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Dreimal WM-Silber, breite Unterstützung im Team: Patrick Fischer an der Bande in Peking, Februar 2022. © SRF

Strafe als Spektakel

Daniel Ryser /  Patrick Fischer erzählt die Geschichte vom gefälschten Zertifikat einem SRF-Journalisten. Der Sender macht eine Enthüllung daraus.

Der «Tages-Anzeiger» hat am Dienstag einen Kommentar zu Patrick Fischer publiziert, der als Überlegung verkleidet ein Urteil fällt: «Wenn er nach seinen Prinzipien handelt, zieht er die Konsequenzen und tritt vor der WM zurück.» Fischer ist Nationaltrainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft, führte sie dreimal zu WM-Silber und bestellte sich, wie jetzt bekannt wird, im Oktober 2021 auf Telegram ein gefälschtes Covid-Zertifikat, um an den Olympischen Spielen in Peking dabei sein zu können. Dafür wurde er 2023 von der Staatsanwaltschaft Luzern verurteilt und mit knapp 39’000 Franken gebüsst. Fischer kam einer Enthüllungsgeschichte von SRF zuvor, indem er den Fall am Montag selbst öffentlich machte.

Fischers Fall, heisst es im «Tages-Anzeiger», zeige jene «Inkonsequenz», die er selbst so sehr verabscheue. Er habe den Spieler Lian Bichsel aus dem Nationalteam ausgeschlossen, weil dieser «aus fadenscheinigen Gründen absagte», und sich nun selbst nicht an Regeln gehalten. Das klingt nach einem Treffer. Es ist keiner.

Kein Geständnis schuldig

Bichsel ist ein 20-jähriger NHL-Verteidiger der Dallas Stars und wohl das grösste Verteidiger-Talent des Schweizer Eishockeys. Er verweigerte zweimal Aufgebote für die U20-Nationalmannschaft: einmal wollte er auf einen Teil der gemeinsamen Vorbereitung verzichten, einmal sagte er eine U20-WM ab, weil er seinen frischen Wechsel nach Schweden nicht unterbrechen wollte. Fischer sperrte ihn daraufhin bis und mit der Heim-WM 2026, ein Entscheid, den der Mannschaftsrat mittrug. Es waren Absagen eines jungen Profis, der seine Karriereentwicklung priorisierte. Fischer dagegen fälschte im Oktober 2021 ein Dokument, um im Februar 2022 bei seinen Spielern in Peking dabei sein zu können. Das sind keine spiegelbildlichen Fälle. Es ist das genaue Gegenteil.

Dann die Forderung nach öffentlichem Bekenntnis. Fischer, schreiben die beiden Sportjournalisten des «Tages-Anzeigers», hätte sich zu seiner Impfskepsis «öffentlich stellen» sollen, so wie Novak Djokovic es tat. Der Vergleich hinkt auf beiden Beinen. Djokovic verweigerte die Impfung, wurde deswegen aus einem Grand-Slam-Turnier ausgeschlossen und trug diese Konsequenz sichtbar. Das war ein politisches Statement, kein Strafbefehl. Fischer wurde verurteilt, büsste und schwieg danach, wie Verurteilte das in einem Rechtsstaat tun.

Wer die Geschichte erzählt

Und schliesslich: die Frage, warum Fischer überhaupt an die Öffentlichkeit ging. Der «Tages-Anzeiger» schreibt, er habe es erst getan, «nachdem er mit den SRF-Recherchen konfrontiert worden war» – ein Mann in der Enge, der keine Wahl mehr hatte. Doch laut Watson-Kolumnist Klaus Zaugg – einem wandelnden Hockeylexikon – ist die Geschichte eine andere. Fischer soll die Information selbst preisgegeben haben: im Rahmen einer SRF-Dokumentation über seine Person, in der Annahme, die Angelegenheit sei längst erledigt. Nicht ein Investigativteam hat ihn gestellt. Er erzählte einem SRF-Journalisten von der Sache. SRF machte aus der ihr anvertrauten Information eine Enthüllung, ein Umstand, den die Medienstelle gegenüber Infosperber nicht dementiert. Auf die Frage, ob auszuschliessen sei, dass Patrick Fischer die Information selbst einem SRF-Journalisten offengelegt habe, schrieb eine SRF-Sprecherin: «Nein.» Um anzufügen, man nehme grundsätzlich keine Stellung dazu, wie man an Informationen gelange.

