Vollmer /  Heute werden rund 150'000 Besucher zum Brunch auf 280 Bauernhöfen erwartet. Die Teilnehmerzahl ist gesunken.

Mit den riesigen Käse- und Fleisch-Platten könnte man eine ganze Kompanie Soldaten durchfüttern. Neben selbst gebackenen Bauernzöpfen stehen Marmeladen-Töpfe so gross wie Teigschüsseln. Helfer braten Rösti mit Spiegeleiern im Akkord und die Kaffeemaschinen glühen fast durch.

Es ist 1. August, der Schweizer Nationalfeiertag, und viele Familien feiern diesen auf einem Landwirtschafts-Betrieb in ihrer Region. Am 1. August-Brunch bewirten Bauernfamilien um die 400 Besucher, mancherorts gar 800 Besucher. Und dies innert vier Stunden.

Vorher müssen die Bauernfamilie ihre grösste Scheune ausräumen und rausputzen, 20 bis 40 Helfer organisieren, getrennte Toiletten sowie Kühlschränke und Geschirrspüler mieten. Ein «Chrampf» und eine regelrechte Materialschlacht:

  • 100 Kilo Rösti mit Speck
  • 800 Eier
  • 35 Kilo Zopf
  • 35 Kilo Brot
  • 50 Kilo Schinken oder Speck
  • 20 Kilo Käse
  • 8 Kilo Butter
  • 16 Kilo Konfitüre und Honig
  • 50 Liter Birchermüesli
  • 120 Liter Kaffee
  • 160 Liter Milch

(Berechnung für 400 Besucher aufgrund Angaben von Landwirtschaftsbetrieben in verschiedenen Regionen der Schweiz)

Der Lohn dieser Bemühungen? Nach zwei Wochen intensiver Vorbereitung und dem «Grosskampftag» am 1. August erzielt ein Landwirtschaftsbetrieb gerade einmal 1000 bis 2000 Franken Gewinn.

1. August-Brunch Spiegeleier braten
Für 400 Besucher werden am 1. August-Brunch innert vier Stunden 800 Spiegeleier gebraten. Diese Leistung erbringen Helfer in einer umfunktionierten Scheune.

Der 1. August-Brunch soll Beziehungen zwischen Stadt und Land aufbauen

Seit 1993 will der Schweizer Bauernverband SBV mit dem 1. August-Brunch Brücken bauen zwischen Stadt und Land sowie das gegenseitige Verständnis fördern. Und das ist dringend nötig.

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Denn viele Schweizer glauben, dass sie «Wurzeln in der Landwirtschaft» haben. Bis zum Zweiten Weltkrieg war dies tatsächlich der Fall, jeder fünfte Schweizer war in der Landwirtschaft beschäftigt. Seit dem Kriegsende 1945 ist der Anteil aber im Sinkflug.

Jahr / in der Landwirtschaft beschäftigt

  • 1800: 60 Prozent der Bevölkerung
  • 1850: 50 Prozent der Bevölkerung
  • 1900: 31 Prozent der Bevölkerung
  • 1945: 20 Prozent der Bevölkerung
  • 2025: 2,3 Prozent der Bevölkerung

Stattdessen wohnen über 75 Prozent der Schweizer in Städten und Agglomerationen. Und dieser Teil der Gesellschaft hat keinen Bezug mehr zur Urproduktion. Die nicht-bäuerliche Bevölkerung kennt die Zusammenhänge der Schweizer Landwirtschaft nicht und weiss oft nicht einmal mehr, wann welches Nahrungsmittel Saison hat.

Plakate Schweizer Bauernverband
«Gut, gibt’s die Schweizer Bauern»-Plakate mit einem Schottischen Hochlandrind (1998) und Michelle Hunziker (2006).

1993 startete der Schweizer Bauernverband mit dem 1. August-Brunch

Um das zu ändern, lancierte der Schweizer Bauernverband 1993 den 1. August-Brunch und 1998 die erste sogenannte Basis-Kampagne. Die Plakat-Sujets änderten sich mit den Jahren, der Slogan «Gut, gibt’s die Schweizer Bauern» blieb bis 2018. Auch wenn die Schweizer Bauern nicht alles gut fanden.

