Blutstuten leiden für die Schweinezucht
Es könnten Szenen aus einem Horrorfilm sein: trächtige Pferdestuten werden jede Woche in ein spezielles Gehege gedrängt und so fixiert, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Dann wird dem Tier eine dicke Kanüle in die Halsvene eingeführt, durch die dann bis zu zehn Liter Blut abgezapft werden, und das jede Woche während rund drei Monaten. In den ersten Monaten produziert die Plazenta einer trächtigen Pferdestute nämlich ein spezielles Hormon für das Wachstum und die Entwicklung des Fohlens, das sogenannte «Pregnant Mare Serum Gonadotropin», kurz PMSG, das sich im Pferdeblut befindet.
Das «Wundermittel» PMSG
Tierzüchter haben herausgefunden, dass dieses für das ungeborene Fohlen essenzielle Hormon noch eine weitere Eigenschaft besitzt: Es steigert die Fruchtbarkeit und verhilft bei anderen Nutztieren zu mehr Fleisch, speziell bei Schweinen. Verabreicht man Schweinen PMSG, werden sie schneller und besser planbar trächtig, sie werfen eine grössere Anzahl Ferkel und garantieren einen schnellen Fleischzuwachs.
Mit PMSG können Schweinezüchter dafür sorgen, dass ihre Sauen alle gleichzeitig trächtig werden. Dadurch kann der gesamte Zyklus von der Besamung über die Geburt bis hin zur Schlachtung der Ferkel in einem Schritt zusammengefasst werden. Das spart Zeit, Geld und Aufwand, das Fleisch wird für die Konsumentinnen und Konsumenten günstiger. Zudem gelangen die weiblichen Ferkel dank PMSG früher in die Pubertät und können so früher selber trächtig werden. Die Anzahl der Ferkel, die geboren werden, kann konstant hoch gehalten werden und die Planung der Zucht ist nicht mehr von Zufällen abhängig. PMSG wirkt also wie ein Wundermittel. Es kann auch bei Schafen oder Rindern eingesetzt werden. Bisher kommt es allerdings vor allem in der Schweinezucht zur Anwendung.
Der Handel mit PMSG boomt; man spricht vom «Roten Gold», dem trächtigen Pferdestuten entnommenen Blut, aus dem das Hormon PMSG gewonnen wird. Der Verkaufspreis des Hormons übersteigt den Goldpreis um ein Vielfaches: ein Gramm PMSG kostet rund 11’000 Franken, während ein Gramm des Edelmetalls nur 55 Franken wert ist.
Doppeltes Tierleid
Der gezielte Einsatz von PMSG in der Nutztierhaltung verursacht doppeltes Tierleid. Zum einen werden für die «Produktion» des Hormons unzählige Pferdestuten in dafür speziell eingerichteten «Blutfarmen» zum Teil unter erbärmlichen Bedingungen gehalten, zum anderen führt die Behandlung von Schweinen mit dem Hormon zu einer noch einmal erhöhten Kadenz von Geburt, Fruchtbarkeit, Mast und Fleischgewinnung, wodurch die Tiere zu reinen Produktionsmaschinen verkommen.
Bis 2015 wurde PMSG vor allem von Pferdestuten in Uruguay und Argentinien gewonnen. Verschiedene Tierschutzorganisationen hatten die erbärmlichen Umstände der Stutenhaltung und die Gewinnung des «Roten Goldes» dokumentiert, sodass sich viele Pharmaunternehmen aus dem Geschäft mit den südamerikanischen «Blutfarmen» zurückgezogen haben. Besonders stossend fanden die erwähnten Organisationen, dass viele Pferde während der ersten 100 bis 120 Tage der Trächtigkeit bewusst unterernährt gehalten wurden, weil es sich erwiesen hat, dass eher magere Stuten mehr PMSG produzieren als kräftigere.
