Kommentar

Die Falle hiess Dokumentarfilm

Daniel Ryser © tagblatt

Daniel Ryser /  SRF wollte einen Film über Patrick Fischer drehen. Dann entschied man sich für etwas Wirkungsvolleres.

Am 29. März 2026 stand Patrick Fischer auf einer Bühne und nahm den Preis als Trainer des Jahres entgegen. Irgendwo in einem SRF-Büro lagen zu diesem Zeitpunkt bereits die Dokumente. Man liess ihn die Auszeichnung entgegennehmen. Dann wartete man.

Die Fakten sind schnell erzählt. Fischer sass vor einem Monat beim Mittagessen mit dem SRF-Journalisten Pascal Schmitz, der ein Porträt über ihn drehen wollte. Er erzählte, ungefragt, von einem gefälschten Covid-Zertifikat. Von der Verurteilung. Von der Busse. Er dachte, die Sache sei so abgeschlossen wie sie es rechtlich war. SRF dachte anders. Man forderte den Strafbefehl an und buchte vier Wochen vor der Heim-WM und Fischers möglichem Karrierehöhepunkt einen Sendeplatz in der «Rundschau».

Was SRF nicht sagt

SRF sagt: Er hat es von sich aus erzählt. Das stimmt. Aber «von sich aus» bedeutet nicht «ohne Kontext». Man traf sich in einem professionellen und vertrauten Rahmen, für ein Projekt, das SRF selbst vorgeschlagen hatte. Ein Porträt über Fischers spirituelle Seiten, seine Rituale, seine unkonventionelle Art. Der Vertrauensrahmen war nicht Fischers Konstruktion. Er war jener von SRF.

SRF-Redaktor Pascal Schmitz erklärt das Dilemma im «10 vor 10» – im eigenen Sender, ohne kritisches Gegenüber – so: «Man muss sich als Journalist fragen: Was macht man jetzt mit dieser Information? Einfach vergessen, oder muss man nicht seiner Aufgabe nachgehen.» Das klingt nach einem klassischen journalistischen Gewissenskonflikt. Aber es ist keiner. Denn Schmitz lässt die dritte Option unerwähnt, die einzige, die dem Vertrauensrahmen entsprochen hätte: Die Information im Film bringen. Mit Fischer. Als Teil einer Geschichte, die einen Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zeigt. Ein Journalist, der ein Porträt dreht und dabei erfährt, dass sein Protagonist mit einem gefälschten Covid-Zertifikat an die Olympischen Spiele gereist war, kann das nicht einfach vergessen, das wäre seine eigene Kapitulation. Aber die Wahl war nicht «vergessen oder sofort raushauen». Die Wahl war: im Film bringen oder jetzt, vier Wochen vor der WM, als Bombe zünden.

SRF entschied sich dafür, den Rahmen, den man selbst gesetzt hatte, als Hebel zu benutzen. Das geplante Porträt wurde zur Falle. Nicht weil man die Geschichte brachte, sondern weil man den Moment wählte, der nicht dem geplanten Film diente, sondern der maximalen Erregung.

Skandal als Methode

Das, was erwartungsgemäss folgte, war öffentliche Erregung, kein öffentliches Interesse. Fischer ist kein Politiker, der in vier Wochen zur Wahl gestanden hätte, was die sofortige Publikation gerechtfertigt hätte. Er ist ein Eishockeytrainer, der wegen Urkundenfälschung verurteilt wurde, nachdem er sich auf Telegram ein gefälschtes Covid-Zertifikat bestellt hatte – und dafür bereits 40’000 Franken Busse bezahlt hat.

