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Kühe sind Grasfresser. Wie viele andere Nutztiere bekommen sie aber zusätzlich Kraftfutter. © pixabay

Landwirtschaft ohne Soja und Mais ginge auch

Daniela Gschweng /  Viehwirtschaft ohne importiertes Kraftfutter ist möglich. Sie sähe aber anders aus, skizziert eine Studie.

Die rund 1,5 Millionen Rindviecher in der Schweiz fressen zwar mehr Gras als in den Nachbarländern. Die meisten Nutztiere in konventioneller Haltung bekommen aber zusätzlich Proteinfutter wie Soja oder Getreide, damit sie schneller wachsen und viel Milch geben. Auch andere Nutztiere in der Schweiz bekommen Kraftfutter.

Besonders nachhaltig oder umweltfreundlich ist das nicht. Soja und Getreide direkt zu essen, wäre für den Menschen fünf- bis zehnmal effektiver als Fleischkonsum. Der grösste Teil der weltweiten Sojaernte geht als Futter in die Tierhaltung – auf Kosten des Regenwalds. Der Anbau von Futtermittteln benötigt und verschmutzt ausserdem viel Wasser.

Das derzeitige System ist nicht alternativlos

Ohne umfangreiche Futterimporte ginge es auch. Ernährung und Landwirtschaft sähen dann aber anders aus. Rindfleisch und Käse gäbe es weiterhin, allerdings weniger. Fast ganz vorbei wäre es aber mit der Pouletmast, die fast ausschliesslich auf Proteinfutter basiert.

So in etwa skizziert das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) die Ergebnisse einer Untersuchung von 2022. Zusammen mit der Universität Wageningen in den Niederlanden haben die Forschenden aus dem Fricktal Ernährungsrichtlinien von fünf europäischen Ländern untersucht. Sie rechneten aus, wie sich diese in einer zirkulären Wirtschaft ändern müssten.

Nutztiere in Bulgarien, Malta, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz würden dann vorzugsweise mit lokalen Produkten gefüttert, die Menschen nicht essen können. Zur Verfügung stünden neben Gras von nicht anders nutzbaren Flächen auch preisgünstige Nebenprodukte wie Kleie und Lebensmittelabfälle.

Massgeblich: Produziert die Schweiz genügend Protein?

Die Kernfrage: Wie können diese Länder ohne Kraftfutter aus Soja und Getreide genügend Protein produzieren – ohne dass andere Nährstoffe fehlen?

In der Schweiz sollen Menschen pro Kopf und Tag 83 Gramm Eiweiss (Protein) zu sich nehmen, die Hälfte (42 Gramm) aus tierischen Quellen. Diese Empfehlungen macht die Schweizer Ernährungspyramide, wenn man deren Produkte in landesübliche Ernährung umrechnet. Empfehlungen für andere europäische Länder sind ähnlich. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält 60 Gramm Protein pro Kopf und Tag für ausreichend.

Die nachhaltige, zirkuläre Fütterung könnte in der Schweiz im besten Fall 38,9 Gramm tierisches Protein pro Kopf und Tag sicherstellen, fanden die Forschenden. Das ist der beste Wert unter den fünf verglichenen Ländern. Auf Malta käme die Landwirtschaft ohne Kraftfutter nur auf 16 Gramm pro Kopf und Tag.   

Damit andere Nährstoffe nicht zu kurz kommen, ergibt sich für die Schweiz eine «Zirkulär-Diät», die so aussieht:

Tabelle Zirkulär Diät FiBl
So würden sich die Ernährungsempfehlungen für die Schweiz ändern, wenn Tiere kein Kraftfutter aus Soja und Getreibe mehr bekämen.

Kleinere Defizite an Eisen, Protein und etwas grössere an Omega-3-Fettsäuren müssten dabei kompensiert werden. Tierisches Protein könnte durch pflanzliches ersetzt werden.

Diese Zahlen sehen nach keiner grossen Veränderung im Konsumverhalten aus. Die Landwirtschaft müsste sich fürs zirkuläre Wirtschaften aber drastisch umstellen, sagt Co-Autorin Hannah van Zanten.

Was käme auf eine zirkuläre Landwirtschaft zu?