Zudem gab es die gängige Praxis, dass viele Fohlen nach dieser ersten Phase der Trächtigkeit abgetrieben wurden, weil es ja nicht um sie, sondern um das Hormon PMSG ging. So konnten die Stuten bald wieder trächtig werden, um das begehrte PMSG zu produzieren. Sollten die Fohlen doch ausgetragen werden, gelangten sie bald nach der Geburt in den Schlachthof.
Bei den mit dem Hormon PMSG behandelten Muttersauen führt die Prozedur ebenfalls zu zusätzlichem Tierleid. Die Tiere durchlaufen die Zeit bis zur Geschlechtsreife viel schneller und werden dann in einem beschleunigten Rhythmus trächtig. Die Anzahl der geborenen Ferkel ist meistens zu gross für die Anzahl der Zitzen der Muttersau, sodass einzelne verhungern oder gleich nach der Geburt getötet und «entsorgt» werden.
Verlagerung nach Island
Der Protest der Tierschutzorganisationen wie zum Beispiel die «Animal Welfare Foundation» führte aber nicht zu einem Ende dieser widerlichen Praxis, sondern zu einer geografischen Verschiebung. Seit zehn Jahren hat sich Island zum Zentrum von «Blutfarmen» und der Gewinnung des Hormons PMSG gemausert.
Die Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg von der Veterinärmedizinischen Universität Wien verurteilt diese Verschiebung einer sehr problematischen Zuchtmethode: «Gerade Island wirbt mit der Faszination, Islandpferden in idyllischer Natur zu begegnen. Was den Tieren auf Blutfarmen an Leid zugefügt wird, ist mit diesem Image jedoch nicht vereinbar.» In Island soll es im Moment 119 Blutfarmen mit über 5300 «Blutstuten» geben; über 5000 Fohlen sind für den Schlachthof bestimmt. Für die PMSG-Produktion soll die Zahl der «Blutstuten» auf über 20’000 erhöht werden – ein Drittel der Pferde, die es auf der Insel gibt.
Zuletzt wurde Island als Teil der europäischen Freihandelszone dazu aufgefordert, die EU-Tierversuchsrichtlinie zu befolgen, da regelmässige Blutentnahmen für die Produktion des PMSG-Hormons in der EU seit 2023 als Tierversuch gelten und einer Projektbewertung bedürfen. Für Benz-Schwarzburg gibt es aktuell keine vertretbare Variante der PMSG-Gewinnung: «Die Praktik der Blutstuten ist in vielerlei Hinsichten ethisch problematisch – vom Hineintreiben der Stuten in die Boxen bis hin zu den Abtreibungen der Fohlen.» Ganz zu schweigen vom zusätzlichen Leid der Schweine, das durch PMSG verursacht wird.
Die Schweiz verzichtet freiwillig auf PMSG für die Schweinemast
Aufgrund der Recherchen von Tierschutzorganisationen und der Aufdeckung der skandalösen Praktiken haben in der Schweiz der Bauernverband (SBV) und der Schweinezüchterverband Suisseporcs 2022 beschlossen, auf PMSG zu verzichten. Allerdings basiert der Verzicht auf freiwilliger Basis; laut SBV kommen etwa 95 Prozent der Betriebe dieser Vorgabe nach.
Tierschutzvereine und einzelne Politikerinnen und Politiker fordern aber ein striktes Verbot. Der Bundesrat hat eine entsprechende Motion von Grünen-Nationalrätin Meret Schneider vorerst zurückgewiesen; die Debatte im Nationalrat dazu steht noch aus. Aber so oder so könnte PMSG auch hierzulande Einzug halten, da es in der EU zugelassen ist und somit als Parmaschinken oder anderem Importfleisch auf unseren Tellern landet.
Der Druck auf Island nimmt zu, und es ist wohl eine Frage der Zeit, bis die «Produktion» von PMSG auf der Insel verboten wird. Dann aber sind wohl die südamerikanischen Länder wieder am Zug, weil dort die Bestimmung lasch und die Lieferketten undurchsichtig sind. Der Horrorfilm, der eben kein Film ist, ist noch lange nicht zu Ende.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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