Öffentliches Interesse fragt: Muss die Gesellschaft das wissen? Öffentliche Erregung fragt: Wie gross ist der Impact, wenn wir es jetzt bringen? Die Antwort auf die zweite Frage war klar: Nach der WM wäre diese Geschichte, die jetzt so gross gemacht wird, ein interessanter Teil eines Films geworden, aber niemals dieser völlig überdrehte Skandal, für den Watson zwanzig Artikel von sieben Journalisten in zwei Stunden verfassen lässt. Dafür brauchte es den Moment, vier Wochen vor der WM, wo sich in dieser Shitstorm-Gesellschaft die Sau durchs Dorf treiben lässt, man kontaktiert Sponsoren, baut maximalen Druck auf, erzeugt den erwartbar grössten Knall, es geht längst nicht mehr nur um Journalismus. Es geht um die Vernichtung einer Existenz.

Und das hat Konsequenzen, die über Fischer – fristlose Entlassung, Sponsoren weg, Karriereabschluss als Naticoach verbrannt – hinausgehen. Was bedeutet dieses Vorgehen für den Journalismus? Wer sich auf ein Langzeitprojekt einlässt – eine Dokumentation, eine Reportage über Monate – erzählt seinem Gegenüber Dinge, die er in einem kurzen Interview nie sagen würde. Das ist kein Fehler, sondern der Sinn. Nähe erzeugt Offenheit, Offenheit erzeugt Tiefe, Tiefe erzeugt guten Journalismus. Wenn aber jede dieser Offenbarungen jederzeit zur Sofortmeldung werden kann – losgelöst vom Projekt, losgelöst vom Kontext, optimiert auf maximale Wirkung –, dann ist dieser Vertrauensrahmen zerstört. Nicht nur für Fischer. Für jeden, der sich künftig auf ein solches Projekt einlässt. Die Frage, die sich Journalisten stellen müssen: Wollen wir Brandsätze werfen oder Licht machen?

Die Munition

Fischer hätte nach der Heim-WM ohnehin aufgehört. Sein Nachfolger war seit Monaten bestimmt. Nach dem Turnier wären die Proportionen nüchterner gewesen: ein erledigter Strafbefehl, eine bezahlte Geldstrafe, ein abtretender Trainer. Kein Hebel, keine Spirale, kein Knall. Deshalb und nur deshalb musste die Geschichte jetzt kommen.

Und weil die Geschichte jetzt kam, musste sie wachsen. So funktioniert die Spirale: Der erste Artikel zündet, der zweite legt nach, der dritte braucht eine neue Enthüllung. Also wurde nachgelegt: Fischer habe in seiner Stellungnahme gelogen, als er sagte, er habe sich stets ans Recht gehalten, dabei existiere ein Eintrag wegen eines Verkehrsdelikts.

Die Stellungnahme hatte Fischer selbst verfasst. Kein PR-Berater, kein Anwalt. Man kann das Hochmut nennen. Man kann es auch menschlich nennen. Fischer hätte besser das getan, was man tun sollte, wenn man derart unter Druck steht und mit dem Rücken zur Wand, und die Welt ein Geständnis im Stil eines sowjetischen Schauprozesses erwartet: den Mund halten. Ein Verkehrsdelikt. Das ist die Munition, mit der man Menschen heute in unserer hochbeschleunigten Dauererregung erledigt. In ein paar Monaten werden wir uns fragen: Was war das eigentlich?

Die Entlassung durch den Verband ist feige. Und sie ist ein Fehler. Nicht weil Fischer keine Fehler gemacht hätte. Sondern weil wir entschieden haben, dass eine bezahlte Strafe keine bezahlte Strafe ist, solange der Moment der Empörung noch nicht ausgereizt wurde.