Wie viel Fleisch und Milch produziert werden könnten, hinge in einer zirkulären Landwirtschaft davon ab, wieviel Gras zur Verfügung steht. Viehbauern müssten sich auf mehr Weidehaltung einstellen und auf Rassen, die Gras und Nebenprodukte besser verwerten als die jetzt üblichen. Tiere würden nicht mehr so schnell wachsen oder es gäbe kleinere und robustere Rassen. Derzeit geht der Trend in die umgekehrte Richtung. Kühe beispielsweise werden immer grösser.

Das Nachhaltigkeits-Leitprinzip, wenig Mineraldünger und Futtermittelimporte zu verwenden, würde zu erheblichen Änderungen im Handel führen. In der Schweiz gäbe es

  • mehr Rinder auf Weideflächen,
  • sehr viel weniger Schweinemast,
  • kaum mehr Pouletmast,
  • neue und andere Nutztierrassen.

Was hiesse die «Zirkulär-Diät» für Konsument:innen?

In allen fünf untersuchten Ländern müsste in einer Nachhaltigkeits-Diät mit zirkulärer Landwirtschaft der Fleischkonsum sinken. Dafür gewännen pflanzliche Proteinquellen an Bedeutung. Eine zirkuläre Ernährung in der Schweiz wäre möglich, ohne die Ernährung völlig umzustellen.

Die Schweizer «Alternativ-Pyramide» sähe vor:

  • insgesamt halb so viel Fleisch und Fisch wie jetzt,
  • davon ein grösserer Anteil Rindfleisch,
  • kaum bis gar kein Poulet und wenig Schweinefleisch, da diese Tiere ohne Proteinfutter nicht in den in der Massentierhaltung üblichen Zahlen zu halten sind,
  • viel weniger Fisch,
  • mehr Milch und Milchprodukte,
  • und mehr Gemüse, Kartoffeln und Getreide.

Klimabelastung würde um zwei Prozent steigen

Moment – weniger, aber immer noch viel Rindfleisch? Und Milch? Wird nicht bei jeder Gelegenheit betont, wie klimaschädlich methanproduzierende Rindviecher sind?

Das stimmt nach wie vor. Der Klimagasausstoss der Lebensmittelproduktion nähme bei zirkulärer Ernährung um satte zwei Prozent zu. Der Landverbrauch würde ebenfalls zunehmen.

Die Schweiz ist das einzige der fünf verglichenen Länder, bei dem die Klimabelastung in Folge der nachhaltigeren Wirtschaft steigen würde. Grund ist der vergleichsweise hohe Anteil an Milch und Milchprodukten im Essen.

Die Studie ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie sich Nachhaltigkeitsziele gegenseitig beeinflussen. Nach den Massstäben der WHO, die von einem niedrigeren Proteinbedarf der Bevölkerung ausgeht, schadet die zirkuläre Wirtschaft dem Klima allerdings weniger als jetzt.

Letztlich ist die Ernährungspyramide auch das, was als ausgewogene Ernährung empfohlen wird, nicht das, was wir tatsächlich essen. Die Studie des FiBL macht keine Aussage zur Selbstversorgung des Landes. Nachhaltiges Tierfutter dürfte bei Bedarf auch importiert werden. Zu tatsächlichen Ernährungsmustern oder zum Preis von Lebensmitteln äussert sie sich ebenfalls nicht.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Meinung zu

  • am 8.09.2023 um 11:50 Uhr
    Permalink

    Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie von Greenpeace aus dem Jahr 2013. GP setzt den Fokus aber auf ökologische Nutztierhaltung. Im Unterschied zur FIBL-Studie resultiert bei der GP-Studie eine tieferer Milchkonsum als heute.
    Wie das umgesetzt oder durchgesetzt werden soll ist eine offene Frage, die Widerstände von Landwirtschaft und Konsumentinnen und Konsumenten werden gross sein, wird doch das Recht auf (grenzenlosen) Fleischkonsum als Menschrecht betrachtet.

    https://www.greenpeace.ch/de/story/12791/greenpeace-studie-wieviel-fleisch-und-milch-ist-umweltvertraeglich/
    Allerdings ist nur noch der Link zur englischen Version aktiv, habe aber die dt. Version noch bei mir.

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