Auf dieser Prämisse – Fischer habe erst geredet, als er in der Enge war – baut der «Tages-Anzeiger» seinen Titel: Fischer habe dadurch «seine Glaubwürdigkeit verspielt». Die Prämisse ist zwar offensichtlich falsch. Aber selbst wenn sie stimmte: Es lohnt sich, die Behauptung ernst zu nehmen und zu fragen, was sie eigentlich meint.

Als Trainer hat Patrick Fischer seine Glaubwürdigkeit nicht verspielt: drei WM-Silber, eine Mannschaftskultur, die schweizweit gelobt wird, Spieler, die für ihn eintreten. Als Mensch? Er hat gelogen, wurde dafür verurteilt und bezahlte. Was danach kommt, ist nicht mehr eine Frage der Glaubwürdigkeit, sondern der Verhältnismässigkeit. Denn Glaubwürdigkeit ist kein fester Besitz, den man wie Geld verspielt. Sie ist, was andere einem zuschreiben und was Medien durch Wiederholung formen. Der Straffall ist vier Jahre alt und rechtlich erledigt. Dass er jetzt als Glaubwürdigkeitsproblem erscheint, ist kein Naturgesetz. «Glaubwürdigkeit verspielt» ist kein Befund. Es ist eine Behauptung, die durch mediale Verbreitung zur vermeintlichen Wahrheit wird.

Wir riefen ein Symbol

Wobei – warten Sie. Der Cheftrainer der Schweizer Eishockeymannschaft kauft sich auf Telegram mit Bitcoin ein gefälschtes Covid-Zertifikat, reist damit nach China ein – ausgerechnet nach China, dem Land mit den strengsten Einreisekontrollen der Welt, wo man für so etwas keine Busse bekommt, sondern vermutlich verschwindet, einfach so, auf Jahre, in einer Strafkolonie irgendwo in der Inneren Mongolei – und wird dafür rechtskräftig verurteilt – und das alles wird bekannt vier Wochen vor Beginn der Heim-WM, bei der wir alle hoffen, dass er nach dreimal Silber endlich Gold holt. Das ist nicht nichts. Das ist auch nicht wenig. Das ist, ehrlich gesagt, eine Geschichte, die man sich nicht ausdenken könnte.

In den Kommentarspalten drehen Herr und Frau Schweizer selbstverständlich durch, weil sie es nicht zusammenbringen: «Fischi», wie sie ihn nennen, unser Eishockey-Nationalheiliger, der in jedem zweiten Interview eigentlich ziemlich unverblümt sagte, dass er sich mehr für peruanische schamanistische Heillehren interessiert als für unsere Schulmedizin, ist nicht nur auf dem Papier ein verrückter Eishockeyfreak – er IST ein verrückter Eishockeyfreak. Und genau das ist der Punkt. Ein Mensch, der so tickt, fälscht kein Zertifikat aus Kalkül. Er fälscht es, weil er glaubt, dabei sein zu müssen. Die Leute werfen ihm Charakterlosigkeit vor. Es ist Charakter.

Patrick Fischer ist kein Bundesrat, der Massnahmen durchsetzte, und kein Lobbyist, der an der Politik mitverdiente. Er ist ein Eishockeytrainer, der sich in einer historisch aufgewühlten Zeit eine Dummheit leistete – einer, der die Impfung für falsch hielt, aber trotzdem bei seiner Mannschaft sein wollte, und der diese beiden Dinge auf eine Art und Weise in Einklang brachte, für die er verurteilt wurde. Er bezahlte seine Strafe. Die Justiz, nicht der Sportjournalismus, ist dafür zuständig, diese Rechnung zu begleichen. Sie ist beglichen. Was jetzt noch eingefordert wird, ist Strafe als Spektakel.

Ein Nationaltrainer, so heisst es, stehe für mehr als Taktik und Resultate. Er repräsentiere Werte, sei ein Symbol. Das stimmt. Aber es ist ein Symbol, das wir ihm auferlegt haben, nicht eines, das er gewählt hat. Fischer wurde angestellt, um eine Mannschaft zu führen, und das tut er nachweislich gut (und dank wahnsinnig viel Glück – oder dem Schutz der von ihm verehrten Shipibo-Schamanen –, dass die Chinesen ihn nicht erwischten, denn sonst würden wir jetzt über etwas ganz anderes reden). Den Rest haben wir hinzugedichtet. Wir riefen ein Nationalsymbol und bekamen einen Menschen.


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Keine
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