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15 Meinungen

  • am 17.04.2026 um 10:42 Uhr
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    Erschreckend war auch zu sehen,wie die alten «Zeugen Coronas» immer noch aus allen Rohren feuern,wenn es gegen sogenannte «Corona Leugner» geht.Die Medien spielten in dieser Zeit eine sehr fragwürdige Rolle,indem sie ohne Skrupel die Bevölkerung radikal in gut und böse teilten,dabei aber Infos zum Virus und zu Nebenwirkungen der Impfung,sehr einseitig veröffentlichten.Der Vertauensbruch des SRFs gegen Fischer ist exemplarisch.Hier sieht man,dass in den Stuben der Redaktionen, keine Aufarbeitung gemacht wurde.Erstaunlicherweise, wenn man die Reaktionen sich anschaut,aber wohl ein Eigengoal geschossen haben.Auf 20Min wurden die Kommentare wieder gelöscht, nachdem hunderte,die nicht in ihrem Sinn war, geschrieben wurden.Auf der Blick Seite konnte man abstimmen und rund 70% fanden,der Verband hat mit der Entlassung Fischers einen Fehler gemacht.So wie die ganze Geschichte künstlich hochgepuscht wurde, beschrieben im Artikel, wird jetzt versucht,das Ganze auf niedriger Stufe zu beenden.

  • am 17.04.2026 um 11:19 Uhr
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    Sehr gut herausgearbeitet, um was es geht. Mich hat an der ganzen Sache immer «etwas» gestört, aber ich konnte es nicht formulieren. Daniel Wyser hat es auf den Punkt gebracht. Danke

  • am 17.04.2026 um 11:42 Uhr
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    Ich teile diese Meinung in grossen Zügen.
    Herr Schmitz hat den Journalisten keinen Gefallen getan. Schade! Ich gehe davon aus, dass sein jugendlicher Uebermut, mangelnde berufliche Erfahrung und Naivität dazu beigetragen haben.
    Er hat dem Land einen Bärendienst erwiesen.

  • am 17.04.2026 um 11:54 Uhr
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    Der Artikel trifft ins Schwarze!
    Ein Verband ohne Format und sogenannt öffentl. Medien (TA u. srf), die gerne mit grosser Kelle anrühren.

  • billo
    am 17.04.2026 um 11:55 Uhr
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    Über Fischers Verhalten kann man guten Willens beide Beurteilungen gutheissen, die Infosperber bisher publiziert hat (Daniel Ryser am 15. und Marco Diener am 16. April). Den schlagzeilengeilen Umgang eines SRF-Journalisten mit einer im vertraulichen Rahmen erzählten vertraulichen Information hingegen kann man nur verurteilen. Seriöser Journalismus würde sich gerade in der seit Jahren dauererregten und dauerüberhitzten (Pseudo-) News-Szene dadurch auszeichnen, dass Inhalte angemessen eingeordnet werden, um dem Missbrauch von Nachrichten als Sensation vorzubeugen. Der fragliche Redaktor und seine Kollegen bei SRF und anderen Medien haben entweder kläglich versagt oder – noch schlimmer – verfügen nicht einmal mehr über einen berufsethischen Kompass.

  • am 17.04.2026 um 12:20 Uhr
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    Wir wissen unterdessen, dass bei Corona bezüglich praktisch allem überzogen wurde. Sicher war es nicht falsch, sich impfen zu lassen (unter der Annahme, das sei eine vergleichbare Impfung). Ich bin vierfach geimpft und erlitt keine Impfschäden.

    Aber wenn man nach Schweden schaut und wie viel besser dort die Pandemie abgewettert wurde, ist man schon dankbar, dass man hier nicht so durchdrehte wie in Deutschland, dem grossen Vorbild unserer Medien.

    Da ich mich impfen lassen wollte, störte mich der argumentatorische Unsinn nicht, dass meine Impfung nicht wirke, wenn meine Umgebung nicht geimpft sei, weshalb alle geimpft sein müssten. So etwas hörte man m.W. noch nie. Aber es ist der Grund für die Impfzertifikate.

    Mir scheint Patrick Fischer ist zu vertrauensselig, nicht nur wegen seinem Vertrauen in Pascal Schmitz, sondern weil er m.E. wahrscheinlich keine Urkundenfälschung beging, sondern eine Fälschung von Ausweisen (Art. 252 StGB) mit viel tieferer Strafe.