Schon das erste Plakat-Sujet 1998 – ein Schottisches Hochlandrind – war den Schweizer Bauern suspekt. Gibt es doch 35 einheimische Rindvieh-Rassen, das Zottel-Vieh aus den Highlands gehörte sicher nicht dazu.

Und 2006 war die schweizerisch-niederländisch-italienische Fernsehmoderatorin Michelle Hunziker im wörtlichen Sinne ein Grenzfall. Im schmucken Edelweiss-Hemd machte «La Hunziker» immerhin eine gute Figur.

2022 wurden die früheren Slogans «Gut, gibt’s die Schweizer Bauern» und «Schweizer Bauern. Von hier, von Herzen» ersatzlos gestrichen. Seither heisst es «Schweizer Bäuerinnen & Bauern. Für dich» – mit den Bäuerinnen erstmals explizit im Slogan.

1. August-Brunch
30 Kilo Zopf und 30 Kilo Brot muss eine Bauernfamilie backen, wenn sie am 1. August-Brunch 400 Besucher bewirtet.

10 kritische Fragen zum 1. August-Brunch an den Schweizer Bauernverband

Nach über 30 Jahren wird es Zeit, einmal zurück zu schauen – und nach vorne. Ich stellte Projektleiterin Andrea Camadini und Kommunikationsleiterin Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband SBV zehn kritische Fragen.

1. Der 1. August-Brunch sollte ursprünglich Brücken zwischen Stadt und Land bauen und das gegenseitige Verständnis fördern. Welche Bedeutung hat der 1.-August-Brunch im Jahr 2026 noch?

«Der direkte Kontakt zwischen der Bevölkerung und der Landwirtschaft ist wichtiger denn je. Denn ein positives Erlebnis prägt die Einstellung und das Verhalten der Konsumenten und Stimmbürger mehr als jede andere Art der Werbung.»

2. Wie hat sich die Anzahl der teilnehmenden Betriebe und der Besucher seit 1993 entwickelt?

«In den Anfängen waren es bis zu 200’000 Besucher auf über 500 Landwirtschaftsbetrieben. 2026 gehen wir von 150’000 Besuchern auf 280 Landwirtschaftsbetrieben aus. Genaue Zahlen haben wir aber nicht, da die Anzahl Besucher nie systematisch erfasst wurde.»

3. Gesamtschweizerisch haben in den besten Jahren (1995 bis 1998) über 500 Landwirtschaftsbetriebe mitgemacht. Die Zahl der beteiligten Betriebe sinkt aber laufend. Was sind die Gründe dafür?

«Erstens gab es vor dreissig Jahren mit über 90’000 Bauernhöfen viel mehr Landwirtschaftsbetriebe als 2025 mit nur noch 47’000 Betrieben.
Zweitens ist Arbeitszeit ein zunehmend relevanter Faktor: Einen Brunch zu organisieren, bedeutet viel Arbeitsaufwand während der Erntezeit, in welcher die Bauern sowieso schon viel zu tun haben. Und es braucht viele Helfer, die sich die Zeit nehmen können und wollen.»

4. Angefragte Landwirte kritisieren, dass die Idee vom Kennenlernen verloren gegangen sei. Sie könnten nicht 400 Besuchern den Betrieb zeigen. Abgesehen davon wollten die Besucher heute (Zitat) «nur einen reichhaltigen Brunch und lüpfige Volksmusik».

«Es liegt an den Landwirten selbst, diesen Vorwurf auszuräumen. Sie können eine Hofführung für die Besucher anbieten oder auf ihrem Betrieb an verschiedenen Orten Infotafeln zu den Produktionszweigen aufhängen und die Besucher motivieren, diese selbst zu erkunden.»

5. Der 1. August-Brunch bietet an einem Tag für mehrere Hundert Besucher eine Vielzahl lokaler Produkte an. Wie nachhaltig und umweltfreundlich ist der Bauernbrunch, insbesondere bei kurzfristig schlechtem Wetter?

«Die Besucher melden sich für den Brunch an, das heisst die organisierende Bauernfamilie weiss, wie viele Menschen sie verpflegen muss. Und der Brunch findet unabhängig vom Wetter statt. Verpackungsmüll gibt es nicht überdurchschnittlich, denn die Besucher bedienen sich an offenen Buffets.»

1. August-Brunch Ignazio Cassis Knonau ZH
Mindestens ein Bundesrat besucht jeweils einen 1. August-Brunch in einem der vier Landesteile. Hier Bundesrat Ignazio Cassis 2022 in Knonau ZH.

6. In Restaurants erklären Gäste oft, sie hätten Lebensmittelunverträglichkeiten, von Fruktose- und Laktoseintoleranz bis Zöliakie. Oder sie seien Vegetarier respektive Veganer. Wie reagiert der 1. August-Brunch darauf?

«Bei einem währschaften Brunch auf dem Bauernhof erwarten die Besucher, dass es Rösti mit Speck und Eiern gibt, Bauernzopf mit Schinken und Käse. Wir haben keine Kenntnis davon, dass es bezüglich Unverträglichkeiten Probleme gibt.»

7. Welche Herausforderungen gibt es für den Schweizer Bauernverband und die einzelnen Landwirtschaftsbetriebe bei der Organisation und Durchführung des 1. August-Brunch?

«Für den Schweizer Bauernverband ist es eine Herausforderung, dass sich viele Landwirtschaftsbetriebe erst sehr spät für den 1. August-Brunch entscheiden und anmelden und dann noch mit Material ausgerüstet werden müssen.
Für die mitwirkenden Landwirtschaftsbetriebe ist der Bauernbrunch eine Herausforderung, weil sie viele Helfer in der Küche und im Service instruieren müssen, selbst aber keine Gastro-Profis sind. Am Tag selbst müssen sie perfekt zusammenspielen, um mehrere Hundert Leute innert vier Stunden zu verpflegen. Dann ist noch das Wetter, das man berücksichtigen muss.»

8. Welches war aus der erfolgreichste 1.-August-Brunch seit 1993? Und welches Jahr würden sie lieber vergessen?

«In den Jahren 1993 bis 1996 hatten wir jeweils über 500 Landwirtschaftsbetriebe als Gastgeber. Aber die Anzahl Betriebe ist sicher nicht der einzige Erfolgsfaktor. Wahrscheinlich hat jeder Landwirtschaftsbetrieb seine persönlich erfolgreichste Durchführung in einem anderen Jahr.
Der am wenigsten erfolgreiche Bauern-Brunch war sicher der von 2021 im Jahr nach der Covid-Krise. Die Einschränkungen der Teilnehmerzahl und unklare Hygienevorgaben machten den Landwirtschaftsbetrieben als Gastgeber das Leben schwer.»

9. Der 1.-August-Brunch findet seit 1993 statt. Welche langfristigen positiven Auswirkungen haben Sie beobachtet, die diese Veranstaltung auf die Schweizer Landwirtschaft und das ländliche Leben hat?

«Die Bauernfamilien erhalten für die Durchführung des 1. August-Brunchs viele positive Rückmeldungen. Die meisten Besucher geniessen ihren Aufenthalt auf dem Bauernhof und zeigen auch Wertschätzung.
Wenn die Schweizer Bauernfamilien die Bevölkerung am Nationalfeiertag zu sich auf die Höfe einlädt und bewirtet, macht der 1. August-Brunch die Landwirtschaft als Ganzes sympathisch.»

10. Wie schon erwähnt, machen trotzdem immer weniger Betriebe mit. Wie lange wird der 1. August-Brunch weitergeführt? Gibt es Pläne für Veranstaltungen, welche den 1. August-Brunch ersetzen können?

«Der Schweizer Bauernverband denkt nicht daran, den 1. August-Brunch aufzugeben oder zu ersetzen.»

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Dieser Beitrag erschien im Newsletter «Food Revolution» des Agrarjournalisten Jürg Vollmer. Übernahme mit freundlicher Genehmigung.


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