  • am 17.04.2026 um 14:27 Uhr
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    Ich für mich kann nur sagen, widerlich und hinterhältig einen Menschen derart zu missbrauchen. Höchste Zeit, dass sich SRF entschuldigt und den fehlbaren Journalisten fristlos entlässt. Dass die Bürger noch gezwungen werden, ein solches Medium zu finanzieren, ist der Gipfel der Verlogenheit.

  • am 17.04.2026 um 14:54 Uhr
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    Was der SRF und sein Redaktor hier aufführen, ist der grössere Skandal als das, was Herr Fischer getan hat. Ich würde Fischer wünschen, dass er mit seinen grossen Fähigkeiten als Coach von einem anderen Land engagiert wird und dann tolle Ergebnisse erreicht.

  • am 17.04.2026 um 15:15 Uhr
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    Gratulation an Daniel Ryser! So nicht an SRF! – Politiker und Firmen, die ohne belastbare Fakten, Gebote und Verbote veranlassen bleiben unbehelligt. Die Schweiz gibt CHF 1 Mia für Corona aus und die möglichen Opfer müssen beweisen, dass sie Opfer dieser Anordnungen wurden. Die Grossen kassieren den Profit und die Kleinen den Schaden.

  • am 17.04.2026 um 15:55 Uhr
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    Passend dazu der Bericht «Wenn das Staatsfernsehen lockt» auf zeitpunkt.ch.
    Warum ist dieses Thema so schwierig für das SRF? Eifersüchtig auf die Menschen die das Zeug hatten sich entgegen zu stellen und die Konsequenzen auf sich nahmen?

  • am 17.04.2026 um 21:07 Uhr
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    Und das alles wegen einem Covid-Zertifikat. Wann hören wir endlich auf, an die Corona-Inszenierung zu glauben?

  • am 18.04.2026 um 07:33 Uhr
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    SRF hat das gemacht was man von im erwartet. Mit Zwangsabgaben politische Ideologien durchboxen. Permanent, immer und bei jeder Möglichkeit. Das wird sich auch nie ändern. Bin deshalb seit 58 TV frei und zufrieden. Würden das alle tun, wäre SRF überflüssig.

  • am 18.04.2026 um 08:00 Uhr
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    Wie ein anderer Kommentarschreiber schon sagte: Fischers einziger Fehler war, einem SRF-Journalisten zu vertrauen… er hätte es besser wissen müssen, spielte SRF doch schon zu Corona-Zeiten eine negative Rolle… der Dok-Film wäre vielleicht auch vor der WM gezeigt worden, aber der Kontext wäre sicher ein anderer gewesen. Im übrigen, wenn Fischers Info off-the-record beim Zmittag war und nicht vor der Kamera, dann muss ein Journalist das durchaus für sich behalten können, zumal es sich um ein juristisch abgeschlossener Fall handelt… So macht sich die Schweiz wieder ihre eigenen Helden kaputt..

  • am 18.04.2026 um 11:46 Uhr
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    Vielen Dank für den Artikel! Die ganze Geschichte zeigt wohl sehr «schön», dass noch sehr wenig aufgearbeitet ist.
    Es gab vor Jahren ein Projekt (ich weiss nicht, ob es noch existiert) wo Juden und Palestinänser ein Zusammenleben probiert haben. Und beide Seiten haben gesagt, es funktioniere nur, wenn zu Beginn beide Seiten ihre Fehler eingestehen. Ich denke, gerade heute könnten wir von dieser Haltung sehr viel profitieren. Und unsere Kinder würden uns wohl dankbar dafür sein.

  • am 18.04.2026 um 14:54 Uhr
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    Mich dünkt’s, es hat parallelen mit «Spiess-Hegglin gegen Hürlimann» – diese «seriösen» Medien haben nichts gelernt, allen voran der Blick.

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